Buchmesse Istanbul – Eine kleine Insel der versuchten Meinungsfreiheit

Ach, Istanbul, ach, Türkei, im Moment machst du es einem Zentraleuropäer nicht gerade einfach. Zu sehr verknüpft man mit dir in diesem Augenblick die Aushebelung der Meinungsfreiheit, begründet mit einem staatsfeindlichen Akt, der inzwischen vier Monate zurückliegt und mehr und mehr nur noch als (willkommener?) Anlass genommen werden muss, um endlich einmal aufzuräumen mit kritischen Stimmen, die vorher schon nicht mehr erwünscht wurden.

Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich völlig überrascht war, als ich gestern las, dass in diesen Tagen in Istanbul die größte Buchmesse der Türkei stattfindet. Eine Buchmesse, das ist nach meinem Verständnis ein Ort der Meinungsfreiheit. Ein Ort, an dem die verschiedensten Ansichten und Fantasien frei sind, sich zu entfalten. Ein Buch muss ja nicht zwingend unter „Politik“ im Buchregal stehen, um eine Ansicht zu verbreiten.

Und noch mehr überrascht war ich, als ich erfuhr, dass Deutschland das Gastland dieser Buchmesse ist. Unser Land, dessen politische Führung sich aus den verschiedensten Gründen schwer damit tut, eine einheitliche Linie gegenüber der Regierung in Ankara zu finden.

Denn über eines müssen wir uns im Klaren sein: Die Missstände in Bezug auf die Meinungsfreiheit, die Verbote freier Meinungsäußerung, die Verbote von Publikationen, die Entlassungen von Redakteuren, die Schließung von Redaktionen und Fernsehsendern und nicht zuletzt auch die Verhaftungen von Intellektuellen und Schriftstellern – all das gibt es auch und immer noch während dieser Buchmesse.

Ich verstehe, wieso das publizistische Deutschland dennoch zu dieser Buchmesse gegangen ist. Es ist wichtig, dass wir, als Demokratie, in der weitgehende Meinungsfreiheit herrscht, Präsenz zeigen und vor allem den Kulturschaffenden in der Türkei signalisieren, dass sie nicht alleine stehen.

Istanbul, ich mag dich. Du bist eine faszinierende Stadt zwischen zwei Kontinenten. Ein Schmelztiegel der Nationen. Als ich dich besuchte, habe ich einen Teil meines Herzens bei dir gelassen. Deswegen tut es mir so weh, wenn ich die Bilder sehe und die Geschichten höre von Menschen, die im Umfeld dieser Messe schlecht behandelt und in ihrer Freiheit unterdrückt werden.

Die Buchmesse ist im Moment eine relativ sichere Insel der versuchten Meinungsfreiheit. Keiner kann sagen, wie es nach ihrem Ende aussehen und weitergehen wird. In dieser Hinsicht ist die Regierung der Türkei im Moment schlicht und ergreifend unberechenbar. In Zeiten, in denen es ausreichend ist, Artikel für eine der Volksgruppe der Kurden nahestehenden Zeitung zu schreiben, um lebenslang ins Gefängnis gehen zu sollen, kann man kein anderes Wort benutzen.

Unberechenbar.

Ich kann nur hoffen, dass diese Entwicklungen ein natürliches Ende nehmen. Dass irgendwo jemand zur Einsicht gelangt, dass es so nicht weitergehen kann. Vielleicht auch, dass der Druck der internationalen Meinung groß genug wird, um ein Umdenken zu bewirken.

Verzeiht mir, wenn ich skeptisch bin.

Den Bericht zur Istanbuler Buchmesse findet ihr hier.

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9 Gedanken zu “Buchmesse Istanbul – Eine kleine Insel der versuchten Meinungsfreiheit

    • Und das ist eigentlich das Schlimme. Also nicht, JanJan, dass du zur Person dich da nicht hintrauen würdest. Sondern, dass ganz allgemein solche Gefühle aufkommen – und auch mehr als verständlich sind.

      Es ist die Angst, die lähmt und als Lähmung erwächst Untätigkeit. Du und ich, wir haben wenig Möglichkeiten, etwas zu tun. Aber dass die, die vielleicht Möglichkeiten hätten, genauso Angst haben, das ist das eigentlich Tragische.

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      • Da gebe ich dir vollkommen recht Michael, es ist das ungute Gefühl etwas „falsches“ zu sagen oder besser gesagt, etwas RICHTIGES, was nicht ertragen wird.
        Glaubst du, es ist ANGST, die Mächtige schweigen lässt? Oder ist es nicht vielleicht die Unbequemlichkeit?

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      • Ich denke, dass es bei den „Mächtigen“ eine Mischung aus beidem ist. Aber am Ende ist es wahrscheinlich mehr Angst. Die Frage ist, wovon diese Angst genau motiviert ist.

        Eine Motivation könnte auch die Unbequemlichkeit sein (z.B., nicht mehr gewählt zu werden).

        Aber einigen Spitzenpolitikern nehme ich durchaus auch ab, dass sie wirkliche Angst z.B. in Richtung auf humanitäre Dinge umtreibt. Die Türkei hat mit ihrer Rolle in der internationalen Flüchtlingssituation leider im Moment eine Schlüsselstellung. Das macht es leicht, Angst zu haben, etwas falsches/richtiges zu sagen.

        Ich sage mir immer: auch Merkel/Gabriel/Seehofer/Steinmeier/… sind nur normale Menschen. Beruhigend irgendwie, auch wenn es anders im konkreten Fall vielleicht leichter wäre.

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      • Nun, da in den bewussten Fällen der „Reiseweg“ nun einmal so ist, wie er ist, kommt man an der Türkei leider nicht in Gänze vorbei.

        Ist aber ein schwieriges Thema, das mit der Meinungsfreiheit (oder auch nicht) nur am Rande zu tun hat.

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