Das Schreiben der Anderen: „Schweig still“ von Mikaela Sandberg

Nach etwas längerer Zeit möchte ich euch an dieser Stelle mal wieder eine Rezension präsentieren. Dabei geht es um einen Roman, der in gewisser Weise auch ein Debüt darstellt, obwohl die Autorin schon eine ganze Menge Geschichten auf dem Kerbholz hat. Mikaela Sandberg (das ist ein Pseudonym von Michaela Stadelmann, die im Internet auf ihrem Blog textflash.de unterwegs ist) legt mit „Schweig still“ ihren ersten Krimi vor. Und ich habe mir diesen Roman einmal genauer angeschaut.


schwstillIst es verwunderlich, dass der 14-jährigen Nelli niemand glaubt, als sie auf dem Polizeirevier von Ystad erscheint und eine Räuberpistole über ihre verschwundene Mutter erzählt? Nein, eigentlich nicht. Denn Nelli ist den Beamten schon lange bekannt. Sie trinkt, lungert herum und ist ganz allgemein nicht eben ein Ausbund an Glaubwürdigkeit.

Deswegen würde die junge Kommissarin Hannah Lundqvist die Sache eigentlich auch lieber auf sich beruhen lassen, zumal die beiden Frauen auf Anhieb eine gewisse Abneigung gegeneinander entwickeln. Dazu kommt noch, dass Hannah schon genug schlechte Laune hat, weil ihr Chef auf Familienurlaub macht und ihr Kollege Gunnar Nyberg, auf den sie mehr als ein Auge geworfen hat, sich mal wieder irgendwo herumtreibt. Höchstwahrscheinlich im Beisein irgendeiner Frau.

Aber der Fall lässt sich nicht ignorieren, denn die begnadete Balletttänzerin Stina Larsson, Nellis Mutter, ist nicht einfach nur so verschwunden, sondern das Haus, in dem die beiden leben, ist über und über mit Blut besudelt. Nachbarn haben einen Mann gesehen, der morgens das Haus verließ. Nelli war nach einem heftigen Streit mit ihrer Mutter bei einer Freundin und käme durchaus auch als Täterin infrage. Und dann ist da noch die Chefin von Frau Larsson, die sich nicht um die Frau sorgt, sondern nur um ihre Matinee, die am nächsten Tag stattfinden soll.

Genügend Spuren für Hannah und Gunnar, um sich in dem komplizierten Fall, in dem zu allem Überfluss auch noch die Vergangenheit der Familie Larsson eine Rolle zu spielen scheint, gewaltig zu verheddern …

Ich finde es immer schwer, eine Rezension zu einem Krimi zu schreiben. Schließlich liegt der große Reiz dieser literarischen Gattung darin, den Leser möglichst lange im Dunkeln tappen zu lassen, wie die Zusammenhänge sind. Das macht es nicht leicht, konkret die Dinge anzusprechen, die besonders gut und nicht so gut gelöst worden sind. Deswegen muss ich an dieser Stelle leider ein wenig vage bleiben.

Den Einstieg in die Handlung finde ich sehr gut gewählt. Man erfährt aus der Perspektive der jungen Nelli einiges über das vorangegangene Geschehen und kann ihre eigene Angst gut miterleben und nachspüren. Vor allem aber auch die Ambivalenz, die sie ihrer Mutter gegenüber empfindet. Denn sie ist alles in allem nicht wirklich damit einverstanden, wie ihr Leben läuft und macht ihre Mutter dafür verantwortlich.

Nelli wird dabei selbst als eine durchaus starke, aber auch verletzliche Person gezeigt, die in ihren Eskapaden auch eine Flucht sieht. Wenn man sich als Leser vor Augen führt, dass sie eben wirklich erst 14 ist, ist es leicht, diese Zerrissenheit zu spüren.

Einige Passagen, in denen Nelli die Hauptfigur ist, werden auch in der Ich-Perspektive aus ihrer Sicht geschildert. Ein gut eingesetztes Stilmittel, um auch Gedanken und Gefühle dem Leser zeigen zu können.

Ein wenig Probleme hatte ich mit der Charakterisierung der beiden Polizisten. Das hat weniger damit zu tun, dass ich sie nicht für glaubwürdig halten würde. Das Gegenteil ist der Fall. Sowohl Hannah als auch Gunnar handeln in ihren Rollen zu jedem Zeitpunkt nachvollziehbar und tun dies auch in ihrer Beziehung zueinander.

An manchen Stellen wurde mir nur ein wenig zu sehr auf Aspekte wie die von Hannah angestrebte außerdienstliche Beziehung oder Gunnars sexuelle Eskapaden eingegangen. Da der Krimi insgesamt mit rund 200 Seiten (Angabe des Verlags) nicht besonders lang ist, fielen mir diese Passagen ein wenig zu lang aus.

Meiner Meinung nach wird hier deutlich, dass die Autorin bei der Konzeption des Pärchens schon an einen eventuellen Nachfolger gedacht hat. Der ist im Genre ja beinahe schon obligatorisch und ich wünsche dem Roman, dass er genügend Leser findet, die eine solche auch rechtfertigen.

Dennoch bleiben mir Teile der Ermittlungsarbeit zu oberflächlich, werden einige Zusammenhänge zu schnell zu offensichtlich. Zwar wird am Ende noch einmal ein Twist angedeutet, der, meiner Meinung nach, jedoch verpufft, da ganz zum Schluss doch alles so ist, wie man es sich schon viel früher im Roman gedacht hat.

Dies ist die Stelle, an der ich gerne konkreter würde, es aber im Rahmen dieser Rezension nicht kann. Deswegen möchte ich nur noch sagen, dass mich das nicht im Wortsinne gestört hat, aber mir doch ein wenig simpel vorkam.

Was am Ende überwiegt ist ein flott geschriebener, schnell und gut zu lesender Krimi mit stimmigen Personen, einem gut geschilderten sozialen Umfeld, einer sehr glaubwürdigen 14-jährigen (was ja auch nicht selbstverständlich ist) und der Aussicht auf die eine oder andere weitere Geschichte mit Hannah Lundqvist und Gunnar Nyberg.

Die Höchstwertung muss ich für dieses Mal noch in der Tasche lassen, aber ich bin mir sicher, dass sich das beim nächsten Roman ändern wird, weil dann die Personen und ihre Konstellationen untereinander bekannt sind und dieser Part einen kleineren Raum in der Geschichte einnehmen kann.

Ein Krimidebüt, das ich gerne gelesen habe und deswegen auch jedem, der etwas für Schweden-Krimis übrig hat, ans Herz legen möchte.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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19 Gedanken zu “Das Schreiben der Anderen: „Schweig still“ von Mikaela Sandberg

    • Freut mich, dass du mit meiner Rezi einverstanden bist :-).

      Lieb, dass du nach meinem Roman fragst! Ich bin mitten in den fortgesetzten Überarbeitungen. Der erste Schritt ist, jede Menge Text rauszukürzen, weil ich da einiges an Input von den Testlesern bekommen habe. Ich hoffe, damit vielleicht heute noch fertig zu werden. Danach geht es dann an „kleinere“ aber wichtige Feinschliffarbeiten.

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  1. Klingt richtig gut und würde mir sicher gefallen *für Weihnachtswunschzettel vormerk* Etwas problematisch finde ich für mich persönlich, wenn in einem Buch die Protagonisten in einem ähnlichen Alter sind wie meine Kinder, weil ich dann automatisch vergleiche, also über weitere Gefahren nachdenke…
    Was dein eigenes Buch angeht – ich drück dir die Daumen, dass es so läuft, wie du es dir vorstellst. Das ist bestimmt eine Menge Arbeit – zeitlich und nervlich. Ich möchte eigentlich gar nicht so gern in deiner Haut stecken, auch wenn ich schon wieder eine neue Idee hab, was ich gern schreiben würde. Aber ich tus nicht. 🙂

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    • Ich habe ja selber eine 13-jährige zu Hause. Und ich finde, dass das eigentlich ja eine gute Sache ist, wenn man einen „Vergleich“ hat, ob da die jugendliche Hauptperson authentisch geschildert ist. Es gibt dem Stoff noch einmal einen weitere Ebene. Klar, man muss sich in anderer Weise auch abgrenzen können. Aber das muss man als Elternteil ja sowieso dauernd, sonst dürfte man auch nicht mehr in die Zeitung schauen o.ä.

      Ja, die Arbeit an meinem Roman ist eine Menge Arbeit, vor allem im Moment auch nervlich. Dieser Urlaub wird mit Sicherheit nicht als der erholsamste in die Geschichte eingehen. Aber ich bekomme jetzt einiges von dem geschafft, was ansonsten wieder ewig gedauert hätte.

      Wenn du eine Idee zum Schreiben hast, dann ist das doch toll! Wenn du es irgendwie schaffst, dir dafür kleine Zeitfenster zu schaffen, dann würde ich dir raten, es zu tun. Es könnte dir einen Ausgleich schaffen. Jedenfalls mir geht es oftmals so.

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      • Du hast schon wieder Urlaub? Ui, das freut mich für dich, auch wenn es nicht erholsam klingt. Aber eine Auszeit von der Arbeit ist immer gut denke ich.
        Ich kann mich manchmal schlecht abgrenzen und ich geb zu, ich muss mir dann sagen… das Alter weicht ab, das passiert jetzt nicht mehr oder kann jetzt nicht passieren, weil… ich habe eine Art Wort-Phobie… Worte sind mächtig… ich spinne manchmal, aber solange ich das noch merke…

        Was mein Schreiben angeht… ich hab schon seit ein paar Jahren schon eine andere Idee für einen Krimi/Thriller und hatte sogar schon recherchiert, analysiert, Infos zusammengetragen, die Personen ausgearbeitet. Nur anfangen mag ich nicht, weil ich zu ungeduldig bin. Ich würde mich verrennen, würde nicht fertig werden, wäre frustriert. Ich bin (noch) nicht reif glaub ich… Darum schreib ich ja nur Kurzgeschichten und auch da gebe ich – meiner Ungeduld geschuldet – nur vielleicht 80 – 90 %. Für ein Buch braucht man 110% 🙂

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      • Ich hatte letzte Woche schon Urlaub, Kitty. Aber du warst eine Weile nicht hier, glaube ich, deswegen sei es dir verziehen, dass du das nicht mitbekommen hast ;-). Danach ist aber bis Weihnachten auch Schluss mit Urlaub. Da habe ich dann zwischen den Feiertagen „Zwangsurlaub“, weil mein Dienstherr die Verwaltung dicht macht.

        Ich finde nicht, dass du spinnst. Ich stelle mir das nur unglaublich anstrengend vor, wenn die Abgrenzung zu fiktiven Geschichten so schlecht klappt.

        Für ein Buch braucht man keine 110%, das ist übertrieben. Man kann es auch mit 80-90% schaffen, braucht dann aber länger. Ich weiß jetzt nicht mehr, in welchem klugen Hirn der Satz ausgearbeitet wurde, aber wenn du jeden Tag eine (1) Seite schreibst, hast du am Ende des Jahres einen Roman mit 365 Seiten. Das reicht dicke für einen Krimi. Man muss sich nicht so unter Druck setzen. Auch wenn ich selber ein gutes Gegenbeispiel bin ;-).

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      • Das ist aber lieb, dass du mir verzeihst. 🙂 In der Tat habe ich deinen Blog leider etwas vernachlässigt. Ich wollte das immer nachholen, weil ich gute lange Beiträge nicht einfach so überfliegen möchte und dann komm ich nicht dazu und es gerät in Vergessenheit oder erscheint nicht mehr im Reader und dann ist es fort in meinem Kopf. *zugeb*

        Es ist anstrengend, wenn es so ist und wenn eine Geschichte fiktiv genug ist, dann geht es besser mit dem Abgrenzen. Je ähnlicher die Situation, desdo schwerer für mich. Und Zeitung lese ich aus dem Grund schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Was ich im Emaildingens lese, reicht mir. Und was ich im Radio mithöre aus den Nachrichten, wenn wir Auto fahren… reicht völlig, um mir sicher zu sein, dass es in der Welt zu viel Böses gibt und mir das Angst machen kann…

        Mit den 110 bzw. 80 – 90 % haben wir uns, glaub ich, missverstanden. Wenn das Buch fertig ist erwartet der Leser mit Recht ein Buch, dass mindestens 100% hat. Und die kann ich nicht garantieren, darum fang ich erst gar nicht an. Und mit nur einer Seite am Tag, da müsst ich ja jedes Mal einen Gedankengang abbrechen. Nee, wenn ich mir das so vorstelle… ich tauche ja ein in mein Kopfkino, lasse es laufen, erlebe es hautnah mit und schreibe einfach nur auf was ich sehe… überarbeiten kann man später. Aber was mir da Angst macht ist, dass ich dann nicht unterbrochen werden darf, dass ich dann richtig wütend werden kann, wenn einer was von mir will… weil es dann weg ist, futsch… und das geht einfach nicht mit Familie. Da geht mal ne Kurzgeschichte, die dauert mit Überabeitung vielleicht 1 Stunde alles zusammen (also wirklich kurze), aber für mehr kann ich mich nicht komplett rausziehen aus dem Leben… Da müsst ich auf eine einsame Insel ziehen…
        Und ja, du bist ein sehr gutes Beispiel für sich selbst Druck machen. Ich finde, du machst das alles sehr eindrucksvoll und professionel! 🙂

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      • Ich meinte das als Scherz mit dem „verzeihen“. Ich hoffe, das weißt du.

        Äh, kitty, was du da schreibst über das Schreiben, vor allem der nette kleine Satz „das geht einfach nicht mit Familie“ … ich will ja nicht überheblich klingen, aber ich bin der lebende Beweis, dass es auch mit Familie geht. Man muss sich anpassen. Man muss vielleicht auch an sich arbeiten, dass man einen Handlungsfaden jederzeit wieder aufnehmen kann. Aber es geht. Meine Große wird noch dieses Jahr 14 und in der Zeit habe ich schon den einen oder anderen Roman geschrieben.

        Danke dir für das Kompliment! Wenn es denn eins war, so ganz sicher bin ich mir da nicht (Stichwort Druck) 😉 :-).

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      • Also bis auf den Druck war es natürlich ein Kompliment!! Du machst das wirklich vorbildlich und ich wünschte, ich könnte das auch so gut. Aber genau das ist es, was uns unterscheidet. Du hast halt auch Familie, aber ich kann das eben nicht – einfach so einen Handlungsfaden wieder aufnehmen. Noch nicht. Vielleicht kommt es noch… manche fangen auch erst mit 70 an zu schreiben. 🙂 Die einzige Angst, die ich habe ist, dass, wenn ich mich dann aufgerafft hätte, dass mir einer mit meiner Idee zuvorgekommen ist und man mir dann vorwirft, ich hätte das geklaut – obwohl ich dann schon Jahre diese Idee hatte. Das würde mich echt hart treffen…
        Und ja, ich wusste, dass es ein Scherz war. *gg*
        Und vielleicht noch… genau deswegen könnte ich nicht 100% geben… und mir ist das bewusst, deshalb fang ich erst gar nicht an. Ich würd mich total verrennen, verzetteln… neee…

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      • Tja, das mit den Ideen ist nun einmal so. Die sind erst einmal nicht schützbar. Aber viele Ideen können in unterschiedlicher Ausführung zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen. Deswegen würde ich mir da nicht zu viele Sorgen machen.

        Schick mir nur mal eine Mail, wenn du mit 70 deinen Roman veröffentlichst. Ich fürchte, dass es diesen Blog hier dann nicht mehr geben wird ;-).

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      • Sofern meine knorrigen Finger das mitmachen (sonst die Enkel hähä) schicke ich dir natürlich sofort eine Email! Du wirst der erste sein. Versprochen. 🙂 *lächel*
        Stimmt, sagt mein Schatz auch mit den unterschiedlichen Ausführungen. Dennoch gibt es Denkansätze, die so noch nicht vorkommen und dann fänd ich das ärgerlich… aber ich komm halt nicht in die Pötte.. mein Problem. 🙂

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