Google als Story-Killer

Manchmal begibt sich der Autor auf eine Reise in sein Innerstes, schließt alle Einflüsse von Außen aus, öffnet der Kreativität in sich Tür und Tor und wartet darauf, dass die Muse kommt, ihn an die Hand nimmt und zu jenen Orten führt, an denen Ideen und Geschichten wie Milch und Honig fließen. Der Autor sieht sich um, nimmt alles in sich auf, atmet die Geschichte, spürt sie, lebt sie und ist nur noch von dem unbezähmbaren Willen durchdrungen, sie aufzuschreiben. Er weiß, dass er nie wieder Ruhe finden wird, wenn er sie nicht aufschreibt.

Irgendwann jedoch muss der Autor aus dem Geschichtennirwana wieder auftauchen und in die unsere, die reale Welt, zurückkehren. Dieser Übergang ist nicht immer leicht und meistens mit einer Wehmut verbunden, die nur diejenigen verstehen können, die schon einmal vom Manna der reinen Phantasterei gekostet haben.

Der Autor hat nun eine Idee, eine Geschichte, einen Plot, eine Mission. Er muss diese Geschichte schreiben, koste es, was es wolle. Weil er sich dabei an die ungeschriebenen Regeln des Autorenstandes halten möchte, nimmt er sich vor, das, was er eigentlich nur noch aufzuschreiben braucht, weil es ihm ja in voller Pracht und Blüte in den Schoß gefallen ist, mit den schnöden Fakten des normalen Lebens zu untermauern.

Und dann tut er jenen verhängnisvollen Schritt, der schon so mancher Geschichte den Garaus gemacht hat: Er startet als allererstes eine Google-Suche zu irgendeinem wichtigen Stichpunkt seiner Idee.

Und Google, die alte Spaßbremse, zerstört mit ein paar wenigen Links das ganze Konstrukt, das gerade noch so tragfähig ausgesehen hat.

Der Autor verfällt nunmehr in einen Zustand des Schocks, der von verschiedenen Phasen geprägt ist.

Zuerst wird er verzweifelt weitergooglen in der Hoffnung, dass die Links auf den Seiten 33 und 34 ihm doch noch Hoffnung geben, dass seine Idee so funktionieren kann, wie er sie sich ausgedacht hat.

Danach wird er wütend werden und im schlimmsten Fall sogar damit anfangen, die Urheber der Links auf der ersten Seite Schmähmails zukommen zu lassen, in denen er sie wissen lässt, dass sie ja keine Ahnung haben.

Das dritte Stadium ist dann, dass er sich, manchmal leise wimmernd, in die Ecke seines Schreibzimmers verzieht, zu Boden rutschen lässt und mit schockstarren Augen auf den Bildschirm starrt, der ihn mit den Fakten, Fakten, Fakten, die Google ihm geliefert hat, zu verhöhnen scheint.

Google als Story-Killer!

Der Autor wollte eine Geschichte schreiben, in der es zur Zeit der Kreuzzüge zu einem Streik der Ritter wegen eines Kartoffelembargos kommt? Geht nicht, weil die Kartoffel zu der Zeit in Europa noch nicht bekannt war.

Oder eine Geschichte darüber, dass der Eiffelturm zu rosten beginnt? Schade, dass da der Korrosionsschutz dagegen spricht, der verwendet wird.

Und dann ist da die Idee von dem Thriller, in dem ein Mörder seine Opfer in einem Zug … oh, nein, halt, das wollte ich ja selbst noch irgendwann schreiben.

Mein geschätzter Stammleser und Mitautor Simon Segur hat in einem Kommentar zum gestrigen Beitrag geschrieben, dass er sich wünschen würde, eine Software sei in der Lage, seine Geschichten auf Logik und Kohärenz zu prüfen.

Ich möchte so eine Software auf keinen Fall haben! Die Realität und ihre Gesetze setzen mir so schon oft genug Schwierigkeiten in den Weg, mit denen ich umgehen muss, um meine Phantasie und meine schriftstellerischen Fabulierkünste nicht zum Versiegen zu bringen. Wenn mir jetzt noch eine Software sagen würde, dass das, was ich da gerade schreibe, vollkommen unlogisch ist, dann würde ich mir in der oben genannten Ecke meines Schreibzimmers ein Stehpult aufstellen. Denn so schnell käme ich da nicht wieder hervor.

Versteht mich nicht falsch, ich rede nicht davon, dass man alles schreiben kann, darf oder soll, was einem gefällt. Kartoffeln im Mittelalter sind ebensolcher Mumpitz wie ein Eiffelturm, der durchrostet und den Parisern auf den Kopf stürzt (obwohl …). Und auch meine Thrilleridee hat das eine oder andere berechtigte Fragezeichen.

Aber ich finde, dass man manche Sachen auch erst hinterher gerade bügeln sollte. Außerhalb des Schreibprozesses. In der Überarbeitung.

Und wenn alle Stricke reißen, kann man immer noch eine Sci-Fi- oder Fantasy-Geschichte daraus machen. Oder die Regeln der Physik ein wenig beugen. Dann werden eben Dinosaurier aus einem Stück Bernstein geklont.

Damit das Manna weiter fließt und die gebratenen Täubchen dem Autor in den Mund fliegen. Habt ihr euch eigentlich jemals gefragt, wie das dann mit den Knochen von den Viechern funktionieren soll?

Da muss ich doch gleich mal Google befragen gehen …

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3 Gedanken zu “Google als Story-Killer

  1. Toller Text, sehr schön geschrieben (und witzig 🙂 ). Und ja, das ist wahlich einfach nur fies, wenn eine Geschichte durch schnöde Fakten ermordet wird. Wobei man sagen muss, dass Google einfach nur ein besonders schneller und effizenter Killer ist. Früher tötete die Recherche eine Story halt langsamer und qualvoller …
    Übrigens wünsche ich mir noch immer ein Logik-Prüf-Programm. Ich meine damit aber weniger Faktenwissen als Kohärenzbrüche. Wäre doch toll, wenn dies Programm mir sagen würde: Hör mal, Dein Held ist jetzt seit 72 Stunden unterwegs – lass ihn endlich mal schlafen. Oder: Deine Figur hat auf Seite 12 noch blaue Augen – jetzt sind sie grün. So Zeugs halt 🙂
    Jedenfalls gibts ja, wie Du schreibst, den heldenhaften Beschützer der Autoren gegen die bösen Google-Recherche-Meuchler: die dichterische Freiheit!
    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

    • Okay, auf diese Art der Logikprüfung könnten wir uns einigen. Diese Stephen-King-Cujo-Geschichte, nicht wahr? Wo die Mama das liebe Kind seit über zwanzig Seiten zu reanimieren versucht.

      Und ansonsten: Ein Hoch auf die dichterische Freiheit!

      Google (und Co., wollen ja hier niemanden diskriminieren) finde ich insofern brutaler, weil es halt besonders nachhaltig die Motivation tötet. Die langsame Recherche stellte einen nach und nach vor Herausforderungen, die man lösen und umschiffen musste. Quasi wie kleine Eisschollen. Google stellt einem direkt den dicken Eisberg in den Weg. Mit besten Grüßen von der Titanic …

      Gefällt 1 Person

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