Das Schreiben der Anderen: „Der Fluch des Spielmanns“ von Nike Leonhard

Was ist der sogenannte „Codex Aureus“? Ich muss zugeben, dass ich mir diese Frage immer wieder gestellt habe, wenn ich auf das Wirken der Autorin Nike Leonhard aufmerksam wurde. In Kurzform berichtet, besser beschreibt sie dies auf ihrer eigenen Homepage, handelt es sich dabei um unabhängig voneinander zu lesende Kurzgeschichten/Novellen mit historischem und zuweilen fantastischem Hintergrund. Und so darf es auch niemanden verwundern, dass die dritte Geschichte aus diesem Zyklus uns mit leibhaftigen Geistern konfrontiert …


dfdsCorvin, der letzte Überlebende eines Quartetts aus fahrenden Spielleuten, wird Nacht für Nacht von den Geistern seiner toten Kameraden heimgesucht. Er versucht sich einzureden, dass es nur Einbildung ist, aber die Erscheinung ist so intensiv, dass es keinen Zweifel an ihrer Echtheit geben kann.

Die Geister von Pirmin, dem Musiker, Hulda, der Wahrsagerin und Seraina, der Jongleurin, fordern von ihm das, was ihnen zusteht. Was er ihnen aber weder geben kann, noch geben will.

Die Anwesenheit des alten Vater Gion, eines zutiefst Gläubigen, bringt die Geister, ein letztes Mal, zum Verschwinden. Ihm erzählt Corvin die Geschichte, die zu dieser grausigen Situation geführt hat.

Nike Leonhard ist mit ihrem dritten Beitrag zum Codex Aureus eine Geschichte gelungen, die den Leser schnell in die Zeit, in der sie spielt, zieht. Das frühe Mittelalter wird in einer Weise geschildert, die nicht einmal durch die Erscheinung der Geister Zweifel an einer gewissen Authentizität und Korrektheit aufkommen lässt.

Die Geschichte ist dabei in zwei etwa gleichgroße Teile aufgeteilt. Das eine ist die Geschichte von Corvin, in der er von seinen Kameraden und den Umständen, die ihn überhaupt zu Vater Gion gebracht haben, berichtet. Das andere ist die Unterhaltung mit Vater Gion selbst.

Corvin ist dabei ein interessanter Hauptcharakter, der sowohl in dem einen Erzählstrang als auch in dem anderen glaubhaft agiert. Er hat keinerlei Zweifel an der Echtheit der Geister, was den Glauben der Menschen an so manches Übernatürliches in dieser Zeit illustriert.

Aber auch Pirmin, Hulda und vor allem Seraina, die sogar Corvins Frau gewesen ist, sind in ihrer Unterschiedlichkeit und in ihrer Rollenwahrnehmung sehr gut gezeichnet. Schon ihre Einführung als Geister, die etwas fordern, das sie nicht bekommen und daher eine unheilvolle Drohung aussprechen, ist sehr effektiv und lässt, etwas überraschend, auch in der Schilderung als lebende Menschen nicht nach.

Vater Gion hat zu Beginn in der Hauptsache die Rolle eines Stichwortgebers inne, was sich zum Ende der Erzählung aber noch ändern wird.

Das „Manko“ der Geschichte ist, dass man nicht viel über ihren Inhalt verraten kann, ohne dem Leser die Spannung zu nehmen. Als Stichwort sei daher vielleicht gesagt, dass nicht immer alles so ist, wie es zu sein scheint …

Nike Leonhard hat eine klare und stilistisch sichere Sprache, die sich zu keinem Zeitpunkt dazu versteigt, zu sehr die Epoche künstlich betonen zu wollen, in der die Handlung spielt – ein Fehler, den so mancher historische Roman macht. Die Geschichte wird flott erzählt und ist auch aufgrund ihrer Kürze gut am Stück durchzulesen.

Was ich mir gewünscht hätte, wäre eine größere Rolle der Geister nach ihrem Auftauchen zu Beginn. Ferner endet die Geschichte relativ abrupt.

Alles in allem waren das bis hierhin gute vier von fünf Sternen. Was Nike Leonhard den fünften Stern einbringt sind die Nachbemerkungen, die sie dem „Fluch des Spielmanns“ hintanstellt. Darin schildert sie nicht nur, wie sie auf die Idee zu dieser Geschichte gekommen ist, sondern sie bringt alles in einen Bezug zu den realen Verhältnissen jener Zeit, gibt ausführliche Hintergrundinformationen und führt damit eindrücklich vor Augen, dass eine vermeintlich locker-leichte Geschichte auf enormem Wissen und Sachverstand basieren kann, in diesem Metier vielleicht sogar muss, um den Anspruch des Lesers erfüllen zu können.

Mich hat der dritte Teil des Codex Aureus voll überzeugt und ich denke, dass es nicht mein letztes Werk aus diesem Zyklus gewesen sein wird, das ich lese. Ich wünsche Nike Leonhard, dass sie mit diesem Format ihre Leser finden wird!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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2 Gedanken zu “Das Schreiben der Anderen: „Der Fluch des Spielmanns“ von Nike Leonhard

  1. Hat dies auf Nike Leonhard rebloggt und kommentierte:
    Michael Behr hat auf seinem Blog den „Fluch des Spielmanns“ sehr ausführlich besprochen. So ausführlich, dass ich jetzt überlege, den Klappentext zu ändern. Von „Wer sind die drei Geister …“ zu „Was wollen die drei Geister …“ ^^ Was tatsächlich eine der Kernfragen der Geschichte ist.
    In jedem Fall freue ich mich über dieses ausführliche „Feedback“ fast mehr, als über die 5-Sterne. Schon dass sich jemand so viel Zeit nimmt, drückt eine ungeheure Wertschätzung aus. Danke dafür! 🙂

    Gefällt 1 Person

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