Fakt und Fiktion (15) Der Sturz

Disclaimer: Unter dem Label ‘Fakt und Fiktion’ veröffentliche ich kleine Episoden aus meinem Leben (Fakten), die in eine etwas ausgeschmückte (Fiktion) Form gepresst sind. Der Kern der Geschichten ist allerdings ein wahrer!


Irgendjemand hätte mich warnen sollen. Davon bin ich inzwischen überzeugt. Ob es einer der Kursleiter hätte tun sollen oder doch – das glaube ich eher – ich selbst, das spielt im Nachhinein betrachtet keine Rolle mehr. Die Sache ist passiert, ich bin noch bei Gesundheit und außer einem leichten Sachschaden sind auch keine Auswirkungen entstanden. Okay, ein wenig angeknackster Stolz, aber das gehört dazu.

Und trotzdem: Als die Kursleiter fragten, wer es sich schon zutraut, den runden Kilometer zwischen dem Schulhof, auf dem wir geübt hatten, und dem Treffpunkt auf dem Rad zurückzulegen, da hätte ich vielleicht besser geschwiegen. Es wäre keine Schande gewesen, andere „Schüler“ sind auch gelaufen.

Ich aber sagte: »Ich probiere es, absteigen kann ich ja immer noch.«

Bin ich dann ja auch – wenn auch nicht so, wie ich es mir gedacht hatte.

Vor meinem geistigen Auge kann ich mich selber sehen, wie ich am Straßenrand stehe, den Hintern auf ein eigentlich für mich ein wenig zu niedrig eingestelltes Fahrrad gebettet. Die Lenkerstange und die Sattelstange sind nicht lang genug, meint der Kursleiter. Und dass ich mich schon mal darauf einstellen kann, dass ein Fahrrad, mit dem ich gut zurecht komme, einen Preis kosten wird, mit dem ich erst einmal zurecht kommen muss.

Fahrrad – wieso eigentlich ein Fahrrad? Und das jetzt, mit 41 Jahren? Weil ich es als Kind nie gelernt habe, wie man mit so einem Ding fährt. Damals hieß es seitens diverser Quacksalber Ärzte, dass Asthmatiker nicht radfahren sollten. Danke nochmal dafür. Und jetzt, wo ich Familie habe, finden meine Kinder schon, dass ich es sollte. Und was tut man nicht alles für seine Kinder!?

Nein, halt, ich tue es auch für mich. Schließlich habe ich es vor fünf Jahren schon einmal versucht, es zu lernen, und bin daran gescheitert. Scheitern ist eine Sache, die ich zwar immer gut antizipieren, aber nur schlecht aushalten kann. Deswegen wage ich diesen einen, den letzten Versuch.

Ich stehe also am Straßenrand, atme noch einmal tief durch und warte darauf, dass der Verkehr ruhig genug ist, dass ich unfallfrei auf die andere Straßenseite und den mit einer Linie abgetrennten Radstreifen fahren kann. Noch vor vierundzwanzig Stunden habe ich keinerlei Erfahrung mit Pedalen gehabt. Und jetzt stehe ich davor, in den Straßenverkehr zu gehen.

Alles mache ich so, wie man es mir beigebracht hat: Gerade Körperhaltung, Bremsen angezogen, rechtes Pedal auf „zehn nach zwölf“-Stellung. Umsehen, Bremse lösen, ein kräftiger Tritt auf das rechte Pedal, linken Fuß nachziehen – ich fahre!

Ein wenig Schwierigkeiten bereitet mir das Thema Gleichgewicht. Damit habe ich manchmal schon im Laufen Probleme. Eine Folge der Medikamente, die ich nehmen muss. Auch das ist nicht wirklich eine gute Voraussetzung für das Fahrradfahren, hat mich aber auf dem Schulhof nicht so sehr behindert. Jetzt, auf dem schmalen Streifen, der für „uns“ Radfahrer vorgesehen ist, sieht das schon ein bisschen anders aus.

Ich merke, wie ich ein wenig schlingere. Das ist nicht weiter schlimm, sage ich mir, solange ich innerhalb des begrenzten Bereichs bleibe. Aber was ich mir sage und was mein Körper daraus macht, das sind zwei unterschiedliche Dinge. Mein Körper ist der Ansicht, dass dies der perfekte Moment ist, den Adrenalinausstoß noch einmal so richtig hochzufahren.

Wenig förderlich ist, dass ich zum ersten Mal die Erfahrung mache, dass ein Auto hinter mir ist. Und der Fahrer überholt und überholt mich nicht, fährt aber, wie ich bei einem schnellen Blick nach hinten feststelle, fast an meinem Hinterrad. Gerne würde ich meine Hand vom Lenker nehmen und ihn vorbeiwinken, aber das traue ich mich noch nicht. Irgendwann wird es ihm von alleine zu dumm und er zieht an mir vorbei. Ich merke, wie ich ins Schwitzen gerate.

Zu diesem Zeitpunkt kann ich die anderen Radfahrer aus meiner Gruppe schon nicht mehr sehen. Ich bin zu langsam für sie, aber zu schnell für die andere Gruppe, die sich zum Laufen entschlossen hatte. Ich bin alleine auf weiter Flur. Ein komisches, ein irritierendes Gefühl, das Angst macht.

Und Angst ist ein denkbar schlechter Begleiter auf den ersten Kilometern, die man mit einem Fahrrad zurücklegt.

Spätestens hier hätte ich absteigen sollen. Wenn ich ehrlich zu mir selbst gewesen wäre, dann hätte ich es gewusst. Aber ich wollte nicht ehrlich sein, ich wollte etwas erzwingen. Wann ist das letzte Mal etwas gut gegangen, das erzwungen werden musste? Gestern war jedenfalls kein solcher Tag.

Das Drama nimmt seinen Anfang mit einem sanften Gefälle. Ich werde schneller und merke, dass ich die Kontrolle über die Pedale verliere. Das heißt, dass meine Füße zwar fest darauf bleiben, aber ich quasi „Luft“ trete. Das verstärkt meine Unsicherheit und ich merke, wie ich zu wackeln anfange. Rechts ist ein weißer Kastenwagen geparkt, den ich auf keinen Fall anrempeln will. Also leichte Gewichtsverlagerung nach links.

Das Fahrrad und/oder mein Körper haben das Wort „leicht“ überhört und ich mache einen Schlenker nach links, der mich gefährlich nah an den Rand des Fahrradstreifens führt. Gleichzeitig höre ich, wie sich von hinten ein Wagen nähert.

In diesem Moment ist alles weg, was ich über das kontrollierte Bremsen und Anhalten gelernt habe. Ich reiße den Lenker nach rechts, was überhaupt nichts bringt, außer, dass das Fahrrad noch unkontrollierter einfach nach links, auf die Fahrbahn, ausbricht.

Mit einem lauten Aufschrei versuche ich erst jetzt, viel zu spät, zu bremsen, betätige, glaube ich, sowohl die Vorder- als auch die Hinterradbremse. Das Rad strauchelt und zusammen stürzen wir auf den harten Asphalt. Rad und ich liegen jeweils zur Hälfte auf dem Radstreifen und auf der Fahrbahn. Meine Brille hat es beim Aufprall mittig auf die Straße geschleudert.

In heller Panik versuche ich danach zu greifen, sehe schon das näherkommende Auto – es ist anthrazit, das kann ich aus meiner Perspektive als einziges erkennen – und erwische gerade noch die Brille.

Der Fahrer des Wagens ist allerdings schon lange in den Gegenverkehr ausgewichen, der in diesem Moment zum Glück nicht stattfindet. Anhalten tut er nicht. Auch die gerade vorbeigehende Frau fragt mich nicht, wie es mir geht.

Mir geht es bescheiden. Zwar scheint nichts verletzt zu sein und später stelle ich auch fest, dass ich außer ein paar Schrammen, blauen Flecken und aufgescheuerten Hautpartien keine körperlichen Schäden davongetragen habe, aber in meinem Kopf gähnt ein Abgrund. Und in diesen scheine ich zu fallen und zu fallen. Der Abgrund sagt: »Das kommt davon« und »Das hätte es gewesen sein können«.

Den Rest des Weges rolle ich das Rad. Es bleibt mir auch nichts übrig, denn das Vorderrad hat etwas abbekommen. Egal, sagt mir der Kursleiter hinterher, der ziemlich besorgt ist. Vielleicht stellt er sich die gleiche Frage wie ich auch, nämlich die, ob er mich hätte vor mir selbst schützen müssen. Auf jeden Fall fände er es gut, wenn ich nächstes Wochenende, zum zweiten Teil des Kurses, wiederkommen würde.

Als ich nach Hause fahre, kommt der Schock. Ich sitze im Wagen und merke, wie die ersten Tränen kommen. Später, zu Hause, kommen noch einige mehr dazu. Aber ich nehme auch die Freude und den Stolz meiner Frau entgegen, die sich ganz begeistert zeigt, dass ich nicht nur auf dem Rad gefahren, sondern auch so mutig gewesen bin, in den Straßenverkehr zu gehen.

So kann man es allerdings auch sehen. Vielleicht sollte man es so sehen.

Ich werde jedenfalls nächstes Wochenende wieder hingehen, das habe ich mir geschworen. Selbst wenn ich niemals ein guter Radler im Stadtverkehr werden sollte, so kann doch immer noch ein passabler Ausflugs-, Feld-, Wald- und Wiesenfahrer aus mir werden.

In meinen Träumen der Nacht sitze ich wieder auf dem Fahrrad. Und lasse mir den Wind um die Nase wehen. Bis zum Aufstehen, wo mir alle meine Knochen weh tun werden, ist der Sturz weit weg. Und ich hoffe, dass er es in fünf Tagen auch wieder sein wird, wenn es heißt: »Aufsitzen und losradeln!«

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3 Gedanken zu “Fakt und Fiktion (15) Der Sturz

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