Das Schreiben der Anderen: „sechsuhrsieben“ von Mea Kalcher

Guten Morgen!

Da auf meine entsprechende Frage am Sonntag hin niemand geschrien hat, dass er oder sie bloß keine Rezensionen auf diesem Blog lesen möchte, freue ich mich sehr, euch im Nachgang eine wirklich tolle Love Story vorstellen zu können. Und glaubt mir, das mache ich ganz bestimmt nicht nur, um einer Debütantin unter die Arme zu greifen! 🙂


6uhr7Was passiert um sechsuhrsieben?

Das war die Frage, die sich mir spontan stellte, als ich den Titel des Debütromans von Mea Kalcher gelesen habe. Ich gebe zu, dass sie mich neugierig gemacht hat. Neugierig genug, um – vorläufig – darüber hinweg zu sehen, dass das Cover prominent von einer Ballerina geschmückt wird. Und, na ja, als Mann hat man doch gewisse Vorurteile, wenn man sich so einer Verpackung annähert.

Andererseits habe ich persönlich überhaupt keine Berührungsängste, wenn es um romantische Geschichten geht. Es gibt einige Filme und Serien aus diesem Spektrum, die ich durchaus zu meinen Lieblingen zähle. Und so schreckte mich auch die Aussage von Mea, die ich aus einem Autorenforum „persönlich“ kenne, in keiner Weise ab, dass es sich bei „sechsuhrsieben“ »halt schon« um einen Liebesroman handelt.

Ich kann dazu nur sagen, dass es Liebesromane gibt, die kitschig sind, die vor Schmalz geradezu triefen und deren Charaktere flacher als ein Blatt Papier sind, nachdem eine Dampfwalze darüber gerollt ist.

Und es gibt Liebesromane wie „sechsuhrsieben“.

Um die Frage vom Anfang zu beantworten: Sechs Uhr und sieben Minuten ist die Zeit, auf die Ava Hansen ihren Wecker eingestellt hat. So stellt sie sicher, dass sie immer mit Musik geweckt wird, nicht mit schlechten Nachrichten, nicht mit nervender Moderation und schon gar nicht mit Werbung. Um sechs Uhr und sieben Minuten beginnt Avas ganz persönlicher Tagesablauf, der bis zu einem gewissen Punkt immer gleich ist. Bis auf die Minute durchgetaktet.

Der Leser erfährt sehr schnell, dass Ava dies tut, um ein traumatisches Erlebnis besser verarbeiten zu können. Ihre kleine Tochter wurde vor einigen Jahren auf brutale Weise getötet und Ava konnte nichts dagegen tun. Um nicht wahnsinnig zu werden, hat sie ihre Routinen, ihre Freunde und das Tanzen. Ava ist eine der besten und begehrtesten Ballerinas (mindestens) Deutschlands. Dennoch ist sie sich nicht zu schade dafür, zu ganz normalen Auditions zu gehen, wie jede andere engagierte Tänzerin auch.

Auf dem Weg zu einem dieser Vortanzen passiert es: Ava rennt in Matt Schirmer, einen jungen Schauspieler, der sich mit seiner Rolle als „Teilzeitdoktor“ in einer Fernsehserie eine gewisse Popularität aufgebaut hat, die allerdings damit einher geht, dass er vollkommen den Bezug zur Realität verloren hat und sich für einen großen Star mit entsprechendem Anspruch auf Allüren hält.

Es kommt, wie es kommen muss. Matt verguckt sich sofort in Ava, folgt ihr zur Audition und sieht sie tanzen. Dabei ist es um ihn geschehen, er kann mit diesem Gefühl aber nicht so richtig etwas anfangen. Die ersten paar Begegnungen, die die beiden haben, enden immer wieder in Missverständnissen. Beide müssen lernen, sich ein Stück weit auf den anderen – und vor allem sich selbst – einzulassen, um ihrer gegenseitigen Anziehung, die sie bald verspüren, eine Chance zu geben.

Schließlich werden Matt und Ava ein Paar und alles könnte gut sein, wenn es da nicht immer noch Geheimnisse aus einer dunklen Vergangenheit gäbe, die über ihnen schweben.

Die Geschichte von Matt und Ava ist, damit hat Mea Kalcher Recht, zu allererst eine Liebesgeschichte. Aber es ist eine Geschichte, die von zwei Menschen getragen wird, die absolut glaubwürdig sind in dem, was sie tun, wie sie es tun und was es für Konsequenzen nach sich zieht. Die Beziehungen nicht nur zwischen diesen beiden, sondern auch zwischen Matt und Avas Freundeskreis, zu dem pikanterweise auch der Vater ihrer verstorbenen Tochter gehört, bauen auf einer Logik auf, die so natürlich ist, dass man sie zu keinem Zeitpunkt als konstruiert wahrnimmt.

Der Schlüssel hierfür liegt in der Charakterzeichnung der beiden Protagonisten.

Ava ist eine zielstrebige junge Frau, die von finsteren Dämonen gehetzt wird, die sie nur durch eiserne Disziplin und exakte Abläufe im Zaum halten kann. Das macht sie für den Leser zu einer von Beginn an starken Figur, mit der man im besten Sinne mit“leiden“ kann. Ich hatte schon nach wenigen Seiten eine starke Beziehung zu Ava aufgebaut und merkte, wie mich wirklich interessiert, was dieser Frau geschieht. Klar, ich wusste, dass es irgendwann auf „boy meets girl“ hinausläuft, aber es war schon absehbar, dass es nicht so einfach werden würde.

Matt ist hingegen eine Figur, mit der man sich erst einmal arrangieren muss. Zu Beginn ist er, sagen wir mal, ziemlich kaputt. Er kommt mit dem bisschen Ruhm, das der „Teilzeitdoktor“ ihm beschert hat, überhaupt nicht zurecht. Schnell wandelt er sich aber, als er Ava trifft. Wenn man so will, passiert das beinahe schon zu schnell. Aber wer kennt nicht das Gefühl, einen Menschen getroffen zu haben und genau für diesen Menschen sein ganzes Leben auf den Kopf stellen zu wollen?

„sechsuhrsieben“ ist ein von seinen Charakteren getragener Roman. Mea Kalcher springt munter zwischen Avas und Matts Perspektive hin und her, was im Fließtext immer durch das entsprechende Venus- oder Marssymbol gekennzeichet ist. Damit erhalten wir teilweise sehr spannende Einblicke in die unterschiedliche Wahrnehmung derselben Situation.

Was ich persönlich der Autorin sehr hoch anrechne ist, dass sie auf die klassische Struktur von Liebesromanen oder -geschichten verzichtet hat, nach der Mann und Frau sich umschleichen, schließlich bekommen, durch ein Missverständnis trennen, um dann doch wieder ein Paar zu werden. Auch wenn Hollywood uns etwas anderes suggeriert, so ist das nicht die einzige Möglichkeit, eine realistische Love Story zu zeigen und ich habe es als sehr angenehm empfunden, hier einfach dabei sein zu dürfen, wie zwei Menschen ihr Glück suchen.

Denn ja – ab einem gewissen Punkt sah ich Ava, Matt, ihre Freunde Chris und Marie und all die anderen nicht mehr nur als Figuren an, sondern als Menschen, mit denen man mitleiden, sich mitfreuen und mitfiebern kann. Ich wurde vollends in die Geschichte gezogen.

Dass es sich bei „sechsuhrsieben“ nicht „nur“ um eine Liebesgeschichte handelt, ist von Anfang an klar und wird, soviel darf ich verraten, gegen Ende auch aufgelöst. Aber von mir aus, und ich bitte, das als Kompliment zu sehen, hätte es mehr als die Liebesgeschichte gar nicht gebraucht.

Was bleibt übrig nach der viel zu schnellen Lektüre des Romans? Ich möchte Mea Kalcher ermutigen, in diesem Stil weiterzumachen. Sie hat ein ungeheures Gespür für die realistische Darstellung von Figuren. Und sie schafft, was wenige schaffen: Die Liebe zwischen zwei Menschen so zu schildern, dass alleine das schon zum Weiterlesen auffordert.

Ein aus meiner Sicht rundum gelungenes Debüt, das ich sehr, sehr gerne weiterempfehle!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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8 Gedanken zu “Das Schreiben der Anderen: „sechsuhrsieben“ von Mea Kalcher

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