Privatsphäre ist was für Schwache

Wie ihr in der Zwischenzeit sicherlich schon mitbekommen habt, benutze ich für meinen Weg zur Arbeit und zurück die öffentlichen Verkehrsmittel. Von einigen Autoren und auch Produzenten von Schreibratgebern wird immer wieder die Auffassung vertreten, dass man nirgendwo so schön dem Leben auf den Mund schauen könne wie in einem Zug, einem Bus oder einer Straßenbahn.

Neulich bin ich aber auf eine sehr unangenehme Form des Lebens gestoßen, von der ich euch heute, einen Tag vor dem Valentinstag, erzählen möchte.

Der Zug war, wie immer, gerappelt voll. Das stört mich nicht, weil ich nur eine, oder je nach Bahn drei, Haltestellen später wieder aussteige. Aber es gibt einen Eindruck davon, wie viele Menschen der junge Mann erreichen konnte, der – ich muss es leider so sagen – mit seiner Jogginghose, seinem umgedrehten Baseballcap und dem Goldschmuck, den er trug, so ziemlich alle Klischees erfüllte, die man mit einem typischen „Kevin“ verbindet (ich leiste hiermit Abbitte bei allen Kevins unter meinen Lesern, aber ich habe mir dieses Vorurteil/Klischee schließlich nicht ausgedacht).

Kev hatte sein Smartphone am Ohr und machte denselben Fehler wie viele Menschen, die nicht mehr wissen, wieso diese Apparate ursprünglich auch mal als Fernsprechgeräte bezeichnet wurden. Er brüllte förmlich in das Mikro, wobei er nicht wirklich brüllte, sondern eher normal sprach. Also für seine Verhältnisse. Die für mich, und einige der anderen Passagiere, aber eben eher ein Brüllen darstellten.

Deswegen war es kein Problem, dem Gespräch zu folgen, das er mit seiner Exfreundin führte.

Ich habe kein Wortprotokoll mitgeschrieben, was allerdings sehr leicht möglich gewesen wäre. Es war jedenfalls eindeutig, dass die junge Dame am anderen Ende der Leitung die Trennung, die noch nicht lange her sein konnte, sehr schwer nahm.

Kev ging darauf mit dem Charme und dem Einfühlungsvermögen einer durchschnittlichen Dampfwalze ein und kanzelte das Mädel mal so richtig derbe ab. Nicht, dass er sie beschimpft hätte, aber in seiner ganzen Art und Weise, mit den Worten, der Tonlage, der Aggressivität in der Stimme, hatte ich einen spontanen Beschützerinstinkt.

Und drumherum saßen Kevs Kumpels, die das voll geil fanden, wie die Sache lief, ihrem Grinsen nach zu urteilen.

Und dann waren die Menschen wie ich, denen das unangenehm und, ja, auch peinlich war.

Ich habe mir so überlegt, ob es wirklich ein Fortschritt ist, dass Menschen heute in jeder Situation, 24 Stunden am Tag und unter aller Leute Augen und Ohren solche Gespräche führen können, die eigentlich eher in die Privatheit der eigenen Wohnung oder noch besser unter vier Augen gehören. Ist das eine bewusste Aufgabe der Privatsphäre, sowohl der eigenen, der des Gesprächspartners und im Endeffekt auch der meinen, der ich mir das anhören muss?

Klar, jetzt könnte man sagen, dass mich ja keiner zwingt, zuzuhören. Das tun diese Menschen wie Kevin aber doch, indem sie jegliche Zurückhaltung zusammen mit ihren guten Manieren beim Verlassen der Kinderstube liegen gelassen haben.

Dann habe ich mich noch gefragt, ob denn die Formel, dass man den Menschen als Autor gut auf den Mund schauen kann, an diesem Punkt wirklich greift. Die Antwort lautet Jein. Klar, einerseits könnte ich nun problemlos eine Gruppe wie die von Kevin und seinen Kumpels beschreiben.

Andererseits: Will ich das!?

Ich glaube fast, dass die Antwort nein lautet. Ich hoffe, dass auch das Mädel, das da von Kevin so in die Senke gestellt wurde, früher oder später zu demselben Schluss kommt wie ich, dass sie das eigentlich nicht will.


PS:

Denkt dran, wie es anders laufen kann zwischen Mann und Frau, erzählen euch morgen die BartBroAuthors unter dem Hashtag #BartBroLove auf Twitter! 🙂

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5 Gedanken zu “Privatsphäre ist was für Schwache

  1. Solche Kevins und Schackelines gibt es doch leider viel zu häufig. Man muss diese Gattung Mensch wohl mit Humor nehmen und ihnen den Lebensraum einräumen, den man selbst auch gern hätte. Auch wenns nicht leicht fällt. Auch wenn man innerlich (oder auch mal äusserlich) stöhnt.
    In so einem Fall wie dem von dir beschriebenen würde ich vermutlich verhalten böse gucken – aber in der heutigen Zeit weiss man nie, ob man dann nicht dafür eins in die Fr… ähm auf die Glocke bekommt… und da meine Kinder mich ja doch noch irgendwie brauchen, stell ich nur meine Lauscher auf und wenn mir was nicht koscher vorkommt, überlege ich schon mal, ob ich die 110 anrufen muss.^^

    Ach, un um nun endlich zum Kern deines Artikels zu kommen… sorry, ich bin so abschweifig manchmal… Privatspäre heisst so, weil sie keinen was angeht und da bin ich auch pingelig, bei mir selbst. Bei anderen find ich das zwar mal nervig, aber im Endeffekt muss es halt jeder selbst wissen. Leider. Die Möglichkeiten von heute sind Segen und Fluch. Es ist toll, bis in jeden Winkel der Welt reisen zu können, aber ob es so sinnvoll ist, Obst aus jedem Winkel in jedes Land schicken zu können? Und je mehr Technik, um so mehr kann kaputt gehen… Und Privatspäre beim Internet gibt es schon gar nicht mehr – selbst wenn man sich, wie ich zumindest versuche, von Facebook fernhält, die da gnadenlos an Infos einsacken, was geht und das dann auch nicht mehr privat ist.

    Schon wieder abgeschweift… Sorryyyyyyyyyy

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