‚Der Kinobesuch der alten Dame‘ – Mein Beitrag zur 4. Clue Writing Challenge

Auf verwinkelten Wegen wurde ich darauf aufmerksam, dass auf der Seite www.cluewriting.de eine Challenge läuft, bei der es darauf ankommt, passend zu einem Titel eine Geschichte zu schreiben. Diese veröffentlicht man dann auf seinem Blog und teilt sie somit mit den Clue Writern und allen Beteiligten.

Ich habe ewig keine Kurzgeschichte mehr auf dem Blog gehabt. Alleine das wäre also schon ein Grund gewesen, mitzumachen. Aber auch das Format, gezielt auf einen Titel hin zu schreiben, hat mir gefallen. Es erinnerte mich an die Zeit, in der ich beinahe jede Woche eine Schreibaufgabe erfüllt habe, die Hanna Mandrello auf ihrem Blog gestellt hat.

Die Vorgaben besagten, dass neben des Titels mal wieder eine Zielvorgabe einzuhalten war, was die Wortzahl angeht. Maximal 1.700 Wörter durfte die Geschichte haben. Mit viel Kürzungseifer habe ich es geschafft, mich auf 1.699 Wörter zu beschränken. Falls Papyrus richtig gezählt hat. Wovon ich jetzt einfach mal ausgehe.

Ihr sehr also, einiges an Lesestoff. Und mal wieder etwas stilistisch anderes als sonst. Ich wünsche euch nun viel Spaß mit ‚Der Kinobesuch der alten Dame‘!


Es war ein trauriger Tag, der das Ende ›meines‹ Kinos sah, in dem ich so viele Freunde meiner Kindheit getroffen hatte. Das Wetter hatte sich dem Anlass angepasst. Es schüttete und ich sah zu, dass ich mich unter das schützende Vordach rettete.

Die Schließung des Kinos stand unwiderruflich fest. Soweit ich wusste, hatte der Eigentümer des Gebäudes schon einen Nachmieter. Egal, was der daraus machen würde, es wäre nie wieder so wie im ›Roxy‹.

Außer mir stand nur noch eine alte Frau am Kassenhäuschen.

»Es ist eine Schande!« Sie seufzte. »Jedes Mal, wenn so eine Institution schließt, habe ich das Gefühl, meinen eigenen Tod näherkommen zu hören.«

»Dann drehen Sie sich jetzt besser nicht um«, antwortete der Verkäufer.

Natürlich tat sie genau das und musterte mich ungeniert. »Sie sehen nicht wie der Tod aus.«

Ich lächelte. »Das beruhigt mich.«

Sie setzte die Musterung fort. »Arbeiten Sie hier? Ich habe Sie hier noch nie gesehen.«

Der Verkäufer erklärte: »Nee, der ist auch ein Nostalgiker, wie Sie einer sind.«

»Ach, Sie kommen öfter hierher?«

Die alte Frau, oder vielleicht sollte ich sie besser als Dame bezeichnen, hatte etwas an sich, das mir gefiel. Es war diese besondere Art der freundlichen Neugierde, die manchen alten Menschen zu eigen ist und für die man ihnen ganz einfach nicht böse sein kann.
»In letzter Zeit nicht mehr so oft, muss ich gestehen.«

Sie nickte wissend. »In letzter Zeit ist niemand mehr oft hierher gekommen. Alle schauen sich nur noch diese 3D-Filme in Ultra High Density und mit Dolby Digital an.«

Ich war überrascht. Die Jugend geht ja immer davon aus, dass die älteren Generationen in manchen Sachen noch hinter dem Mond leben. Aber die alte Dame kannte sich anscheinend mit modernen Kinos aus.

Der Verkäufer schaute auf seine Uhr. »Habt ihr jetzt vor, an der frischen Luft zu plaudern, oder wollt ihr euch die letzte Vorstellung ansehen?«

»Junger Mann, was glauben Sie, wofür mein Freund und ich hierher gekommen sind? Zwei Karten bitte.«

»Nein, warten Sie«, begann ich. »Ich bezahle meine Karte selbstverständlich selbst.«
»Sie werden mich entweder Ihre Karte zahlen lassen, oder ich werde gleich hier tödlich beleidigt auf dem Bordstein zusammenbrechen.« Sie blinzelte mir verschwörerisch zu. »Wollen Sie am Ende doch mein Tod sein?«

Da stand ich nun, einer von zwei Besuchern. Wir beide schienen dieses Kino geliebt zu haben und waren uns doch niemals hier begegnet. Und nun, da es schloss, trafen wir uns und ich wurde von dieser alten Dame zum Filmgenuss eingeladen.

Den gezeigten Film hatte die Kinoleitung bewusst offen gelassen. Es gab eine Überraschungsvorstellung. Vielleicht hatte man darauf gehofft, damit noch einmal Besucher anlocken zu können.

Der Plan war nicht aufgegangen.

Ich öffnete der alten Dame die Eingangstür ins Foyer und sie schlüpfte vor mir hindurch.
Innen empfing uns der Muff der Jahrzehnte, gepaart mit dem Geruch der letzten paar Süßigkeiten, die es hier noch zu erwerben gab. Die Popcornmaschine etwa hatte man schon abgebaut. Eine Eistruhe gab es auch nicht mehr. Heute würde niemand kommen und wie in meiner Kindheit vor dem Hauptfilm fragen, ob noch jemand ein Eis kaufen wolle.

Ich löste mich aus meinen Erinnerungen und fragte meine Begleiterin: »Darf ich Ihnen etwas zu trinken kaufen?«

»Ein Wasser wäre nett, junger Mann. Aber nicht so einen großen Becher, bitte. Meine Blase, Sie verstehen?«

Bei der Bedienung hinter dem Tresen mit den Snacks orderte ich einen mittleren Becher Wasser und einen großen Becher Cola. Die Frau war sogar noch gleichgültiger, als es der Mann an der Kasse gewesen war.

Konnte das sein, dass den Angestellten der Verlust ihrer Arbeitsplätze völlig egal war? Die kommende Arbeitslosigkeit musste doch irgendeinen Eindruck bei ihnen hinterlassen.
Kopfschüttelnd ging ich zurück zu meiner Begleitung.

»Na, haben Sie sich gut unterhalten?«

»Ich verstehe diese Menschen nicht«, sagte ich. »Das muss doch irgendwas in denen auslösen, dass all das hier morgen nicht mehr da sein wird!«

Sie seufzte wieder und ihr Blick schien einen Punkt irgendwo hinter mir zu fixieren. »So ist es immer, junger Mann. Erst ist etwas wunderschön und man denkt, es wird für immer bei einem sein. Dann gewöhnt man sich daran und irgendwann, ehe man es merkt, wird es selbstverständlich. Und wenn es das erst einmal geworden ist, dann ist es einem schlussendlich auch egal, wenn man es verliert.«

Mir lag schon eine schnelle Antwort auf der Zunge, als ich stutzte. Denn ich merkte, dass das, was die Dame gesagt hatte, sich nicht nur auf dieses Kino anwenden ließ, sondern auf so ziemlich alles passte, was es zu erleben gab.

»Entschuldigen Sie, wenn ich so direkt frage«, begann ich, »aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sie das nicht nur so dahingesagt haben.«

»Sie haben recht.« Die alte Dame grinste verschmitzt und kniff doch tatsächlich ein Auge zu. »Ich entschuldige.«

Sie nahm mich beim Arm und führte mich in einer Verkehrung der Normalität zum Eingang des großen Saals. Als wir den Saal betraten, wurde mir die Trostlosigkeit dieses Abschieds noch einmal so richtig bewusst. Hier hätten einhundert Menschen Platz gefunden. Aber alle Plätze waren leer.

»Wo möchten Sie sitzen?«, fragte ich die alte Dame.

»Nun, junger Mann, für die letzte Reihe ist unser Altersunterschied wohl ein wenig zu groß.« Sie lachte kurz auf. »Ich habe es immer bevorzugt, mittig im Saal zu sitzen.«

Ich führte sie also an die gewünschte Stelle und wir ließen uns in die Sessel sinken.
Ich ließ ein letztes Mal meinen Blick schweifen. Sah ein letztes Mal bewusst die renovierungsbedürftige Tapete an den Seitenwänden. Ein letztes Mal den ein wenig speckigen Teppich. Atmete einmal tief ein und aus, wobei ich glaubte, den Geruch der Jahrzehnte in mich aufzunehmen.

»Wollen wir wetten, was für ein Film gezeigt wird? Das heißt, falls Sie mit Ihrer Inventur fertig sind.«

»Gerne«, antwortete ich. »Sie dürfen anfangen.«

»Nein, junger Mann, ich bestehe darauf, dass Sie den ersten Tipp abgeben.«

Innerlich zuckte ich die Achseln. Dann begann ich, nachzudenken. Welcher Film konnte wohl geeignet sein, eine Ära zu beschließen? Eine Ära, die anscheinend außer der alten Dame und mir niemand als eine solche wahrzunehmen in der Lage war?

»Vielleicht ›Honig im Kopf‹«, spekulierte ich. »Kennen Sie bestimmt, das ist der Film mit dem Hallervorden, und …«

»Kenne ich. Es gehört zum guten Ton in meinem Alter, den gesehen zu haben.« Sie lachte kurz. »Leider liegen Sie vollkommen falsch.«

»Ach?«

»Ja. Es gibt nur einen Film, der dafür geeignet ist, ein Kino wie das ›Roxy‹ in den Ruhestand zu schicken.«

»Sie machen mich neugierig.«

»Ich bin bereit, die Rente des kommenden Monats darauf zu setzen, dass wir gleich ›Wenn die Gondeln Trauer tragen‹ sehen werden.«

»Einen Horrorfilm?«

»Der Film ist nur vordergründig ein Horrorfilm«, erklärte sie mir. »Hintergründig geht es um das Sehen als solches, um das visuelle Erleben. Der Film balanciert an der Schnittkante zwischen Autorenfilm und Mainstream.«

Da waren wieder diese Fachausdrücke und Worte, die ich von einer Frau dieses Alters nicht erwartet hätte. Ich räusperte mich und wagte endlich zu fragen: »Entschuldigung, aber kann es sein, dass Sie selbst einmal in einem Kino gearbeitet haben?«

»Viele Jahre lang«, sagte sie, bedächtig nickend.

Die Art, wie sie davon sprach, machte deutlich, dass die alte Dame immer noch jene Art von Schmerz spürte, der den Angestellten dieses Kinos vollständig fehlte.

»Sie werden das Kino nicht kennen«, sagte sie schließlich. »Es ist das am Hinterausgang des Hauptbahnhofs.«

Ich legte die Stirn in Falten. Seit wann war denn am Hinterausgang des Hauptbahnhofs ein Kino? Sie musste sich irren. Wahrscheinlich hatte sie nicht mitbekommen, dass ihr ehemaliger Arbeitsplatz irgendwann in den letzten Jahren geschlossen worden war.

»Ich kenne dort kein Kino«, sagte ich vorsichtig. »Bis wann haben Sie denn dort gearbeitet?«

»Wir zeigten ›Wenn die Gondeln Trauer tragen‹ als das Kino umgewidmet wurde. Das war 1985 und danach habe ich noch fast acht Jahre dort gearbeitet. Ich war Mädchen für alles, habe genauso an der Kasse gesessen, wie den Saal geputzt.«

»Bei Ihnen klingt es so, als würde es das Kino noch geben.«

»Stimmt, es gibt dieses Kino auch noch. Umgewidmet eben.«

Ich zermarterte mir das Hirn, ging in Gedanken die Straßen auf und ab. Und dann blieb ich gedanklich an einem schmuddeligen Eckhaus hängen.

»Da gibt es doch nur dieses …«

»Pornokino!«, versetzte die alte Dame mit hartem Zungenschlag und ohne mit der Wimper zu zucken. »Sprechen Sie das Wort ruhig aus.«

»Und dort haben Sie …«

»Dort habe ich gearbeitet, seit es noch das Bahnhofskino war. Sie kennen Bahnhofskinos, junger Mann?«

Ich nickte. »Ja, die kenne ich.«

»Auch so eine Art Programmkino und ebenso aus der Zeit gefallen, wie es dieses Kino auch ist, in dem wir nun sitzen und ein wenig miteinander fachsimpeln.«

Ich konnte und wollte mir die nette Frau nicht vorstellen, wie sie in einem Pornokino den Saal reinigte.

»Schauen Sie nicht so schockiert, mein Guter! Auch diese Sorte Kino hat ihre Berechtigung.«

»In der heutigen Zeit …«

»Sie würden sich wundern!«

Jetzt schaute ich nicht nur schockiert, jetzt fühlte ich mich auch so. »Ja, gehen Sie denn etwa immer noch dorthin?«

Die alte Dame zwinkerte mir verschwörerisch zu. Und während ich noch versuchte, herauszufinden, ob sie mir einen Bären aufbinden wollte, wurde das Licht im Saal dunkel und der Film begann.

›Wenn die Gondeln Trauer tragen‹ – natürlich.

Irgendwann mitten im Film stand die alte Dame auf und raunte mir zu, dass sie das Wasser vielleicht doch zu schnell getrunken habe. Ich wartete vergeblich auf ihre Rückkehr.

Schließlich, noch vor dem Abspann, verließ auch ich das Kino, um nachzusehen, ob ihr vielleicht etwas passiert war. Als sie auf mein Rufen nicht antwortete, schickte ich die immer noch teilnahmslose Verkäuferin nachschauen. Aber die alte Dame war nicht auf der Toilette.

Wie mir der Kartenverkäufer später erzählte, hatte die alte Dame das Kino ohne mich verlassen. Und erst da wurde mir bewusst, dass weder ich mich ihr, noch sie sich mir vorgestellt hatte.

Die alte Dame sah ich nie wieder. Vielleicht, wenn ich in die Nähe des Kinos am Hintereingang des Hauptbahnhofs gegangen wäre …

Seitdem war ich nicht mehr oft im Kino. Ich kann mit diesen Multiplexen nicht viel anfangen. Aber noch heute halte ich Ausschau nach ihr. Nach der alten Dame, die so viel über das Kino wusste. Das Kino, das sie zeit ihres Lebens geliebt haben musste.

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6 Gedanken zu “‚Der Kinobesuch der alten Dame‘ – Mein Beitrag zur 4. Clue Writing Challenge

    • Ist es nicht schön, wenn die Erwartungen, die man hat, von lieben Menschen erfüllt werden ;-).

      Innere Kritiker muss man hin und wieder kräftig in den Ar… treten, dann geben sie für eine gewisse Zeit auch Ruhe.

      Gefällt 1 Person

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