Was ich schreibe, ist nichts wert

Was ich schreibe, das ist nichts wert. Es ist nicht wert, dass man es liest, es ist nicht wert, dass man darüber spricht und es ist auch nicht wert, dass es irgendwann einmal jemand kauft.

Wie gut, dass es da diese Stimme in mir gibt, die mir das immer wieder vor Augen führt – ansonsten könnte ich noch auf andere Gedanken kommen.

Es braucht nicht viel, vielleicht ein falsches Wort zur falschen Zeit, oder einen falschen Gedanken im falschen Augenblick und dann ist die Stimme da, stürzt sich darauf, zerrt es ans Tageslicht und knallt es mir mit der Wucht eines atomaren Sprengsatzes mitten ins Gesicht: Was du schreibst, das ist nichts wert. Es taugt nichts. Hat auch noch nie getaugt.

Man sollte glauben, dass ich inzwischen genug erlebt habe, das mich vom Gegenteil überzeugen könnte, aber da kennt ihr diese Stimme schlecht. Die ist ein Meister darin, mir die Wahrheit, die ganze schonungslose Wahrheit, zu sagen.

Du hast einen Wettbewerb bei cluewriting.de gewonnen? Na, da müssen die anderen 294 Teilnehmer ja mit leeren Seiten angetreten sein.

Du hast positives Feedback von diesem Lektor bei be bekommen zu dem Text, den du eingereicht hast? Der wollte einfach, dass du dich schnell wieder verzupfst und das tun die Dummen (wie du) eher dann, wenn man sie lobt, als wenn man sie kritisiert.

Und dann dieser Buchvertrag … muss ich da wirklich was drüber sagen? Kleinverlag und so? Meinst du ernsthaft, dass irgendwann mal jemand lesen wird, was du da fabrizierst? Auch hier: Das ist beinahe gut für dich, dann machst du dir deinen Ruf nicht kaputt. Ach, ich vergaß, den hast du ja gar nicht.

Ja, das ist meine kleine Stimme, die sich hin und wieder zu Wort meldet.

Kennt ihr auch solche Stimmen in euch? Hört ihr manchmal den Mann im Ohr, der euch alle eure Erfolge oder positiven Dinge im Mund umdreht und zum Schlechten verkehrt? Dann wisst ihr ja, wovon ich spreche.

Ich arbeite daran, diese Stimme klein zu halten. Sie auf das Niveau zurecht zu stutzen, das sie eigentlich verdient hat. Aber es ist schwer. Deswegen springt sie ja immer auf jeden sich bietenden Zug auf, weil es so viel einfacher ist, an Negativem festzuhalten, als Positives aufzubauen.

Ich hasse meine Stimme und glaube, dass das auf Gegenseitigkeit beruht.

An manchen Tagen muss ich mir wirklich bewusst sagen:

Ich habe diesen Wettbewerb als einer der fünf besten abgeschlossen, weil die Geschichte gut war!

Der Lektor bei be hat meine Schreibe gelobt, weil er sie wirklich gut fand!

Und den Buchvertrag bei Scylla, ja, den habe ich nicht bekommen, weil man so verzweifelt war, dass man jedes Manuskript genommen hätte! Denn gerade als Kleinverlag überlegt man sich in der Regel dreimal, welchen Roman man veröffentlicht und wo man sein Geld reinsteckt. Das muss doch wohl bedeuten, dass man meinen Roman da gut findet!

Ich muss nicht immer irgendetwas oder irgendjemand anderem hinterherhecheln. Ich muss einfach die Augen für das offen halten, was ich in den letzten Wochen und Monaten erreicht habe! Und was letztendlich dabei herauskommt – wir sind alle keine Hellseher. Wenn ich einer wäre, dann würde ich nicht diesen Blogpost, sondern den kommenden Bestseller schreiben.

Aber wisst ihr was? Vielleicht mache ich das ja sowieso, irgendwie, irgendwann! Weil diese dumme Stimme einfach nicht Recht hat! Sie hat nicht Recht und sie hat kein Recht, so mit mir umzuspringen!

Ich selber sollte nicht so mit mir umspringen.

Es war mir wichtig, das für mich, in diesem Beitrag, sozusagen öffentlich herauszuarbeiten. Nachdem meine kleine, miese, dreckige Verräterstimme mir früher am Tag einreden wollte, dass es das beste wäre, den Blog dicht zu machen, meinen Twitteraccount zu löschen und den Vertrag mit Scylla aufzulösen.

Lasst uns gemeinsam aufstehen gegen diese Stimmen in uns selbst, gegen das selbstzerstörerische Element! Lasst uns dem Zweifel in uns selber zeigen, dass wir besser sind, als er uns glauben machen will!

Weil wir es verdient haben.

Weil das, was wir schreiben, tun und machen, etwas wert ist!

Advertisements

19 Gedanken zu “Was ich schreibe, ist nichts wert

  1. Hannes schreibt:

    Selbstzweifel als Reflektion des eigenen Ichs haben durchaus ihren Sinn und ich finde, sie sind im Kern Positiv aber lasse Dich nicht davon dominieren, denn …
    was Du schreibst ist positiv und wird gelesen und anerkannt.
    LG. Hannes

    Gefällt 2 Personen

    • Dankeschön.

      Ich weiß aber nicht, ob diese Selbstzweifel irgendeinen positiven Sinn haben. Jedenfalls dann nicht, wenn ich es nicht schaffe, sie unter Kontrolle zu bringen. Heute hat das geklappt – und es hat sich gut angefühlt. Morgen kann es wieder anders sein :-/ .

      Gefällt mir

  2. Wow! Ich hätte nicht gedacht, dass du solche Gedanken und Stimmen kennst, wo du doch solche Erfolgsmeilensteine in deiner Autorenkarriere verzeichnen kannst! Glückwunsch zur untenstehenden Erkenntnis 🙂 Auf dass dieser Beitrag ganz vielen Menschen helfen wird!

    Gefällt 3 Personen

    • Die Stimmen sind älter als die Erfolge und sie greifen tiefer. Sie relativieren. Oder versuchen es.

      Die Erkenntnis ist jedes Mal wieder hart erkämpft. Aber ich hoffe, dass es bei jedem Mal leichter wird, sie zu erreichen. Auch deswegen habe ich diesen Beitrag geschrieben.

      Ob er anderen Menschen helfen kann? Das weiß ich nicht. Aber ich würde mich freuen, wenn er gelesen und auch nachgefühlt würde. Denn ich denke, dass viele Menschen so eine Stimme in sich tragen.

      Gefällt 2 Personen

  3. Eine wichtige Erkenntnis hast du bereits: Die Stimme ist nicht ‚du‘. Du siehst ‚dich‘ und ‚die Stimme‘ als zweierlei, sie ist kein Teil von dir. Somit erhältst du Handlungsspielraum, um damit umzugehen.

    Ich denke, die Erfahrung mit diesem omnipräsenten, fiesen inneren Saboteur hat auch ihr Gutes. Jede Wette, dass du sie als gute Ressource benutzen kannst, um für die wirklich fiesen Charaktere in deinen Büchern die Handlungsmotivation heraus zu arbeiten.

    Gefällt 1 Person

  4. Sonja schreibt:

    Ja, diese Stimme kenne ich allzu gut. Sie meldet sich immer wieder und meistens gewinnt sie, egal wie gut ich in den letzten Jahren darin geworden bin, gegen sie anzutreten. Manchmal gelingt es mir, sie für eine Zeit zu ignorieren. Das mag sie aber nicht und kommt dann gerne mit größeren Geschützen wieder. Ist auch lästig, dass diese Stimme so gar nichts anderes zu tun hat als mich schlecht zu machen. Aber bisher habe ich immer wieder weitergemacht, einen anderen Weg gefunden oder den Mittelfinger gestreckt. Auch wenn es ein paar Tage gedauert hat, ehe ich dazu in der Lage war. Ist und bleibt ein Kampf. 😉

    Gefällt 1 Person

    • Es ist schade zu hören, dass die Stimme so oft gegen dich gewinnen kann. Aber die Hauptsache ist, da hast du ganz recht, dass man nicht aufgibt. Denn dann sind allen Zweifeln und allen schlechten Dingen Tür und Tor geöffnet.

      Ich wünsche dir, dass du Mittel und Wege findest, sie vielleicht irgendwann zum Schweigen zu bringen.

      Gefällt 1 Person

  5. Allerlei Buntes schreibt:

    Jeder Gedanke eines Menschen ist es wert gehört bzw.eben gelesen zu werden.Sind Geschichten nicht Verflechtungen aus Gedanken und Phantasie?
    Da du ja aus Freude schreibst darfst du genau das dieser Stimme mitteilen
    „Ich schreibe aus Freude und ich muss nicht 100%ig sein ich möchte nur entführen in meine Gedanken! “

    Gefällt 1 Person

  6. Ein so weites wie schwieriges Feld: Was tun mit Zweifeln und Ängsten? Mit positivem Denken eindämmen? Die Gründe in psychoanlytischen Babyzeiten suchen? Meditieren? Sich selbst umprogrammieren (NLP) oder Sport machen, eine Rückführung, ne Familienaufstellung oder über glühende Kohlen laufen? All das hilft ja, zum Glück haben wir heute viel mehr Möglichkeiten und Hilfe. Aber letztlich hilft all das eben nur „ein bisschen“. Insofern habe ich keine Ahnung – wahrscheinlich muss da jeder auf seine ganz persönliche Weise einen Weg hindurch finden. Abgesehen von dem Frust faszinieren mich aber auch diese – rationell betrachtet – lächerlichen Ängste, die trotzdem so stark werden können. Zuletzt beschäftigte ich mich mit der Akzeptanz- und Commitment-Theorie. Da fand ich folgenden Ansatz spannend: Viele Menschen und Therapien „kämpfen“ gegen Ängste an, wollen sie „wegmachen“. Die ganze Energie dieses Kampfes verpufft aber, weil das offenbar nicht funktioniert. Dadurch verstärken sich im Gegenteil noch die schlechten Gefühle: Jetzt habe ich so tapfer gekämpft, hat nicht geklappt, also bin ich auch dazu zu blöd. Man fühlt sich also noch schlechter. Die ACT geht eben von der Akzeptanz aus. Kämpfen bringt nichts. Falls Dich das interessiert – ich hab mal einen Beitrag darüber gebuchwiekingsturmt: https://einbuchwiekingsturm.wordpress.com/2016/11/20/die-beste-verhaltenstherapie-fuer-autorinnen-act/
    Wie auch immer: Ich drück Dir die Daumen, dass Dein Teufelchen zum Engel mutiert und Dein Kumpel wird 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Danke für deinen langen Kommentar und das Daumen drücken! Ich gehe meinem Teufelchen und allen seinen Kompagnons seit einigen Jahren mit verschiedenen Therapieformen an. Akzeptanz ist ein Baustein, hängt meiner Meinung nach aber auch ganz entscheidend davon ab, wie genau sich Symptome äußern. Aber das ist ein weites Feld, das auch nicht unbedingt in die Kommentare eines Internetblogs gehört, denke ich.

      Nur eines (was ich aber nicht als Gegenrede verstanden haben möchte, bitte): Ohne Kampf wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Und ganz bestimmt nicht hier an dieser Stelle, um mich mit dir auszutauschen. Was ich schade fände 🙂

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s