Das Schreiben der Anderen: „Die Tränen der Vögel“ von Uwe Krüger und Jonas Torsten Krüger

Bevor ich euch in die Besprechung zu diesem Roman entlasse, sollte ich kurz aufklären, was dieses Buch qualifiziert hat, in meiner Rubrik „Das Schreiben der Anderen“ präsentiert zu werden. Einer der beiden Krügers, Jonas Torsten, ist Lesern meines Blogs unter seinem Pseudonym Simon Segur bekannt. Ich habe das Buch bei einem Gewinnspiel gewonnen und mit einer ganz tollen persönlichen Widmung erhalten.

Wieso der Roman auch ohne diese Tatsache eine Empfehlung ist, könnt ihr den folgenden Zeilen entnehmen:


dtdvEin Ornithologenkrimi!?

Die Frage darf man sich ruhig einmal genüsslich auf der Zunge zergehen lassen, denn die Freunde der Vogelkunde hatte zumindest ich jetzt nicht als den Stoff auf dem Schirm, aus dem sich eine spannende Krimihandlung stricken ließe. Aber da man einer geschenkten Taube ja nicht unter die Schwanzfedern schaut (ich habe mein Exemplar des Romans bei einem Gewinnspiel gewonnen), habe ich mir die Voliere mal ganz genau angeschaut und quasi ein wenig im Streu gekratzt.

Sven Seidelmann, Ornithologe und Mitarbeiter in einem medizinischen Start-Up-Unternehmen, wird ermordet aufgefunden. Und damit beginnen sogleich die Unklarheiten in diesem Fall. War da jetzt ein Mann, der den Toten zuerst entdeckte? Oder war da doch noch ein anderer? Und war einer von den beiden am Ende sogar der Mörder?

Karola Bartsch, die Leiterin der Sonderkommission „Nachtschwalbe“, muss sich mit einer ganzen Menge Fragen herumschlagen und bemerkt bald, dass es einige Leute gibt, die ihr und ihrem Team Knüppel zwischen die Beine werfen. Der Chef des Ermordeten zeigt sich mehr als nur zugeknöpft und wird durch den leitenden Staatsanwalt sogar noch darin gedeckt. Einer der beiden Securitymitarbeiter von Orni Charm Pharmaceuticals nimmt vor einem der Ermittler Ausreiss und kommt dabei im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder. Und die Witwe ist eine Frau, aus der irgendjemand anderes schlau werden soll. Karola wird es jedenfalls nicht.

Da fällt es kaum noch ins Gewicht, dass längst nicht alle Mitarbeiter der Soko so loyal sind, wie man sich das als Chefin wünschen würde. Viel schlimmer und verwickelter kann es da ja kaum noch werden.

Aber es gibt da auch noch Karsten! Karsten ist Karolas Bruder, ehemals Drogenfahnder, aber inzwischen aus dem Dienst ausgeschieden und Initiator eines Projekts für die im Drogensumpf Gestrandeten der Bankenmetropole Frankfurt am Main. Als solcher macht er sich nicht nur Freunde, vor allem nicht bei den Dealern der Stadt.

Interessanter ist aber, dass Karsten den Toten aus seiner Vergangenheit kennt! Denn Karsten ist selber ein Ornithologe, wie er im Buche steht. Und „Ornis“ sind alle ein klein wenig verrückt.

Während offensichtlich jemand alles daran setzt, Karsten etwas anzuhängen, wenn nicht Schlimmeres, fängt er damit an, auf eigene Faust zu ermitteln, was mit „Silber-Sven“ passiert ist. Denn er hat das Gefühl, dass in diesem Verwirrspiel irgendwas ganz gewaltig nicht stimmt.

Und das ist haargenau das Gefühl, das auch die Leser mit Karsten Bartsch teilen werden, wenn sie diesen Krimi lesen. Ich meine das im allerbesten Sinne! Denn es ist wirklich so, dass nur wenige der Dinge so sind, wie man vorab glaubt, wie sie zu sein haben.

Den beiden Krügers gelingt es, einen Krimi zu präsentieren, der seine Handlung ruhig, aber nicht langweilig, mit vielen Twists, aber nicht verwirrend und clever, aber nicht überheblich vorantreibt.

Der Einstieg über die beiden grundverschiedenen Figuren Karsten und Karola, deren Geschichten für eine geraume Zeit nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, ist sehr niedrigschwellig. Es macht Spaß, sowohl dem einen, einem vermeintlichen Aussteiger, als auch der anderen, einer vermeintlich sehr korrekten Polizistin, zuzuschauen.

Aber die Menschen sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen – und das trifft auch auf diese beiden zu, wie der Leser im Laufe der Handlung erfährt.

Generell machen fast alle der Personen, denen man in diesem Krimi begegnet, auf die eine oder andere Weise eine Entwicklung durch. Und das macht sie so lebensnah, dass man schnell ein Bild von ihnen im Kopf und seine Favoriten hat. Das mag bei dem einen die Ermittlerin Lotte mit der grünen Haarsträhne sein, bei der anderen der Leiter der Spurensicherung, dessen indianischer Spitzname nicht das Unkonventionellste an der Figur ist.

Wenn es einen Unterschied gibt, der diesen Roman gegenüber so manch anderem Krimi auszeichnet, so ist es wirklich der bereits angesprochene Umgang mit Twists. Oftmals dienen diese heutzutage ja nur noch ihrem Selbstzweck, dem Leser (oder entsprechend dem Zuschauer) die lange Nase zu zeigen und ihm das Gefühl zu geben, dass alles, was er bis jetzt geglaubt hat zu wissen, aus den hanebüchensten Gründen falsch gewesen ist. Und wieso? Weil der Autor es kann!

Die Krügers bedienen sich dieses Stilmittels zwar auch, tun dies aber auf eine derart charmante Weise, dass man ihnen einfach nicht böse deswegen sein kann. Vielmehr fesselt es einen stark an die Handlung und man freut sich geradezu auf den nächsten Haken, den die Handlung nimmt.

Das sind so viele, dass ich irgendwann damit anfing, mir Sorgen zu machen, ob die wohl alle aufgelöst werden würden. Aber, so viel darf ich verraten, das werden sie. Egal, ob es sich um die Vergangenheit von Karstens Freund Spotti, einem ehemaligen Drogensüchtigen, oder um die Identität der geheimnisvollen Sprayer handelt, die an markanten Punkten von Frankfurt Bilder mit einer Message sprühen.

Formal und sprachlich ist das alles auf einem absolut hohen Niveau und man hat zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass hier wirklich zwei Autoren am selben Text gearbeitet haben, die jeder ihre eigene erzählerische Stimme durchboxen wollten. Das spricht für eine sehr aufmerksame und ordentliche Überarbeitung.

Insgesamt spreche ich eine ausdrückliche Empfehlung aus: Dieser Roman hat Typen, er hat Ideen, er hat eine durchdachte Handlung mit Twists zum mit-der-Zunge-schnalzen.

Und das in einem Ornithologenkrimi! Wer hätte das gedacht!?


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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22 Gedanken zu “Das Schreiben der Anderen: „Die Tränen der Vögel“ von Uwe Krüger und Jonas Torsten Krüger

  1. Puh! Da bin ich jetzt aber froh, dass Dir das Buch gefallen hat und ich im „Schreiben der Anderen“ nicht Dein erster Veriss bin – was das angeht, bleibt’s auch spannend 🙂
    Also: Ganz herzlichen Dank für die schwungvolle, tiefblickende, Vogelmetaphern aufgreifende und sehr schön geschriebene Rezi. Wie Roland meinen würde: „Ich sage Dir meinen Dank!“
    Ganz herzliche Grüße!

    Gefällt 1 Person

    • Sehr gerne!

      Was den ersten Verriss angeht, bin ich selber gespannt. Ich gehe inzwischen schon sehr überkritisch an jeden neuen Text heran, so nach dem Motto: Jetzt aber!

      Aber wenn ihr nun einmal alle so gute Romane schreibt? Ich kenne die falschen Autoren, scheint mir ;-).

      Gefällt 1 Person

      • Na, ich freu mich jedenfalls auf Dein „Der Morgen danach“ (der wahrscheinlich wirklich anders heißen wird – Verlage sind irgendwie eigen mit Cover und Titel 🙂 ) – dann werd‘ ich mich auf jeden Fall mit einer Rezi auf Amazon revenchieren. Oder ich schreibe hier bei Dir unter der Rubrik „Schreiben der Anderen“ eine Gast-Rezi 🙂

        Gefällt 1 Person

  2. Lieber Michael
    Vielen Dank für diese witzige Rezension, die sogar mich Nicht-Krimileserin verführen könnte, mal einen unter die Flügel zu nehmen. Nur eins: Im Anfangsschwung ist dir der erste Satz ein wenig, nun ja…, ‚gegen die Scheibe geflogen‘? Dieser einladende Text verdient einen klaren Einstieg, findest du nicht?

    Gefällt 2 Personen

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