Die Angst vor dem Klotz, den man überarbeiten will

Wie ein riesiger Klotz, so fühlt es sich an. Das Manuskript, das auf meinem virtuellen Schreibtisch liegt. Ich glaube, die Tatsache, dass es nicht zum ersten Mal dort liegt, macht es nur noch klobiger und schwerer. Der Counter in meinem Dateinamen sagt mir, dass es sich um den fünften Entwurf handelt. Es fühlt sich an, als wäre es der fünfzigste.

Aber ich weiß, dass ich mich diesem Brocken stellen muss. Und jetzt ist dazu die Zeit und der Raum gegeben. „Der Beobachter und der Turm“ – der Roman, den ich selbst als so wichtig für mein Schreiben ansehe, dass ich mich entschlossen habe, ihn auf jeden Fall, in Eigenregie, herauszubringen.

Den Testlesern sei Dank habe ich eine ganze Menge qualifiziertes Feedback. Teilweise widerspricht es sich, was ich nicht schlecht finde, weil es mir zeigt, dass diese Passagen handwerklich durchaus in Ordnung sind. Nicht alles kann jedermanns Geschmack treffen. Aber es gibt auch die Parts, bei denen sich eigentlich alle einig waren, dass ich sie überarbeiten muss. Oder löschen. Oder beides.

Und ich sitze vor diesem Berg an Worten und weiß nicht richtig, wie ich den Einstieg finde. Deswegen habe ich das gemacht, was ich schon länger hätte machen sollen: Ich habe das Manuskript in Papyrus noch einmal durch die Rechtschreibprüfung geschickt. Und teilweise frage ich mich, in welchem Paralleluniversum ich eigentlich war, als ich dachte, ich hätte Korrektur gelesen.

Das prägnanteste Beispiel ist die Fortführung eines Satzes nach einem Doppelpunkt: Wenn nach einem Doppelpunkt ein vollständiger Satz kommt, wird der Satzanfang groß geschrieben. Einer meiner Testleser schrieb mir diesen Hinweis in die Nachricht an mich und ich dachte: Warum schreibst du mir das, das habe ich doch gemacht!?

Nö, habe ich nicht. Jedenfalls bei Weitem nicht immer. Das sind die Momente, in denen mir spontan wieder einfällt, warum ich es so wichtig finde, mir das Lektorat und Korrektorat für diesen Roman zu leisten. Ich bin zwar nicht schlecht, glaube ich, was die Vermeidung von Fehlern angeht, aber ich bin weit davon entfernt, perfekt zu sein.

Aber das alles ist Handwerk. Der Inhalt ist es, auf den es ankommt. Und da muss ich noch an einigen Stellen schrauben. Ich werde zum Beispiel das sogenannte „Vorspiel“ noch einmal fast von Grund auf neu schreiben. Ich bin nicht zufrieden mit der Charakterisierung, mit dem ersten Eindruck, den meine Figuren hinterlassen. Und im Roman wie im richtigen Leben hat man nur eine Chance auf den ersten Eindruck. Darüber hinaus ist auch das ein Punkt, der mir häufiger genannt wurde.

Wisst ihr, dass das eine Tätigkeit ist, die einem auch ein gerüttelt Maß an Angst machen kann? Sich noch einmal und noch einmal vor den eigenen Text zu setzen, mit den kritischen Augen der Testleser im Hinterkopf und den eigenen vorweg und dann ‚ran an den Text!

Aber ich habe auch Mut gefasst, denn was ich auch ganz oft gehört habe war Ermutigung, dass die Geschichte an sich gut ist. Das sage ich nicht zum ersten Mal und ich sage es nicht, weil ich mich damit brüsten will.

Ich sage es, weil ich es mir selbst immer wieder sagen muss! Ich muss mich selbst davon überzeugen, dass dieser Klotz die Arbeit wert ist und dass es der Brocken wert ist, abgetragen zu werden.

Dass es das wert ist, die Angst auszuhalten!

Gerade weil ich diesen Roman als einen Schlüsselroman ansehe. Wenn ich ihn aufgeben würde, würde ich das Schreiben aufgeben. Und das soll, darf und wird nicht passieren.

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8 Gedanken zu “Die Angst vor dem Klotz, den man überarbeiten will

  1. Lieber Michael,
    Mut ist es, dann durchzuhalten, wenn man Angst hat. 🙂 Ich finde das toll, wie du das bisher meisterst, und es wird dich so stolz machen, wenn du es herausgebracht hast!

    Aber eine kleine Notiz zum Bild: Für mich ist dieser Brocken nicht unheimlich, sondern weckt meine Neugierde. „Was mag wohl hinter dem Nebel sein?“ Ob da noch mehr Brocken sind, oder was ganz Tolles, kann ich so ja gar nicht sagen. 😉

    Kiira

    Gefällt 2 Personen

  2. Tröstet es dich, wenn ich dir sage, dass mir genau das Umgekehrte gerade Angst macht? Ich überarbeite Band 7 meiner Reihe und so weit sind meine Testleser leider noch nicht. Also überarbeite ich momentan noch alleine und mir fehlt eine gewisse Richtung. Natürlich finde ich auch so noch genug zum Herumdoktern, immerhin habe ich einen neuen Anfang drangepappt und andere Lustigkeiten. Aber mit Feedback wäre es irgendwie doch effektiver.
    Von daher: Keine Angst vor der drölfzigsten Überarbeitung :). Du schaffst das.

    Gefällt 1 Person

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