Meldung und Meinung: Türkische Autorin festgenommen

Lasst mich diesen Beitrag damit beginnen, dass ich einmal kräftig durchschnaufe. Seit Wochen beschäftigt mich der Umgang der türkischen Regierung mit den Folgen des mißglückten Militärputsches gegen Präsident Erdogan. Und seit Wochen gehe ich damit schwanger, ob ich zu diesem Thema etwas schreiben soll, oder ob ich es lieber bleiben lasse. Es ist ein unbequemes Thema, eines, mit dem man sich schnell in die Nesseln setzen kann.

Vor allem ist es auch eines, das mit vielen „Aber“ verknüpft ist. Dies im Sinne von „Ich mag die Türkei, aber …“ oder „Ich verurteile Putschversuche generell, aber …„. Das dumme an derlei Sätzen ist, dass viele Menschen genau beim „Aber“ mit dem Lesen aufhören und auf der Basis dieses Teilsatzes ein Urteil über den Autor fällen, das sich nur schwer, wenn überhaupt, korrigieren lässt.

Deswegen habe ich bis jetzt zum Putschversuch und den daraus resultierenden Maßnahmen geschwiegen. Nach der Meldung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass die türkische Autorin Asli Erdogan festgenommen worden ist, möchte ich mein Schweigen hiermit brechen.

Zunächst einmal sei der zweite Aber-Satz von gerade aufgegriffen. Ich verurteile Putschversuche generell, aber ich bin nicht der Auffassung, dass sie alle Maßnahmen rechtfertigen, die von Regierungen daraufhin ergriffen werden. Dies ist bei Ländern, in denen gefühlt alle drei Jahre ein Putsch stattfindet nicht anders, als es in einem uns viel näher liegenden Land ist. Noch dazu bei einem Land, mit dem alleine schon durch die hohe Zahl türkischer Staatsbürger oder türkischstämmiger Deutscher eine hohe Bindung besteht.

Ich habe also volles Verständnis dafür, dass sich im direkten zeitlichen Umfeld des Putschversuches spontane Demonstrationen gebildet haben. Gerade auch hier in Duisburg, wo wir einen hohen Anteil an türkischen Mitbürgern haben, war das mehr als verständlich. Und auch wenn ich persönlich nicht gerade ein Freund der Politik bin, die Herr Erdogan macht, stand ich in den Stunden des Putsches doch an der Seite derer, die hofften, dass dieser niedergeschlagen werden kann.

Das böse Erwachen kam erst mit einiger Verspätung und es nützt nichts, das Argument zu bringen, dass im Erfolgsfall die Putschisten es nicht anders gemacht hätten. Ich spreche von dem Umstand, dass der Putsch anscheinend als Aufhänger benutzt wird, um eine Art politisches und gesellschaftliches Großreinemachen vorzunehmen.

Der von mir verlinkte Artikel geht auf die Autorin Erdogan (ich nehme an, weder verwandt, noch verschwägert) ein, die sich in der Vergangenheit als Kritikerin der Erdogan-Regierung hervorgetan hat und deswegen auch schon einmal verhaftet – sowie nach eigenen Angaben gefoltert – wurde. Viel ist über die genaueren Umstände der Verhaftung bis jetzt offenkundig noch nicht bekannt, nur die Tatsache, dass eine Zeitschrift, für die Frau Erdogan schrieb, ebenfalls geschlossen und offensichtlich verboten wurde,

Das bringt mich zu einem anderen Punkt, der mir schon seit längerem die Fingerspitzen kribbeln lässt. Das Online-Magazin Krautreporter.de veröffentlicht eine fortlaufend aktualisierte Liste, in welcher die „Säuberungsmaßnahmen“ nach dem Putschversuch dokumentiert werden.

Diese Liste enthält einige sehr interessante Positionen, die ich nun mit dem heutigen Stand (18.08.2016) einfach einmal zitieren möchte:

  • Entlassene Lehrer: 21.029
  • 16 Fernsehsender geschlossen
  • 23 Radiostationen geschlossen
  • 45 Zeitungen geschlossen
  • 29 Verlage bzw. Vertriebsunternehmen geschlossen
  • Suspendierte Mitarbeiter des Türkischen Fernseh- und Radioverbandes: 300
  • festgenommene Journalisten: 89
  • Mitarbeiter des Öffentlichen Rundfunks TRT: 42
  • festgenommene Leute, die sich in sozialen Medien „kriminell“ verhalten: 7

Das sind jetzt nur Beispiele, welche ungefähr dem Kultursektor zuzuordnen sind. Alleine auf politischer Ebene geht der Kahlschlag quer durch alle Ministerien und Verbände. Kein Bereich wird ausgespart.

Und jetzt komme ich ins Nachdenken. Als der Putsch passierte, wurde der Welt mitgeteilt, dass ein „kleiner Teil der Armee, der schnell überwältigt werden konnte“ sich gegen die gewählte Regierung gewandt habe.

Muss ich das so verstehen, dass alle diese 21.209 entlassenen Lehrer Anhänger der Putschisten waren? Haben wirklich 16 Fernsehsender den Putsch so wohlwollend begleitet, dass ihre Schließung gerechtfertigt scheint? Warum hat man 89 Journalisten festgenommen. Haben sie vielleicht falsche Dinge geschrieben?

Wie gesagt, ich bin nicht naiv und mir sicher, dass die Putschisten sicherlich auch in den Bereichen aufgeräumt hätten, die hier genannt sind. Aber sie hätten damit nur das getan, was man im Allgemeinen von Putschisten, den „Bösen“, sowieso erwartet.

Dass aber die gewählte Regierung, die siegreich aus den zum Glück nur kurzen Kämpfen hervorgegangen ist, diesen Rumdumschlag wagt, das wirft ein Bild auf die Türkei, das natürlich wieder Wasser auf die Mühle all derer ist, die es schon immer gewusst haben wollen, dass man „denen“ sowieso nicht trauen könne und dass die Lage nicht besser geworden ist, seit man sich wegen der Flüchtlingskrise mit Ankara verständigen muss.

Es folgt wieder einer dieser Aber-Sätze: Ich mag die Türkei als Land und ich singe nicht im Chor derer, die Erdogan loswerden wollen. Aber ich finde es einer Demokratie unwürdig, in diesem großen Stil, Krautreporter.de kommt auf insgesamt 95.546 betroffene Menschen, scheinbar wahllos Entlassungen, Suspendierungen und schlimmstenfalls Verhaftungen vorzunehmen.

Die Verhaftung von Asli Erdogan mag in diesem Gesamtzusammenhang nur ein ganz kleiner Tropfen sein. Aber ich muss gestehen, dass sie heute der Tropfen war, der mein ganz persönliches Faß zum Überlaufen gebracht hat.

Ich hoffe, dass die türkische Regierung sich bald besinnt und wieder zum richtigen Außenmaß zurückfindet. Der Putschversuch war schlimm, aber was jetzt passiert, ist für viele Menschen auch nicht besser.

Advertisements

3 Gedanken zu “Meldung und Meinung: Türkische Autorin festgenommen

  1. Lieber Michael,

    Vielen Dank für deine kritisch dargelegte Meinung. Ich bin leider nicht so gut darin, meine politischen Gedanken zu Wort zu bringen, aber auch für mich ist es erschreckend, was für „Vergeltungsschläge“ Erdogan ausübt, obwohl er der legitimierte ist und ein Land repräsentiert. Ich fände so ein Vorgehen als Repräsentant für mich sehr beschämend.

    Liebe Grüße,
    Kiira

    Gefällt 1 Person

    • Ja, als beschämend kann man es durchaus auch bezeichnen, liebe Kiira. Und ich finde, dass es bei einigen Themen, auch wenn sie einen politischen Hintergrund haben, gar nicht verkehrt ist, auch die emotionale Seite zu Wort kommen ztu lassen!

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s