Die Stunde der Figuren aus der zweiten Reihe

Habt ihr gestern Abend auch das Fußballspiel gesehen? Das Endspiel um den EM-Titel 2016 zwischen Frankreich und Portugal? Wenn ja, dann werdet ihr euch sicherlich, so wie Millionen von Fernsehzuschauern an den Moment erinnern, in dem der ausgemachte Held, die Lichtgestalt des portugiesischen Fußballs, der einzig wahre Ronaldo, mit einer Verletzung vom Platz getragen werden musste.

Ganz ehrlich: Ich bin kein großer Freund von „CR7“, weil mir seine Theatralik manchmal etwas zu weit geht. Aber gestern Abend habe ich glatt Mitgefühl für ihn entwickelt, weil das Leid der Welt in seinen Augen abzulesen war. Das Gefühl, nun nicht mehr am Triumph der portugiesischen Mannschaft mitwirken zu können.

Und da sind wir beim Titel meines heutigen Beitrags angekommen. Während des Turniers sind die Portugiesen von den Medien gerne auf ihren Superstar reduziert worden und auch gestern Abend musste man befürchten, dass der Kommentator gleich eine Kerze aufstellt, um für das Schicksal dieser armen Mannschaft zu bitten, die nun gar keine Chance mehr haben würde, gegen starke Franzosen zu bestehen.

Und am Ende haben sie dann doch bestanden.

In Romanen ist es oft ähnlich und ich hatte letzte Woche schon einmal Aspekte dieses Themas aufgegriffen. Das Spiel gestern hat mir nur einige von ihnen noch einmal auf andere Weise nahe gebracht. Jeder Roman braucht einen Protagonisten. Gut, manchmal gibt es eine ganze Gruppe von Personen, die man dafür halten könnte, doch in den meisten Werken lässt sich vollkommen problemlos der Finger auf einen Charakter legen und sagen: Der da ist es!

Dieser Protagonist, egal ob Männlein, Weiblein oder sonstiges Wesen, ist der Star des Ensembles, mit dem er agiert. Wir Autoren bauen ihn dazu auf und vermitteln das Gefühl, dass ohne ihn die Handlung nicht stattfinden würde, egal, wie viele andere prägnante Figuren ihm zur Seite stehen.

Nehmen wir als ein Beispiel die „Star Wars“-Reihe, weil sie ein solches Ensemble-Stück ist. Die eigentliche Hauptfigur, Luke Skywalker, tritt in manchen Sequenzen zugunsten von Figuren wie Han Solo, Prinzessin Leia oder Lando Calrissian zurück. Mehrfach gerät er im Laufe der Filmtrilogie (heute Episode IV bis VI) in Situationen, in denen er trotz dieses Status ohne die Mithilfe anderer Personen nicht überlebt hätte – sei es nun der Erfrierungstot auf Hoth oder der finale Kampf mit dem Imperator. Dennoch bleibt es die Geschichte seines Erwachsenwerdens und seiner Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte, deren dunkles Geheimnis wohl inzwischen niemandem mehr unbekannt sein dürfte.

Luke Skywalker ist ein Held, der sich selber niemals wirklich in den Mittelpunkt gerückt hat. Das unterscheidet ihn von Menschen wie Cristiano Ronaldo, aber die Botschaft bleibt die selbe: Seht her, auch wenn ich gerade aus dem Spiel genommen wurde, kann ich mich doch darauf verlassen, dass jemand anderes die Kastanien aus dem Feuer holt.

Ein anderes Beispiel: Im „Herr der Ringe“ sollte man glauben, dass der junge Hobbit Frodo Beutlin die Hauptperson ist. Er ist der Träger des einen Rings, der über die Zukunft von Mittelerde entscheiden wird. Er ist derjenige, der die Strapazen auf sich nehmen muss, um ihn zu vernichten. Aber auch er ist nicht alleine: Er hat acht Gefährten, von denen einige sich im Laufe der Handlung als loyaler als andere herausstellen, genauso wie einige von ihnen auf einmal eine Rolle in der Handlung zu spielen haben, die man ihnen ursprünglich nie zugetraut hätte.

Frodo wird, nachdem er Opfer der Spinne Kankra geworden ist, von Orks gefangengenommen und überlebt nur, weil diese sich zuerst uneins über seine Behandlung sind, und weil sein treuer Gefährte Sam ihn trotz größter Angst befreit. Und am Ende ist es wiederum, ganz ähnlich wie bei „Star Wars“ übrigens, eine Figur, von der man es nie erwartet hätte, die im letzten Moment die Dinge zum Guten wendet – während die eigentliche Hauptfigur verwundet und geschwächt dabei steht.

Und nun diese elf Portugiesen, denen niemand zugetraut hätte, ohne ihren Superstar, den großen Protagonisten, auch nur den Hauch einer Chance zu haben. Es war kein gutes Spiel, das die beiden Mannschaften abgeliefert haben und wenn es sich um einen Roman gehandelt hätte, hätte jeder Lektor an vielen Stellen den Rotstift angesetzt.

Aber das Finale der Fußball-EM hat gezeigt, dass auch das Ensemble, dass selbst vermeintliche Nebenfiguren in der Lage sind, über sich hinauszuwachsen und eine Sache zu erringen, die eigentlich nach einem Drittel des Spiels schon verloren zu sein schien.

Am Ende erinnern sich die meisten Menschen an die Luke Skywalkers, an die Frodo Beutlins – und auch von dieser EM wird in den nächsten Tagen immer wieder berichtet werden, dass „CR7“ es trotz seiner Verletzung geschafft hat, Europameister zu werden. Das ist das Schicksal von Ensemblefiguren, von Figuren aus der zweiten Reihe.

Aber wenn es diese Figuren nicht gäbe, würde so mancher vermeintliche Held verdammt dumm aus der Wäsche gucken.

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