AWDML (10) Mein Ausflug in die Fan-Fiction

Disclaimer: In der Beitragsreihe A Walk Down Memory Lane beschäftige ich mich in Form von Rückbetrachtungen und Anekdoten mit Begebenheiten aus meiner schreibenden Vergangenheit. Auch wenn der Blick manchmal leicht verklärt sein mag, so ist der Inhalt doch die reine Wahrheit. Jedenfalls so rein, wie ein Autor ihn zu schreiben in der Lage ist.


Gestern habe ich euch von der ersten Geschichte erzählt, die ich in meinem Leben geschrieben habe. Drei Seiten einer sehr naiven Science-Fiction-Story. Heute möchte ich euch berichten, wie runde 15 Jahre später daraus mein bis heute einziger Ausflug in die Welt der Fan-Fiction wurde.

Für die unter euch, die mit dem Begriff nichts anfangen können, möchte ich ihn kurz erklären. Sehr viele Autoren spüren den starken Drang, zu bereits bestehenden Franchises eigene Geschichten zu entwerfen. Diese spielen manchmal parallel zur Handlung des Films oder Buchs, auf den sie sich beziehen, manchmal nach dessen Ende und manchmal auch in einer Alternativwelt. Das wahrscheinlich bekannteste Beispiel für Fan-Fiktion ist die Erotikromanserie „Fifty Shades of Grey“, das ursprünglich in der Welt der „Twilight“-Romane angesiedelt war, bis man die Autorin quasi aus dem Franchise ekelte. Zurückblickend war das das beste, was ihr passieren konnte. Aber das nur nebenbei.

Ich selber habe eigentlich nie den Impuls gespürt, Fan-Fictions zu schreiben. Gut, meine „Silverstar„-Romane basieren auf einem Konglomerat verschiedener Vorbilder, sind aber in dem Sinne keine Fan-Fiction, weil sie sich eben nicht zu 100% auf „Star Wars“ oder „Kampfstern Galactica“, oder was auch immer zurückführen lassen.

Wie kam es also im Jahr 2000 dazu, dass ich ausgerechnet eine Fan-Fiction zu Arthur C. Clarkes Romanserie um die Monolithen schrieb, die ihren Ursprung in dem Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ hatte?

In den Jahren von 1996 bis 1999 hatte ich an meinem Roman „Lichter“ geschrieben, einem sehr persönlichen, in Teilen autobiografischen Roman, der mich sehr gefordert und auch ausgelaugt hat. Danach war ich mir lange nicht sicher, ob ich überhaupt jemals wieder einen Roman würde schreiben können.

Aber irgendwann regte sich der Schreibmuskel wieder. Es erschien mir dennoch unmöglich, sofort einen neuen Roman zu schreiben – zumal der vierte „Silverstar“-Roman mir gerade unter den Händen weggestorben war.

Ich kam auf eine andere Idee. Im Stil meines schriftstellerischen Vorbilds Stephen King wollte ich eine Sammlung von Novellen verfassen. Diese bekam den Überschrift „Different Stories“, weil mein Konzept vorsah, drei unterschiedliche Geschichten zusammenzufassen.

Eine dieser drei Geschichten sollte ein Remake von „Raumschiff ‚Meteor‘ antwortet nicht“ werden. Das Remake einer dreiseitigen Geschichte eines zehnjährigen Jungen. In Novellenform. Ganz gesund kann ich damals eigentlich nicht gewesen sein, als ich diesen Entschluss fasste.

Da stand ich nun. Den Inhalt der Geschichte kannte ich noch, auch wenn der Text natürlich lange verschollen war. Aber wie sollte ich daraus eine lange Geschichte machen? Wie waren die Hintergründe? Was machte die ‚Meteor‘ auf ihrer Mission? Welchen Sinn hatte diese? Die ursprüngliche Prämisse mit den feindlichen Außerirdischen kam mir schlicht lächerlich vor. Deswegen nahm ich davon Abstand.

3001Und beinahe wäre das ganze Projekt damit auch zum Erliegen gekommen, wenn ich nicht zufällig zu diesem Zeitpunkt einen Roman geschenkt bekommen hätte. Es handelte sich um „3001“, den finalen Akt von Arthur C. Clarkes Romanserie. Ich möchte nicht zu viel von der Handlung verraten, nur so viel: Die Monolithen, jene gigantischen, perfekten und unglaublichen Artefakte außerirdischer Lebensformen, die seit gut 1000 Jahren das Schicksal der Menschheit bestimmen, die sie schon viel länger evolutionär begleiten, scheinen ein Urteil über die Menschheit gefällt zu haben, das nicht zu unseren Gunsten ausfällt. Durch einen Einsatz des Kunstwesens HALman, einer Verbindung des Astronauten Dave Bowman und des Computers HAL 9000 (beide bekannt aus „2001“) kann der vernichtende Impuls gestoppt werden. Doch als Reaktion verschwinden alle Monolithen aus dem Sonnensystem. Der Roman endet damit, dass HALman in einer Kammer eingeschlossen wird, die alle Massenvernichtungswaffen enthält, die je von Menschenhand geschaffen wurden.

„3001“ war ein faszinierendes Buch. Bis auf sein Ende, das ich hier nicht spoilern möchte. Die Auflösung erschien mir einerseits zu simpel, andererseits schon grotesk frech. Denn anstatt auch nur den leisesten Hinweis darauf zu geben, was es denn jetzt mit den Monolithen wirklich auf sich hatte, woher sie stammten und welche Aufgabe sie hatten, verschwanden sie einfach. Da Clarke angekündigt hatte, dass dies die letzte Geschichte um dieses Universum sein würde, verschwanden sie für immer.

Ich war enttäuscht. Sogar ein wenig wütend. Und wie es manchmal so ist, bilden Enttäuschung und Wut einen guten Nährboden für Kreativität.

Mir kamen meine Geschichte und mein Problem wieder in den Sinn. Wie wäre es, wenn die Besatzung der ‚Meteor‘ nicht etwa zu irgendeinem anonymen, feindlichen Volk fliegen würde, sondern wenn sie ein Einsatz auf den Jupitermond Europa führen würde, wo durch die Monolithen dereinst außerirdisches Leben geschaffen worden war? Und wenn sie dort waren, vielleicht trafen sie auf eine weitere Lebensform.

clarke(Quelle: wikipedia.com, en:User: Mamyjomarash, gemeinfrei)

Gesagt, getan, konzipiert. Für mich stand fest, dass ich nicht so vermessen sein würde, die Besatzung der ‚Meteor‘ die Geheimnisse der Erbauer der Monolithen lüften zu lassen. Sollte Clarke diese mit ins Grab nehmen (was er dann ja auch getan hat). Aber ich konnte sie auf Wesen treffen lassen, die ebenso wie die Menschen auf der Suche nach der Wahrheit waren.

So entstanden die Netzjäger, welche die Besatzung der ‚Meteor‘ samt ihres Schiffs auf eine andere Bewusstseinsebene brachten, so dass das Raumschiff quasi aus unserem Universum verschwand. Und damit, wie im Titel angegeben, auch nicht mehr antworten konnte.

Ich verwendete verschiedene Settings aus Clarkes Romanen. So griff ich auf den Raumhafen auf Jupitermond Ganymed zurück, auf das Waffenlager auf dem Mond und auf die gesellschaftlichen Veränderungen. Auch eine der Hauptpersonen aus 3001 hat einen Auftritt.

Damit war klar, dass ich diesen Text nie würde veröffentlichen können. Aber Anno 2000 schrieb ich ja sowieso noch nicht mit der ernsthaften Absicht, Geschichten zu veröffentlichen. Deswegen machte mir das auch nichts aus.

Am Ende umfasste die Novelle „3099 – Raumschiff ‚Meteor‘ antwortet nicht“ runde 33.000 Worte und entstand in einem Zeitraum von vier Monaten. Man kann hin und wieder wirklich nur staunen, was aus einem unscheinbaren Samen wie einer dreiseitigen Story eines Grundschulkinds werden kann.

Ob ich heute Ambitionen habe, den Text zugänglich zu machen? Ich gebe zu, ich habe schon einmal darüber nachgedacht. Es gibt schließlich inzwischen im Internet einige Anlaufstellen, an denen man Fan-Fictions veröffentlichen kann. Aber ich habe mich, zumindest für den Moment, dagegen entschieden. Schließlich stehe ich kurz davor, meinen ersten Roman zu veröffentlichen. Und da möchte ich nicht vorneweg mit einer Geschichte in die Öffentlichkeit gehen, die nun auch schon wieder 17 Jahre alt ist und in die ich noch einige Arbeit stecken müsste, bis sie veröffentlichungsreif ist.

Aber, wer weiß, vielleicht irgendwann, irgendwie … schließlich lautete die Maxime meiner „Different Stories“ schon damals:

diffstor

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