Wann ist der richtige Moment für ein Lektorat?

So, lange genug habe ich mich davor gedrückt, habe immer wieder andere Artikel vorgezogen und so getan, als könne ich das Thema damit aus der Welt schaffen. Aber wie ihr dem Sonntagsreport vom 24.07.16 entnehmen konntet, bin ich inzwischen konkret an der Planung, Realisation und Umsetzung eines Lektorats dran. Und damit ist es ein Thema, das auch für den Blog auf die Agenda gehört.

»Was ist denn eigentlich ein Lektor?«

Ich glaube zwar, dass ich diese Frage schon das eine oder andere Mal auf meinem Blog behandelt und beantwortet habe, aber ich kann ja nicht davon ausgehen, dass jeder jeden Beitrag gelesen hat. Und um ehrlich zu sein, ich verliere bei über 430 Artikeln auch langsam den Überblick.

Einen Lektor kann man sich, vereinfacht ausgedrückt, wie einen Textdoktor vorstellen. Er kümmert sich um das, was der Autor ihm bringt und versucht, es aus seiner Expertise heraus besser zu machen. Im Fall von Romanen heißt das oftmals, dass grobe strukturelle Probleme angesprochen werden, ebenso wie stilistische und inhaltliche Probleme.

Die Grenzen zu einem Korrektorat, das im Wesentlichen die klassische Prüfung auf Rechtschreibung und Grammatik darstellt, ist bei einigen Lektoraten fließend. Teils werden sie als sich ergänzende Bausteine angeboten, teils erhält man auch beides zusammen.

Der Lektor ist auf jeden Fall immer ein Profi, der mit einem professionellen Blick an den Text geht. Eventuelle Skrupel, den Autor auf Dinge, die den Text schlechter machen, als er sein müsste, hinzuweisen, kennt ein Lektor nicht. Daher ist es sowohl für den Profi als auch für seinen Auftraggeber wichtig, dass das Verhältnis untereinander offen und produktiv ist. Ein Lektor kann immer nur so gut für einen Text sein, wie es der Autor für die Anmerkungen des Lektors ist. Dennoch bleibt ein Lektor ein Dienstleister.

»Kümmert sich um so ein Lektorat nicht der Verlag?«

Jaha, das tut er – eigentlich. Aber wir haben in der heutigen Zeit zunehmend die Situation, dass viele Romane gar nicht mehr durch einen Verlag veröffentlicht werden, sondern dass dies in Eigenregie geschieht. Spätestens durch die Revolution des E-Books ist eine lebendige Szene aus Selfpublishern entstanden, die nie, oder wenigstens nicht immer, mit einem Verlag zusammenarbeiten.

Aber selbst die Zusammenarbeit mit einem Verlag garantiert heute, leider, kein sauber lektoriertes Buch mehr. Das hat etwas damit zu tun, dass die Verlagslektoren heute mehr und mehr in die Rolle eines Marketingbeauftragten gedrängt werden. Es geht, noch stärker als früher, um die Frage, ob und wie sich ein Text verkaufen lässt. Sicher, es war immer schon Aufgabe des Lektorats, einen Titel im Verlag schmackhaft zu machen, mit ihm hausieren zu gehen. Aber die Verteilung der zeitlichen Anteile ist mehr und mehr dabei, sich zu verschieben.

Heute hört man von vielen Autoren, dass das vermeintliche Lektorat sich am Ende als Korrektorat herausgestellt hat, was man manchen Romanen auch anmerkt. Leider.

»Okay, man sucht sich also einen Lektor. Sofort, nachdem man mit dem Schreiben fertig ist?«

Um Himmels Willen, nein! Oh ja, ich kenne den Impuls: Man hat das Wort „Ende“ unter einen Text geschrieben (bzw. so wie ich die Wortzahl) und fühlt sich, als müsse man diesen Roman, in den man Wochen und Monate an Arbeit gesteckt hat, sofort an den Leser bringen.

Früher wären die meisten Autoren hingegangen und hätten sofort E-Mails in die Welt geschickt, an alle die sie kennen und an alle Verlage sowieso. Inzwischen hat sich aber weitgehend herumgesprochen, dass die eigentliche Arbeit erst jetzt beginnt – nämlich mit der Überarbeitung. Und diese Überarbeitung, die sollte man selbst durchführen.

Denn natürlich könnte man sich jetzt einen Lektor suchen und mit ihm einen Vertrag aushandeln. Je nachdem wäre das eine helle Freude – für den Lektor, denn dieser Vertrag dürfte ihm einen saftigen Profit einbringen.

Die erste Fassung von allem ist immer Mist, so lautet ein geflügeltes Wort. Und auch wenn nicht alles Mist ist, so hat jeder unserer Texte seine kleinen schmutzigen Ecken. Und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dann wissen wir das auch. Wir stehen jetzt vor der Entscheidung, noch eben schnell hinter uns selbst her zu putzen, oder gleich jemanden kommen zu lassen, der das auch tut, sich aber pro Quadratmeter bezahlen lässt.

Ich empfehle, selbst zu überarbeiten. Und das am besten nicht nur einmal, sondern mindestens zweimal. So lange, bis man das Gefühl hat, betriebsblind zu werden, also die Schmutzhaufen nicht mehr sehen zu können, selbst wenn sie direkt vor einem liegen.

»Aber dann! Dann hole ich mir einen Lektor ins Boot!«

Kann man so machen, ja. Es ist die Frage, ob man nicht lieber seine Ungeduld zügelt und sich noch ein paar andere Meinungen einholt.

»Andere Meinungen? Wie soll das gehen?«

Ganz einfach: Ich spreche von Testlesern! Wenn man einigermaßen im Internet präsent ist, kommt man mit ein wenig Freundlichkeit durchaus an Menschen, die bereit sind, das, was man geschrieben hat, im „Betastadium“ zu lesen und eine ehrliche Meinung dazu abzugeben. Hey, ich habe das geschafft, also schafft ihr das auch!

Der Vorteil von Testlesern ist, dass sie, im Gegensatz zum Lektor, in den meisten Fällen „nur“ auf die Handlung schauen dürften. Jedenfalls, solange der Text keine einzelne Stilblüte, sondern ein ganzes Stilblütenbeet darstellt. Und wenn man ganz viel Glück mit seinen Testlesern hat, dann liefern sie ein Feedback, das dazu führt, dass man Schwächen in seinem Roman erkennt und beheben kann. Meistens auch noch vollkommen kostenlos.

Nehmen wir einmal an, ihr habt eine wunderbare Nebenhandlung in eurem Krimi geschrieben, in der die Mutter des Täters die Bekanntschaft der Mutter des Opfers im gemeinsamen Altenheim macht. Eine nette Geschichte, findet ihr nicht auch? Ja, aber nicht, wenn ihr eigentlich einen temporeichen Psychothriller schreiben wolltet, der dem Leser von der ersten bis zur letzten Seite den Atem raubt. Da ist es nicht sonderlich passend, zwischendurch immer wieder auf das Nachmittagsbingo umzuschalten.

Wenn ihr diese Handlung aus dem Roman streicht (oder für spätere Romane wegsichert), dann fallen vielleicht fünfzig Seiten fort. Und das sind fünfzig Seiten weniger, die der Lektor bearbeiten und die ihr entsprechend bezahlen müsst. Eigentlich also eine ganz einfache Rechnung, findet ihr nicht auch?

»Gut. Überarbeitung, Testleser, Kürzungen … darf ich jetzt endlich einen Lektor ansprechen?«

Das darfst du schon die ganze Zeit, ich kann dir ja nur schreiben, wie ich es mache und wieso es sich bei mir so lange hingezogen hat, bis ich mich dermaßen ernsthaft mit dem Thema Lektorat befasst habe, dass ich angefangen habe, mir Kostenvoranschläge einzuholen.

Außerdem musste ich mich ja erst noch entscheiden, ob ich jetzt zuerst ein Probelektorat, ein Textgutachten, oder sofort ein Volllektorat suche.

»…«

Ja, ist ja gut, ich verstehe schon. Ich komme auch langsam zum Schluss. Versprochen.

Viele Lektorate bieten für wenige bis gar keine Kosten an, erst einmal ein paar Seiten des Romans zur Probe zu lektorieren. Ziel dessen ist es nicht nur, sich gegenseitig und die Arbeitsweise des anderen kennenzulernen, sondern auch, den Aufwand abschätzen zu können, der auf den Lektor und damit auf den eigenen Geldbeutel zukommt. Klar im Vordergrund steht aber wirklich der Aspekt, herauszufinden, ob man miteinander harmoniert.

Denn man muss sich im Klaren darüber sein, dass ein ehrlicher Lektor, eine ehrliche Lektorin, einem Dinge um die Ohren hauen wird, die man nicht gerne hören mag. Sicher, meist werden sie ein wenig abgemildert in ihrer Heftigkeit, wie bereits beschrieben, aber wenn es knallhart sein muss, dann ist es manchmal auch knallhart. Einer der von mir in Augenschein genommenen Lektoren sagt bereits auf seiner Homepage, dass er gewisse Projekte rundheraus ablehnt, weil er weiß, dass sich die Autoren damit ins Unglück stürzen würden. Und wer hört so etwas schon gerne, der gerade mit großem Aufwand die eigene Familienchronik bis zurück ins 18. Jahrhundert geschrieben hat!?

Hier sind wir eigentlich schon fast im Bereich dessen, was an anderer Stelle als sogenanntes Textgutachten gehandelt wird. Dabei kann es darum gehen, zunächst auf Grundlage eines Exposés oder einer Handlungsbeschreibung die zentralen Versatzstücke eines Textes herauszuarbeiten – und vielleicht schon zu retten, was gerettet werden kann, bevor der Autor sich viel Arbeit mit Textteilen gemacht hat, die er danach sowieso wieder entfernen muss.

Ein Textgutachter macht mit euch so etwas ähnliches wie eine Analyse des Stoffes, mal mehr, mal weniger auch an den Gepflogenheiten des Marktes ausgerichtet. Es werden Dinge wie der Spannungsbogen analysiert, wie die Originalität und dergleichen. Eine Probe des eigenen Textes ist dabei nicht obligatorisch, macht es aber natürlich einfacher für den Profi, zu erkennen, inwieweit ihr als Autor in der Lage seid, das, was ihr euch da ausgedacht habt, auch wirklich zu schreiben. Einen Pitch für einen Roman wie „Krieg und Frieden“ zu schreiben ist die eine Sache – den Roman dann auch wirklich durchzuziehen eine ganz andere.

Wenn ihr aber irgendwann dann endlich, wirklich endlich!, am Ende seid mit allen Vorbereitungen, mit allen Testlesungen, mit allen eventuellen Testlektoraten, dann schlägt die große Stunde: Ihr solltet euch für einen Lektor entscheiden, mit dem ihr euch eine Zusammenarbeit vorstellen könnt, die nicht nur fruchtbar für den Text ist, sondern auch euren Geldbeutel nicht zu sehr strapaziert.

»Geldbeutel? Ja, wie teuer ist das denn?«

Mit welchen Kosten man rechnen kann? Das ist, natürlich, immer so eine Sache. Ich werde hier keine Kostenvoranschläge posten, die mir genannt worden sind. Das hielte ich für sehr unseriös. Wenn ihr ein wenig auf den Seiten von Lektoraten herumsurft, dann werdet ihr feststellen, dass die Preise sehr schwanken. Auch die Art der Abrechnung unterscheidet sich – mal wird in Stunden gerechnet, mal in Seiten. Mal wird der Aufwand mit einberechnet, mal das Korrektorat.

Tatsache ist, dass man, je nachdem, ganz schön viel Geld für ein Lektorat ausgeben kann. Aber die Investition lohnt sich, denke ich, in jedem Fall!

»Und wo lässt du lektorieren? Kannst du eine Empfehlung geben?«

Ich habe in der Tat bereits ein Lektorat ins Auge gefasst. Allerdings ist da noch nichts spruchreif, sprich: Wir haben noch keinen Vertrag miteinander geschlossen. So lange werde ich da an dieser Stelle auch noch nichts zu sagen. Und danach auch erst, wenn ich das Okay bekomme, hier über die Zusammenarbeit zu schreiben. Ihr versteht sicherlich, dass da die Persönlichkeitsrechte deutlich vor der Lust am Bloggen gehen.

Selbstverständlich ist für mich aber, die dann – hoffentlich – gute Zusammenarbeit auch hinterher dort lobend zu erwähnen, wo es sich gehört: Im fertigen Roman!

Ich würde euch an dieser Stelle also auf jeden Fall die Empfehlung geben, euch selbst ein wenig umzutun. Es hängt stark vom persönlichen Gefühl ab. Genau wie eine Partnerwahl. Denn nichts anderes ist ein guter Lektor: Ein Partner auf Zeit, der für euch und euer Werk seine Profession, sein Wissen und sein Know-how einsetzt.

»Wann, also, ist denn jetzt der richtige Moment für ein Lektorat?«

Das, mein lieber Freund, kann ich nicht ultimativ für dich entscheiden. Ich hoffe, ich habe dir ein paar Hinweise geben und du hast etwas aus meinen Überlegungen und Gedanken für dich mitnehmen können.

Letztendlich kann ich nicht mehr tun als zu sagen, wie es sich für mich verhält:

Für mich ist genau jetzt der richtige Moment für ein Lektorat gekommen!

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