Im Kurzgeschichtendilemma

Die Fakten liegen klar auf dem Tisch: Schreibe eine Kurzgeschichte, in der es um Geister geht, die irgendwas mit dem Stichwort „Goldener Tod“ zu tun hat und deren Schlussfloskel das altbekannte „zu mir oder zu dir“ aufgreift. So hat Nike Leonhard es sich gewünscht und in diesem Fall ist ihr Wunsch mir Befehl gewesen, denn schließlich hat sie durch den Sieg im Bloggewinnspiel allen Anspruch darauf erworben.

Und jetzt ist etwas passiert, was auch als Fakt auf dem Tisch liegt, aber so in keinster Weise geplant war: Die Geschichte fängt an, mir über den Kopf zu wachsen. Und das bitte ich wörtlich zu verstehen, also nicht in dem Sinne, dass sie mich überfordert, oder so, sondern in dem Sinn, dass sie wächst.

Sie wächst und gedeiht sogar in dem Maße, dass man nicht mehr davon reden kann, dass sie eine klassische „Kurz“geschichte wird.

In diesem Moment hat die Story ungefähr 4.500 Worte und befindet sich streng genommen noch in der Einleitung. Und das ist so, weil mir das passiert ist, was mir so häufig passiert: Mit den einzelnen Ideen kamen mehr Ideen und mehr Details. Und die Details verbinden sich zu Szenen. Die Szenen summieren sich auf zu einer Handlung. Und diese Handlung lässt sich eben nicht auf wenigen Zeilen erzählen!

Ich befinde mich in einem echten Dilemma. Denn ich habe Nike eine Kurzgeschichte versprochen und eine Kurzgeschichte soll sie auch bekommen. Aber heißt das, dass ich mich mit der Geschichte, die ich gerade zu schreiben begonnen habe, selber zensieren muss, um sie auf einer gewissen, tolerierbaren Kürze zu halten?

Klar, ich könnte viele Sachen einfach weglassen. Im Moment schildere ich eine Szene, in der viel miteinander gesprochen wird. Klassische Charakterbildung. Braucht es für die Kurzgeschichte eigentlich nicht. Und dennoch ist es genau das, was mir aus den Fingern fließt.

Ich kann aber ja auch nicht sagen: So, liebe Nike, aus der exklusiven Kurzgeschichte ist leider ein exklusiver Kurzroman geworden. Ich denke nicht, dass das im Sinne des Erfinders, also von mir, wäre. Und ich denke nicht, dass das in Nikes Sinne wäre.

Ich muss jetzt eine Entscheidung treffen. Noch kann ich den Hebel wieder umlegen und zurückgehen zur Kurzfassung. Aber dann wird das Gefühl bleiben, dass da mehr Potenzial drin gelegen hätte. Und ich bin nachtragend mir selbst gegenüber, was solche Gefühle angeht.

Oder ich schreibe eine Kurzfassung und erweitere die anschließend (etwa im Rahmen des NaNoWriMo) zum Kurzroman. Dann gibt es allerdings das Problem, dass die „Auflösung“ der ganzen Geschichte schon bekannt wäre. Denn die steht ja quasi schon fest durch das, was Nike mir vorgegeben hat.

Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, welche mir die größte Flexibilität gewähren würde, mich aber gerade vor ein kleines Problem stellt. Ich überlege mir einfach noch eine weitere Geschichte ausgehend von Nikes Vorgaben, die von der, die ich schreiben möchte, unabhängig ist. Ich bitte darum, das Wort „einfach“ in ganz, gaaanz dicke Anführungszeichen zu setzen.

Es ist ein Dilemma. Ein Kurzgeschichtendilemma. Und ich habe es mir im vollen Umfang alleine eingebrockt. Manchmal kann ich ganz schön ätzend zu mir selbst sein, findet ihr nicht auch?

Ich werde einfach noch ein wenig überlegen müssen und in dieser Zeit, so schwer es mir fällt, nicht an der Geschichte weiterschreiben. Dabei möchte sie eigentlich genau jetzt nach draußen kommen!

Und ich war mir doch so sicher, dass ich a) diesen NaNo ausfallen lasse und b) als nächsten Roman mal wieder was „realistisches“ schreibe. Ganz zu schweigen von c), dass ich „nur“ eine Kurzgeschichte schreiben wollte.

Seufz.

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19 Gedanken zu “Im Kurzgeschichtendilemma

  1. cubow schreibt:

    Ganz ehrlich – meine Meinung: Möglichkeit 3 ist die einzig gute, vernünftige, effiziente und sicher auch sinnvollste deiner Vorschläge. Alles andere wäre doch echt schade. Rausgeschmissene Zeit und Kreativität. Ich bin mir sicher, dass deine Fantasie dir da noch sehr viel geben kann, dir eine andere und neue Szenerie auszudenken. Vielleicht ja auch noch eine dritte, vierte, fünfte….So, jetzt die anderen! 😉 🙂

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    • Danke für deine Meinung, dein Vertrauen und willkommen unter meinen Kommentatoren! 🙂

      Das mit der rausgeschmissenen Kreativität sehe ich ja auch so. Im Moment stehe ich in Bezug auf die neue Szenerie halt nur total auf dem Schlauch …

      Ich will ja auch keine B-Ware abliefern, nur weil mir die A-Ware „zu gut“ für den Anlass erscheint.

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      • cubow schreibt:

        Danke zurück für deine Offenheit für neue Kommentare/Kommentatoren. 😉
        Ich verstehe deine Bedenken, aber ich kann dir da leider nichts wirklich raten, sondern nur meine Meinung dazu sagen. Und meiner Meinung nach wird dich deine Fantasie da trotzdem nicht im Stich lassen. Pressen hilft da wahrscheinlich nichts, auch wenn wir hier bei wordPRESS sind (kleiner Wortwitz *hehe*), aber manchmal hilft es einfach nur nochmal anzufangen. Die Ideen kommen dann beim Schreiben – siehst du ja auch bei deiner vermeintlichen Kurzgeschichte, die nun keine mehr ist, weil dich deine Einfälle nur so überrannt haben. 😉

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      • Ich muss am besten mal schauen, dass ich meinen Kopf „leer“ bekomme, um wirklich einen neuen Anfang hinzubekommen. In einem ganz anderen Setting, mit einer ganz anderen Figurenkonstellation. Dann könnte das was werden.

        Ich werde berichten :-).

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  2. Ich sehe da eigentlich nicht so ein grosses Problem – ausser die Sache mit der Zeit, weil ich nicht weiss, bis wann du die Kurzgeschichte fertig haben möchtest. 🙂
    Warum schreibst du (die Zeit jetzt mal ausser acht lassend) nicht einfach das, was dir in den Sinn kommt, genau so, wie du es möchtest, bis zum Ende durch. Und dann machst du von genau dieser Story eine Kurzgeschichte. Dann hast du zwei aus einer Idee. Du kürzt dann das raus, was nicht gebraucht wird, aber dein Herz blutet nicht, weil das Rausgekürzte ja in der ersten langen Version erhalten bleibt für dich. 🙂

    Gefällt 1 Person

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