Ein Manuskript, zwei Drucker, drei Dateien, …

»Könnten Sie einen A4 Ausdruck Ihres Manuskripts mitbringen?«

So lautet die Frage / Aufforderung, die ich irgendwann in meinem freundlichen Mailverkehr mit Frau G. vom S. Verlag gestellt bekomme. An dieser Stelle bemerkt: Ähnlichkeiten zu einer gewissen Frau G. von einem gewissen S. Verlag, die auf einem Facebook-Profil gemutmaßt wurden, sind vielleicht wirklich nicht ganz von der Hand zu weisen ;-).

Klar, bringe ich mit, überhaupt kein Problem! Ich meine, was kann es Einfacheres geben für einen Autor, als sein eigenes Manuskript zu einem Treffen mitzubringen. Immerhin ist es doch mal etwas ganz Besonderes, wenn ein Manuskript, das man verfasst hat, verlangt bei einem Verlag eingereicht werden soll.

Moment … Was denn nun, etwas Besonderes oder etwas Einfaches?

Oje, in meinem Kopf fängt es ein wenig an, zu rotieren. Bis dato hat mein Manuskript zu „Der Morgen danach“ in ausgedruckter Form noch gar nicht das Licht der Welt gesehen. Ich wollte zwar immer jeden meiner Entwürfe ausgedruckt im Regal stehen haben, aber dieser Wille war nie groß genug, um es dann auch wirklich zu tun.

Egal, also ausdrucken. Kann ja jetzt nicht so schwer sein. Wozu habe ich denn gleich zwei Drucker auf meinem Schreibtisch stehen, einen Laserdrucker von der Marke, von der ganz viele Menschen ihre Smartphones haben und einen Tintenstrahler, der dem Namen nach von meinem Bruder gefertigt wurde, bzw, mein Bruder ist.

Ah, Moment, ich muss aufpassen, dass ich auch die richtigen Dateien erwische. Dazu muss ich sagen, dass es „Der Morgen danach“ inzwischen ja in mehreren Versionen gibt. Da ist einmal der unüberarbeitete erste Entwurf. Dann gibt es eine zweite Fassung, bei der die ersten dreißig Seiten oder so noch einmal überarbeitet wurden und mit denen ich mich beim S. Verlag beworben hatte. Und dann noch eine dritte Fassung, mit abermals überarbeiteten elf Seiten, speziell auf Anregung des Verlags hin.

Gut, kein Problem. Ich drucke einfach die ersten elf Seiten aus der einen Datei und den Rest kann ich dann ja aus der anderen drucken. Moment, wo habe ich denn die elf Seiten!?

Aargh! Die habe ich doch von der Arbeit aus geschickt und die liegen da jetzt auch noch auf dem Rechenknecht herum! Aber dann kann ich die jetzt ja gar nicht drucken! Wobei, ruhiges Blut bewahrt, da ich als Mailadresse meine per IMAP geschaltete Webseitenadresse benutzt habe, kann ich doch auf die versendeten … ha, da ist ja die PDF-Datei! Wunderbar, jetzt kann ich drucken. Ab damit auf den Laserdrucker und …

WAS IST DENN DAS!?!?!? Das sind ja keine schwarzen Streifen mehr, die der da zieht, das sind schwarze Blöcke! Als ob ein Kind mit dem Edding herumgeschmiert hätte! Ich gebe ja zu, dass ich keine originale Tonerkartusche verwendet habe, aber muss die deswegen jetzt gleich explodieren?

Erst einmal eine Testseite drucken und sehen, wie groß der Schaden ist. Hm, komisch, die sieht jetzt aber ganz normal aus. Also noch einmal die erste Seite der PDF- … und wieder das schwarze Zeugs! Ja, sag mal, kann das denn an der Datei liegen!? Hab ich ja noch nie gesehen!

Okay, zweiten Drucker anwerfen. Dann muss der eben die ersten elf Seiten drucken, wenn er sie denn druckt. Das ganze Manuskript über den Tintenstrahler wäre jetzt kein besonderes Vergnügen, aber die ersten paar … Ja, er druckt, er druckt! Und man kann es sogar lesen, was er da druckt!

Gut, durchatmen. Weiter ab Seite zwölf. Wo war jetzt gleich wieder die richtige Datei? Ach so, die hier. Alle Seiten ab 12 drucken, auf dem Laserdrucker und – wieso Seite dreizehn? Wieso fängt der jetzt mit Seite 13 an? Wo ist die 12 geblieben? Ich will die Seite 12 haben, verdammt noch eins!

Also gut, runterkommen, einatmen, ausatmen. Nicht den Drucker gegen die Wand klatschen, er kann nichts dafür. Einatmen, Seite 12 noch einmal separat drucken, ausatmen. Nicht zu tief ein- und ausatmen, weil der Sauerstoffgehalt zu Gunsten des Ozons langsam schwindet in meinem Arbeitszimmer.

Am Ende muss ich dann nur noch die drei verschiedenen Stöße mit Papier in der richtigen Reihenfolge sortieren. Der Tintenstrahler hat, wieso auch immer, von hinten nach vorne gedruckt. Aber waren ja auch nur elf Seiten. Da lässt sich das verkraften.

Oh, auf der letzten Seite steht noch die Angabe der Seitenzahlen und der Wörter vom ersten Entwurf. Stimmt doch jetzt gar nicht mehr. Sollte ich rauswerfen. Ja, aber nicht mehr heute. Ich habe die Drucker schon ausgeschaltet.

Hat doch im Großen und Ganzen ganz gut hingehauen, oder? Jetzt kann ja nichts mehr schiefgehen in Sachen „mitbringen des Manuskripts“. Äh …

Habe ich eigentlich ein Gummiband, um es um die Loseblattsammlung zu machen? Habe ich einen ausreichend großen Briefumschlag? Einen Karton? Um Himmels Willen, nicht knicken, keine Flecken, keine Lochung, keine Heftung, kein …

(An dieser Stelle schließt sich leise und barmherzig der Vorhang vor der Bühne.)