Nun ist der Bus doch noch abgefahren!

Erinnert ihr euch noch, als ich euch vor ungefähr einem Monat von der Kurzgeschichte erzählt habe, mit der ich mich für die Anthologie des Bundesverbands junger Autoren bewerben wollte? Die, bei der ich mir dann doch nicht mehr so sicher war, dass ich mich bewerben darf?

Das ist alles ein wenig undurchsichtig gewesen, muss ich ganz ehrlich sagen. Aufmerksam hatte mich die liebe Margaux Navara darauf gemacht, dass diese Ausschreibung lief. Daraufhin schrieb ich frisch und fröhlich meine Kurzgeschichte „Auf der 30„.

Mehr durch Zufall schaue ich noch einmal auf der Webseite des BVjA vorbei und sah dort, dass der Termin erstens schon verstrichen war und zweitens nur Mitglieder des Verbands zur Teilnahme zugelassen sein sollten. Das war der Stand von Ende April, der zu meinen damaligen Blogposts führte.

In der Zwischenzeit hat Margaux sich wieder bei mir gemeldet und mich auf eine Veröffentlichung im Autorennewsletter „The Tempest“, einer monatlich erscheinenden Publikation des Autorenforums, hingewiesen. Da stand sie wieder, die Ausschreibung, diesmal mit Laufzeit bis zum 31.05. und ohne den Hinweis auf eine nötige Mitgliedschaft.

Mit ein wenig Zweifel habe ich meine Kurzgeschichte noch einmal durchgesehen, letzte Schnitzer ausgebügelt und heute abgeschickt. Man kann also sagen, dass der Bus dann doch noch abgefahren ist! Aber wie er jemals die Verspätung wieder reinholen soll, das weiß ich auch nicht …

Aber jetzt habe ich es schon ganz offiziell, dass meine Bewerbung in Ordnung ist und ich zu gegebener Zeit wieder Nachricht erhalte. Es darf also mal wieder das Däumchen gedrückt werden 😉 🙂 .

Und Morgen erzähle ich euch dann endlich, wie das jetzt mit dem Lektorat von „Der Morgen danach“ weitergehen wird. Versprochen!

„Schmerzlos“: Meine Geschichte als Hörbuch

Es war ja angekündigt, dass meine Geschichte „Aus Eiseskälte aufgewacht“ für die Anthologie „Schmerzlos“ vertont werden würde. Nachdem die entsprechenden Beiträge nicht sofort verfügbar waren, muss ich gestehen, ist mir die Sache beinahe schon wieder ein wenig durchgegangen, weil so viel anderes anstand in der Zwischenzeit.

Aber gestern fiel es mir dann wieder ein und ich habe mir die zur Anthologie gehörenden Hörbuchdateien auf den Rechner geladen. Dazu muss ich sagen, dass diese, natürlich, nur für die ehrlichen Käufer der Anthologie verfügbar gemacht werden sollen und ich euch damit leider nicht mit einem Link oder Ähnlichem versorgen kann. Aber ich denke, dass ihr da Verständnis für haben werdet.

Aber wie war es denn nun, das Erlebnis, zum ersten Mal jemandem dabei zuzuhören, wie er eine von mir geschriebene Geschichte vorträgt?

Das erste, was mir dazu einfiel und was bei mir auftrat, habe ich spontan bei Twitter gepostet: Gänsehaut!

Meine Geschichte beginnt damit, dass der Protagonist sprichwörtlich aus Eiseskälte, nämlich Cryostasis, aufgeweckt wird. Und direkt von Anfang an wurde durch den hervorragenden Sprecher Clemens Weichard der richtige Ton für das sich anschließende Szenario getroffen.

Ich hatte die Wahl zwischen einigen Sprechern für die Hörgeschichte und musste zuletzt zwischen zweien auswählen, die ich mir beide für den Job vorstellen konnte. Die Wahl ist deswegen auf Clemens gefallen, weil seine ruhige Art zu sprechen, die aber dennoch in den entscheidenden Momenten die richtigen Akzente durch Betonung, Sprachtempo und auch Lautstärke setzt, einen Ticken besser gefallen hat als die seines „Konkurrenten“.

Und ich wurde nicht enttäuscht. Ganz und gar nicht.

Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte war, dass durch die geschickte Bearbeitung von Cluwriterin Rahel die Geschichte durch das Hinzufügen von Klangteppichen und Geräuschen eine Atmosphäre bekommen würde, die neben den Personen auch den Handlungsort spürbar macht.

Ich kenne meine Geschichte und man sollte meinen, dass es nicht so einfach ist, mich mit ihr zu überraschen. Aber genau das ist mir gestern passiert: Ich wurde durch meine eigene Geschichte und die Wirkung, die sie auslösen konnte, nicht nur überrascht, ich wurde vielmehr schon geflasht.

Du gut zwanzig Minuten, die das Schauspiel mit An- und Absage dauert, vergehen nicht nur wie im Flug, sie wecken auch den Wunsch nach „mehr“. Seit gestern weiß ich: Hörbücher zu meinen Geschichten, das wär’s. Inszenierte Lesungen. Darüber nachgedacht hatte ich früher schon, bin ich doch ein Hörspiel- und Hörbuchfreak. Aber seit gestern weiß ich, dass das wirklich die Schau in Tüten wäre.

Für diesen Moment aber bleibt mir nur, Danke zu sagen! Ich bedanke mich bei Clemens Weichard für den wirklich hervorragenden und auf den Punkt gebrachten Vortrag meiner Geschichte. Und ich bedanke mich bei der grandiotastischen Rahel für die Arbeit am Mischpult.

Wenn wir hier in einer plumpen Dauerwerbesendung wären, würde ich sagen: Kauft es euch, hört es euch an! Sind wir aber nicht 😉 .

„Der Morgen danach“: Meine Lektorin ist eine Künstlerin!

Ich weiß, ich hatte euch einen Bericht über das heutige Lektorat versprochen, aber ich bin nach dem Tag einfach groggy. Nachdem ich vom Verlag zurück nach Hause kam, musste ich leider feststellen, dass das Fahrlicht am Wagen defekt war. Also ab in die Werkstatt, wo ich dann den Rest des Nachmittags verbrachte.

Aber eines möchte ich euch, sozusagen als Appetizer, dann doch gerne zeigen. Nämlich dass meine Lektorin eine richtige Künstlerin ist!

Liebe Jeannette, ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass ich dein Kunstwerk hier veröffentliche. Ich finde es toll, wie du dir zu der entsprechenden Szene Gedanken gemacht hast!

Wir hatten auf jeden Fall ein paar von Kreativität und fruchtbarer Stunden geprägte gemeinsame Stunden heute. Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit!

Der Sonntagsreport vom 28.05.2017 – Ozon liegt in der Luft

Hallo zusammen!

Na, sind das nicht herrliche Sommertage, die wir im Moment haben? Na gut, wem erzähle ich das. Mir ist es auch zu heiß. Außerdem sind ja die Ozonwerte, glaube ich, wieder besonders hoch. Oder ist das nur bei mir in meinem Keller so? Vielleicht liegt es ja daran, dass der Laserdrucker den halben Tag gelaufen ist. Ja, doch, das könnte der Grund sein.

Morgen habe ich den Nachholtermin für die erste Lektoratsbesprechung im Verlag und ich freue mich schon sehr darauf. Dafür musste ich natürlich jetzt ausdrucken, was ich mir an Kommentaren und dergleichen notiert habe. Mal davon abgesehen, dass das Manuskript nun einmal die Diskussionsgrundlage der ganzen Veranstaltung ist.

Ich kann nur noch einmal betonen, dass die Gefühle, die ich habe, sehr widersprüchlich sind. Das liegt, denke ich, daran, dass ein Teil von mir immer noch der Ansicht ist, dass dieser Roman es irgendwie gar nicht verdient hat, veröffentlicht zu werden. Ist natürlich vollkommener Käse und ich weiß das auch. Aber es ist dann einfach sehr, sehr seltsam, wenn man mit „fremden Menschen“ am Tisch sitzt und sich eben über diesen Roman unterhält.

Jedenfalls muss ich mich wohl langsam darum kümmern, meine Vorräte an Druckerpapier wieder ein wenig aufzufüllen, denn ich gehe davon aus, dass ich das Manuskript noch ein paar Mal werde ausdrucken müssen, bevor es dann irgendwann „fertig“ ist.

Drückt mir mal die Daumen, dass es entweder morgen nicht so heiß ist, oder dass zumindest die Autobahnen nicht verstopft sind. Da ich in Stoßrichtung Köln fahre, ist allerdings gerade dieser zweite Wunsch schon einer von der sehr frommen Sorte. Bis jetzt habe ich immer entweder auf der Hinfahrt oder auf der Rückfahrt im Stau gestanden. Bei allen beiden Verlagsbesuchen 😉 .

Was gibt es sonst noch berichtenswertes?

Da ich ja gestern vom Prokrastinieren schrieb, habe ich beschlossen, zumindest zwei Dinge noch in Angriff zu nehmen. Das ist zum einen „Darkride“ und zum anderen die Kurzgeschichte, in der es sich um die Zahl 30 dreht. Wie, die habt ihr schon wieder vergessen? Ja, das hatte ich auch fast, weil ich ja dachte, dass ich die Kriterien für die Ausschreibung nicht erfülle. Aber da die einem steten Wandel zu unterliegen scheinen, kann ich es ja doch vielleicht noch versuchen. Abgabetermin ist inzwischen der 31.05., aber da schreibe ich noch einmal gesondert einen Beitrag.

Und für „Darkride“ werde ich versuchen, mir noch ein oder zwei Meinungen einzuholen, die mir vielleicht dabei helfen, den Problemen mit der Erzählperspektive auf die Schliche zu kommen, die be mir ins Stammbuch geschrieben hat. Man selbst ist da ja doch manchmal betriebsblind. Ach ja, falls jemand unter meinen Lesern sich berufen fühlt, da lässt sich sicherlich was machen 🙂 .

So, und da jetzt gleich das Abendessen auf dem Tisch steht, soll es das an dieser Stelle auch schon wieder gewesen sein mit dem eher knapp gefassten Sonntagsreport. Ich lüfte jetzt den Keller noch einmal ordentlich durch, dann in irgendeiner Form meinen Kopf und morgen geht es frisch und fröhlich ins Lektorat. Ich werde euch berichten!

Habt einen guten Start in die Woche.

Euer Michael

Entspannst du noch, oder prokrastinierst du schon?

Ich bekomme immer mal wieder die Rückmeldung, dass ich durch meine Erzählungen hier im Blog als jemand wahrgenommen werde, der unheimlich viel und hart an seinen Dingen arbeitet, die er erreichen möchte. Mir ist das immer unheimlich unangenehm, denn so sehe ich mich – leider – überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil nehme ich mich selbst als einen Menschen wahr, der unheimlich viel seiner Zeit mehr oder weniger nutzlos vertrödelt, in der er doch so viele wichtige Dinge erledigen könnte.

Nehmen wir nur die Aktivitäten rund um „Darkride“ und „Der Beobachter und der Turm“. Zu beiden habe ich fertige Exposés und Leseproben. Beide könnte ich längst in der Weltgeschichte herumreichen und darauf hoffen, dass sie irgendwo Anklang finden. Alleine, ich tue es nicht. Weil ich irgendwie das Gefühl habe, nie den richtigen Zeitpunkt zu erwischen.

Der Punkt ist, dass ich, wenn ich von der Arbeit komme, oftmals einfach nicht mehr so viel geregelt bekomme. Ich sitze dann häufig zwar an meinem Rechner, aber ich vertreibe mir die Zeit im Netz, lese sehr viel und speichere viel an Informationen ab. Es ist also durchaus sogar irgendwie sinnvoll, was ich mache.

Nun kam für mich aber die Frage auf, ob das, was ich da tue, eigentlich noch Entspannung nach getanem Tageswerk ist, oder ob ich schon ernsthaft prokrastiniere.

Entspannung

Gemäß Wiktionary ist Entspannung die „Befreiung bzw. Beendigung von Anspannung“. Ich müsste mir also die Frage stellen, ob ich denn Anspannungen ausgesetzt bin, die mich davon abhalten, produktiver zu sein, als ich mich wahrnehme.

Mein Arbeitsplatz ist für mich nicht ganz frei von, sagen wir mal, inneren Konflikten. Das mag den einen oder anderen Kollegen überraschen, falls er das hier lesen sollte, aber es gibt Gründe dafür. Gründe, die ich nicht weiter ausbreiten möchte, weil sie an dieser Stelle auch nichts zur Sache tun.

Körperlich habe ich natürlich, als Schreibtischtäter und Bürohengst, keinerlei Anspannung, die längere Entspannungsphasen rechtfertigen würde. Aber, wie ich irgendwann schon einmal irgendwo bemerkte, es ist auch nicht immer leicht, vom einen Schreibtisch aufzustehen und sich nahtlos an einen anderen zu setzen. Und dabei dann auch noch produktiv sein zu wollen.

Es würde also einiges dafür sprechen, dass ich einfach, zumindest im Moment, ausgedehnte Entspannungsphasen brauche.

Prokrastination

Ich muss gestehen, dass mir bis gerade, als ich den Eintrag bei Wikipedia gelesen habe, nicht wirklich bewusst darüber war, dass Prokrastination als eine ernsthafte und durchaus komplexe Arbeitsstörung angesehen wird, die ganz kurz davor ist, sogar als eigene Erkrankung in den ICD-Code aufgenommen zu werden.

Prokrastination ist, kurz gesagt, das extreme Aufschieben von Arbeiten und kommt häufig bei selbstgesteuerten oder auch bei besonders arbeitsintensiv empfundenen Aufgaben vor. Eigentlich immer geht damit auch ein enormer Leidensdruck einher, weil die Betroffenen selber merken, wie sie Gelegenheit um Gelegenheit verstreichen lassen, eine Aufgabe zu erledigen und diese einfach nicht, oder erst nach einem eventuell gesetzten Termin, fertig wird.

Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch, wie ähnlich sich Symptome der Prokrastination und der Depression sind. Ein Bereich, von dem ich ja auch ein Liedchen zwitschern kann.

Nun, sagen wir es so: Ich kenne von mir durchaus, dass ich Aufgaben, die für mich schwierig sind, „gerne“ so lange liegen lasse, bis es gar nicht anders geht. Ich möchte dafür ein Beispiel bringen:

Aufgrund gewisser Vorkommnisse war und ist es für mich schwierig, Telefonate zu führen, um Menschen und insbesondere Angehörige zu meinem Geburtstag einzuladen. Ganz ehrlich, ich bin froh gewesen, als so gut wie jeder irgendwann eine E-Mail-Adresse hatte. Wenn ich diese Anrufe tätigen musste, wurde ich schon Tage vorher nervös. Ich habe Ende Juli Geburtstag und fing an, nervös zu werden, wenn die Tour de France gestartet wird. Das ist immer so Anfang Juli. Ihr könnt also den Zeitraum ungefähr abschätzen.

Wenn dann die Woche gekommen war, in der ich definitiv anrufen musste, dauerte es meistens noch so zwei bis drei Tage, bis ich mich wirklich durchringen konnte. Ich schlich den ganzen Tag lang um das Telefon herum und fand immer wieder Gründe, genau jetzt nicht den Hörer zu nehmen und meinen Job zu machen. Mal saßen die Leute bestimmt beim Abendbrot, dann wollte ich nicht ins abendliche Fernsehprogramm fallen. Und früher waren sie bestimmt noch nicht zu Hause.

Und die ganze Zeit über ging es mir dreckig damit, bis ich irgendwann meine paar Anrufe zusammen hatte.

Beim Schreiben ist es nicht ganz so extrem. Wäre ja auch schlimm, wenn es so wäre, nicht wahr? Aber in Grundzügen ist es ähnlich: Ich weiß, dass ich Aufgaben habe, die ich erledigen möchte (so wie ich ja auch Menschen zu meinem Geburtstag einladen wollte). Es gibt Zeitfenster, in denen ich diese Aufgaben erledigen könnte. Ich lasse die Zeitfenster verstreichen und fühle mich hinterher faul und unproduktiv. Und ja, da entsteht ein gewisser Leidensdruck. Kein besonders großer, aber ein kleiner.

Prokrastination ist außerdem noch davon geprägt, dass man rationelle Gründe dafür sucht, dass man dieses Verhalten an den Tag legt, also Dinge nicht erledigt, die eigentlich anstehen. In meinem Fall wäre ein solcher Grund, dass ich mir, zusätzlich zu der Arbeit, die ich ab kommenden Montag (Lektorat) wieder mit „Der Morgen danach“ haben werde, nicht noch mehr Baustellen aufmachen möchte.

Das ist sogar ein einleuchtender Grund – oder könnte es sein, wenn vorher nicht die eine oder andere unproduktive Woche verstrichen wäre, in der ich dennoch etwas hätte erledigen können.

Und dann ist da noch der Punkt, dass man statt der Aufgabe, die eigentlich ansteht, etwas anderes macht, das als angenehmer empfunden wird. Bei mir ist das unter anderem, fürchte ich, das Schreiben von Blog-Artikeln …

Also – entspanne ich noch, oder prokrastiniere ich schon?

Ich glaube, ich muss für mich scharf aufpassen, wie ich die kommenden Arbeiten erledige. Auch wenn es sicher keinen Sinn macht, mich jetzt selbst gewaltig unter Druck zu setzen, sind doch Ansätze erkennbar, dass ich ein kleines bisschen zur Prokrastination neige.

Die Fachwelt weiß noch nicht genau, wie man dem am sinnvollsten begegnen soll. Das liegt vor allem daran, dass die Prokrastination als etwas angesehen wird, das häufig huckepack mit anderen Schwierigkeiten oder Problematiken in das System Mensch hineingetragen wird. So wird es wohl auch bei mir sein.

Mit diesem Artikel ging es mir nicht darum, mich zu outen. Eigentlich wollte ich auch gar keine große Selbstdiagnose machen. Das passierte eher so nebenbei. Es ging mir darum, die Unterschiede aufzuzeigen aber auch zu erläutern, wie nahe Entspannung und Prokrastination beieinander liegen können.

Entscheidend dürfte am Ende die eine Frage sein: Fühle ich mich gut damit, am Ende eines Tages nichts getan zu haben, oder könnte ich mir selber in den Hintern beißen, weil wieder ein Tag verplempert wurde.

Im Moment beiße ich mich häufiger, als mir selber lieb ist.

Ich hoffe, dass es bei euch anders ist oder habt ihr auch schon Zahnabdrücke am Gesäß?

Interessante „Begegnung“ wider dem Klischee (leichte Triggerwarnung!)

Ich war der Doofie, der heute im Büro die Stellung halten musste. Und Schuld daran war in gewisser Weise mein Verlag, denn dadurch, dass der erste Lektoratstermin nicht hatte stattfinden können, konnte ich zwar meinen Urlaubsantrag zurücknehmen, aber das änderte nichts daran, dass ich den Kollegen schon zugesichert hatte, heute die Wache zu übernehmen. Sei’s drum.

Auf jeden Fall war das der Grund dafür, dass ich auch an diesem Tag mit dem ÖPNV nach Duisburg und wieder zurück fahren durfte. Und bei dieser Rückfahrt habe ich eine interessante Begegnung gehabt.

Nun war es eigentlich keine richtige Begegnung, wenn man dieses Wort im engen Sinne auslegt. Denn ich habe mit der Person, von der ich spreche, kein Wort gesprochen und ich bin mir nicht sicher, ob sie mich überhaupt wahrgenommen hat. Ich habe auch nicht aktiv darauf hingearbeitet, weil ich nichts davon halte, Menschen einfach so anzusprechen.

Es handelte sich um eine junge Frau, wahrscheinlich so Anfang zwanzig. Sie war komplett in Weiß gekleidet, die blonden Haare zu einem kecken Zopf gebunden. Dezente Schminke an Fingernägeln und im Gesicht unterstrich ihren Typ, ohne zu aufgesetzt zu wirken. Sie unterhielt sich ganz normal mit ihrem Freund, der ein wenig flippiger aussah, aber auch durchaus im gesellschaftlich akzeptierten Rahmen.

Und auf ihren beiden Unterarmen waren deutliche, frische Narben. Fein säuberlich nebeneinander gesetzt. Pro Arm schätzungsweise dreißig Stück, eher mehr. Alle in einem Abstand von wenigen Millimetern nebeneinander. Ganz eindeutig Spuren von selbstverletzendem Verhalten.

Jetzt gehöre ich zu den Menschen, die in dieser Hinsicht keine Vorurteile haben. Ich verurteile niemanden dafür, was er tut, um den psychischen Druck, der zumeist dahinter steckt, auszugleichen oder abzubauen. Meine Güte, ich habe ja selbst genug Erfahrungen mit diesem Druck.

Aber mich hat dennoch beeindruckt, wie selbstverständlich sie diese Narben offen zeigte. Und zwar nicht in provokativer Absicht oder weil sie damit schockieren wollte. Nein, sie schien diese Narben als Teil ihrer Selbst anzusehen, als etwas ganz Normales.

Und ich habe über Klischees nachgedacht. Die meisten Autoren würden so einen Charakter, wenn sie ihn in ihre Geschichte einbauen würden, wohl so zeichnen:

  • schwarze Kleidung
  • schwarz gefärbte Haare
  • verschämter Blick
  • verstecken der Wunden
  • insgesamt eher spooky

Und dazu im Gegensatz diese junge Frau, komplett in weiß, mit hellblonden Haaren, selbstbewusst.

Natürlich hätte es mich interessiert, ob sie immer schon so gewesen ist, oder ob sie sich erst entwickelt hat. Wie ihre Geschichte lautet. In meinem Kopf formte sich sogar eine kleine Geschichte.

Wir stiegen am selben Bahnhof aus, dort trennten sich unsere Wege. Und ich war wieder mal um eine Erkenntnis reicher: Manchmal verfängt man sich trotz besseren Wissens in Klischeedenken. Vielleicht sogar gerade wegen des besseren Wissens.

Musik: Mogli – „Road Holes“

Für den heutigen Feier- und Vatertag möchte ich euch einfach mal so zwischendurch ein wenig musikalisches Kontrastprogramm zu den vielen bierseligen, grölenden Väterchören bieten, die mit ihren Bollerwagen durch die Landschaft ziehen (okay, alle Klischees erfolgreich abgehakt *g).

Die Sängerin Mogli hat eine fantastische Stimme, die mich sofort in den Bann geschlagen hat, als ich sie zum ersten Mal gehört habe. Insbesondere das Lied „Road Holes“, das ich euch hier vorstellen möchte, hat sich zu einem echten Ohrwurm entwickelt.

Bemerkenswert ist auch die Geschichte hinter dem Lied, denn es handelt sich bei dem gesamten aktuellen Album „Wanderer“ um den Soundtrack zu einem Dokumentarfilm, den Mogli zusammen mit ihrem Partner auf einer Tour durch die Vereinigten Staaten produziert hat – auf eigene Faust in einem umgebauten Schulbus.

Auf YouTube findet man auch eine Menge Songs, die sie akustisch, nur von ihrer Gitarre begleitet, singt. Klickt euch bei Interesse einfach mal durch!

Hier folgt nun „Road Holes“ in gleich zwei Versionen. Zuerst das offizielle Musikvideo, danach die Akustikversion.

Ich wünsche euch viel Spaß und gute Unterhaltung!