Meldung und Meinung: Rechte Literatur auf dem Büchertisch

Gerade eben lese ich im Newsletter des Börsenblatts eine Meldung der taz, bei der ich eigentlich hoffte, dass es sich um einen verspäteten Aprilscherz handelt. Aber da der erste April nun schon ein halbes Jahr her ist, muss ich wohl glauben, was ich da las.

Die Buchhandlung Thalia, Marktführer im deutschen Sortimentsbuchhandel, hat in ihrer Bremer Filiale einen Büchertisch zu „aktuellen Themen“ eingerichtet, auf dem sich, neben einigen anderen Büchern, auch offen revisionistische, verhetzende und generell gegen Ausländer Stimmung machende Werke befinden.

Vielleicht kennt der eine oder andere von euch die typischen Anzeigen von Verlagen wie „Kopp“, die sich, eigentlich schon ein Unding an sich, gerne in Publikationen wie der „ADAC Motorwelt“ finden lassen. In diesen Anzeigen werden Bücher beworben, in denen es darum geht, wieso wir alle von Geheimbünden regiert werden, dass alle Politiker im Grunde Außerirdische sind und dass es eine zweite, geheime Erde gibt, zu der man den Eingang in der Antarktis suchen muss.

(Die Beispiele sind fiktiv, weisen aber durchaus in die richtige Richtung.)

Das sind mehr oder weniger, eher weniger, ernst zu nehmende Dinge. Soll diese Bücher lesen, wer damit glücklich wird. Tatsache ist nur, dass diese Verlage – es gibt mehrere davon – auch nicht davor zurückschrecken, Publikationen in ihr Programm aufzunehmen, deren Titel zum Beispiel lauten: „Grenzenlos kriminell – Was uns Politik und Massenmedien über die Straftaten von Migranten verschweigen“.

So weit, so unappetitlich. Wenn der Artikel der taz nicht ein Foto bringen würde, auf dem genau dieses Buch in der Auslage der Bremer Thalia-Filiale zu sehen ist. Und es befindet sich anscheinend in Gesellschaft von ähnlichen Werken, denen ebenfalls gemein ist, dass sie genau das sind: Gemein!

Man könnte aufgrund dieser Tatsache wunderbar über den Aspekt der Meinungsfreiheit diskutieren. Ist eine Buchhandlung nicht vielleicht sogar dazu verpflichtet, dem potenziellen Käufer jede Möglichkeit offen zu halten, das zu kaufen, was er oder sie sucht?

Ich habe dazu eine klare Antwort: Nein!

Aus meiner Sicht muss eine Buchhandlung sich ihrer Verantwortung bewusst sein. In anderer Beziehung ist sie dies ja auch, denn schließlich werden vielerorts nicht zuletzt Selfpublisher mit Argumenten abgewiesen wie dem, dass man nur „qualitativ geprüfte“ Verlagsware ins Sortiment aufnehme.

Wieso dann hier an dieser Stelle die kommentarlose Auslage von, ich kann es nicht anders nennen, aufhetzendem Gedankengut? Handelt es sich um einen bedauerlichen Einzelfall, bei dem einem Thalia-Einkäufer die eigene Gesinnung die Hand gehalten hat, als er die Bestellung beim Verlag aufgab? Hat sich denn vom Personal keiner gewundert, als der Tisch, auf dem dieses und andere „Werke“ liegen, gestaltet wurde?

Wir leben in einer Zeit, in der es für viele Menschen wieder einfach wird, ihre eigenen Probleme auf die „Ausländer“ und die „Migranten“ zu projizieren. Die Wahlerfolge der selbsternannten „Alternative für Deutschland“ legen das nahe. Mir wird übel bei dem Gedanken, dass durch eine prominente Platzierung von fragwürdigen Büchern in einer großen Buchhandlung der Eindruck geschaffen wird, dass da wirklich etwas dran sein könnte an dem, was die Politiker der AfD und ähnlicher Gruppierungen behaupten.

Thalia selbst redet sich auf die Meinungsfreiheit heraus. Gegen die ist im Grundsatz ja auch nichts einzuwenden. Ich kann mich allerdings noch gut an die Veröffentlichung der redaktionell bearbeiteten und kommentierten Ausgabe von „Mein Kampf“ erinnern. Damals haben viele Buchhandlungen es abgelehnt, diese Ausgabe überhaupt in den Präsenzbestand zu übernehmen. Ich meine, auch Thalia sei darunter gewesen. Damals war man sich auf jeden Fall einig, dass ein Werk Adolf Hitlers nicht ins Schaufenster gehöre.

Ich sage: Auch ein Werk wie das Genannte oder „Beuteland Deutschland. Die systematische Plünderung Deutschlands seit 1945“ vom gleichen Büchertisch gehören nicht prominent ausgestellt. Steckt sie irgendwo ins Regal, wenn ihr meint, dass das zur Meinungsfreiheit gehört. Aber sie im Eingangsbereich zu platzieren, das deutet auf Geschäftemacherei am rechten Rand der Gesellschaft hin.

Und da sollte ein Unternehmen wie Thalia, ich schließe mich der im Artikel zitierten Fraktionsvorsitzenden der Bremer Linken, Kristina Vogt, an, „eine Meinung und vor allem auch eine Haltung“ haben.

Ich jedenfalls habe eine.

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17 Gedanken zu “Meldung und Meinung: Rechte Literatur auf dem Büchertisch

  1. Wow, wie übel. Wäre das mein Buchladen, würde ich dort gewiss nichts mehr kaufen, aber ich würde auf jeden Fall das Gespräch mit dem Filialleiter suchen und dem mal meine Meinung zur Meinungsfreiheit geigen. Verhetzung und Meinung sind nämlich zwei grundverschiedene Dinge. Andererseits sind wir bei rechtem Propagandagut immer schnell mit einem Urteil dabei, wir sollten gleiches in alle Richtungen extremistischer Gesinnungen ausrollen.

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    • Da gebe ich dir recht, was deinen Schlusssatz anbelangt. Andererseits sind die Zeiten linker Gewalt in dem Ausmaß, wie wir es noch vor einigen Jahrzehnten erlebt haben, ja zum Glück vorbei.

      Ich schwanke immer dazwischen, diese „Werke“ zu ignorieren und mal in eins reinzulesen, um, sozusagen, zu wissen, was ich verdamme. Aber da sind mir Zeit und Geld dann doch irgendwie zu kostbar.

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  2. Wahre Worte! Ich habe mich unendlich geärgert, als ich von dieser Sache mitbekommen habe. Überhaupt ärgere ich mich, immer öfter menschenverachtende Inhalte unter dem Deckmäntelchen der „Meinungsfreiheit“ salonfähig zu sehen.

    Es geht zum Teil schon zu weit. Neulich erst im Rahmen eines FPÖ-Skandals auf Facebook, wo mehrere rechtsextremischte Zitate privater FB-Gruppen veröffentlicht worden, à la: „Alle Muslime gehören angezündet, ich spende das Benzin dafür!“, fällt manchen Leuten nichts anderes rein, als zu kommentieren: „Und? Der hat doch nur seine Meinung gesagt. Man darf in Österreich/ Deutschland nicht einmal mehr seine Meinung sagen!“

    Eigentlich ist die Sache ganz einfach: Ja, es ist eine Meinung! Und manche Meinungen sind zu recht strafbar. Wo Einzelpersonen oder Literatur andere anstacheln, blutrünstige Aussagen gegen Ausländer zu fällen, hört der Spaß auf.

    Ich könnte auch schreiben: „Alle Christen gehören verbrannt!“, aber über einen Backlash oder gerichtliche Ahnung darf ich mich dann nicht wundern!

    Eine Schande, dass Thalia solch radikales Gedankengut mit dieser Aktion zur Norm erhebt.

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    • Zu dem, was du da schilderst, fällt mir jetzt so gar nichts mehr ein. Glauben manche Menschen eigentlich, sie würden sich im Internet im vollkommen rechtsfreien Raum bewegen? Scheint wohl so zu sein, nicht wahr?

      Ich bin durchaus dafür, dass jeder seine Meinung haben kann. Wie ist der Spruch: Ich bin zwar nicht Ihrer Meinung, aber ich würde dafür kämpfen, dass Sie sie sagen dürfen.

      Aber es gibt für jeden Spruch Ausnahmen. Das wäre eine davon.

      Ich kann nur hoffen, dass Thalia sich mit der Sache ein Ei ins Nest gelegt hat. Aber ich fürchte, dass es den meisten Menschen egal sein wird, was da ausliegt.

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  3. Mir juckte schon ein sehr ähnlicher Beitrag in den Fingerspitzen, wobei ich vermutlich gleich noch den ganzen Esoterik-Müll, der sich in den Filialen der Buchhandelsketten mit einbezogen hätte.
    Das ist nämlich genau die gleiche Schiene. Ist zum Großteil hahnebüchener Unsinn, wird lebensgefährlich, wenn man es verabsolutiert, verkauft sich aber wie geschnitten Brot.
    Kann man machen, ist halt Scheiße.
    (Sry, wenn ich das so sage. Aber dass ich über Geister, Flüche und Übernatürliches schreibe, heißt noch lange nicht, dass ich daran glaube.)
    Btt: Sich mit „Meinungsfreiheit“ rauszureden, finde ich billig. Klar kann man diese Meinung haben. Dann muss man aber damit leben, dass andere sie kritisieren, statt sofort „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ zu schreien und zu lamentieren, man werde zensiert. Und wenn Thalia wirklich an einer Auseinandersetzung gelegen wäre, hätten sie die entsprechenden Gegenpositionen dazu gepackt. Arrival City z. B. Oder AfD – Bekämpfen oder ignorieren?: Intelligente Argumente von 14 Demokraten, Oder eine Dokumentation über die Nürnberger Prozesse. Am besten alles und mehr. Es hätte genug gegeben.

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    • Ja, zu Esoterik habe ich auch meine ganz eigene Meinung. Aber ich bin bei ganz vielen Dingen einfach zu sehr Realist, deswegen bin ich da nicht anfällig. Die Esoteriker sind für mich nur deswegen eine andere Schiene, weil sie nicht so eine Strahlkraft auf andere ausweisen, wie die Rechten es tun (oder die Extrem-Linken, um ausgeglichen zu sein).

      Meiner Meinung nach gehört so eine „Literatur“ gar nicht in eine Buchhandlung. Denn der Buchhändler ist doch der, der getreu seinem Selbstbild die Schnittstelle zwischen guten Büchern und dem Leser darstellt. Das soll doch das sein, was ihn gegenüber dem Internetbuchhandel hervorhebt.

      Dann soll er seinen Job gefälligst auch machen, finde ich. Und zwar in alle ideologischen Richtungen.

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      • Die Esoteriker gehören für mich schon deshalb dazu, weil das oft die gleiche Zielgruppe ist. Nicht von ungefähr veröffentlicht der Kopp Verlag auch sowas.
        Und ob ausgerechnet Thalia irgendwas mit dem Selbstbild des Buchhändlers gemein hatte, wage ich zu bezweifeln. Thalia gehörte lange Zeit der Douglas Holding und wurde im Prinzip wie eine Papierwarenhandlung geführt. Eine, in der es eben auch bedrucktes Papier gab.^^

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      • Ich hatte ja in meinem Beitrag auch auf die Leser hingewiesen, die unsere Bundeskanzlerin für eine Außerirdische halten ;-).

        Thalia muss sich an dem Selbstbildnis messen lassen, das sie an anderer Stelle immer wieder abgeben wollen. Klar kann man sagen, dass das auch stark auf den jeweiligen Angestellten vor Ort ankommt. Aber das ändert nichts daran, dass Thalia immer vorne mit dabei war, wenn es darum ging, den bösen, bösen Internethandel abzukanzeln. Wobei damit in der Regel ja ohnehin nur die ungeliebte Konkurrenz mit dem ‚A‘ am Anfang gemeint ist.

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      • Das stimmt natürlich. Wobei das Abkanzeln der Konkurrenz auch dazu dienen könnte, die Tatsache zu verschleiern, dass Thalia seinen eigenen Online-Laden nicht gut auf die Reihe bekommt. Wenn ich einen neuen Titel hochlade dauert es immer ein paar Tage länger als bei der Konkurrenz, bis auch Thalia ihn anbietet. Wobei ich mit Konkurrenz nicht nur das große A meine. ^^

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