Meldung und Meinung: Ein Schiff wird kommen …

Schon Lale Andersen wusste 1960 davon zu singen, wie sehnsuchtsvoll man auf die Ankunft eines Schiffes und damit des Einen warten kann. Nun, wir haben nicht mehr 1960, Lale Andersen ist bereits 1972 gestorben und der Eine, auf den heute gewartet wird, ist quaderförmig, groß, schwer und aus Metall. Es handelt sich um Container – Container voller Bücher.

Als vor einer Woche die ersten Meldungen über die Ticker gingen, die sich mit der Insolvenz der koreanischen Hanjin-Reederei befassten, habe ich die Sache noch mit einem Achselzucken abgetan. Da lagen nun also überall auf der Welt riesige Containerschiffe auf Reede, weil die Gebühren für die Hafeneinfahrt und den Warenumschlag nicht mehr bezahlt werden konnten. Tausende von Containern warten darauf, dass ihr Inhalt an den Bestimmungsort gelangt. Und in einigen von diesen Containern sind auch Bücher, auf die in Deutschland händeringend gewartet wird.

Ich gebe zu, dass ich die Sache nicht sofort ernst nahm, hatte etwas damit zu tun, dass in der Ursprungsmeldung nur ein relativ kleiner Verlag genannt wurde, der Lizenztitel in China hatte drucken lassen. Was ich an der Stelle lernte war, dass manche Lizenzgeber diese Vorgehensweise tatsächlich vorschreiben dürfen.

Doch nun hat mit der Frankfurter Allgemeinen eine Zeitung diesen Sachverhalt aufgegriffen und offensichtlich noch einmal ein wenig nachrecherchiert. Neben dem bereits erwähnten Kleinverlag und dem im Originalartikel bei buchmarkt.de ebenfalls genannten Ravensburger Verlag ist jetzt schon der Carlsen-Verlag hinzugekommen. Und es ist die Rede von einigen Verlagen, die sich auf Nachfrage nicht äußern wollen.

Machen wir uns nichts vor: Die FAZ wird nicht bei den Kleinverlegern um die Ecke angefragt haben. Da spielen größere Verlagshäuser eine Rolle.

Die Nachricht ist in zweierlei Hinsicht interessant. Zum einen ist die Globalisierung im Buchgeschäft offensichtlich weiter fortgeschritten, als man sich das gemeinhin so vorstellt. Die Zeit der Druckereien vor Ort mag noch nicht zu Ende sein, aber sie ist zumindest nicht mehr die Regel. Und zum anderen beweist es, wie sehr man mittlerweile von Dritten abhängig ist, wenn es darum geht, das eigene Erzeugnis auf den Markt zu bringen.

Denn auch wenn wir hier im Normalfall in unserer netten kleinen Buchhandelsblase leben, müssen wir uns doch Gedanken machen, was eigentlich noch so alles in diesen Containern steckt und was nun unseren Märkten nicht so bald zur Verfügung stehen wird.

Ich lebe in einer Hafenstadt mit inzwischen fünf großen Logistikstandorten. Hier werden jeden Tag Container en Masse umgeschlagen. Das bedeutet, ich habe zumindest einen kleinen Eindruck davon, wie viel unseres täglichen Bedarfs eigentlich in diesen Quadern steckt.

Sicher, die Situation um die Hanjin-Reederei wird sich klären lassen. Und dann werden auch die Waren auf ihren Weg gelangen. Ich hoffe, dass es für die betroffenen Verlage dann noch nicht zu spät ist, ihr Weihnachtsgeschäft ordentlich auf die Beine zu stellen – selbst wenn die Frankfurter Buchmesse jetzt schon für den einen oder anderen Verlag gelaufen sein dürfte.

Aber insgesamt stellt diese Randnotiz der Globalisierung vielleicht den einen oder anderen Verantwortlichen mal vor die Überlegung, ob es nicht doch Sinn machen könnte, nicht alles möglichst kostengünstig und mit maximaler Profitspanne produzieren zu lassen.

Doch jetzt heißt es erst einmal: Ein Schiff wird kommen …

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