Das Schreiben der Anderen: „Martins Hütte“ von Erin J. Steen

Heute gibt es mal wieder einen Debütroman in dieser Kategorie. Er stammt von Erin J. Steen, die sich mit „Martins Hütte“ den Traum von der ersten Veröffentlichung erfüllt hat.


martinGerade eben noch scheint das Leben des namenlosen Journalisten, dessen Geschichte wir in diesem Roman folgen, ganz normal zu verlaufen. Er ist mit seiner Freundin Celine auf ausgedehnter Shopping-Tour, aus der er sich eigentlich nur mal für ein paar Minuten ausklinken will, um einen Kaffee zu trinken. Doch dann verschwindet Celine nicht nur in den Weiten des Einkaufszentrums, sondern kurz darauf auch für immer aus seinem Leben.

Eine Explosion erschüttert das Shopping Center und der Journalist findet sich in einem Szenario wieder, das er aus den Kriegsgebieten nur zu gut kennt, von denen er schon berichtet hat. Zuerst hat er noch Hoffnung, doch dann wird Celines Handy direkt am Herd der Explosion gefunden.

Der Journalist entschließt sich, dass er aus allem erst einmal heraus, sich neu im Leben finden und orientieren muss. Deswegen mietet er eine einsam gelegene Berghütte von einem gewissen Martin an. Überrascht muss er bei seiner Ankunft aber feststellen, dass er nicht nur die Verantwortung für die Hütte, sondern gleichzeitig auch für eine kleine Menagerie an Hoftieren übernommen hat.

Als dann eines nach dem anderen dieser Tiere einem gesichtslosen Schrecken zum Opfer fällt, macht sich der Journalist auf die Suche nach dem Verursacher. Ob ihm dabei die seltsamen Bücher helfen, die er auf dem Dachboden der Hütte gefunden hat? In ihnen werden die schrecklichsten Gestalten beschrieben, welche die Mystik zu bieten hat. Sollte eine von ihnen der Mörder seiner Tiere sein?

Ich gebe zu, dass mich der Weg, den Erin J. Steen für ihren Roman eingeschlagen hat, sehr überrascht hat. Nachdem es auf den ersten Seiten um das Attentat geht und um das Verschwinden von Celine, wird dieses Thema danach für geraume Zeit kaum noch angeschnitten. Ich hatte erwartet, dass, trotzdem ich ja aus der Beschreibung wusste, dass der Journalist zu dieser Hütte fährt, die Anfangssituation sich mehr und häufiger in die Handlung hinein auswirken würde.

Doch schnell macht der Roman klar, dass es ihm weniger um ein Statement zur allgemeinen Terrorlage geht, sondern um den persönlichen Umgang eines Mannes mit der Situation, einen geliebten Menschen verloren zu haben und damit gleichsam auch ein Stück weit entwurzelt worden zu sein.

Diese Entwurzelung trägt sich auch durch den ganzen Text hindurch. Der Mann ist alleine in seiner selbstgewählten Einsamkeit. Sein Handy hat keinen Empfang. Der einsetzende Schneefall isoliert ihn von der Außenwelt. Das alles führt dazu, dass „Martins Hütte“ ein Roman ist, der über weite Strecken ohne Dialoge auskommt.

Erin J. Steen schafft es allerdings mit ihrer lebendigen Sprache, diese langen Erzählpassagen mit ausreichend Leben zu füllen, dass einem nicht langweilig dabei wird. Ein absolutes Highlight sind für mich die Schilderungen aus den Büchern, in denen der Journalist nach den verschiedenen Horrorgestalten forscht, die für die Reduzierung seines Tierbestands verantwortlich sein könnten.

Allerdings ergibt sich hieraus auch ein Umstand, der meiner Meinung nach zu einigen Missverständnissen bei Lesern führen könnte: Etwas mehr als die Hälfte der Zeit ist „Martins Hütte“ meinem Gefühl nach kein Thriller, sondern mehr eine Mystery-, stellenweise sogar schon fast eine lupenreine Horrorstory. Es könnte sein, dass der eine oder andere Leser hier in seinen Erwartungen enttäuscht wird.

Steen hat auf ihrer Homepage und auch an anderer Stelle im Internet darauf hingewiesen, dass sie Leserfeedback bekommen hat, das sich mit dem Ende des Romans nicht ganz zufrieden zeigte. Ich kann die Gründe hierfür verstehen, schließe mich ihnen jedoch nicht an.

Meine Schwierigkeit liegt vielmehr zu Beginn des Textes. Nach meinem Gefühl nimmt der Journalist die Geschehnisse im Einkaufszentrum und das Verschwinden seiner Freundin viel zu – unberührt. Ja, es ist richtig, dass er Kriegsreporter war und deswegen den Anblick von toten Menschen und Schwerverletzten gewöhnt sein dürfte, aber ich halte es dennoch für unwahrscheinlich, dass er mit dieser Professionalität reagiert, wenn seine Lebensgefährtin davon betroffen ist.

Auch geht es mir danach zu schnell aus der Stadt und in die Hütte hinein. Obwohl die ganze Situation um das Attentat und Celine ungeklärt ist, erliegt der Journalist einem Fluchtreflex und macht sich einfach aus dem Staub.

Hier hatte ich deutliche Schwierigkeiten, den Gedankengängen und den sich daraus ergebenden Konsequenzen zu folgen. Gegen Ende hin wird das alles dann allerdings erklärt und geht sich zu einer einleuchtenden Lösung auf. Eine Lösung, die scheinbar nicht jedem gefällt, die aber zumindest über ein einfaches „ist nun einmal so“ hinausgeht.

Für mich ergibt sich an dieser Stelle das Problem der Bewertung des Romans. Und da muss ich leider sagen, dass ich ein Stück weit von der fehlenden Emotionalität des Journalisten angesteckt wurde. Mir waren seine Handlungen und Probleme zwar nicht egal, aber sie berührten mich nicht so stark, wie es möglich gewesen wäre.

Insgesamt handelt es sich bei „Martins Hütte“ um einen Kurzroman, den man gut und schnell „weglesen“ kann, der aber bei Weitem nicht sein Potenzial ausschöpft. Deswegen vergebe ich an dieser Stelle nur drei Sterne. Es dürfte sich aber lohnen, den Weg von Erin J. Steen weiter zu verfolgen und zu sehen, wie sie sich mit den bereits angekündigten Projekten schlägt, die genremäßig in deutlich andere Richtungen gehen.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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3 Gedanken zu “Das Schreiben der Anderen: „Martins Hütte“ von Erin J. Steen

  1. Lieber Michael,

    Du kannst wirklich gut Rezensionen schreiben. Schon mal überlegt, die Klappentexte von anderen Romanen zu verfassen? 🙂

    Ich finde deine Rezension konstruktiv und wohlwollend. Daumen hoch!

    Hmmm. Manche schreiben emotionaler, andere nicht. Ich habe Phasen, da lese ich gerne Bücher, in denen ich einen Abstand zu den handelnden Personen habe. Vielleicht ist die fehlende Emotion und das Flüchten und das Sich-nicht-mit-dem-Tod-von-Celine-Auseinandersetzen gerade das, was auch in der Schrift widergegeben wird, wenn diese recht nüchtern erfolgt?

    Interessant, dass bei der Hütte Tiere waren. Gab es dafür einen Grund? Lernt der Leser Martin irgendwann kennen?

    Grüß dich,
    Kiira

    Gefällt 1 Person

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