Die Türkei blockiert Wikipedia

Ja, dies wird wieder ein klein wenig politisch …

So langsam wird mir Angst und Bange, wenn ich mir anschaue, welche Blüten die Reaktionen auf den Umsturzversuch in der Türkei im vergangenen Jahr treiben. Was haben wir da nicht alles schon erlebt?

Wir hatten Massenentlassungen, wir hatten die Verhaftung von Journalisten (inländisch/ausländisch), wir hatten die Internierung von Schriftstellern. Viele deutsche Buchverlage, Redaktionen und Autoren haben sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen dort solidarisiert.

Heute hat es anscheinend, wie verschiedene Medien berichten (u.a. die Tagesschau), einen neuen unrühmlichen Höhepunkt der Zensurmaßnahmen gegeben. Die Türkei blockiert das Onlinelexikon Wikipedia.

Die Gründe hierfür sind noch sehr spekulativ. Es wird gemutmaßt, dass sich kritische Stimmen gegen die Regierung des Landes dort finden lassen sollen, beziehungsweise dass nach Ansicht der türkischen Regierung das Lexikon benutzt wird, um Meinungsmache zu betreiben.

Was bedeutet das?

Nun, aus meiner Sicht bedeutet es, dass es der türkischen Regierung inzwischen relativ egal ist, welchen Eindruck ihre Politik auf andere macht. Mit der Sperrung einer Seite wie der Wikipedia, so sie denn wirklich durchgezogen wird, bestätigt man doch genau die Eindrücke, gegen die man sich eigentlich verwahren möchte: Nämlich, dass die Türkei, nicht zuletzt auch durch das umstrittene Referendum, auf dem Weg in die Diktatur ist.

Ich persönlich bin weit davon entfernt, solche Begriffe anzuwenden. Nicht, weil ich nicht die Parallelen sehe, sondern weil ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, dass dies das ist, was das Gros der türkischen Bevölkerung wirklich will oder akzeptieren würde. Ich kenne sogenannte „Deutschtürken“, sowohl mit also auch ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Da war und ist niemand dabei, den ich für einen Gegner der Demokratie halten würde. Und ich kenne eine türkische Metropole wie Istanbul und weiß, wie offen sich diese Stadt gegenüber Fremden gibt.

Aber da ist eben auch die andere Seite. Begriffe wie „Präsidialdiktatur“, „Zensur“ und „Regimekritiker“ haben gerade in einem Land wie dem unseren (zu Recht) einen sehr schlechten Beigeschmack.

Das stärkt noch meine Ansicht, dass es eine gewisse „mir doch egal“-Mentalität in der türkischen Spitzenpolitik gibt. Denn auf eine Stufe mit den gerade assoziierten Strukturen will sich doch eigentlich niemand freiwillig stellen lassen, oder? Genauso wenig, wie ich es mir erstrebenswert vorstelle, in eine Reihe mit anderen Ländern gestellt zu werden, die den Zugang der Bevölkerung zu freien Informationen einschränken. Nordkorea ist da nur das prominenteste Beispiel.

Nein, liebe Türkei, liebe Türken, ich glaube nicht, dass ihr, dass du das wirklich willst. Aber was muss erst noch passieren, damit ihr, damit du einsiehst, dass der Weg, der hier eingeschlagen wurde, ein Weg mit möglichem gefährlichen Ausgang ist?

Quo vadis, Türkei?