Meldung und Meinung: Eine automatisierte Wikipedia und die Gefahren für Autoren

Ja, ich weiß, Wikipedia benutzt man nicht zur Quellenrecherche für Romane. Das ist Pfui, Bah, ekelig, unanständig und so, als würde man einer alten Frau den Dackel klauen. Aber wer noch nie mal eben nachgeschaut hat, wie hoch jetzt eigentlich genau der schiefe Turm von Pisa ist, oder wie schnell ein ICE auf der Strecke zwischen Frankfurt und Köln fahren kann, der werfe den ersten Stein!

Wikipedia ist nur so gut, wie seine Mitarbeiter es machen. Und die Mitarbeit an diesem gewaltigen Onlinelexikon war immer schon das Werk einer Schwarmintelligenz von Freiwilligen, die ihr Wissen, ihre Arbeitskraft und nicht selten auch ihr Nervenkostüm in den Dienst der Sache stellten – möglichst viel Wissen möglichst niederschwellig an möglichst viele Menschen zu vermitteln.

Die Sache mit den Nerven ist dabei nicht zu unterschätzen. Um das zu erkennen muss man sich nur einmal eine der zahlreichen Löschdiskussionen anschauen, die vor allem in der deutschsprachigen Wikipedia geführt werden. Die Administratoren und ihre Zuarbeiter achten peinlich genau darauf, ob neue Artikel die teils geschriebenen und teils immer noch ungeschriebenen „Relevanzkriterien“ einhalten, die für das Lexikon gelten sollen.

Und die Regeln sind streng. Mitunter kommt es vor, dass jemand einen Artikel geschrieben hat und dieser ihm binnen Minuten, quasi direkt aus den Händen heraus, weggelöscht wird.

An dieser Stelle möchte ich nicht darauf eingehen, ob ich dieses Vorgehen für richtig halte oder nicht – es ist nur wichtig um zu verstehen, woher die Probleme gerade der deutschen Wikipedia stammen. Denn die Freiwilligen, sie werden weniger.

Mit dem Mitarbeiterschwund kämpft Wikimedia als Träger der Wikipedia schon länger. Jetzt hat man sich allerdings etwas einfallen lassen, bei dem ich mehr als nur eine Augenbraue hebe.

Wie die Zeitschrift Technology Review in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet (hier eine Kurzzusammenfassung auf heise.de) soll eine mögliche Lösung gegen den Artikelschwund eine „automatische Fortschreibung“ des Lexikons sein. Das alles wird mit vielen spezifischen Worten und recht schwer verständlich erklärt.

Im Kern geht es wohl darum, dass Artikel, die in einer der über 300 verschiedenen Wikipedias geschrieben wurden, über eine Art „Universalsprache“ automatisiert durch Bots in andere Wikipedias übernommen werden sollen. Ein Lexikon, das sich praktisch aus sich selbst heraus weiterschreibt.

Ich habe hiermit große Probleme und sehe akute Gefahren – nicht zuletzt auch für Autoren.

Wenn man sich ein wenig in den ausländischen Versionen der Wikipedia umschaut, insbesondere in der englischsprachigen, dann wird man feststellen, dass dort teilweise sehr rudimentäre Artikel bestehen, die – soweit ich es in meinen „Fachgebieten“ feststellen kann – auch gerne mal sachliche Mängel beinhalten. Nicht zuletzt deswegen hatten sich die Macher der deutschen Wikipedia ja auf die strenge Regelauslegung festgelegt.

Vor meinem inneren Auge sehe ich jetzt kleine Roboter, die auf eine Flut von Artikeln losgelassen werden, um diese mehr schlecht als recht (und damit meine ich jetzt primär auch die sprachlichen Qualitäten) kreuz und quer durch alle Wikipedias zu übersetzen und zu übertragen.

Sicher, es wird irgendeine Form von Qualitätskontrolle geben – so hoffe ich jedenfalls. Aber wie viel kann die effektiv abfangen? Und wird es die sogenannte Schwarmintelligenz nicht nur noch mehr verbittern, wenn zum Kampf gegen Einträge für Zwei-Mann-Hinterhof-Firmen nun auch noch der Kampf gegen den automatisierten Roboter kommt?

Wer kümmert sich denn dann noch um den Wahrheitsgehalt der gemachten Angaben – der Maschine ist es egal. Und damit geht verloren, was Wikipedia nun einmal ist: Ein hervorragendes, schnelles Nachschlagewerk für die erste (!) Recherche. Jeder, egal ob Autor oder nicht, sollte sich von dort ausgehend weiter informieren. Aber auch dafür bieten die Quellenangaben sehr gute Hinweise.

Also: Halten wir die Augen offen, damit wir nicht morgen der irrigen Meinung sind, dass der schiefe Turm von Pisa sagenhafte dreihundert Meter hoch ist und der ICE nach Köln sechs Stunden braucht.

Ich werde Wikipedia bis dahin weiterhin nutzen. Vorsichtig, reflektiert, aber gerne.

Und ihr so?

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20 Gedanken zu “Meldung und Meinung: Eine automatisierte Wikipedia und die Gefahren für Autoren

  1. Wikipedia muss sich nicht wundern. Jeder, der etwas schreibt, von dem er meint, es wäre wichtig, gibt sich beim Schreiben des Artikels Mühe. Gerade als Anfänger besonders. Man ist sogar ein bisschen „stolz“ seinen ersten Artikel geschrieben zu haben. Oder einen Artikel bearbeitet zu haben.
    Aber o weh- em Artikelschreiber gefällt die wertvolle Ergänzung nicht. Nein, obwohl so immens wichtig, hält er sie nicht für notwendig . Und so ist, Minuten später bereits, die wertvolle Info wieder weg.
    Dann eben nicht.
    Da muss sich wikipedia nicht wundern, wenn es weniger Schreiberlinge werden…

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    • Wie gesagt, diese Problematik ist mir sehr bewusst und es fällt mir schwer, da eine eindeutige Stellung zu beziehen. Sicherlich ist die Vorgehensweise in der Wikipedia sehr rigide und eine ganze Menge der Mitarbeiter auch nicht unbedingt Anwärter auf einen Preis für Diplomatie.

      Aber ich habe auf der anderen Seite auch schon einiges an Dingen gesehen, die schlicht und ergreifend falsch gewesen sind. Oder erkennbar irrelevant.

      Ich stehe da von der Meinung her irgendwo in der Mitte, weil ich beide Argumentationen nachvollziehen kann. Denn eines steht für mich fest: Eine Wikipedie wie die englische will ich auch nicht haben.

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      • So viel kann ich da gar nicht dazu schreiben, da ich nicht lange aktiv bei wikipedia war. Habe rechts schnell das Handtuch geworfen.
        Du schreibst „oder erkennbar irrelevant“ – genau da fängt es ja schon an. Eine Person hält xy für relevant, die nächste Person meint, es ist irrelevant. Wie will man sich da einigen, nach welchen Kriterien?

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      • Manche der aufgestellten Relevanzkriterien finde ich gar nicht so schlecht. Bleiben wir doch gleich bei Autoren, weil es sich anbietet. Ich bin jetzt nicht mehr aktuell auf dem Laufenden, aber ich glaube, dass man zwei Bücher veröffentlicht haben muss, die nicht im Eigenverlag erschienen sind, damit man von Wikipedia als relevant angesehen wird. Oder man hat nachweislich einen besonders hohen Verbreitungsgrad erreicht.

        Wenn ich jetzt meinen ersten Roman als e-Book veröffentliche und dann sofort (eventuell noch selber) einen enthusiastischen Artikel über mich, meine Arbeit und mein Werk in die Wikipedia stelle, dann kann ich durchaus verstehen, wenn der hochkant wieder rausfliegt.

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      • Gut, bleiben wir bei dem Beispiel. Es gibt Autoren, die schreiben ein Buch nach dem nächsten. Allerdings alle als Selfpublisher. Aus diversen Gründen veröffentlichen sie nicht bei einem Verlag.
        Auf diese Autoren kann ich nicht per wikipedia aufmerksam machen- es sind ja keine „richtigen“ Autoren, denn sie veröffentlichen nicht bei einem Verlag.
        In der heutigen Zeit gibt es immer mehr Self- publisher, so dass das ein Kriterium ist, an dem ich persönlich „zu meckern“ habe.
        Das nächste Kriterium (mehrere Bücher veröffentlicht haben) das sehe ich ein. Das macht Sinn, denn daran merke ich, das der Autor es wirklich ernst meint mit seiner Aufgabe.

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      • Deswegen finde ich das Argument mit der Reichweite gut. Viele Bücher veröffentlichen kann, Entschuldigung, jeder. Aber ob sie auch gekauft werden, das ist eine andere Frage. Es geht also weniger um die Frage, ob sie richtige Autoren sind oder nicht (das sind sie zweifellos).

        Eine (fehleranfällige, ich weiß) Methode, um die Reichweite zu messen, wäre der Verkaufsrang bei Amazon. Bei Musikveröffentlichungen werden Chartpositionen herangezogen, was bei Romanen eher schwierig ist.

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  2. In der Berufsschule sollten wir Wiki schon nicht nutzen…

    Ich finde es zwar nicht schlecht so als erste Anlaufstelle, wenn ich etwas wissen möchte, aber eigentlich schaue ich danach immer, dass ich bessere Quellen finde zu dem gesuchten Thema…

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    • Man kann im Zweifel halt nicht nachprüfen, inwiefern die aufgeführten Informationen stimmen oder eben auch nicht.

      Allerdings finde ich, dass die meisten „lesenswerten“ und „exzellenten“ Artikel wirklich genau das sind. Gerade zu meinem Steckenpferd Geschichte. Andere Themen mögen abweichen, das kann ich nicht beurteilen.

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  3. Ich gebe zu – ich bin ein Google und Wiki – Fan. Ich lese dort zuerst, wenn ich was wissen will. Ich bin begeistert, dass man schnell auftauchende Wissenslücken so gut und schnell schliessen kann. Wenn ich keine Ahnung habe, hinterfrage ich es nicht. Kommt es mir komisch vor, google ich noch nach anderen Quellen… Ausserdem habe ich noch nie selbst dort geschrieben. Bin ich auch noch nie auf die Idee gekommen, weil ich mich nicht für qualifiziert halten würde…
    lg kitty

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    • Danke für deine Meinung, kitty.

      Aber wieso hältst du dich nicht für qualifiziert? Ich bin mir sicher, dass es viele Dinge gibt, über die du etwas sagen könntest. Und wenn es noch nicht im Wiki steht – wieso nicht?

      Bei mir scheitert es in der Hauptsache an der fehlenden Zeit. Wie immer.

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      • Ja, Zeit fehlt auch. Aber ich wäre mir bei sowas einfach zu unsicher, dass da Informationen fehlen könnten, die wichtig sind. Nein, das Risiko würde ich Niemals eingehen. Da geht es nicht um Geschmack, ob es einem gefällt, sondern es muss richtig sein. Und da muss ich dann leider passen. Das traue ich mir nicht zu…

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      • Ergänzung wofür? *auf dem Schlauch steh* Ja, ich mach lieber kleine Dinge, mit denen ich im reinen bin. Ich bin auch bei Clickworker, aber da hab ich auch keine grosse Lust, die super aufwendigen Dinge zu machen und so dauert es ewig, bis ich da mal was zusammen habe.. 🙂

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      • Clickworker ist eine Plattform, wo du für ganz ganz wenig Geld was erarbeiten kannst… da ich die wirklich schnellen einfachen Sachen mache, bekomme ich natürlich ewig nicht das Geld, weil es eine Auszahlgrenze gibt. Das fängt ja bei 5 cent an.^^

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      • Ich schau mir das, rein interessehalber, mal an. Danke für die Infos dazu.

        Das Problem mit den Auszahlungsgrenzen kenne ich von bezahlten Umfragen im Netz – aus einer Zeit, als ich für die noch genügend Zeit hatte …

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  4. Ich halte Wikipedia per se weder für glaubwürdiger, noch für unglaubwürdiger, als jede andere Quelle und die englische nicht unbedingt für schlechter als die deutsche. Wenn es um englische Geschichte geht, ist en.wikipedia z. B. deutlich umfassender.
    Und natürlich findet man in so einer riesigen Datensammlung auch jede Menge Schwachfug. Aber das findet sich in gedruckter Form genauso. Mode/Kostümgeschichte des Mittelalters ist so ein Thema, zu dem ich ganz unabhängig von der Form der Veröffentlichung längere Episteln verfassen könnte. Aber man muss gar keine solchen Spezialgebiete nehmen, sondern sich nur mal unter dem Begriff Kreationismus umgucken und was dazu veröffentlicht wurde. Oder Ratgeberliteratur zu Bachblüten, Homöopathie usw.
    Der einzige echte Nachteil an Wikipedia ist wirklich, dass sich der Inhalt binnen Stunden komplett ändern kann. Das ist ärgerlich, wenn man schnell mal was nachschlagen will, von dem man genau weiß, dass es da stand – und dann ist es weg.

    Bots werden daran wenig ändern – eher im Gegenteil. Schon bei der Übersetzung in die „Einheitssprache“ wird es Sinnverfälschungen geben, die sich bei der Weiterübersetzung in die jeweilige Landessprache verstärken. Man braucht also doch wieder Menschen, die den Text bearbeiten.
    Und für das Frustlevel des Autors ist es im Ergebnis egal, ob nun ein Bot oder irgendein Honk den sorgfältig durchrecherchierten und liebevoll ausgearbeiteten Text verunstalten.

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    • Wenn ich es richtig verstanden habe, sollen diese Bots aber ja weitgehend autark ihre Arbeit verrichten. Ansonsten wäre diese Neuerung, zumindest für Wikis wie die deutsche, die stark auf Administration und Contentkontrolle Wert legen, ja eher eine Verschlimmbesserung denn ein Vorteil.

      Und ansonsten ist es wahrscheinlich wirklich abhängig davon, was man gerade sucht, ob die Qualität eines Artikels/einer Wiki nun „objektiv“ gut oder schlecht ist.

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  5. Wikipedia hat mit Algorithmen schon viel falsch gemacht. Zb werden Änderungen oft einfach wieder gelöscht: von einem Algorithmus der es als Spam erkennt.
    Ich selber liebe w und habe auch schon, wenn auch nicht viel beigtragen. Sogar in Fremdsprachen wenn ein Fehler offensichtlich war und ich keine ganzen Sätze formulieren musste.

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