Das Schreiben der Anderen: „Namenlos“ von Nika Sachs

namenlos

Als ich „Namenlos“ aufschlug fehlte nicht viel, und ich hätte es beinahe auch direkt wieder zugeschlagen. In mir ging eine Alarmlampe an und ein innere Lautsprecherstimme tönte: »Alarmstufe Rot, das scheint Kunst zu sein, Alarmstufe Rot …«

Nun bitte ich, mich nicht falsch zu verstehen. Ich habe nicht gegen Kunst und ich habe nichts gegen Kunst in Büchern. Aber als ich die erste Seite von „Namenlos“ las und das Gefühl hatte, sie am besten direkt noch einmal zu lesen, damit mir die Wortspiele und -zusammenhänge nicht alle entgehen, war ich dann doch ein wenig eingeschüchtert.

Aber dann riss ich mich am Riemen, zerrte den Deutsch-LK-Schüler aus seinem stillen Kämmerlein hervor und warf mich ins Getümmel dieser mit knapp 100 Seiten nicht besonders langen Novelle.

Und ich habe es nicht bereut!

„Namenlos“ ist die Geschichte von zwei Personen, einem Mann und einer Frau. Wir begegnen zunächst ihm, dem Namenlosen, dessen Leben durch den Fortgang jener Person, die seinen Namen nach viereinhalb Jahren dann doch nicht mehr haben wollte, aus den Fugen geraten ist. Auf der Suche nach Inspiration besucht er seit Wochen ein Café, wo er jedoch außer noch mehr Trübsinn und Sinnlosigkeit nichts gefunden hat, das nicht ohnehin schon in ihm angelegt gewesen ist.

Aber dann wird er eines Tages auf sie aufmerksam. Sie ist eine etwa gleichaltrige Frau, die in der Hauptsache über ihr Aussehen charakterisiert wird. Denn auch sie ist eine Namenlose, allerdings aus eigener Wahl heraus. Wird doch ihrer Meinung nach dem Namen einer Person zu viel Bedeutung beigemessen und wird durch seine Nennung eine Beziehung zugleich trivialisiert.

Aber ist das überhaupt eine Beziehung, die die beiden haben? Da setzt er ein, der Kniff von „Namenlos“, der diese Novelle zu etwas Besonderem macht. In 99% der üblichen Geschichten würde von dem Moment an, in dem er und sie sich im Café treffen, eine mal mehr und mal weniger konventionelle Liebesgeschichte ablaufen. Und diese beginnt in 100% der üblichen Geschichten mit der gegenseitigen Namensnennung.

Nika Sachs lässt ihre Protagonisten das Spiel umdrehen. Zunächst bleibt man auf Distanz, während man sich geistig jedoch immer weiter annähert. Besonders er ist von ihr fasziniert und von den Spielregeln, die sie aufstellt. So darf er etwa nicht erfahren, wo sie wohnt, was ein Mysterium um sie herum aufbaut, dem er sich nicht widersetzen kann. Das liest sich am Anfang mitunter ein wenig verwirrend, passt aber gut zu den Gefühlen des Protagonisten, dessen Perspektive man zumeist einnimmt.

Zugleich entwickelt sich die sprachliche Umsetzung des Textes. Während ich am Anfang noch das Gefühl hatte, leicht überfordert zu werden, wird mit fortlaufender Entwicklung und Vereinfachung der zwischenmenschlichen Beziehung auch die Sprache einfacher. Ganz so, als ob auch hier der retrograde Verlauf der Entwicklung betont werden soll. Denn, mal ehrlich, wer würde schon beim ersten Date über Philosophen philiosophieren? Hier tun die Personen ebendies, um sich dann im Laufe der Zeit immer weltlicheren und damit auch „normaleren“ Themen zuzuwenden.

Sprachlich ist das durchgängig auf einem hohen Niveau, das leider besonders zu Beginn manchmal etwas gezwungen wirkt. An diesen Stellen scheint es so, als ob die Autorin sich erst noch an die Figuren und gleichzeitig die Figuren an ihre Rollen gewöhnen müssten.

Aber wenn die Geschichte dann erst einmal richtig ins Laufen gekommen ist, wünscht man sich, dass diese besondere Beziehung ewig nach den Spielregeln gespielt werden könnte, die für sie aufgestellt wurden. Gleichzeitig steht doch schon in der Anlage derselben fest, dass es so nicht sein kann, denn die Realität ist nicht für Namenlose gemacht.

Und, siehe da, am Ende ist es dann auch alles gar nicht mehr so künstlerisch, wie am Anfang befürchtet. Im Gegenteil: Mit zunehmendem Fortlauf der Geschichte und der Charakterentwicklung wird die Sprache immer klarer, eingängiger und entwickelt an manchen Stellen eine ganz eigene Melodie.

Ein wenig gestolpert bin ich verschiedentlich über die Angewohnheit der Autorin, Dialoge manchmal nicht ganz eindeutig in Absätzen abzugrenzen. Das führt zu perspektivischen Verschiebungen innerhalb eines Absatzes, die man in dieser Form einfach nicht gewohnt ist. Dies bleiben aber im Wesentlichen die fortlaufenden Zugeständnisse an die künstlerische Form, welche dem Text immanent inne wohnt.

Nika Sachs hat mit „Namenlos“ ein Debüt abgeliefert, das nicht ganz einfach ist, das mit den Erwartungen der Leser spielt und sie nicht immer in der Form erfüllt, in der man es gewohnt ist. Man muss sich darauf einlassen können. Aber wenn man das geschafft hat, dann erlebt man eine Geschichte, die irgendwie die Geschichte von zwei Fremden ist, irgendwie eine Liebesgeschichte und irgendwie ein Spiegelbild auf die Gesellschaft, in der viele Menschen einfach namenlos vor sich hin leben.

Von mir gibt es dafür die Höchstwertung!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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