Da wir ja praktisch unter uns sind …

… weil sich ganz viele Leute auf der Frankfurter Buchmesse befinden, die hier ansonsten mitlesen, kann ich ja ganz beruhigt ein wenig spoilern, nicht wahr?

Ihr erinnert euch noch an die Geschichte aus meiner Feder, die Nike Leonhard gewonnen hat, oder? Nun, ich kann euch verraten, dass ich angefangen habe, daran zu schreiben. Es wird eine Geistergeschichte, in welcher der „Goldene Tod“ vorkommt und die mit dem Satz endet „Wollen wir zu mir oder zu dir“.

Aber bevor wir das Ende ins Auge fassen, lasst uns doch einen Blick auf den Anfang werfen, was meint ihr? Die ersten beiden Normseiten der noch namenlosen Geschichte im Entwurf. So ganz unter uns:

Samuel Liebenthal, ein wohl geachteter Vertreter seiner Gemeinde, schaute aus dem Fenster des vor sich hin schaukelnden Zuges und hing seinen Gedanken nach. Ja, sie lebten in einem aufgeklärten Zeitalter, das es für Menschen seines Schlages und seiner Zunft zunehmend schwerer machte, zu ihrem Auskommen zu gelangen.

Zum Glück gab es sie noch, die Menschen, die noch nicht in diesem Zeitalter angekommen waren.

Zwar verfügten die Menschen über großartiges Wissen und Technologien wie das elektrische Licht, die Dampfmaschine und Automobile, aber tief in ihrem inneren waren die meisten Menschen immer noch die abergläubischen Hasenfüße, die sie immer schon gewesen waren.

Samuel hatte die Erfahrung gemacht, dass dies umso stärker auf jenen kleinen Teil der Bevölkerung zutraf, der auf den zahlreichen Burgen und Schlössern des Landes lebte und oft noch einer Zeit verbunden war, in der Ritter und Burgfräulein die kühlen Säle und Katakomben bewohnten. Und als es auf jedem dieser Gemäuer wenigstens ein Gespenst gab.

Nun – manche Menschen glaubten, dass es sie heute noch dort gab. Sie hörten im Knarren des morschen Gebälks die Schritte längst verstorbener Ahnen. Das Pfeifen im Kamin war das Wehklagen der Altvorderen. Und das Quietschen der Fensterscharniere war das Kreischen der gepeinigten Seelen.

Samuel mochte sich nicht beklagen. Er lebte von solchen Menschen und da es viele von ihrer und nur noch wenige von seiner Sorte gab, lebte er nicht schlecht von ihnen. Zumal er, unnötig sich eine Bescheidenheit aufzuerlegen, sich seine Dienste gut vergüten ließ.

Dass man ihn dabei immer spüren ließ, dass er ein Mensch untergeordneter Güte war, ließ er still lächelnd über sich ergehen. Zumal er die Erfahrung gemacht hatte, dass die meisten Schlossbesitzer und Adligen sich von den normalen Bürgern nur dadurch unterschieden, dass sie den Finger, mit dem sie sich den Dreck aus den Ohren puhlten, beim Essen abspreizten.

Dennoch war er jedes Mal froh und glücklich, wenn er nicht in das Missvergnügen kam, den Burgherren persönlich zu begegnen. Es war ihm sehr recht, dass diese beim kleinsten Anzeichen einer übernatürlichen Präsenz in irgendeine Stadtvilla flohen. Ihm blieb es dann vorbehalten, mit dem stoischen Hausverwalter oder der paranoiden Köchin Vorlieb zu nehmen.

Deswegen bildete ein Auftrag wie dieser, der ihn aus seiner warmen und gemütlichen Wohnung in Frankfurt heraus- und in den Zug gen Süddeutschland hineingetrieben hatte, eine echte Ausnahme.

Samuel griff in die Innentasche seiner Jacke und entfaltete noch einmal den Brief, mit dem ihn der Graf von Oberstforst-Gmünd dringend um seine Anwesenheit ersuchte.

Bis gestern hatte er nicht gewusst, dass es einen Ort namens Oberstforst-Gmünd irgendwo bei München gab, geschweige denn, dass er eine Grafschaft war und obendrein noch eine alte Burg beherbergte. Aber der Vorschuss, der ihm versprochen und mit gleichem Boten ausgehändigt wurde wie der Brief, hatte ihn seine Versäumnisse in der Geographie vergessen und gleich eine Fahrkarte erwerben lassen.

Und so schaukelte er nun seinem neuen Auftrag entgegen. Einer neuen Scharade. Einem neuen Narrenspiel.

(Ein Hinweis für die Empörten: Nike hatte ja geschrieben, dass die Geschichte veröffentlicht werden darf, deswegen denke ich nicht, dass sie was gegen den kleinen Teaser hat)

Aber keinem verraten, ja? Ist schließlich alles noch geheim! 😉

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17 Gedanken zu “Da wir ja praktisch unter uns sind …

    • Selbstverständlich gibt es die Stadt nicht, liebe Kiira! Aber sag‘ mir bitte, dass du nicht extra nachgeschaut hast ;-).

      Ich mag es, bei Geschichten dieser Art fiktive Orte zu verwenden. Das gibt dem Ganzen einen gewissen unwirklichen Touch.

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      • Ertappt! Und es gibt laut Google tatsächlich ein Gmünd in Österreich. Nur das davor nicht. 😀

        Hmhm. Den unwirklichen Touch kann ich nachvollziehen. Ich auf der anderen Seite finde es viel spannender, wenn es diese Orte wirklich gibt, nur nicht eben die erzählten Geschichten dazu, und das dann zusammen verschmelzt, wenn man über diese Brücke in diesem Ort geht, … 🙂

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      • Den Gedankengang kann ich auch nachvollziehen und das habe ich bei einigen Romanen auch so gemacht, dass sie an realen Orten spielen. Aber dann sind es auch Geschehnisse, die in der Realität spielen.

        Bei den Geschichten, in denen das Übernatürliche vorkommt, handhabe ich es auf die fiktive Art. Wobei das Umfeld dann mehr oder weniger auf der Landkarte zu finden ist. So wie etwa im Fall des „Beobachters“ und seiner beiden Schwesterromane, in denen die Handlungsorte fiktiv, der geographische Rahmen mit der Nordseeküste aber den Tatsachen entsprechend ist.

        Ich glaube, ich habe zu viel Stephen King gelesen und mir das da abgeschaut ;-).

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      • Ja, könnte man so sagen. Man könnte, weniger wohlwollend, auch behaupten, dass ich keine Lust auf umfassende Ortsrecherche habe ;-).

        Der bekannte Rahmen scheint mir jedoch wichtig zu sein. Alleine schon zur Einordnung des Geschehens. Für die Kurzgeschichte ist das jetzt natürlich weniger dramatisch als für einen Roman.

        Gefällt 2 Personen

      • Für die Kurzgeschichte ist das weniger dramatisch? Dabei hätte ich gedacht, dass man hier viel weniger Seiten zur Verfügung hat, damit der Leser sich wohlfühlt, man also auf kurze Weise den Leser passende Umstände/Orte zur Verfügung stellen muss

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      • Hängt bei dir das Passende am Namen? Städte wie Castle Rock, Arkham oder Innsmouth sind ja auch nicht real und wurden von ihren Autoren ganz selbstverständlich eingesetzt.

        Aber vielleicht wäre es besser, wenn ich den Ortsnamen einfach rausnehme, weil er sowieso keine weitergehende Relevanz besitzt?

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      • Hm. Aber so ganz ohne Namen a la „fuhr in die große Stadt am Berg“ klingt irgendwie unnatürlich. Dann hast du wahrscheinlich recht, einfach so einen Namen zu geben, weil sonst etwas fehlen würde

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