Romanüberarbeitung: Wann ist „fertig“ wirklich fertig?

Die Ausgangslage

Die ersten gut drei Monate des Jahres 2017 waren stark vom Thema Überarbeitung geprägt. Mein Roman „Der Morgen danach“ soll, so steht es im geschlossenen Vertrag, nach Möglichkeit in diesem Jahr noch erscheinen und dazu muss natürlich von vielen Seiten Hand in Hand gearbeitet werden. Ich als Autor bin dabei derjenige, der zuerst einmal „liefern“ muss.

Sicherlich ist die Situation, die ich bei und mit diesem Manuskript gehabt habe, nicht stellvertretend für alle Manuskripte anwendbar. Die Umstellung der Erzählperspektive war eine Aufgabe, die mich mehr gefordert hat, als ich es dachte. Und es war eine Aufgabe, die ich in dieser Weise vorher noch nie zu bewältigen hatte.

Bisher schrieb ich alle meine Romanentwürfe für die berühmte Schublade. Es war egal, ob sie perfekt waren, es war auch egal, ob sie sich stringent lasen. Aber dieser Roman hier, der wird zu einer Art Visitenkarte für mich werden. Bestenfalls wird er für den Verlag und für mich zu einem Erfolg, der sich für beide Parteien am Ende auszahlt. Und für den Leser natürlich.

Die verschiedenen Phasen der Überarbeitung

Interessant war, dass ich bei dieser Überarbeitungsrunde einen ganz anderen Arbeitsweg ausprobieren konnte, als es z.B. letztes Jahr bei der Überarbeitung meines Romans „Der Beobachter und der Turm“ war. Damals habe ich überarbeitet, dann den Roman an Testleser geschickt, und hinterher deren Feedback eingearbeitet – wobei sich auch Dinge herauskristallisierten, die ich grundsätzlich bei einer Überarbeitung beachten sollte, und die auch jetzt wieder ihre Rolle gespielt haben.

Bei „Der Morgen danach“ war es so, dass ich bis zuletzt im eigenen Saft schwamm. Abgesehen von der Textprobe, die mir den Vertrag mit dem Scylla Verlag eingebracht hat, hat niemand dieses Manuskript gelesen und mir belastbare Änderungsvorschläge dazu gegeben. Ich war also auf mich allein gestellt.

In der ersten Phase der Überarbeitung bin ich das gesamte Manuskript durchgegangen und habe die Erzählperspektive umgestellt. Parallel dazu habe ich eifrig Kürzungen vorgenommen, wo sie mir angeraten erschienen.

Ein zweiter Durchlauf durch den Gesamttext war eigentlich dafür vorgesehen, nur noch Erwähnungen in der falschen Perspektive aufzustöbern, die mir zunächst entgangen waren. Es stellte sich aber heraus, dass ich diesen Durchlauf auch benötigte, um einige Logikbrüche zu kitten, die durch die vorangegangenen Kürzungen entstanden waren.

Am arbeitsintensivsten stellte sich aber die dritte Phase heraus. Und das überraschte mich wirklich. In dieser Phase nahm ich mir meine Lieblingswörter und -floskeln vor und arbeitete sie akribisch ab. Das bedeutet, wie auch in einem separaten Artikel geschildert, dass ich das Wort in die Suchhilfe eingab und dann zu jedem einzelnen Verwendungsort sprang, wo ich dann versuchte, umzuformulieren, umzustellen oder auch einfach zu löschen, wo es ging.

Diese Methode hat sich als sehr effektiv im Sinne der Textbearbeitung erwiesen, mich allerdings in gewisser Weise auch an die Grenzen des Machbaren geführt. Denn zwangsläufig bekommt man so die meisten Textpassagen immer und immer wieder zu Gesicht, bis man sie irgendwann nicht mehr sehen mag. Und das im wahrsten Sinne des Wortes!

Kann man einen Roman zu sehr überarbeiten?

Ich denke, dass ich diese Frage ohne Umschweife mit einem „Ja“ beantworten kann. Allerdings nicht, ohne ihr ein kleines „Aber“ hinterher zu schicken.

Die Erfahrung, die ich mit „Der Morgen danach“ gemacht habe, hat mir gezeigt, dass es für einen Autor nicht gut ist, wenn er zu sehr auf sich alleine angewiesen ist. Deswegen kann ich nur allen angehenden, abgehenden und sonstwie in die Welt gehenden Kolleginnen und Kollegen immer wieder raten, dass sie sich Unterstützung suchen. Sei es, dass sie Testleser finden, oder dass sie einen Lektor beauftragen.

Ich habe mir im Rahmen der Überarbeitung, besonders zu ihrem Ende hin, als der Spaß am Manuskript exponentiell abnahm, sehr oft die Frage gestellt, ob man es mit der Überarbeitung so sehr übertreiben kann, dass man irgendwann den richtigen Zeitpunkt verpasst, um diesen noch in die Welt zu entlassen.

Ich möchte nicht wissen, wie viele Manuskripte einen langsamen und qualvollen Tod in der Überarbeitungshölle sterben, weil ihren Urhebern genau das passiert, was mir auch gut hätte passieren können, wenn ich nicht gewusst hätte, dass es da diese Verlagsmenschen gibt, die darauf warten, mein Manuskript zu bekommen.

Es hilft auch, die Verantwortung ein Stück weit abgeben zu können. Nicht die Verantwortung dafür, dass die Arbeit, die man abliefert, eine gute ist. Aber zumindest die dafür, alles alleine entscheiden zu müssen

Und wie läuft es bei Selfpublishern?

Hier könnte und kann ich nur in den Kanon derer einstimmen, die immer wieder darauf hinweisen, dass man sich auch als Selfpublisher keinen Gefallen damit tut, wenn man sein eigenes Süppchen kocht und nur auf sich selber hört.

Ich habe mit „Der Beobachter und der Turm“ so viele Fortschritte gemacht, weil es die Testleser gab, die mich teilweise mit sensationell hilfreichem Feedback versorgt haben. Es gibt Schreibforen, in denen man sich engagieren und seine Texte auch vorstellen kann. Auch aus Schreibratgebern kann man lernen, wenn man der Typ dafür ist.

Und dann gibt es natürlich die Dienstleister, die Lektorat, Korrektorat, Cover, Satz, alles, was so anfällt im Zusammenhang mit einer Buchveröffentlichung, abnehmen.

Aber das alles entbindet einen Autor nicht davon, zu einem Zeitpunkt X eine Entscheidung zu treffen, eine Frage zu beantworten. Und diese lautet ganz schlicht:

Bin ich wirklich fertig mit meinem Roman?

Es ist wichtig, sich dieser Aufgabe zu stellen. Umso wichtiger, je mehr man in der Eigenverantwortung steht. Am Anfang steht das Wort, alles andere kommt danach.

Wann ist denn jetzt „fertig“?

Um also die Frage vom Anfang zu beantworten, so gut ich sie mit meiner bescheidenen Erfahrung beantworten kann: „Fertig“ ist ein Roman im Wortsinne niemals. Es gibt immer noch den einen Satz, den man umstellen, das eine Wort, das man ändern könnte. Und es wird immer unterschiedliche Meinungen darüber geben. Das Feedback meiner Testleser war teilweise höchst widersprüchlich und auch bei meiner Überarbeitung vom „Morgen danach“ hatte ich Situationen, in denen ich zuerst einen Satz rausnahm, um ihn fünf Minuten später wieder reinzutun, weil ich merkte, dass ich ihn doch noch brauche.

Deswegen vielleicht noch ein praktischer Tipp: Legt euch zu jedem wichtigen Zwischenschritt eine Manuskriptkopie an. Speicherplatz kostet heute nur noch Erdnüsse. Keiner muss mehr mit Disketten jonglieren, auf denen nur 1,44 Megabyte Platz fanden. Auch wiederbeschreibbare CDs sind in Vergessenheit geraten. Auf einen USB-Stick für 8 Euro passen heute 16 oder gar 32 Gigabyte an Speicher und die meisten von euch werden garantiert nicht auswendig wissen, wie viel Festplattenspeicher der Rechner hat, an dem ihr schreibt.

Ich habe von „Der Morgen danach“ bestimmt fünfzehn verschiedene Fassungen, die es mir zu jedem Zeitpunkt ermöglichen, eine bestimmte Passage zu rekonstruieren oder wieder ins Manuskript zu holen.

Weil ein Roman eben niemals „fertig“ ist. Irgendwann wird er halt veröffentlicht, was eine Zäsur darstellt. Aber in Zeiten des eBooks hat nicht einmal diese Tatsache noch etwas Definitives.

Goldene Zeiten für Autoren, findet ihr nicht auch?

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13 Gedanken zu “Romanüberarbeitung: Wann ist „fertig“ wirklich fertig?

  1. Sonja schreibt:

    Ich weiß nicht, ob man das als goldene Zeiten bezeichnen sollte. Aber es ist doch äußerst komfortabel, dass man so viele verschiedene Zwischenschritte eines Romans speichern kann. Wobei ich mir gerade die Frage stelle, wie die Autoren das früher, mit Schreibmaschine und Papier gemacht haben. Ab wann hatte man da die Schnauze voll, das Zeug mehrfach abzutippen?

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    • Das ist eine sehr interessante Frage! Da könnte man mal ein wenig recherchieren. Bei einigen Vielschreibern, wie zum Beispiel Edgar Wallace, war es ja so, dass diese Sekretärinnen hatten, die das alles aufschrieben. Andererseits ist gerade Wallace ein schlechtes Beispiel, weil dem nun wirklich egal war, was er da gerade geschrieben hatte. Der hat seine Romane diktiert, zur Seite gelegt und gleich den nächsten angefangen.

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  2. Interessante Frage und schöne Antwort 🙂 Meine wäre, das ein Manuskript sehr wohl als „fertig“ definiert werden kann, wenn es ab einem bestimmten Überarbeitungspunkt „gut genug“ ist. Ich denke da an diese mathematischen Kurven, die erst stark nach oben gehen, dann aber immer mehr abflachen gegen unendlich. Will meinen: 100 Prozent gibt es tatsächlich nicht. Aber nach einer gewissen Annäherung an diesen Wert fallen die möglichen „Verbesserungen“ nicht mehr ins Gewicht.
    @Sonja: Ganz unterschiedlich. Von Brecht zum Beispiel ist bekannt, dass er noch auf den Druckfahnen komplett neue Szenen hineinschrieb und damit Drucker und Verleger in den Wahnsinn trieb 🙂 Andere tippten nur einmal: Thomas Manns „Buddenbrook“ etwa. Und wieder andere werden wahrscheinlich Heerscharen von Sekretären beschäftigt haben 🙂

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    • „Gut genug“?

      Bei mir gibt es kein „gut genug“. Gehört aber durchaus zum Krankheitsbild 😉 .

      Aber du hast natürlich Recht. Entscheidend ist am Ende, denke ich, der Leser. Und wie sehr es dem mutmaßlich auffällt, ob da jetzt 100 Mal das Wort „inzwischen“ in einem Roman von 75.000 Wörtern steht, oder ob es 103 Mal der Fall ist.

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      • „Gut genug“ nenne ich eben den Punkt, wo der Text für mein Empfinden super ist. Eben nah an der Unendlichkeitslinie. Alles weitere kann man machen, muss man aber nicht, da bei jedem erneuten Lesen neue Winzigkeiten verbessert werden. Ich merke das immer bei Leseveranstaltungen: Kein einziges Mal las ich eine Buchseite wie gedruckt. Ich „verbesserte“ noch beim Vorlesen. Die Leseseiten meiner Bücher sehen aus wie vom fiesesten aller Deutschlehrer korrigiert. Insofern hörts ja nie auf, wie Du so schön beschrieben hast. Aber „gut genug“ – das ist für mich tatsächlich ein fixierbarer Augenblick …

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      • Ganz bestimmt, so sicher wie das berühmte Amen in der Kirsch‘. Wichtig finde ich auch den „Druckfahnen-Moment“, wenn du deinen Text (nach einer längeren Pause) in gesetzter und „buchmäßiger“ Form plötzlich vor dir hast, mit einiger Angst zu lesen anfängst und dann sagen kannst: Yau. Das ist super 🙂

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  3. Vermutlich ist man nie richtig fertig, selbst wenn das Buch schon lektoriert und erschienen ist, entdeckt man doch immer wieder Details, die man jetzt gerade flugs ändern wollen würde. Da geht es nur mit einem klaren „Gut ist jetzt“. Und einem neuen Projekt, das einen völlig absorbiert 🙂

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