Das Schreiben der Anderen: „Kindsräuber“ von Nora Bendzko

Es war mir ja schon fast peinlich, als ich an einem von Nora Bendzko ausgelobten Gewinnspiel teilnahm und gewann. Denn dies war bei ihrem zweiten Gewinnspiel meine zweite Teilnahme und mein zweiter Gewinn. Aus Sorge, dass sich bei einem dritten Glücksfall das Universum einfach in Luft auflösen würde, habe ich danach nicht mehr teilgenommen.

Aber so erreichte mich Noras kürzlich erschienener Roman „Kindsräuber“, um den es in dieser Besprechung gehen soll.


Die Galgenmärchen gehen in ihre zweite Runde und dieses Mal hat sich Nora Bendzko an einen Stoff in Romanlänge gewagt, nachdem ihre erste Veröffentlichung „Wolfssucht“ noch eine Novelle gewesen ist.

Die Vorlage für diese Geschichte sind zum einen das Märchen vom Rumpelstilzchen, zum anderen die Geschehnisse im Prag des Jahres 1620, im Schatten des sich entwickelnden dreißigjährigen Krieges.

Die junge Alene, Tochter eines vor dem Krieg in die Stadt geflohenen Müllers, versucht durch ihre Arbeit als Spinnerin, ihren Vater und sich über die Runden zu bringen. Ihre Mutter ist an einer schweren Krankheit verstorben. Die Kosten für den Arzt und die allgemein schlechte Lage der Familie haben dazu geführt, dass Alene ihren Körper verkaufen musste und nun ein Kind unter ihrem Herzen trägt.

Es wäre dies eine tragische Geschichte, wie es sie zu jener Zeit sicherlich zu Hauf gegeben hat, wenn Alene nicht die Besonderheit umgeben würde, dass sie in der Lage ist, Geister zu sehen. Schon ihre Mutter hatte diese Fähigkeit und Alene gelehrt, wie der Umgang mit den Toten zu gestalten ist. Es gilt, gewisse Regeln einzuhalten, wenn man sich nicht ihren Zorn zuziehen möchte. Ganz besonders gilt dies für das geheimnisvolle Rumpelstilzchen, dessen Name nur leise geflüstert wird.

Eines Tages schlägt das Schicksal auf vielfache Weise eine Bresche in Alenes Leben. Der Büttel des Königs kommt, um die säumigen Steuerzahlungen einzutreiben. Da Alene nicht zahlen kann, kündigt er an, ihren Vater zur Armee einziehen zu lassen, die gerade wenig aussichtsreich gegen das Heer der katholischen Bayern im Felde steht. Eine Ankündigung, die einem Todesurteil gleich käme.

Alene eilt auf den Markt, um ihren Vater aufzusuchen, da wird sie nicht nur Zeugin einer Hinrichtung, sondern auch des Auftauchens des Rumpelstilzchens, eines toten Jungen ohne Augen, dessen Kopf in kalter Flamme zu stehen scheint. Überall erzählt man sich dunkle Geschichten von diesem Jungen, der für die Entführung und Tötung zahlreicher Kinder verantwortlich gemacht wird.

In dem Chaos, das auf dem Marktplatz entsteht, wird Alene von einem Mann gerettet, den sie gerade im Begriff war, zu bestehlen, da er allzu unvorsichtig mit seinem offensichtlichen Wohlstand umgeht. Zu ihrer großen Verwunderung stellt er sich als Patrik heraus, der ihr ein Freund in Kindertagen war. Nun ist er der Bote des Königs und als solcher zufällig auf der Suche nach einer Frau, die hochschwanger ist.

Gegen den Willen ihres Vaters folgt Alene Patrik auf die Burg des Königs von Böhmen, wo die Königin ihr ein Angebot macht, das in direkter Beziehung zu einem alten Fluch, dem Rumpelstilzchen und Alenes Chancen, die nächsten drei Tage zu überleben, steht.

Wird Alene die Abgründe, die sich in der Königsburg vor ihr auftun, unbeschadet überstehen können?

Ich muss gestehen, dass ich ein wenig skeptisch war, als ich im Vorfeld der Veröffentlichung hörte, dass es sich bei dieser Ausgabe der Galgenmärchen um eine Umsetzung des Rumpelstilzchen-Stoffes handeln würde. Das Märchen hatte ich mit seiner Geschichte um eine junge Frau, die mit Hilfe des Männleins Stroh zu Gold spinnt, um im Gegenzug ihr Erstgeborenes zu verkaufen, als ziemlich limitiert in Erinnerung.

Aber von Limitierung ist hier überhaupt keine Spur, denn Nora Bendzko zerrt die Geschichte aus ihrem kleinen Rahmen und dehnt sie ins Breitbildformat auf.

Die Einbettung der Märchengeschichte in das Prag des Jahres 1620 kann ich nicht anders denn als außerordentlich gut gelungen bezeichnen. Nicht nur, dass die Örtlichkeiten sehr exakt beschrieben werden, soweit ich dies anhand meiner gesichteten Quellen festmachen kann, auch die Lebensumstände sind treffend beschrieben.

Es wird praktisch auf jeder Seite deutlich, dass sich die Welt auf einen Konflikt vorbereitet, wie die braven Bürger der Stadt ihn noch nicht erlebt haben. Und dies nur, weil der „Winterkönig“ Friedrich es nicht vollbracht hat, die religiösen Unterschiede zwischen Katholiken und Calvinisten zu überbrücken.

All das kann man übrigens wunderbar auch in Geschichtsbüchern nachlesen, handelt es sich bei der Königsfamilie doch um historische Personen. Auch wenn die eine oder andere ihnen angedichtete Eigenschaft sicherlich nicht so ganz der Realität entspricht.

Dass man überhaupt Lust bekommt, sich mit den geschichtlichen Hintergründen des Romans zu befassen, ist der sehr dichten und interessanten Handlung geschuldet, die Nora Bendzko sich für diesen Roman hat einfallen lassen. Die Geschichte fokussiert weniger auf die Gestalt des Rumpelstilzchens, sondern mehr auf die Menschen – allen voran natürlich Alene.

Bei ihr handelt es sich um eine moderne Frau für ihre Zeit, die sich nicht zu fein dafür ist, auch schon mal zu gewaltigen Schimpfkanonaden anzusetzen, wenn die Situation es ratsam erscheinen lässt. Gleichzeitig ist sie aber kein überzeichnetes Superweib, was insbesondere in den Szenen deutlich wird, die sie zusammen mit der Königin von Böhmen, Elisabeth, hat. Hier agiert sie, trotz aller Dinge, die ihr widerfahren, glaubhaft als Untergebene.

Eine zarte Romanze erblüht, was sicherlich niemanden überraschen wird, zwischen Alene und Patrik. Bei Patrik kann man der Meinung sein, dass es sich bei ihm um einen etwas eindimensionalen Charakter handelt, da er nur wenige wirklich herausragende Eigenschaften mit auf den Weg bekommen hat. Aber die Aufgaben, die ihm gestellt werden, erledigt er zur vollen Zufriedenheit des Lesers.

Der große Star im Ensemble bleibt aber die Königin. Sie stiehlt praktisch jede ihrer Szenen und rückt sich mit majestätischer Ausstrahlung in den Mittelpunkt. Selbst wenn sie arrogant auftritt, stört dies den Lesefluss nicht, weil es einfach zu ihrem Charakter passt. Im Vergleich dazu bleibt ihr Gemahl verhältnismäßig blass, was wiederum zur realen Person des Königs passt.

Ein kleines Problem habe ich mit der Darstellung der Prinzen und der Prinzessin. Sie scheinen mir einige Male viel zu alt(-klug) für ihr tatsächliches Alter zu handeln und vor allem zu sprechen. Gut, ich weiß vielleicht nicht viel darüber, wie sich kleine Königskinder benehmen, aber ich bin Vater von zwei Kindern, traue mir also durchaus zu, den Kindermund einigermaßen drauf zu haben. Dieser Punkt stört aber nicht wirklich.

Ebenso wenig wie die Tatsache, dass „Kindsräuber“ seinen zentralen Plottwist schon ein wenig früh ankündigt. Die Atmosphäre der Schilderungen und Beschreibungen lässt einen gerne darüber hinwegsehen und an einigen Stellen zaubert Nora Bendzko echte Gänsehaut auf die Arme ihrer Leser.

Es wird Zeit, zum Fazit zu kommen. „Kindsräuber“ ist gegenüber „Wolfssucht“ eine deutliche Steigerung und ich hoffe, dass Nora Bendzko so weitermacht mit ihren Galgenmärchen. In den Momenten, in denen sie sich weitgehend von den Vorgaben des jeweiligen Urstoffes löst, ohne ihn zu verleugnen, entwickelt ihre Geschichte eine Sogkraft, die man in dieser Form selten im Fantasygenre liest.

Ich freue mich auf weitere Märchenadaptionen dieser Machart!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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4 Gedanken zu “Das Schreiben der Anderen: „Kindsräuber“ von Nora Bendzko

  1. Lieber Michael, vielen herzlichen Dank für diese ausführliche Rezension! Ich staune immer wieder, was du hier alles in dieser Rubrik zusammenschreibst – auch die konstruktive Kritik nehme ich mit Handkuss. Und die Gänsehautmomente … hach 😀

    Ich freue mich besonders, dass bei so vielen (dich eingeschlossen) die geschichtliche Recherche viel Anklang findet. Das bestärkt mich, in dieser Hinsicht weiter zu schreiben, obwohl ich immer dachte, Historik ist mir nicht zuzutrauen.

    Nochmals herzlichsten Dank!

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  2. Hat dies auf Nora Bendzko – Autorin, Sängerin & Lektorin rebloggt und kommentierte:
    Der liebe Michael Behr von traumvombuch gehörte zu den wenigen Lesern, die ein Exemplar von „Kindsräuber“ vorab gewonnen haben. Nun hat er sich die Zeit für eine dermaßen ausführliche Rezension genommen, da konnte ich nur drüber staunen. Aber lest selbst!

    Ich freue mich nicht nur über Michaels Reaktion, sondenr überhaupt, wie gut der „Kindsräuber“ ankommt. Bei einigen Rezenstenten sind noch Rezensionen offen, auch eine Leserunde auf LovelyBooks mit sage und schreibe 15 Leuten steht an … Es bleibt für mich also spannend! Aber deswegen wird die Seite hier auch nicht tot bleiben. Da nach der Veröffentlichung vor der Veröffentlichung ist, habe ich mir einiges überlegt in den nächsten Tagen – wie mache ich weiter? Die Antwort darauf wird bald enthüllt!

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