Früher oder später müssen wir alle sterben – oder?

Früher oder später müssen wir alle sterben – oder?

Eine provokative Frage, die sich doch eigentlich vollkommen leicht beantworten lässt. Ja, nach dem momentanen Stand der Technik, der Ethik, des Menschseins als Solches müssen wir alle, die Armen, die Reichen, die Beliebten, die Unbeliebten, die Schönen und die Hässlichen irgendwann einmal sterben. Wie sagt man so schön: Vor dem Tod sind sie alle gleich.

Sogar Schriftsteller. Auch Schriftsteller?

Durch die aktuelle Ausgabe des Magazins „Der Spiegel“ (erschienen am 15.04.2017) bin ich auf einen Gedanken gestoßen worden. In dieser Ausgabe geht es darum, ob die Unsterblichkeit bald für alle Menschen in den Bereich des Möglichen rücken könnte. Diese Frage wird unter anderem anhand der neuesten Errungenschaften der Medizin, aber auch des Silicon Valley beleuchtet. Es fehlt auch nicht eine ethische Betrachtung durch den Vorsitzenden des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland.

Einig sind sich alle Stimmen darin, dass eine tatsächliche Unsterblichkeit noch nicht erreichen lässt. Uneinig sind sie sich darin, ob es sich dabei um etwas Erstrebenswertes handeln würde. Was sollte man schon mehrere tausend Jahre lang auf dieser Welt anstellen? Offenkundige Fragen wie die, wie alle diese Menschen ernährt, untergebracht oder entlohnt werden sollen, lassen wir einmal beiseite.

Nun, für den geneigten Schriftsteller mag die Antwort noch recht einfach sein. Man schreibt einfach sein ganzes Leben lang. Und wer weiß, vielleicht gelingt einem ja das große Alterswerk im Alter von 433 Jahren? Gut, danach muss man sich vielleicht weitere 800 Jahre damit auseinandersetzen, dass man nie wieder an diesen Erfolg würde anschließen können.

Ihr merkt schon, Unsterblichkeit ist nichts für Menschen, die an Selbstwertproblemen leiden.

Dabei gibt es auch heute schon Autoren, die einfach unsterblich sind. Aber sie sind dies nicht, weil sie immer noch in persona durch die Weltgeschichte spazieren, sondern weil ihre Werke sie berühmt gemacht haben. Man denke an Schriftsteller wie Shakespeare, Goethe, Schiller, Defoe oder Twain.

Aber daran sieht man auch schon, dass selbst diese relative Unsterblichkeit für einen Schriftsteller ein zweischneidiges Schwert ist. Denn seien wir doch mal ehrlich: Wenn wir auf die Straße gehen und die repräsentative Schnittmenge der Leute, die wir dort treffen, danach fragen, wie denn der Autor von „Robinson Crusoe“ hieß, oder der von „Moby Dick“, oder die Autorin von „Frankenstein“ – wie viele würden wohl alle drei Fragen richtig beantworten können?

„Frankenstein“ deutet direkt auf den interessanten Umgang hin, den Autoren in ihren Werken mit der Unsterblichkeit pflegen und gepflegt haben. Das Geschöpf, das Victor von Frankenstein erschaffen hat (immer dran denken, der Name bezeichnet den Schöpfer und nicht seine Kreatur) ist in gewisser Weise unsterblich, da es aus bereits toten Teilen erschaffen wurde. Das ermöglicht ihm seine erbarmungslose Hatz auf seinen Urheber. Und gleichzeitig enthüllt es das ganze Drama eines Wesens, das von den Menschen niemals als einer der ihren anerkannt werden wird, egal, wie sehr es sich auch anstrengen mag, die Gepflogenheiten ihrer Kultur zu erlernen oder sie durch pure Mimikry nachzuahmen.

Mary Shelley nahm hier einen Aspekt vorweg, der sich auch in der realen Unsterblichkeit zeigen würde. Denn die Unsterblichen würden ganz zwangsläufig irgendwann in ihrer kulturellen Entwicklung von den Jüngeren abgekoppelt werden. Wir beobachten das doch heute schon überall, wo Junge und Alte aufeinander treffen. Die gemeinsamen Interessen sind sehr überschaubar, ebenso wie der gemeinsame Geschmack. Hier liegt geradezu die Wurzel für kulturelle Grabenkämpfe, deren Zeuge ich zumindest lieber nicht werden möchte.

Einen anderen Umgang mit der Unsterblichkeit finden wir in der langlebigsten Heftromanserie der Welt. „Perry Rhodan“, gleichzeitig Namensgeber und Held dieses Science-Fiction-Epos, wurde durch seine Erschaffer schon recht bald mit der relativen Unsterblichkeit ausgestattet. Dies hatte einfach den Hintergrund, dass ansonsten Abenteuer zwischen den Planeten und in fernen Galaxien nur schwer möglich gewesen wären. Denn auch wenn Rhodan durch einen Zufall außerirdische Technologie anzapfen kann, dauert es doch viele Jahrzehnte, bis die Erde in der Lage ist, den nächsten Schritt zu tun. Rhodan wäre dann schon lange tot. Also musste man ihm die Möglichkeit zu altern nehmen, um die folgenden Abenteuer plausibel erzählen zu können.

Doch wurde die Unsterblichkeit hier nur einem kleinen Kreis von Personen gewährt und diese sind auch noch, später in der Serie, mehr oder weniger dauerhaft in irgendwelchen gefährlichen Einsätzen. Für die Erde spielt dies also gesellschaftlich keine große Rolle. Und da die meisten Unsterblichen sich im Rahmen ihrer Familienplanung eher genügsam gezeigt haben, sind auch die entsprechenden Stammbäume schnell gezeichnet.

Aber kehren wir zurück in die Realität und zur eigenen Unsterblichkeit. Sicherlich hat jeder von uns schon einmal davon geträumt, nicht sterben zu müssen. Ab einem gewissen Alter mag der Gedanke immer drängender werden. Aber solange noch nicht die Heilmittel gegen alle Krankheiten gefunden wurden, die z.B. für eine geistige Degenerierung sorgen … nun ja, ich weiß nicht. Die Vorstellung, ein Menschenleben lang mit Demenz zu verbringen, lässt mich nun nicht gerade vor Verzückung jubilieren.

Da könnte ich mich schon deutlicher mit dem Gedanken anfreunden, dass meine Romane mich überleben. Gut, dafür sollte ich wahrscheinlich erst einmal ein paar davon veröffentlicht haben. Aber doch, die Vorstellung hat etwas.

Ich komme also zu dem Schluss, dass wir zwar früher oder später alle sterben müssen, aber dass der Umgang der Nachwelt ein unterschiedlicher sein wird. Was lebt von uns nach? Was wird das sein, woran man sich erinnert? Jedes Buch, das einmal geschrieben und verlegt wurde, wird irgendwo, in irgendeinem Regal, in irgendeiner Kiste, in irgendeinem Antiquariat oder Archiv noch vorhanden sein. Die Digitalisierung tut ihr Übriges dazu, dass nichts verloren geht.

Und auf diese Weise gibt es dann doch eine relative Unsterblichkeit. Nur für Schriftsteller? Nein, denn auch andere Menschen leben auf diese Weise weiter. Auf Fotos. Auf Bildern. In Erzählungen. Durch ihre Taten und Worte und Gedanken.

Wir alle haben ein Stück Unsterblichkeit in uns, auch wenn unsere Körper ein Verfallsdatum in sich tragen. Ein tröstlicher Gedanke, findet ihr nicht auch?

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2 Gedanken zu “Früher oder später müssen wir alle sterben – oder?

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