Warum Vorlesen so wichtig ist – ein paar Gedanken zum Vorlesetag

Seit inzwischen 12 Jahren ist es eine schöne Tradition, dass einige Kulturschaffende, darunter initiativ die Zeitung DIE ZEIT, die Stiftung Lesen und die Deutsche Bahn Stiftung, am dritten Freitag im November den Vorlesetag ausrichten. Zu diesem Anlass soll und wird in Deutschland besonders viel vorgelesen werden, weil Unterstützer (z.B. der ADAC oder in Vorjahren auch McDonald’s) sich mit eigenen kleinen Vorlesetexten an der Aktion beteiligen und so dafür sorgen, dass es schon einmal nicht am notwendigen Lesestoff mangelt.

Vorlesen ist wichtig. Es ist wichtig für die Entwicklung eines Kindes und es ist wichtig für die Entwicklung einer Gesellschaft. Der Umgang mit Worten und mit Sprache lässt sich vielleicht in der Schule mühsam erlernen, doch nie wieder wird es uns so leicht gemacht, wie im direkten Kontakt mit Menschen, denen wir vertrauen und denen wir einfach gerne zuhören.

Deswegen ist es auch egal, ob der oder die Vorleser/in besonders sprachlich begabt ist oder nicht. Niemand muss eine tatsächliche „Lesung“ abhalten, wie man sie aus dem Hörbuchbereich kennt. Viel wichtiger ist die direkte Beziehung.

Kinder mögen es, wenn sie Geschichten erzählt bekommen. Denn in und mit Geschichten entdecken sie ihre Welt. Darum gibt es auch ein solch großes Portfolio an Geschichten, dass für jeden Geschmack etwas dabei ist.

Man gehe nur einmal in eine beliebige Buchhandlung und betrachte sich das Portfolio an Vorlesebüchern. Oder man wühle einmal in der charakteristischen Plexiglasschale mit den kleinen Büchlein, die wohl jeder von uns aus seiner Kindheit kennt. Da ist eine Bandbreite, die von Rittern zu Astronauten und von Tiergeschichten zu Geschichten über Bagger und Planierraupen reicht.

Kinder lieben es, diese Bandbreite zu erkunden. Nur leider ist es für viele Menschen heute nicht mehr selbstverständlich, diese Aufgabe auch auf sich zu nehmen. Denn, die Eltern unter euch werden es wissen, es kann auch eine Aufgabe sein, wenn man das gleiche Büchlein zum dreißigsten Mal hintereinander vorlesen muss. Oder wenn man an einem Abend nicht ein oder zwei, sondern vier oder fünf Geschichten vorlesen soll.

Deswegen ist es wohl auch schon vor einigen Jahrzehnten dazu gekommen, dass man diese Aufgaben an Hörbücher und Hörspiele abgegeben hat. Zumindest teilweise. Und ich will da auch gar nichts Schlechtes drin sehen. Auch ich habe gerne den Märchen gelauscht, die mir über den Schallplattenspieler zugänglich gemacht wurden. Auf diese Weise wurde ein Mann wie der Schauspieler Hans Paetsch zum Märchenonkel einer ganzen Generation.

Und dennoch habe ich es noch mehr genossen, wenn mein Vater mir vorgelesen hat. Das hat er oft zum Einschlafen getan und es kursieren heute noch die Witze in der Familie, dass der Einzige, der dabei eingeschlafen ist, er selber war.

Aber wie dem auch sei, für mich stand von vornherein fest, dass auch ich meinen Kindern vorlesen möchte. Und das habe ich dann auch getan.

Meine große Tochter hat sich schon von klein auf gerne vorlesen lassen. Und sie war ein forderndes Kind, nicht nur in diesem Bereich. Schon bald reichten ihr die kurzen Geschichten aus den kleinen Bändchen nicht mehr aus. Es mussten längere Geschichten sein, umfangreichere Geschichten. Geschichten, die sie forderten und bei denen ihre Fantasie auf Reisen gehen konnte.

Noch bevor sie zehn Jahre alt war, habe ich ihr auf diese Weise Klassiker vorgelesen wie „Die unendliche Geschichte“, „Momo“, „Alice im Wunderland“ und als Höhe- und Schlusspunkt „Der Herr der Ringe“. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie viele Abende wir dafür gebraucht haben, die wir, als allabendliches Ritual, mit mindestens einer halben Stunde Vorlesezeit auf der Couch verbracht haben.

Meine kleine Tochter ist da, ich möchte fast sagen, anders. Bei ihr sind wir nie zu den langen Geschichten gekommen. Sie hatte nicht einmal besonderes Interesse an den kleinen Büchlein. Das entdeckt sie erst jetzt, wo sie selber immer besser zu lesen lernt.

Für mich war das, nun ja, nicht gerade eine Enttäuschung, aber doch der Beweis dafür, dass jedes Kind anders ist. Und doch gab es auch für uns beide die Gelegenheiten, zu denen wir uns gemeinsam auf der Couch wiederfanden und ich dann eine Geschichte, gerne auch in mehreren Stimmlagen, als wäre ich ihr ganz privates Hörspiel, vorgelesen habe.

Für Kinder ist das Vorlesen wichtig. Und gerade der Boom der Hörbücher, der immer noch anhält, beweist eindrucksvoll, dass viele Erwachsene sich dieses gute Gefühl aus ihrer Kindheit bewahrt haben. Das gute Gefühl, dass jemand sich Zeit für sie nahm, um ihnen einfach eine Geschichte zu erzählen.

So, wie es seit Generationen immer schon gewesen ist.

Deswegen: Wenn ihr jemanden in eurer Nähe habt, egal ob Kind oder nicht Kind, dann überlegt doch einmal, ob ihr ihm oder ihr nicht vorlesen wollt. Auch euer Partner freut sich vielleicht darüber. Meiner Frau habe ich eine Zeit lang sehr viele Bücher vorgelesen.

Nehmt diesen Tag wichtig und nehmt die wichtig, die er betrifft. Gerade auch als Autor sollte man sich immer dessen bewusst sein, dass diejenigen, denen heute vorgelesen wird, die sind, die in der Welt von Morgen das Interesse an Literatur und an Büchern lebendig halten.

Ich wünsche euch einen schönen Vorlesetag!