Das Schreiben der Anderen: „Wolfssucht“ von Nora Bendzko

Vor einiger Zeit habe ich auf Facebook bei einem Gewinnspiel der Autorin Nora Bendzko mitgemacht. Nun, das Glück war mir hold und so freute ich mich gestern über ein Buchpaket, in dem neben einer Anthologie, zu der sie eine Kurzgeschichte beigesteuert hat, auch ihr Debütwerk „Wolfssucht“ enthalten ist. Dieses Debüt habe ich allerdings schon vor einiger Zeit als eBook gelesen und auch rezensiert. Was wäre also passender, als diese Rezension heute für die Reihe „Das Schreiben der Anderen“ hervorzuholen?


wolfssuchtEs herrscht Krieg! Nicht nur in Europa, sondern auch im Leben der jungen Irina, die als einzige ihrer Familie zuerst den Angriff von Soldaten auf ihr Dorf und dann die Begegnung mit einem mysteriösen, wolfsähnlichen Wesen überlebt. Beide Begebenheiten werfen einen Schatten auf ihr weiteres Leben, der weder durch ihre Großmutter Gwen noch durch den um ihre Hand anhaltenden Jäger Skandar vertrieben werden kann. Es sind raue Zeiten und raue Sitten – und plötzlich sieht sich Irina zwischen zwei Bestien gestellt, von denen eine unmenschlicher ist als die andere …

Nora Bendzko legt mit dieser Novelle, nach einigen Kurzgeschichten, ihr Debüt im Bereich der längeren Erzählung vor. Und wenn man dieser Geschichte einen Vorwurf machen möchte, dann den, dass sie zu kurz ist. Dabei fallen mir, auch nach längerem Nachdenken, keine Passagen ein, bei denen ich als Leser das Gefühl gehabt hätte, dass mir wirklich etwas fehlen würde. Oft hat man ja in Büchern den Eindruck, dass gewisse Abschnitte zu stark gestrafft sind und deswegen den Leser aus der Geschichte zu werfen drohen. Dies ist hier nicht der Fall.

Man kann als Leser gut die Gefühlswelt von Irina miterleben – was nicht an jeder Stelle der Geschichte eine schöne Erfahrung ist. Denn wie ich schon in meiner Einleitung zu dieser Rezension schrieb: Der Krieg ist auch in Irina selber. Selbst oder vielleicht gerade in dem ruhigen Dorf, in dem sie nach dem Verlust ihrer Eltern und ihrer Schwester bei der Großmutter lebt.

Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass dieses Dorf ein wenig aus der Zeit gefallen ist, was den märchenhaften Charakter verstärkt, der Teile dieser Novelle bestimmt. Aber es ist ein düsteres Märchen, vielleicht eine Rohfassung dessen, was die Brüder Grimm dann in ihren Haus- und Volksmärchen als die Geschichte vom „Rotkäppchen“ aufnahmen. Ja, Irina trägt ein rotes Cape und ja, sie bringt der Großmutter Speisen. Aber sie ist kein undefiniertes kleines Kind, sie ist eine junge Frau mit einem starken Willen. Mit einem zu starken Willen für die Zeit, in der sie lebt?

Die Stärke von Nora Bendzko liegt darin, mit ihrer eindrucksvollen Sprache diese Zwiespälte in Irina, aber auch in der ganzen Zeit des 30-jährigen Krieges aufzudecken, in denen Normalität und Abgrund, sprichwörtlicher Krieg und Frieden, oftmals nur wenig mehr als einen Augenaufschlag auseinander liegen.

Ich habe mich, obwohl ich zunächst anhand des Genres skeptisch war, in die Geschichte hineinziehen lassen. Mich hat Nora Bendzko über das Düstere, das nicht die Realitäten beschönigende Szenario des Krieges in ihren Bann gezogen. Für andere mögen es die zwischenmenschlichen Beziehungen sein. Was auch immer es ist, es lohnt sich, dieser Novelle Aufmerksamkeit zu schenken!

Ein düsteres Leben in einer düsteren Zeit – aber verdiente 5 Sterne für „Wolfssucht“!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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5 Gedanken zu “Das Schreiben der Anderen: „Wolfssucht“ von Nora Bendzko

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