Figurenentwicklung: Einen Charakter auf mehrere Stühle setzen

Heute möchte ich euch mal wieder einen kleinen Trick verraten, mit dem es für einen Autor leichter wird, sich in seine Figuren hinein zu versetzen und sie so zu besseren, lebendigeren Charakteren zu formen.

Manchmal ist es für den Autor schwer, mit den ganzen Eigenarten und Eigenwilligkeiten seiner Figuren Schritt zu halten. Man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass das, was er da tut, so eine Art Schizophrenie im geschützten Raum darstellt. Man spaltet sich als Autor in verschiedene Persönlichkeiten ab, die dann voneinander getrennt bleiben müssen, damit sie ihre Identität über den gesamten Roman hinweg behalten. Zumindest ist es für mich so.

Es ist also wichtig für mich, so viel wie möglich über meine Figuren zu wissen. Ich brauche nicht all dieses Wissen wirklich für den Roman, aber es ist hilfreich, wenn man immer ein wenig mehr Hintergrund in petto hat, als die jeweilige Szene gerade benötigt.

Man kann sich diesem Thema auf vielfältige Weise nähern, es gibt zum Beispiel viele Fragebögen, anhand derer man sowohl äußerliche Charakteristika einer Person festlegen kann, aber auch Dinge, die eher im Verborgenen liegen – bis hin zur Lieblingsfarbe oder dem Lieblingsbuch.

Eine andere Methode ist es, sich die jeweilige Figur einfach mal auf einen von mehreren Stühlen setzen zu lassen.

Die Technik der verschiedenen Stühle

Stuhlübungen sind aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen bekannt und werden dort auf vielfältige Weise verwendet. Sie werden von manchen Zahnärzten zur Prävention vor Behandlungsängsten eingesetzt.

Ebenso zur Behandlung von Ängsten oder anderer Beschwerden kennt man Stuhlübungen aus der Psychotherapie, vor allem aus dem Teilbereich der Verhaltenstherapie.

Dabei wird die Person, um die es geht, in unserem Fall also der handelnde Charakter, mit mehreren Stühlen konfrontiert. Eine Standardzahl ist hier die vier, es gibt aber auch noch andere mögliche Anwendungen. Für mein Beispiel wollen wir bei den vier Stühlen bleiben.

Jeder dieser vier Stühle steht nun für einen Teilbereich, unter dem der Betroffene eine sich ergebende Situation erleben oder begreifen kann. Es wird unterschieden in die Gedanken, die Gefühle, das Verhalten und den Körper.

Die Gedanken

Auf diesem Stuhl sitzend soll die Figur sich voll und ganz auf das konzentrieren, was die Situation, der sie sich gegenüber sieht, in ihren Gedanken auslöst. Worüber sie nachdenkt, was sie vielleicht auch für Assoziationen aufstellt. Sie kann die Gedanken nutzen, um Verknüpfungen zu bereits vorher erlebten Situationen zu weben und damit eine dichtere Verzahnung von einzelnen Situationen zu schaffen.

Es geht an dieser Stelle nur darum, in den Kopf der Figur hineinzusehen. Wenn ich weiß, was sich eine Figur denkt, dann kann ich ihre Handlungsweisen (wobei wir hier noch nicht dabei sind, wohlgemerkt) besser erklären und auch für den Leser plausibler machen.

Ziel ist es wohlgemerkt nicht, den Leser jetzt mit einer ganzen Litanei an innerem Monolog zu konfrontieren. Wie schon vorher gesagt, vielleicht findet sich auch so gut wie gar nichts von den hier gemachten Gedanken im Text wieder. Aber wenn man sich noch einmal vor Augen hält, dass es für den Menschen nicht möglich ist, nichts zu denken, wird die Wichtigkeit der Gedanken noch einmal nachvollziehbarer.

Die Gefühle

Gefühle sind etwas, das in vielen Geschichten schwer zu vermitteln ist. Wenn man zu viel von ihnen in eine Handlung legt, dann kann es passieren, dass man wahlweise zu kitschig wird, oder dass man die eigentliche Story lahmlegt. Gefühle sind also auf jeden Fall eher wohldosiert in den Text zu übernehmen.

Und doch wird jede Situation, in die der Autor seine Figur bringt, unweigerlich Gefühle bei ihr auslösen. Das können positive Gefühle ebenso sein wie negative. Vielleicht hat sie Angst im Angesicht eines Feindes, vielleicht fühlt sie sich verzweifelt.

Aber denkt daran: Menschen ist es zu eigen, dass sie oftmals versuchen, ihre Gefühle hinter einer Maske zu verstecken. Romanfiguren sind da nicht anders! Oftmals machen Autoren sich genau das ja auch zunutze, dass sie eine eigentlich ängstliche Figur auf einmal über sich hinauswachsen lassen. Dann ist es für den Autor gut zu wissen, dass diese Angst da ist – und auch, welches stärkere Gefühl (Verantwortung, Sorge, etc.) dazu führt, dass die Angst für diesen Moment überwunden wird.

Es schafft dreidimensionalere Figuren, die nicht auf einmal vollkommen gegen ihre Natur handeln, nur weil es gerade der Handlung dienlich ist.

Das Verhalten

Wie sich eine Figur verhält, ist, sollte man meinen, das einfachste von allen Disziplinen, die ein Autor anzuwenden hat, um seine Leser an die Geschichte zu binden. Die Figur handelt einfach. Ende der Sache.

Nein, so einfach ist es nicht. Denn ebenso, wie es bei den beiden anderen Punkten der Fall war, kann es durchaus sein, dass eine Figur sich ganz anders verhält, als es die Situation eigentlich rechtfertigen würde.

In Thrillern wird gerne mit solchen Elementen gearbeitet. In meinem Roman „Darkride“ beispielsweise schicke ich meinen Polizisten in einen Vergnügungspark und lasse ihn da Achterbahn fahren – obwohl er schon beim Anblick einer Kinderachterbahn Herzrasen bekommt. Das Verhalten, das er an den Tag legt, passt überhaupt nicht zu seiner inneren Einstellung. Zu wissen, woher dieses Verhalten kommt, hat mir geholfen, sowohl seine Angst als auch deren Überwindung im Rahmen der Ermittlungen einigermaßen glaubhaft (so hoffe ich wenigstens) darzustellen.

Wir verhalten uns eben nicht immer so, wie wir uns gerne verhalten würden. Und es ist interessant, viel über diese Diskrepanzen zu wissen und auch, es zu nutzen.

Der Körper

Abschließend noch ein paar Worte zum Körper, beziehungsweise zu den körperlichen Reaktionen. Dies ist nun, endlich, einmal relativ eindeutig. Denn die körperlichen Reaktionen, die wir, ebenso wie die Figuren in Romanen, an den Tag legen, lassen sich meistenteils nur schwer kontrollieren – und nicht für lange.

Hier muss man als Autor allerdings aufpassen, dass man nicht zu sehr in Klischees badet, etwa in den Charakteren, die vor Zorn zittern. Das ist sehr naheliegend, weil wir mit diesen Klischees groß geworden sind.

Aber wie ist es mit einer Figur, die nach außen hin vollkommen ruhig erscheint und sich wahnsinnig anstrengen muss, nicht einfach loszubrüllen – weil das Thema, um das es geht, so hochemotional besetzt ist? Ja, daraus ließe sich doch etwas machen, findet ihr nicht auch?

Mein Fazit

Selbstverständlich sind all diese Punkte, die ich zu den vier Stühlen benannt habe, nur Beispiele. Sogar recht einfache Beispiele. Nicht umsonst müssen sich Ärzte und Therapeuten lange, lange mit diesen Dingen auseinandersetzen. Wenn man das „Spiel“ mit echten Menschen spielt, muss man sich dessen bewusst sein, dass intensive Auseinandersetzung zu intensiven Reaktionen führen kann. Nun, zumindest das muss man bei Romanfiguren nicht befürchten.

Übrigens ist, glaube ich, der Aufwand, den man hierfür betreiben muss, so immens, dass es sowieso nur für wenige ausgesuchte Figuren in Betracht kommt, ihn zu betreiben. Aber auch einen der besagten Fragebögen füllt man nicht für eine Nebenfigur aus, die gerade einmal in zwei Szenen auftaucht.

Die Person, die man auf die Stühle setzt, ist die Hauptperson. Im echten Leben ebenso, wie im Roman.

Probiert es doch mal aus und sagt mir, was ihr davon haltet. Oder habt ihr sogar schon einmal nach dieser Methode gearbeitet? Ich bin gespannt!

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