Eine Trilogie, die sich nicht wie eine anfühlt – Stephen Kings „Mind Control“

Lange angekündigt, wird es langsam dringend Zeit, ihn auch einmal zu schreiben, den Artikel über eine Trilogie, die sich nicht wie eine anfühlt.

Was ist das denn überhaupt, eine Trilogie? Nach meinem Verständnis, das ich mir durch lange Jahre Leseerfahrung angeeignet habe, ist eine Trilogie eine Folge von drei Geschichten, die sich weitgehend auf das gleiche Figurenensemble in einem sich aus der Handlung der einzelnen Teile heraus weiterentwickelndem Handlungsgebilde stützt. Der dritte und letzte Teil beinhaltet dann oftmals ein furioses Finale, in dem die gesamte

So ist in der originalen „Star Wars“-Trilogie eindeutig eine Fokussierung auf Luke Skywalker, Han Solo und Leia Organa auszumachen und wir folgen anhand der Weiterentwicklung dieser drei Figuren dem Kampf gegen das galaktische Imperium.

Ein weiterer, von vielen Fans oft als Trilogie angesehener Text, nämlich „Der Herr der Ringe“, war zwar von seinem Autor gar nicht so gemeint, wird heute aber durch seine Veröffentlichungsweise und vor allem die Filme so wahrgenommen. Auch hier wird die Handlung konsequent von einem Teil zum nächsten fortgesponnen, die Figuren entwickeln sich.

Und trotzdem ist sowohl dem einen wie auch dem anderen Beispiel zu eigen, dass der Ton der Geschichte ein ähnlicher bleibt – oder Änderungen sich wenigstens logisch anhand der Handlung nachvollziehen lassen. So wird „Das Imperium schlägt zurück“ allgemein viel düsterer rezipiert als der originale „Krieg der Sterne“, was aber sehr gut dazu passt, dass im ersten (jetzt 4.) Teil die verhältnismäßig kleine Rebellenallianz dem großmächtigen galaktischen Imperium gewaltig auf die Füße gestiegen ist und dieses nun mit umso härterer Gewalt zurückschlägt. Es ist eine folgerichtige Entwicklung.

Trilogien erfreuen sich in vielerlei Hinsicht großer Beliebtheit auch beim Leser. Er kennt die Figuren schon, kennt die Welt, die sie umgibt und kann sich ohne sich groß neuorientieren zu müssen, in die Handlung hineinbegeben. Die wirklich guten Trilogien (oder auch generell alle Mehrteiler) fühlen sich so an, als ob man in ein Paar gut sitzende Hausschuhe schlüpft.

Und das bringt mich zu der Trilogie, über die ich nach all dem theoretischen Basiswissen gerne schreiben wollte.

Ich habe vor kurzem den Roman „Mind Control“ von Stephen King gelesen. Niemandem, der meine Website öfter als zweimal besucht hat, erzähle ich etwas Neues damit wenn ich sage, dass Stephen King mein Lieblingsautor ist und sicherlich einer der entscheidenden Einflüsse, wieso ich jemals den Mut gefasst habe, überhaupt den Stift selbst in die Hand zu nehmen und zu schreiben.

Umso schwerer tue ich mich mit der Bewertung von „Mind Control“. Denn dieser Roman ist der dritte und damit abschließende Teil einer Trilogie – einer Trilogie, die sich für mich nicht nach einer anfühlt.

Die ersten beiden Bände, „Mr. Mercedes“ und „Finderlohn“ führten uns bereits in die Welt der Protagonisten ein. Die zentrale Figur ist William „Bill“ Hodges, ehemaliger Polizist, der zu dem Zeitpunkt, an dem wir ihn kennenlernen, kurz davor ist, sich umzubringen. Sein ganzes Leben scheint für ihn einfach keinen wirklichen Sinn mehr zu besitzen und so spielt er neben seiner TV-Fernbedienung auch immer wieder mit seiner alten Waffe herum.

Aus seiner Lethargie wird er dadurch gerissen, dass er auf seinem Computer von einem geheimnisvollen Mann kontaktiert wird, von dem sich im Laufe der Handlung herausstellt, dass es derselbe ist, der kurz zuvor mit einem gestohlenen Mercedes in eine Menschenmenge raste und dort eine ganze Menge Leid und Tod angerichtet hat. Obwohl der Killer Hodges eigentlich den letzten Schubs in den Tod geben will, erreicht er genau das Gegenteil: Der ehemalige Cop ermittelt und schafft es schließlich auch, den Killer zu stellen. Damit habe ich, denke ich, noch nicht zu viel verraten.

In diesem ersten Band lernen wir Bill Hodges kennen, sowie zwei weitere wichtige Figuren, die seinen Weg begleiten werden: Jerome Robinson, der ursprünglich eigentlich nur seinen Rasen mäht, und Holly Gibney, eine auf vielerlei Weise besondere Frau. Am Ende steht fest, dass Hodges sich nicht umbringen, sondern sich mit einer Detektei oder etwas Ähnlichem selbstständig machen wird.

Und genau hier setzt der zweite Teil, „Finderlohn“ ein. Wir haben dieselben Personen, wir haben dasselbe Setting, aber wir gehen jetzt einen Schritt weiter: Hodges hat seine Agentur eröffnet und bearbeitet einen vollkommen neuen Fall, in dem zwar auch Personen eine Rolle spielen, die durch die Ereignisse in „Mr. Mercedes“ beeinflusst wurden, die aber mehr der Ausgangspunkt als der Hauptinhalt sind.

„Finderlohn“, von dem ich handlungsmäßig gar nicht viel verraten möchte, weil diese für meinen mir wichtigen Punkt gar nicht so wichtig ist, fühlt sich sehr stark wie ein zweiter Teil einer Trilogie an. Es wird ein neuer Weg eingeschlagen, aber die Personen haben ihren stabilen Unterbau. Sie sind uns als Leser bekannt und wir freuen uns, sie wiederzusehen. Das Gefühl stimmt.

Sowohl „Mr. Mercedes“ als auch „Finderlohn“ lassen sich ohne große Magenschmerzen in das Genre „Krimi“ einordnen. Allerdings gibt es da eine kleine Andeutung zum Ende des Romans hin, die schon erkennen lässt, dass Mr. King nicht vergessen hat, für welche Art Romane er berühmt geworden ist.

Und nun also „Mind Control“. „Mind Control“ ist der dritte Band der Trilogie, der Band, in dem es das furiose Finale geben muss. Der Band, in dem uns die Figuren, die uns ans Herz gewachsen sind, noch einmal so richtig packen und mitreißen sollen.

Nun, das zumindest funktioniert. Besonders Bill Hodges und Holly Gibney sind inzwischen nicht mehr nur einfache Romanfiguren, sondern plastische Persönlichkeiten geworden. Das beherrscht Stephen King nach wie vor wie kaum ein anderer Autor.

Es gibt auch das grandiose Finale, das die ganze Trilogie von hinten aufrollt und damit zu einem Abschluss bringt, indem es noch einmal um den Killer aus „Mr. Mercedes“ geht.

Mein Problem ist nur: „Mind Control“ ist alles, aber kein Krimi mehr!

Natürlich gibt es Elemente, die diesem Genre artverwandt sind. Man kann die Personen und ihre Handlungen ja nicht völlig ohne die Detektivagentur sehen, oder ohne ihre Erlebnisse aus den letzten beiden Romanen. Aber ebenso wenig, wie die Geschehnisse aus „Finderlohn“ noch eine echte Rolle zu spielen scheinen, spielt die tatsächliche Ermittlungsarbeit eine echte Rolle.

„Mind Control“ ist von Anfang an ein echter Stephen King. Das macht aus ihm einen guten Roman. Aber einen nur sehr unbefriedigenden Abschluss seiner Trilogie.

Die Figuren müssen sich auf einmal mit Dingen auseinandersetzen, die für sie vollkommen fremd sind. Um das „Star Wars“-Beispiel vom Anfang aufzugreifen ist das Gefühl hier in etwa so, als wenn Episode IV und V ganz normale Science-Fiction gewesen wäre und in Episode VI auf einmal jemand gesagt hätte: »Ach, übrigens, es gibt da diese geheimnisvolle Macht, die alles umfließt. Fragen danach den grünen Zwerg du musst.«

Der ganze übernatürliche Aspekt, der zwar in „Finderlohn“ schon angedeutet wurde, wird nicht etwa langsam und vorsichtig in die Handlung integriert, sondern mit der Gewalt einer Dampfwalze hineingepresst.

Mehr als einmal ertappte ich mich beim Lesen dabei, dass ich das Gefühl hatte, dass diese Figuren in einen vollkommen falschen Roman hineingeraten sein könnten. Vor allem wurde ich die Frage nach dem Motiv für diese Vorgehensweise nicht los. Keine Frage, Stephen King hat die eine oder andere steile Stirnfalte hervorgerufen, als er plötzlich „normale“ Krimis veröffentlichte. Aber bei einem Autor, dem man schon zu Beginn der Achtziger nachsagte, er könne auch seinen Einkaufszettel veröffentlichen und die Leute würden ihn kaufen, erwarte ich eigentlich nicht, dass er vor dieser Meinung eingeknickt ist.

King ist in Teilen ein Discovery Writer. Das bedeutet, dass er von einer Idee ausgehend schreibt, ohne ein vollständiges Konzept zu haben. Natürlich ist er inzwischen so routiniert, dass trotzdem ein Werk dabei herauskommt, dass sich liest, als sei es durchkonzeptioniert. Hier habe ich das erste Mal das Gefühl gehabt, dass es nicht so gut geklappt hat, wie sonst.

Ist „Mind Control“ also als misslungener Abschluss zu betrachten? Ja und nein. Für die Trilogie-Puristen muss er sich wie eine Enttäuschung anfühlen. Für die altgedienten King-Fans, die sich nach dem Übernatürlichen umsehen und immer freuen, wenn sie es finden, dürfte anderes gelten.

Ich persönlich bleibe diesem Roman gegenüber zwiespältig, was dazu führt, dass ich ihn persönlich als den schwächsten dieses Dreiteilers in Erinnerung behalten werde. Auf der anderen Seite finde ich ihn aber, als Anschauungsobjekt, auch wieder sehr spannend, weil er zeigt, dass ein gutes Buch allein nicht garantiert, auch ein guter Abschlussband für eine Trilogie zu sein.

Wie steht es mit euch – habt ihr diese Trilogie gelesen und eine ganz andere Meinung? Oder empfindet ihr Trilogien an sich anders, als ich es geschildert habe? Mögt ihr überhaupt Fortsetzungsgeschichten?

Verratet es mir doch in den Kommentaren!

14 Gedanken zu “Eine Trilogie, die sich nicht wie eine anfühlt – Stephen Kings „Mind Control“

  1. Hanna Mandrello schreibt:

    Also nu isses so weit, jetzt hast du mich so neugierig gemacht, dass ich „Mind Control“ unbedingt haben muss. Ohne das Buch zu kennen (aber natürlich die ersten beiden Teile) möchte ich einfach mal anmerken, dass King nicht mehr King ist, wenn er „nur“ Krimis schreibt. Ich bin auf die übernatürliche Dampfwalze jetzt sowas von gespannt!! Liebe Gruesse

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  2. Ob man diese drei Bücher nun Trilogie nennt oder nicht, ist für mich zweit(oder, um im Bild zu bleiben: dritt)rangig. Ich habe sie nicht als solches gelesen, für mich waren das halt ein paar (hätten auch mehr werden können) Bücher über bestimmte Charaktere. Mich hat auch der übersinnliche Aspekt nicht gestört – immerhin wurden die neuen Fähigkeiten vom bösen, bösen Mr. Mercedes ja doch durch die experimentellen Medikamente hinreichend erklärt. Für mich war’s eher umgekehrt: der dritte Band hat mich mit den beiden Vorgängern versöhnt.
    Liebe Grüße!

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    • So unterscheiden sich die Sichtweisen :-). Dann nehme ich an, dass dir Band 1 und 2 nicht fantastisch genug waren? Damit hatte ich kein großes Problem, weil ich Mr. King inzwischen seine Vielfältigkeit zugestehe. Da hatte ich damals bei „Die Augen des Drachen“ oder den Bachmann-Romanen „Amok“ und „Sprengstoff“ mehr Schwierigkeiten. Von „Colorado Kid“ mal ganz zu schweigen …

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  3. Ne, ob fantastisch oder nicht, das war mir eigentlich egal. Schließlich sind auch frühe Bücher von ihm ohne diese Elemente ausgekommen – allen voran etwa „Misery“, das war auch „nur“ ein Thriller. Ich glaube, mich hat einfach das Genre Detektivroman ein wenig gelangweilt. Ich dachte, muss er das jetzt auch machen? Dann sollte es – irgendwie – besser sein. Auch die Cormoran-Strike-Bücher von der Rowling sind ja an sich „gut“, aber eben (ähnlich wie bei den ersten beiden Bil-Hodge-Kings) nicht soooo gut, dass sie aus der Masse ähnlicher Romane abstechen. Misery in der Kategorie „hriller“ war da schon ein ganz anderes Kaliber … Selbst Colorado Kid empfand ich da als eigenständiger. Und „Die Augen des Drachen“ – danke für die Erinnerung. Das mochte ich sehr 🙂
    Abgesehen davon sind wir uns zumindest ja auch da einig (und das hast Du oben schön beschrieben): Jedes Buch von King ist – abgesehen vom persönlichen Geschmack und eigenen Vorlieben – schon allein deshalb so gut geschrieben, weil King mit zwei, drei Sätzen seine Figuren derart lebendig werden lässt …

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    • Stimmt, „Misery“ hatte ich jetzt ganz vergessen (Schande über mich).

      „Colorado Kid“ habe ich einfach als ziellos empfunden. Aber das lag, glaube ich, auch am Erscheinungszeitpunkt des Romans. Das war ja kurz nach der kolportierten Ankündigung, dass King nach dem Ende seines Turm-Zyklus mit dem Schreiben aufhören würde. Und als ich das Büchlein dann las ertappte ich mich bei dem Gedanken, ob das nicht vielleicht die bessere Entscheidung gewesen wäre …

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      • Ja, stimmt, das war eine echte „Horror“-Meldung damals: Der olle King hört auf. Und wie gesagt: Abseits von all dem Gebashe à la Der-frühe-King-mit-Alkohol-war-viel-besser: Letztlich ist jedes Buch von ihm ein gutes Buch. Manche mehr, manche weniger, aber alle Kunscht 🙂 Am besten von diesen „neueren“ hat mir übrigens „Love“ gefallen – natürlich schon allein weil’s mal wieder ums Thema „Schreiben“ ging.

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      • Es ist irgendwie seltsam, aber bei vielen Büchern Kings nach dem Turm geht es mir so, dass ich Probleme habe, anhand der deutschen Titel die Handlung zu erinnern. Wenn du jetzt nicht die Sache mit dem „Schreiben“ erwähnt hättest, hätte ich erst wieder nachschauen müssen, worum es in „Love“ genau ging. Das gibt sich bei mir erst ab „Die Arena“ wieder.

        Ich mochte den späten Bachmann wegen seiner Hauptfigur. Mein Favorit ist aber „Die Arena“, auch wenn die Auflösung etwas arg vorhersehbar gewesen ist. Es erinnerte mich mit seinem großen Ensemble an die guten alten Castle-Rock-Geschichten.

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      • Deutsche Titel – da sagst Du was 🙂 . Entweder diese englischen Titel, die nicht die originalen sind (auch „Mind Control“ heißt ja „The last patrol“ oder so ähnlich als Anspielung auf den Grabstein am Ende), oder sinnfreie Einzelwörter. Meine Theorie ist ja, dass Heyne so kurze Titel wie möglich will, damit „Stephen King“ noch größer aufs Cover gedruckt werden kann. Und auch die Turmbücher haben ja schon Ein-Wort-Titel, die ich nie wirklich auf die Reihe kriege
        Ja, Arena gefiel mir auch gut, abgesehen, Du hast es schon geschrieben, von der mauen Auflösung. Ach ja, seufz, Castle Rock …

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      • An der Theorie könnte was dran sein, wenn man sich die Dinger nebeneinander im Regal anschaut. Besonders schlimm finde ich das bei „Revival“.

        Beim Turm geht es bis auf „tot“ und „Wolfsmond“ eigentlich. Die Originaltitel sind zwar schöner, aber man kann sie irgendwie noch ableiten.

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