„Der Goldene Tod“ – Der neue Anfang

Nein, meine Lieben, ich werde jetzt nicht zum gefühlt dreißigsten Mal die Geschichte wieder aufrollen, wieso es notwendig wurde, zu meiner Geschichte „Der Goldene Tod“ einen neuen Anfang zu schreiben. Ihr wisst schon: Kurzgeschichte, die nicht mehr kurz sein wollte, und so.

Weil mir heute ein wenig die Inspiration fehlt, was ich euch schönes erzählen könnte, dachte ich mir, dass euch vielleicht interessiert, wie dieser neue Anfang aussieht. Immerhin hatte ich euch „damals“ ja auch den Einstieg in die Kurzgeschichte präsentiert.

Hier also, heute, jetzt, weltexklusiv und noch absolut ungeschminkt, der Beginn meines NaNo-Beitrags 2016 mit dem Titel „Der Goldene Tod“ :-).


1

Die ganze Welt schaukelte. Samuel Liebenthal erwachte aus unruhigem Dämmerschlaf, richtete sich auf, stieß mit dem Kopf irgendwo an und schloss die Augen sofort wieder. Das hatte gesessen!

Nicht nur, dass ihm sowieso noch der Kopf von den Tiraden der Matrone, mit der er bis Würzburg das Abteil hatte teilen müssen, dröhnte, jetzt kamen auch noch handfeste Kopfschmerzen hinzu.

Er hasste das Bahnfahren!

Alles daran war ihm einfach zuwider: Das Schlagen der Waggons auf den unebenen Schienen, das Gepfeife der Lokomotive, wenn sie wieder irgendeinen Bahnübergang oder Tunnel passierten. Den Gestank des Qualms, der trotz der geschlossenen Fenster durch alle Ritzen in das Wageninnere zog.

Das alles erinnerte ihn viel zu sehr an Frankreich.

Das beste, was man machen konnte, wenn man dazu gezwungen war, eine längere Fahrt mit der Eisenbahn zu unternehmen, war es, zu schlafen. Das hatte er auch getan. Dank seiner alten Erfahrungen waren ihm praktisch direkt nach der Ausfahrt aus dem Hauptbahnhof von Frankfurt am Main die Augen zugefallen. Leider hatte das Vergnügen nicht lange gedauert, bis ihm das unerbittliche Schicksal, diese Frau Meyerling in das Abteil gespült hatte.

Und Frau Meyerling gehörte eindeutig zu den Frauen, die sich gerne reden hörten.

»Was sind das nur für Zeiten?«

Das war ihre Lieblingseröffnung gewesen.

»Was sind das nur für Zeiten, in denen eine alleinstehende Frau mit irgendeinem Mann zusammen in einem Abteil reisen muss? Nichts gegen Sie, junger Mann«, nein, natürlich nicht, dachte Samuel, »aber früher, Sie wissen schon, da hätte es das nicht gegeben. Da wurde noch auf Anstand und Sitte wert gelegt.«

Ganz ungeachtet der Tatsache, dass es ihm so fern wie irgendwas lag, in Hinblick auf Frau Meyerling, »verwitwet seit fünfzehn Jahren«, Anstand und Sitte zu verletzen, ging sie ihm einfach auf die Nerven. Alleine seine gute Erziehung verhinderte, dass er dies auch deutlich zum Ausdruck brachte.

So hatte er ihren nicht zu stoppenden Redefluss über sich ergehen lassen, hin und wieder an Stellen genickt oder den Kopf geschüttelt, die ihm passend zu sein schienen, und ansonsten den Mund gehalten. Und darauf gewartet, dass sie irgendwann aussteigen würde.

Diesen Gefallen hatte sie ihm kurz hinter Würzburg getan, nicht ohne ihn wissen zu lassen, dass es seltsame Zeiten waren, in denen eine Frau nicht nur alleine reisen, sondern sich auch noch alleine um ihr Gepäck kümmern müsse.

Sei es drum, ihn scherte das nicht weiter. Die Episode mit Frau Meyerling war nervtötend gewesen, aber ansonsten nicht von weiterer Wichtigkeit. Dennoch hatte er, nachdem er bange Minuten damit verbracht hatte, darauf zu warten, ob das Schicksal noch so einen üblen Scherz mit ihm vorhatte, die Augen geschlossen und zu dösen begonnen.

Sein gut funktionierender Zeitsinn, ein weiteres Überbleibsel aus Frankreich, hatte ihn jetzt wieder wach werden lassen und als er nun erneut die Augen öffnete, war die Müdigkeit wie weggewischt. Und gegen die sich ankündigenden Kopfschmerzen würde sich auch ein Mittel finden lassen.

Samuel Liebenthal reckte sich auf seinem durchgesessenen Sitz und stand dann auf, um ein paar Leibesübungen zu machen. Dadurch, dass er das Bahnfahren nicht mochte, hatte er sich unwillkürlich verkrampft. Und diese Verkrampfung musste er nun erst einmal loswerden.

Dabei fiel sein Blick auf seine Tasche, die er in dem Gepäckfach über seinem Kopf untergebracht hatte. Es war eine einfache Reisetasche, nicht besonders groß, die gerade ausreichend Platz für ein wenig Wechselkleidung und seine Toilettenartikel bot. Das Gros seines Gepäcks, die wirklich wichtigen Dinge, wurden im Gepäckwagen für ihn aufbewahrt.

Samuel hätte es niemals verwunden, wenn ihm der Inhalt des schweren Koffers gestohlen worden wäre, während er zum Beispiel den Abort benutzte. Der Verlust könnte ihn weitaus mehr als nur symbolisch das Leben kosten.

Samuel seufzte und griff nun nach der Reisetasche. Er holte sie herunter und stellte sie neben sich auf den Sitz. Dann sah er kurz aus dem Fenster, auf die nichtssagende Landschaft davor und öffnete die Tasche.

Zuoberst lag ein Briefkuvert. Der Umschlag machte einen edlen und teuren Eindruck auf ihn und Samuel, der sich mit so etwas mittlerweile auskannte, hegte keinen Zweifel daran, dass der Absender sich dieses Papier einiges hatte kosten lassen. Zusammen mit dem in Wachs geprägten Siegel war der Anschein komplett, es hier mit Post eines wichtigen Menschen zu tun zu haben.

Im krassen Widerspruch dazu stand, dass Samuel noch nie etwas von dem Absender gehört hatte, bevor der Brief ihn am gestrigen Abend mit Botenzustellung erreicht hatte. Dabei glaubte er, sich inzwischen in den Kreisen des Adels ganz gut auszukennen.

Er nahm den Umschlag hervor, auf den mit etwas krakeliger Schrift, die so gar nicht zu dem edlen Gesamteindruck passen wollte, sein Name geschrieben stand. Er öffnete ihn und zog die eine Seite Papier, nicht von minderer Qualität als das des Umschlags, heraus, um sie noch einmal zu lesen.

Viel war es nicht, was in dem Brief stand.

»Werter Herr Liebenthal, mein Herr, der Graf Alois von Oberstforst, lädt Sie ein, ihn in einer geschäftlichen Angelegenheit auf seinem Anwesen zu beehren. Verwenden Sie das beiliegende Geld für den Erwerb eines Zugbilletts. Wir erwarten Sie morgen am Bahnhof von Meitingen.«

Die Unterschrift war noch unleserlicher als die restliche Schrift. Samuel nahm an, dass dieser Graf von Oberstforst einem seiner Angestellten die Aufgabe übertragen hatte, den Brief zu schreiben. Und was für eine Stellung dieser Mensch auch hatte, er war es nicht gewohnt, die Feder zu führen.

Sein Instinkt hatte ihm eigentlich davon abgeraten, sich auf diese Fahrt einzulassen, aber da zum einen der Bote, der ihm das Schreiben gebracht hatte, schon wieder verschwunden war und er zum anderen dringend das Geld für einen neuen Auftrag brauchen konnte, hatte er seine Zweifel überwunden und sich für die Reise fertig gemacht.

Auch wenn das Ganze mehr an einen Befehl denn an eine freundliche Einladung erinnerte. Und mit Befehlen hatte Samuel schon reichlich schlechte Erfahrungen gesammelt.

Samuel steckte den Brief zurück in den Umschlag. Leider hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich über das Ziel seiner Reise kundig zu machen. Es fuhr heute genau ein Zug von Frankfurt aus, der über Meitingen ging. Immerhin wusste er nun, dass dieser Ort in Bayern, unweit von Augsburg lag.

Wie da ein Graf von Oberstforst dazu passte, konnte ihm dieses Wissen jedoch nicht erklären. Und auch der Schaffner, der seine Fahrkarte kontrolliert hatte, konnte ihm keinen Aufschluss geben.

»Von einem solchen Mann habe ich noch nie etwas gehört«, hatte er auf die entsprechende Frage gebrummt. »Wenn er schon einmal mit der Bahn gefahren wäre, dann könnte ich mich sicher an ihn erinnern. Ich fahre die Strecke bereits seit fünfzehn Jahren. Mit Unterbrechungen, natürlich.«

»Natürlich«, hatte Samuel geantwortet und freundlich genickt. Sie alle hatten Unterbrechungen in ihren Lebensläufen. Das war normal in diesen Zeiten, wie Frau Meyerling es vielleicht ausgedrückt hätte.


 

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