Das Schreiben der Anderen: „Die Krankheitensammlerin“ von Kia Kahawa

Wie oft habe ich in dieser Rubrik jetzt eigentlich schon geschrieben, dass ich mich mit dem folgenden Text schwer getan habe? Gefühlt mache ich das bei jeder zweiten Rezension. Aber die Gründe sind nicht immer die selben – und letztendlich ist es wohl doch immer wieder der Gleiche: Ich setze mich sehr intensiv und auch persönlich mit dem zu besprechenden Text auseinander und hoffe, dass man davon auch ein wenig mitbekommt, wenn man meinen Beitrag liest. Der folgende Text hat es mir aber wirklich, wirklich schwer gemacht, denn zwei Seelen schlagen, ach, in meiner Brust.


dkrsa

Fiona ist eine junge Frau, deren Leben in vielerlei Hinsicht nicht so funktioniert, wie sie es gerne hätte. Wir lernen sie kennen, wie sie im Wartezimmer eines Arztes sitzt, um sich die gefühlte tausendste Diagnose abzuholen. Denn Fiona ist die Krankheitensammlerin. Nicht nur, dass sie Schwierigkeiten mit diversen Partien ihres Körpers hat, sie muss sich auch mit einigen psychischen Problemen auseinandersetzen. Alles zusammen wirft einen ziemlichen Schatten auf ihr Leben. Und jetzt auch noch diese Sache mit der Schilddrüse! Wenigstens bekommt sie für die jetzt Medikamente.

Doch Fiona gehört nicht zu den Menschen, die sich einigeln. Ja gut, doch, so ein wenig vielleicht. Sie hat nicht viele Freunde. Da ist Paul, ihr Freund seit Kindheitstagen. Und da ist Thilo, der Freund aus dem Chatroom, von dem sie bis jetzt noch nicht einmal ein Bild gesehen hat. Sie hat ihm auch keines von sich gezeigt, denn sie ist übergewichtig. Und sie hat Sorge, dass Thilo mit ihr nichts mehr zu tun haben will, wenn er herausfindet, wie übergewichtig sie ist.

Es muss sich was ändern in ihrem Leben – das findet nicht nur ihre Mutter. Und da ist es doch eigentlich sehr praktisch, dass sowieso gerade Silvester vor der Tür steht. Die perfekte Zeit, um sich einen minutiösen Plan zu machen, wie es gelingen kann, die „neue Fiona“ herauszulocken und zu etablieren. Der erste Schritt ist, dass sie auf der Silvesterparty, auf der sie eingeladen ist, übt, wie man unbefangen mit anderen Menschen redet.

Aber dass ihr Freund Paul so unbefangen ist, dass er sie doch glatt heftig küsst, das bringt sie ganz durcheinander. Und dass er sie danach kaum noch beachtet, noch viel mehr. Schließlich wacht sie morgens in Pauls Haus auf, nur nicht in seinem Zimmer. Aus dem huscht dafür Anja, die Fiona wider besseres Wollen sympathisch erscheint.

Irgendwie ist doch die ganze Welt verrückt geworden, findet Fiona. Findet auch ihr Therapeut und schickt sie zum Psychiater, der ihr ein Antidepressivum verschreibt. Dabei fühlt sie sich doch nur gut, also meistens. Die anderen haben eben kein Verständnis für die neue Fiona. Da trifft sie Thilo, einen Obdachlosen, und kommt ins Nachdenken. Wieso heißen eigentlich in letzter Zeit alle Menschen gleich, kommt es immer wieder zu Namensdopplungen?

Und wann genau ist die Welt um sie herum eigentlich aus den Fugen geraten?

Kia Kahawa ist mit Fiona eine ganz besondere Figur gelungen. Das kann ich ohne jede Übertreibung sagen. Fiona ist authentisch sowohl in ihren Phasen der Depression, als auch in denen, in denen sie versucht, ihr Leben neu aufzusetzen. Ganz klar muss man dazu aber auch berücksichtigen, dass so manche Handlung, die sie vornimmt, schon von Anfang an komisch wirkt, wenn man sie liest.

An der einen oder anderen Stelle möchte man Fiona geradezu die Hand wegreißen von dem, was sie gerade tut. Zu anderen Gelegenheiten wünscht man sich, man könne einfach in die Geschichte eintauchen und mit Fiona mal ein nettes Wort wechseln. Denn eins ist klar: Fiona ist eine zerrissene junge Frau, die eigentlich dringend jemanden braucht, der sich mit ihr beschäftigt, sich um sie kümmert und ihr eine Stütze ist.

Damit will ich nicht sagen, dass Fiona schwach ist. Denn das ist sie nicht! Kia Kahawa schafft es aber, die Ambivalenz in dieser vermeintlichen Stärke herauszuarbeiten. An manchen Stellen des Romans ertappte ich mich bei dem Wunsch, Kontakt zu Kia aufzunehmen und sie zu fragen, wie viel Kia eigentlich in Fiona steckt. Aber gut, wir alle wissen, dass man nicht den Fehler machen sollte, von einer Romanfigur zu direkt auf den Autor Rückschlüsse zu ziehen.

Die Handlung des Romans ist dabei eher „nebensächlich“ in ihrer Alltäglichkeit. Sie wird sehr von ihren Personen getrieben, von denen mir neben Fiona vor allem Thilo, der Obdachlose, im Gedächtnis bleiben wird. Fiona macht zufällig seine Bekanntschaft in einem Moment der Schwäche, den sie aber in einen Moment der Stärke umwandeln kann. Das Gespräch, das sie mit dem Mann führt und die Reflexionen, die sie hierzu auch im Nachgang noch hat, sind ein ganz großes Stück Erzählkunst!

Rein von den Formalia her ist „Die Krankheitensammlerin“ wirklich sehr gut geraten, hat das Ohr nahe an den handelnden Figuren, die dreidimensional erlebbar werden, wo es notwendig ist und oberflächlich bleiben, wo sie es auch im normalen Leben wären.

Wenn ich meine Rezension rein objektiv schreiben würde, wäre sie an dieser Stelle zu Ende und ich würde, denke ich, die Höchstwertung mit einer klaren Leseempfehlung aussprechen. Aber es gibt daneben ja noch eine subjektive Sichtweise. Und da, muss ich zu meinem Bedauern gestehen, hat mir vor allem das Ende des Romans die Stimmung ein wenig verhagelt.

Dazu muss ich sagen, dass ich Menschen wie Fiona im richtigen Leben kenne. Und dass ich nicht nur den Tatbestand einer nicht richtig funktionierenden Schilddrüse mit ihr teile (wir nehmen sogar dasselbe Medikament ein). Und daher weiß ich einfach auch, oder kann es anhand meiner Erfahrungen behaupten, dass sich Probleme und Verhaltensweisen, wie Fiona sie hat und für sich etabliert hat, nicht so ohne Weiteres und schnell lösen lassen.

Genau das ist aber das Gefühl, das „Die Krankheitensammlerin“ beim Leser hinterlässt. Am Ende ist Fiona durch ihre Reise, die sie im Roman unternommen hat, vielleicht kein anderer Mensch geworden, aber ihr gelingen Dinge, für die andere Betroffene ein Vielfaches an Zeit aufwenden mussten.

Für mich wirkt das, als ob hier, zugunsten des runden und wohl auch versöhnlichen Abschlusses des Romans, ein wenig der Realismus gebeugt worden wäre, um ein Happy End zu erhalten.

Das ist prinzipiell auch okay, denn ein Roman ist keine Abbildung der Realität. Aber gerade bei der Darstellung von psychischen Problemen und handfesten Erkrankungen finde ich es immer ein wenig schade, wenn dem Leser einfache Lösungen angeboten werden. Schlimmstenfalls überträgt dieser die ins reale Leben und erwartet von Betroffenen, dass sie ihre Probleme ebenso leicht in den Griff kriegen.

Ich will nicht abstreiten, dass es Menschen wie Fiona, die es einfach hinkriegen, auch im echten Leben gibt. Aber für mich bleibt leider ein etwas bitterer Beigeschmack.

Das alles ändert nichts daran, dass ich mit 90% des Romans absolut meinen Spaß hatte und sie vorbehaltlos empfehle. Und dem neutralen Leser wird wohl auch das Ende keine Probleme bereiten. Ich für mich persönlich muss allerdings hier einen Stern abziehen.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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16 Gedanken zu “Das Schreiben der Anderen: „Die Krankheitensammlerin“ von Kia Kahawa

  1. Wieder eine sehr schöne Rezi – mir gefällt Deine Mischung aus persönlichem Ansatz und Objektivität wirklich richtig gut. Da ich ein Happy-Ender bin, kann ich bestimmt gut mit dem Schluss leben, insofern meinen Dank für den Lesetipp 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Oh, das ist ja witzig! Kia kenne ich auch als Mitglied der BartBroAuthors und hätte auf jeden Fall bei ihr am Stand vorbeigeschaut. Da kann ich ja, sozusagen, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen :-).

      Langweilig wird es dir mit ihr als Nachbarin mit Sicherheit nicht werden, denke ich. Und du gerätst nicht an irgendeinen puritanischen Aussteller, der sich an deinen Romanen stoßen könnte. Win-win, würde ich sagen :-).

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    • Direkte Nachbarn?! Wie klein die Welt doch ist 🙂
      Wow, ich bin beeindruckt, jemanden kennenzulernen, bevor ich das erste Mal einen Fuß auf eine Buchmesse setzen werde 😀
      Woher weißt du, dass ich es bin? Hast du die Info nur dem Lageplan entnommen (auf dem doch nur „Kia“ steht), oder hast du Insider-Informationen, die ich theoretisch auch haben sollte?
      Ich würde mich über Austausch freuen 😉
      Liebe Grüße und Michael – vielen lieben Dank für diese grandiose Rezension!

      Gefällt 2 Personen

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