„Das leichteste der Welt“: Ein Rant über Liebesgeschichten

So undiplomatisch der Titel des Beitrags sich vielleicht liest, so diplomatisch möchte ich ihn gerne beginnen: Ich mag Liebesgeschichten! Sowohl in ihrer ureigenen Form wie auch als Bestandteil oder Backdrop in anderen Geschichten. Solange es nicht zu aufgesetzt wirkt, darf es auch gerne schon einmal kitschig werden. Ich möchte mich also in keiner Weise dem Vorwurf aussetzen, dass ich etwas gegen Liebesgeschichten an sich habe.

Wieso also trotz allem ein Rant? Silbermond sind Schuld! Oder eigentlich die Fußball-Bundesliga. Oder meine T-Shirts.

Okay, sortieren. Samstags läuft die Fußball-Bundesliga im Radio, die ich mir gerne anhöre. Weil ich dabei sowieso kaum was anderes machen kann, nutze ich die Zeit oft zum Bügeln. Und in einer Sportpause kam die neue Single von Silbermond mit dem Titel „Das leichteste der Welt“. Das ganze kann hier nachgehört werden:

Okay, im Lied geht es darum, dass es offensichtlich eine Trennung gegeben hat, die der männliche Part wesentlich besser verkraftet hat als der weibliche. Während er sich wieder berappelt und auch schon eine neue Flamme gefunden hat, hat sie Probleme einzuschlafen oder wieder auf die Beine zu kommen. So weit, so tragisch.

So weit, so ärgerlich!

Ich finde es immer wieder ärgerlich, wenn die Tränendrüse bemüht wird, um nicht nur die Emotionen hochzuhalten, sondern auch, um gegen eine der beteiligten Parteien Stimmung zu machen. Dabei, auch das möchte ich betonen, ist es mir vollkommen egal, ob nun Männlein oder Weiblein der Nutznießer dieser Stimmung ist. Hier ist es zufällig die Frau.

Wir erfahren mit keinem Wort, wie sich die Situation des Paares vor der Trennung entwickelt hat. Was die Geschichte dieses Paares ist. Wir steigen erst dann in die Geschichte ein, als sie sprichwörtlich schon vorbei ist.

Ein Fehler, den auch viele Liebesgeschichten in Romanen machen. Da wird dann eindimensional und tendenziell eine Sichtweise eingenommen und auch über die folgenden 200 oder 300 Seiten nicht wieder verlassen. Ich finde solche Geschichten sehr ermüdend und manchmal auch ärgerlich zu lesen. Nicht nur, dass mir jede Möglichkeit genommen wird, mich in die Gefühle der handelnden Personen einzudenken, ich verliere auch schnell die Lust daran, es wenigstens zu versuchen. Es lohnt meistens auch schlicht den Aufwand nicht.

Eine gute Geschichte, eine gute Liebesgeschichte zumal, hat immer einen Hintergrund. Und sei es nur, dass ein nachvollziehbarer Konflikt geschaffen wird. Ich sage nicht, dass es in Liebesgeschichten nicht den Arschloch-Ex (Entschuldigung) oder die Zicken-Ex geben darf. Denn in der Realität gibt es sie ja auch. Aber dann muss das mit Beispielen in irgendeiner Form unterfüttert werden. Vielleicht treffen sich die beiden in irgendeiner verfänglichen Situation wieder. Oder sind über z.B. ein gemeinsames Kind verbunden.

Es gibt viele gute Geschichten, die aus diesen Konstellationen richtig Pfeffer ziehen und es trotzdem schaffen, die neue Liebesgeschichte des Ex und die Probleme der Protagonistin, damit zurecht zu kommen, zu integrieren.

Aber Geschichten wie die, die in „Das leichteste der Welt“ erzählt werden, haben keinen Pfeffer. Sie haben ein Übermaß an Taschentuchästhetik. Was mich am meisten stört? Es wird nicht einmal mit einem Wort angedeutet, wer eigentlich die Beziehung beendet oder kaputt gemacht hat. Es wird einmal gesagt, dass er geäußert hat, dass er „erst einmal Zeit“ brauche. Trotzdem ist die Beziehung offenkundig zu Ende. Damit sollte man meinen, dass er einen Freibrief hat, ein „neues Leben“ zu beginnen.

Nein, hat er nicht? Warum nicht? Das ist es, was ich wissen will! Denn das ist es, woraus sich die Situation der Protagonistin erklärt. Das bringt mir die Spannung, ob sie wohl in einer neuen Beziehung jetzt endlich ihr Glück finden wird.

Um bei deutschsprachiger Popmusik zu bleiben nenne ich als positives Gegenbeispiel das Lied „Nie vergessen“ von Glasperlenspiel. Auch dort ist eine Beziehung (zumindest für den Moment) in die Brüche gegangen. Und sowohl sie als auch er wissen gar nicht so richtig, wie das passiert ist und geben sich jeder selbst die Schuld. Und am Ende der knapp vier Minuten fiebert man praktisch selber mit und will wissen, ob denn diese Liebesbeziehung noch eine Chance hat.

Meine Bitte an die Autoren von Liebesgeschichten, egal ob als Song oder als Roman, lautet also wie folgt: Seid so mutig, euren Protagonisten einen Hintergrund zu geben, der erklärt, warum sie in ihrer momentanen Situation stecken. Sagt nicht einfach „er hat eine Neue“ oder „Sie hat mich verlassen“. Das ist zwar ein Anlass aber kein Inhalt für eine Geschichte. Und es ist auf Dauer auch sehr, sehr ermüdend.

Ich hoffe, ich habe deutlich machen können, welcher Punkt mir am Herzen liegt – und vor allem, dass es mir wirklich nicht darum geht, den Liebesgeschichten als solches in irgendeiner Form ans Bein zu pinkeln.

Aber das musste ich jetzt einfach mal loswerden!

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4 Gedanken zu “„Das leichteste der Welt“: Ein Rant über Liebesgeschichten

  1. Jetzt würde mich doch interessieren – um von Songs wegzukommen – welche (positiven) Roman-Beispiele Du mir nennen könntest. Die letzte Liebesgeschichte, die mich überzeugen konnte, war Ortheils „Liebesnähe“. Welches wären Deine Tipps?

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    • Nun muss ich wohl die Hosen runterlassen und sagen, dass ich spontan gar nicht mit konkreten Beispielen aufwarten könnte, die das treffen, was ich hier meine. Das hat aber was damit zu tun, dass ich tatsächlich Liebesgeschichten lieber SEHE, als von ihnen zu lesen.

      Die letzte gute Liebesgeschichte, die ich gelesen habe, war das hier auch vorgestellte „sechsuhrsieben“ von Mea Kalcher. Dort wird auch die Geschichte hinter den Charakteren gut eingewoben, auch wenn es eine andere ist als die einer verflossenen Liebe.

      Ich stöbere morgen noch einmal durch meine Bücherregale und halte nach Beispielen Ausschau.

      Gefällt 1 Person

      • mea schreibt:

        Puh! Ich freu mich gerade doppelt, dass Dir ’sechsuhrsieben‘ gefallen hat. 🙂 Als ich den Artikel las, hatte ich schon Befürchtungen.

        Liebe ist wirklich ein schwieriges Thema in Film, Roman und besonders Musik und driftet schnell ins oberflächlich Kitschige. Aber auch dafür gibt es ja einen riesen Markt.
        Meine Lektorin hat mehrfach an den Rand geschrieben „Obacht Frau Pilcher!“ 😀 und ich bin ihr immer noch dankbar, dass sie mir vieles nicht hat durchgehen lassen.

        Meine Lieblingsliebesgeschichte ist übrigens eine von John Irving ‚Die wilde Geschichte vom Wassertrinker‘ – einfach grandios erzählt. Ich glaube, ganz klassisch fällt es nicht in das Genre Liebesgeschichte, aber für mich fühlte es sich so an.

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      • Ich muss gerade lachen, weil mir einer der Testleser auch gesagt hat, ich würde zwar toll schreiben, aber an einigen Stellen wäre es zu sehr Rosamunde Pilcher :-D.

        Aber du hattest doch nicht wirklich Befürchtungen, oder? Sooo einer bin ich ja nun doch nicht, dass ich vordergründig lobe und hintenrum in die Pfanne haue.

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