… then we take Berlin …

Ich hadere.

Ich hadere mit mir, ob ich wirklich einen Artikel zu den Vorkommnissen in Berlin schreiben soll. Dem feigen (mutmaßlichen) Anschlag mittels eines LKW auf eine harmlose Menschenmenge, die nichts anderes tun wollte, als in Ruhe ihren Glühwein trinken, ihre Weihnachtsmützen spazieren tragen und vielleicht ihre Maronen essen.

Ich hadere deswegen mit mir, weil ich mich ertappe, dass ich in einem Wechselbad der Gefühle wütend und gleich darauf wieder gleichgültig werde. Eine Wut und eine Gleichgültigkeit, die sich aus denselben Quellen nähren: Es nimmt einfach langsam überhand!

Zweimal schon habe ich Artikel dieser Art auf meinem Blog geschrieben, einmal zu den Anschlägen in Paris von vor einem Jahr und einmal zu denen in Brüssel vom Frühjahr. In beiden Artikeln habe ich versucht herauszustellen, wieso wir als Europäer nicht vor denen kapitulieren dürfen, die versuchen, uns mit unserer Angst zu lähmen. Oder die verhindern wollen, dass wir irgendwann einmal zu einem normalen Umgang miteinander kommen.

Jetzt steht also ein Flüchtling unter Verdacht, die schwerwiegende Tat in Berlin ausgeübt zu haben. Ich kann mir nur vorstellen, wie heute Morgen in den Büros einer gewissen deutschen Partei die Sektkorken geknallt haben, weil man jetzt endlich wieder sagen kann, dass man es ja schon die ganze Zeit über gesagt hat.

Es nervt mich, dass diese Taten nur noch mehr Menschen in den Glauben versetzen werden, dass „der Ausländer“, „der Flüchtling“ oder „der Moslem“ an sich ein Problem darstellt, eine Gefahr für uns und die, die wir lieben.

Es ist verständlich, dass nach dem Anschlag die Sorge zuerst den Menschen gilt, die man in der betroffenen Stadt kennt. Es ist gut, sich zu versichern, dass sie in Ordnung sind. Und natürlich gilt mein Mitgefühl, gelten meine Gedanken auch den Angehörigen der Menschen, die durch die Tat eines Verblendeten oder Verrückten sterben mussten.

Aber wisst ihr, was mich auch stört?

Es stört mich, dass die Schere in den Köpfen mancher Leute nun nur noch weiter auseinanderklaffen wird. Es stört mich, dass man als Autor nun auch wieder aufpassen muss, diese Schere nicht auch noch weiter auseinander zu drücken. Ich frage mich gerade ganz ernsthaft, wann wohl der erste auf die Idee kommt zu behaupten, dass die Tat von Berlin durch einen Roman oder einen Film beeinflusst worden sein könnte. Kennt ihr die Einstiegsszene von Stephen Kings Roman „Mr. Mercedes“?

Ein Mann rast mit einem gestohlenen Mercedes in eine Gruppe Arbeitssuchender, die vor einer Jobbörse stehen. Er mäht eine ganze Reihe von ihnen nieder und kann dann entkommen.

Der Täter von Berlin konnte nicht fliehen. Aber wäre das nicht auch egal gewesen? Hätte nicht in den Köpfen der meisten Menschen der Täter, oder zumindest seine Herkunft, sowieso festgestanden?

Wie gesagt, ich befürchte, dass manche Menschen sich nicht zu schade dafür sein werden, diesen Anschlag auf das Rücksichtsloseste zu instrumentalisieren. Und das vor einem nicht ganz unbedeutenden Wahljahr für unser Land.

Was gilt es jetzt zu tun? Für uns, die Menschen, die keine Angehörigen, Freunde oder Bekannte verloren haben, kann es eigentlich nur heißen: weitermachen wie bisher, auch wenn es schwer fällt. Ich bleibe bei dem, was ich früher schon gesagt habe. In dem Moment, in dem wir uns der Angst und dem Schrecken beugen, haben diejenigen gewonnen, die uns Böses wollen.

Und in diesem Fall sind das sowohl die verblendeten Attentäter selbst als auch die Demagogen, die Kapital aus ihren Taten schlagen.

Ganz ehrlich, manchmal frage ich mich, ob ich der Normale bin und nur die Welt um mich herum verrückt geworden ist.

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19 Gedanken zu “… then we take Berlin …

  1. Lieber Michael,
    Manchmal gucke ich „die Tagesschau heute vor 20 Jahren“ oder andere ähnliche Aufnahmen. Und ganz ehrlich? Früher war es nicht besser, nur anders. Die Nachrichten früher waren auch gefüllt von schrecklichen Ereignissen.

    Und ja, Gedichte, Romane, Bilder,.. können immer dazu verleiten, ausgenutzt, anders interpretiert oder nachgemacht zu werden. Genauso wie im kleinen ein Gespräch unter Eheleuten große Auswirkungen haben kann, wenn das Kind zuhört… .

    Ich kann deine Besorgnis nachempfinden. Und denke einfach, dass „wir“ einfach mehr so wie du den Mund aufmachen müssen, damit nicht nur gewisse Parteien gehört werden… .

    Kiira

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    • In gewisser Weise hast du Recht, Kiira. Es gab auch vor zwanzig Jahren schon Terror, es gab Anschläge und es gab ignorante Menschen, die das für sich instrumentalisierten.

      Aber ich finde schon, dass wir eine neue Qualität erreichen. Wenn ich lesen muss, dass der AfD-Obermufti (die Bezeichnung wird ihn ärgern!) von NRW Worte wie „Merkels Opfer“, „Lügenpresse“ und „Feindsender“ kaum eine Stunde nach dem Anschlag via Twitter in die Welt jagt, dann könnte ich …

      Leider weiß ich nicht, wie man die Schafe erreicht, die blöde blökend hinter diesen Wölfen im Schafspelz hertrotten. Auf meiner Seite werden sie kaum lesen. Und falls sie es doch tun:

      WACHT LANGSAM MAL AUF!

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      • Wenn du von „neue Qualität“ sprichst, sprichst du dann auch von dem „anders“, von dem ich spreche? Oder bringst du da eine Wertung rein wie „heute ist es schlimmer als damals“? Diese Wahrnehmung fände ich, was meist zur Definition von Wahrnehmung passt, sehr subjektiv. Was ist mit dem Horror in der DDR? Von dem Überwachungsstaat? Dass man seiner eigenen Familie nicht anvertrauen konnte, dass man flüchten wollte? Anschläge hatten wir auch: Olympia 1972 in München zum Beispiel. Das hat die Menschheit sicher auch sehr erschüttert.

        Ich würde hier fast sagen, dass dadurch, dass wir älter werden, wir das Weltgeschehen bewusster wahrnehmen. Und meine subjektive Meinung ist auch, dass wir uns mit den Glücks-, Pädagogik- und Psychologiemagazinen, die in den letzten Jahren immer mehr in Mode kommen, was ja nur heißt, dass wir uns mehr damit beschäftigen, mehr sensibilisieren. Und je mehr ich sensibilisiert bin, desto höher stufe ich Bedrohung ein, desto schlimmer nehme ich es wahr.
        Das kann ich bei mir auch durch das High-Sensitive Buch bemerken, dass ich zur Zeit lese. Je mehr Informationen bekomme, desto achtsamer und aufmerksamer werde ich.

        Und das könnte vielleicht auch zu der aktuellen Situation führen: Auf der einen Seite habe ich mehr Angst, weil ich alles um mich herum als bedrohlicher wahrnehme, und bin vielleicht anfällig für AfD-Anhänger, Fake-News, Stimmungsmache, etc. Und auf der anderen Seite habe ich das Wissen, mich genau dagegen zu wehren.

        Vielleicht verirren sich ein paar auf deine Seite. Aus Mediensicht würde ich aber eher an deinen Twitter-Account appellieren. Bei Twitter suchen auch die Schafe nach Hashtags. Und wenn du deine Beiträge mit den Hashtags betitelt, die die suchen, erreichst du sie. Und das sind, denke ich, meist die aktuellen.

        Deinen Ausruf finde ich sehr gut!:-)

        * Das zu dem AfD-Obermufti muss ich mal nachlesen, das klingt wirklich nicht gut o.ô

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  2. Das hast du gut geschrieben, Michael. Der Deutsche vergisst gern, dass er selbst auch Ausländer ist. Die Sache mit den Asylanten hat nochmal einen anderen Beigeschmack, weil meiner Meinung nach nicht nur die zu uns kommen, die meiner Meinung nach aufgefangen und beschützt werden müssen, sondern auch welche, die es in Deutschland versuchen wollen, es besser zu haben (der Wunsch allein ist nicht unverständlich) oder die eben Böses vorhaben. Wie soll man die einen von den anderen unterscheiden können? Sind ja wohl auch Fehler bei der Registrierung etc. aufgetreten, als die Schwemme kam. Alle über einen Kamm scheren finde ich nicht gut. Man möchte ihnen offen und herzlich begegnen. Ich mag andere Kulturen. Ich finde fremde Menschen interessant, ihre Lebensweise, ihre Ansichten. Das geht zur Zeit nur nicht so unbeschwert. Immer denkt man… das könnte… oder… ?
    Paris – das ist mein Traumziel. Einmal auf den Eifelturm. Seit dem Anschlag dort ist das für mich in weite Ferne gerückt. Ich habe Angst, diesem Traum nachzugehen – mal abgesehen davon, dass zur Zeit weder das Geld noch die Zeit dafür da wären…
    Und in Berlin war vor ein paar Monaten eins meiner Kinder mit der Schule. Den Gedanken finde ich unheimlich…
    Ich verdränge es lieber alles, damit es mich nicht verrückt macht. Das kann ich auch gut ohne Angst vor Anschlägen…
    Lustig ist, dass ich auch überlegt hatte, ob man zu dem Anschlag was schreiben sollte… aber andere haben was geschrieben, das reicht. Ich werde mich dazu nicht äussern. Aber du bist normal!! 🙂 Die Welt wird nur immer verrückter, komplizierter und agressiver. Glaub ich.
    liebe Grüsse
    kitty

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      • Liebe Kitty,

        Ich persönlich fand Paris nicht so schön, wie ich es mir jahrelang ausgemalt habe. Aber den Eiffelturm kann ich sehr empfehlen. Ich hab ihn wegen meiner Höhenangst allerdings nur von unten gesehen. Sah aber sehr imposant aus, wie er bei dem Nieselwetter im Nebel verschwand!

        Kiira

        Gefällt 1 Person

      • Lieber Michael,
        ja, bei dir hab ich mich geäussert. Ich meinte, dass ich nicht selbst einen Beitrag dazu verfassen möchte. 🙂
        Ja, auf dem Eifelturm ist es bestimmt toll. Hauptsache, es gibt auch ein hohes Geländer. Hab ein bisschen Höhenangst.
        liebe Grüsse
        kitty

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  3. Lieber Michael, ich bin so froh, im Netz einmal einen Beitrag wie deinen zu sehen. Obwohl ich eigentlich in einer sehr aufgeklärten, liberalen und nachdenklichen Blase lebe, die pro Multikulturalität ist, schwemmt der Hass gegen Ausländer und Muslime inzwischen überall hin.

    Mich belastet das sehr, obwohl ich mit dem Islam so direkt nichts zu tun habe. Aber meine halbe Familie ist arabisch und damit auch muslimisch. Sie sind wunderbare Menschen, herzlich, tolle Köche, mehrere Journalisten sind darunter, die im Rahmen des liberalen Islam auch für ein Zusammenkommen der Kulturen schreiben, dass der feministische Islam u.a. gestärkt und der Erzkonservative, die man hier inzwischen mit dem Exremismus verbindet, als Gegenpol aufgestellt werden muss.

    Doch diese Menschen bekommen bei uns keine Stimme. Wir reden die ganze Zeit über Muslime statt mit ihnen – weil viele Menschen inzwischen Angst davor haben. Unser System hat auch dahingehend versagt, dass es versäumt hat, aufzuklären, was Islam und seine Geschichte ist, dass es hier schon immer friedfertige Muslime gegeben hat, welche den Extremismus genauso bekämpfen, und dass die meisten Flüchtlinge (bis auf die schwarzen Schafe natürlich, welche unsere Medien ins Zentrum rücken) nicht nur vor dem Krieg, sondern teils auch vor einem Faschismus fliehen, der ihren Glauben politisch missbraucht. Unsere Medien könnten aufklären, tun es aber bewusst nicht, weil sich mit polarisiender Angst bessere Auflage machen lässt. Ich habe schon für Zeitungen gearbeitet und weiß, wie gezielt jedes Wort bei einer Headline gesetzt ist – ein Täter mit „muslimischem Hintergrund“ ist manchmal nur ein Deutscher, dessen eines Großeltern-Paar aus der Türkei kam.

    Das Thema ist insgesamt so komplex, ich schaffe es gar nicht, angesichts all der Angst inzwischen das für andere zu umreißen … Ich bin ja auch kein Experte, habe nur durch meine privaten Erfahrungen einen besseren Einblick als der europäische Durchschnittsbürger. Es tut mir weh, zu lesen, wenn jemand online meine halbe Familie als barbarisches Volk karrikariert, das nur Frauen unterdrücken kann, blutrünstig und barbarisch ist und sich seit dem Mittelalter nie entwickelt hat. In letzter Zeit habe ich das Synonym „pädophile Ziegenficker“ viel zu oft gesehen. Das ist einfach nicht wahr, wie es die meisten Leute im Grunde ihres Herzens wahrscheinlich auch wissen – ich weiß ja, dass diese Aussagen von Angst und Unwissen gesteuert sind, von Hilflosigkeit angesichts dessen, was gerade in der Welt passiert.

    Wobei ich nicht weiß, vor wem ich mehr Angst haben soll. Tatsächlich habe ich eine Heidenangst vor den ganzen Verbänden mit Neo-Nazi-Hintergründen weltweit, die sich durch diese Angst immer mehr Stimmen holen und Begriffe wie „Deportation“ wieder ausgraben.

    Ich glaube, dass bei beiden Lagern nur Bildung helfen kann – Extremismus ist nur dort möglich, wo Armut an Gütern und Wissen aufeinandertreffen. Das gilt tatsächlich für beide Seiten. Ich bin auch überzeugt, dass das alles nur zu schaffen ist, wenn Westen und Muslime weltweit an einem Strang ziehen. Doch fürchte ich gleichzeitig, dass die Kluft dafür schon viel zu groß ist …

    Mir haben die Wahlen in Österreich zumindest Hoffnung gegeben. Dort, wo ich bin, scheint der Großteil doch ähnlich zu denken wie ich. Ich hoffe auch, dass dem andere europäische Länder folgen werden, und meine größte Hoffnung wäre es ohnehin, wenn Österreich auch vörderhin als Beispiel dienen könnte.

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Nora,

      dein Kommentar hat mich gerade extrem berührt. Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Deine Gedanken und Gefühle, dein Erleben in Bezug auf deine Familie, das steht ganz plastisch vor meinem inneren Auge.

      Ich nehme dich jetzt virtuell einfach mal in den Arm. Das scheint mir die beste Art zu sein, auszudrücken, was ich gerade empfinde.

      Liebe Grüße und lass uns die Hoffnung nicht sterben lassen!

      Gefällt 2 Personen

      • Danke Michael, das ist sehr lieb! 🙂

        Ich werde da wohl ein dickes Fell entwickeln müssen und meinen Teil beitragen, wo ich kann. Die Hoffnung stirbt natürlich zuletzt! Ich bin ja jemand, der einen unfassbaren Glauben an das Gute im Menschen hat. Es ist nur so traurig, dass sich die Geschichte so offensichtlich wiederholt.

        Auch dir ganz liebe Grüße!

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      • Ist bestimmt hochinteressant. 🙂
        Und weil ich auf deinen anderen Kommi, der an mich gerichtet ist, nicht antworten kann… ich habe auch leichte Höhenangst – wobei hoch immer noch besser klappt als wieder runter. Daher eh nicht allein… selbst auf eine Leiter steige ich höchst ungern. brrr…
        lg kitty

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      • Hallo Kiira, da müsste ich ihn glatt fragen! Auf Arabisch gibt es ganz bestimmt welche, auf Englisch ist eine andere Frage. Wenn es dich so interessiert, dann mache ich das gerne für dich und frage ihn dann auch gleich, ob er ein paar Online-Quellen empfehlen kann 🙂

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