Was uns an Wissen verloren geht

Im Moment komme ich in den Genuss eines Abos der Zeitschrift „Damals“. Da die Absatzzahlen der meisten Zeitschriften leider immer mehr einbrechen, werden Jahresabos inzwischen teils im Wortsinne verschenkt.

Die „Damals“ ist, wie der Name schon suggeriert, ein Magazin, das sich mit dem Thema Geschichte beschäftigt. Jeden Monat werden mehrere Themen besprochen, mal mehr, mal weniger ausführlich. Und in den kurzen Notizen stieß ich darauf, dass sich in diesem Monat die Niederlage der Assassinen bei Alamut zum 760. mal jährt.

Die Assassinen, deren Ruf heute noch benutzt wird, um Romane, Computerspiele und Filme zu verkaufen, herrschen zum damaligen Zeitpunkt über Persien. Die änderte sich, als die Mongolen einfielen und den tapferen Kriegern eine Niederlage nach der anderen beibrachten, bis schließlich bei Alamut das Schicksal der persischen Assassinen besiegelt wurde.

Im Rausch der Siegesfeiern, der Plünderung und allem anderen geriet die naturwissenschaftliche Bibliothek der Burg in Brand und ging verloren.

Als ich die gelesen habe, musste ich daran denken, dass das geschriebene Wort für manche Menschen bis in die heutige Zeit wenig Wert zu besitzen scheint. Heute noch hören wir davon, dass Bibliotheken in Flammen aufgehen. Wir hören von der Zerstörung von Kulturdenkmälern, die unwiederbringlich verloren sind. Extremisten wie die Taliban oder die Angehörigen des Terrornetzwerks Islamischer Staat vernichten, was ihnen nicht geben ist. In einigen Ländern wird zensiert, dass die Schwarte kracht.

Aber dass mir bloß niemand hochmütig auf diese Menschen schaut. Es ist noch keine hundert Jahre her, dass in Deutschland die Bücher brannten und Geschichte zum Schutz eines Systems manipuliert wurde.

Ich frage mich, wie viel Geschichte und Wissen der Menschheit auf diese Weise bereits verloren gegangen ist. Es gibt Kulturen, von denen wir kaum mehr wissen, als das die existiert haben. Wurde auch ihr Wissen, ihre Geschichte, ausgelöscht?

Stellt euch mal vor, wenn der Kalte Krieg heiß geworden wäre. Angenommen, dass es danach noch Menschen gegeben hätte, würde es ihnen anders gehen mit dem Wissen ihrer Vorfahren als uns zum Beispiel mit dem Wissen der Etrusker? Oder eben der Assassinen?

Ein spannendes Thema, wie ich finde und eines, das zu Gedankenspielen anregt. Auch wenn das, was ich und die meisten meiner Autorenkollegen so schreiben, wohl niemals in den Rang von wirklich wichtigem Wissen gelangen wird, ist es doch beruhigend, dass durch die heutige Fokussierung auf elektronische Datenverarbeitung und damit auch -sicherung kaum noch etwas durch Vandalismus verloren gehen kann.

Ihr entschuldigt mich, ich bin mal eben meine Daten sichern.

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20 Gedanken zu “Was uns an Wissen verloren geht

  1. Weise Gedanken. Und welche, die ich mir auch gelegentlich mache.
    In einer sehr alten Kurzgeschichte von mir gibt es eine Vampirin, die alle Bücher, die sie je gelesen hat, auswendig weiß – und sie nach dem dritten Weltkrieg alle neu in den Computer tippt, um sie der Menschheit zu schenken.

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  2. Bücher sind magisch, sie besitzen viel Kraft. Auch wenn ein Buch nur Unsinn erzählt – bring es unter die Leute und du erlebst eine Gehirnwäsche.
    Das Menschen gern zerstören, was sie nicht verstehen, haben können oder keinem anderen gönnen – von sadistischen oder egoistischen Gründen mal abgesehen – ist ja schon lange so. Nicht nur auf Bücher bezogen…
    Vielleicht ist es wichtig, einfach anzunehmen, dass das, was wichtig ist, im Gedächtnis (der Menschen) bleiben wird und der Rest wird ersetzt? Ich weiss es grad nicht, aber die Gedanken kreisen. Übrigens kann man auch das elektronisch gespeicherte durchaus zerstören. Gerade soll es USB-Sticks geben, die vorgaukeln, man könne damit die Sicherheit des PC prüfen – und wenn man den einsteckt, wird die Festplatte zerstört… (ungesicherte Quelle eines meiner Kinder). Ich habe auch von geschenkten waren es Einkaufchips (?) gehört, die man auf keinen Fall annehmen soll, weil die Diebe damit verfolgen können, wo du wohnst… *grusel*

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    • Auch das technisch gespeicherte ist keine 100%-Garantie. Das stimmt. Aber Projekte wie das Web-Archive, die Wayback Machine und ähnliche Initiativen sind schon ein Schritt in die richtige Richtung. Es war für mich eine Offenbarung, als ich seinerzeit einen Großteil meiner Hörspielrezensionen wieder für mich zugänglich machen konnte, nachdem mein erster Kompagnon sie einfach mal eben von der gemeinsamen Homepage gelöscht hatte …

      Was du zu USB-Sticks und Chips schreibst, klingt machbar. Aber du schreibst es schon: Nicht annehmen und schon gar nicht von Menschen, die man nicht kennt. Dann sieht man gar nicht so leicht so alt aus.

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  3. Erinnert mich an „Fahrenheit 451“, wo die letzten Bücherleser je ein Buch ausendig lernen und dazu „werden“. Ich habe mal für eins meiner Kinderbücher über den „Zentralen Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland“ recherchiert. Kennst Du das? Ein Bunker in einem alten Bergwerksstollen im Schwarzwald zum „Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten“, betrieben vom BBK, dem herrlich abgekürzten „Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe“. Dort lagern seit 1961 – damals noch „verfilmt“ – die wichtigsten Kulturgüter ein. In diesem Sinne brauchen wir uns schon mal keine Sorgen zu machen …

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    • Ja, von diesem Bergungsort habe ich gehört. Wir haben eine ganze Weile lang in der Gegend Urlaub gemacht.

      Im Ernstfall wäre das allerdings wohl ein klarer Fall von „keiner mehr da, um es zu lesen“ gewesen.

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