Das eigene Rollenverständnis begreifen

Ich muss mal wieder ein wenig philosophisch werden. Was daran liegt, dass ich nachdenklich bin. Und das wiederum liegt daran, dass mir bewusst geworden ist, dass ich in gewisser Weise nicht nur ein einziger Mensch bin, sondern viele.

Bevor ihr jetzt aber die Leute mit dem Hab-mich-lieb-Jäckchen ruft, denkt mal eine Sekunde darüber nach. Denn auch ihr seid viele Menschen gleichzeitig. Ihr seid: Söhne, Töchter, Eltern, Geschwister, Partner, Ehefrau/-mann, Arbeitnehmer, Arbeitgeber, usw.

Und ich, in meinem Fall, bin noch dazu Autor und Blogger.

Als Blogger bin ich zunächst einmal ganz alleine auf mich gestellt und nur mir selbst gegenüber verantwortlich. Ich könnte, so wie ich es Anno 2006/2007 schon einmal getan habe, meinen ganzen Blog auch auf „privat“ stellen und lustig vor mich hin schreiben. Es würde niemand mitbekommen.

Sicher, wenn ich „Mein Traum vom Buch“ einstampfen würde, dann würde das der eine oder andere Leser schon bemerken. So ein wenig schiele ja selbst ich auf meine Reichweite. Aber letztendlich bleibt es doch mein Privatvergnügen, meine privaten Meinungsäußerungen und meine privaten Ideen. Dafür stehe ich mit meinem Namen im Impressum dieser Seite.

Als Autor bin ich zwar auch zuerst einmal mir selbst und meinem Stoff gegenüber verantwortlich, aber es gibt auch noch andere Menschen, an die ich denken muss und sollte. Da sind zunächst einmal die Personen, über die ich schreibe – oder von denen man zumindest denken könnte, dass ich über sie schreibe. Ich bin kein Freund davon, in jede Romanhandlung direkt reinzuinterpretieren, dass das, was der Autor geschrieben hat, so auch 1:1 seinem Leben entspricht. Aber ich weiß, dass es Menschen gibt, die so denken.

Wenn ich jetzt also in einem Roman von einem Mann schreiben würde, der seine Frau hasst und am liebsten umbringen würde, dann fangen manche Leute vielleicht an, sich um meine Ehefrau Sorgen zu machen. Deswegen muss ich daran arbeiten, dass die Frau im Roman eben nicht meine Frau ist und dass das auch der sprichwörtliche Blinde mit dem Krückstock begreift.

Apropos: Auch Allgemeinplätze sind gefährlich, weil tendenziös. Schreibe ich in einem Roman von einem tumben Taxifahrer, sind der Meinung mancher Leute nach in meinen Augen alle Taxifahrer tumb. Was sie nicht sind. Nur der Klarstellung halber.

Aber bleiben wir bei den Verantwortlichkeiten.

Ich darf nicht vergessen, dass ich seit geraumer Zeit nicht mehr „nur“ freischaffender Autor bin, sondern dass ich u.a. Mitglied in einem Verein für Autoren und andere kreative Menschen bin, nämlich der BartBroAuthors. Ach ja – und ganz nebenbei auch noch Vertragsautor bei einem Verlag.

Ich bin in gewisser Weise mit dafür verantwortlich, welche Außenwirkung diese beiden Institutionen haben. Auch wenn ich nur ein kleines Rädchen im Getriebe bin. Aber auch die kleinsten Rädchen können ein großes Gebilde zum Stocken bringen, wenn sie lose sind.

Was ich damit ausdrücklich nicht meine ist, dass ich denke, dass die Meinungsfreiheit nicht mehr zum Tragen kommen dürfte. Wenn ich denke, dass in meinem Verein oder meinem Verlag etwas angesprochen werden sollte, dann sollte ich es ansprechen. Aber zunächst einmal ins Innenverhältnis hinein. Das ist wie bei meiner Frau, die ich nicht als Romanfigur verewigen sollte, weil ich ihr immer schon einmal die Meinung sagen wollte (siehe oben).

Und hier kommen wir zu dem Widerspruch, der sich nicht so leicht auflösen lässt. Denn der Blogger ist es gewohnt und hat eigentlich auch den Anspruch an sich, die Dinge zu benennen, im Zweifel den Finger in die Wunde zu legen und gemäß seines Statuts unabhängig seine Meinung zu sagen.

Der Autor hat eine ganz andere Rolle im Gefüge, die, wie ich hoffentlich darstellen konnte, etwas fragiler ist. Das trifft übrigens auch auf Selfpublisher zu, denn wenn die, als Beispiel, über eine Buchhandlung abledern, die ihnen nicht in den Kram passt, wird man sie dort wohl nur sehr ungerne zu einer Lesung einladen. Und vielleicht ist auch die Buchhändlerin beim nächsten Mal nicht mehr ganz so freundlich, wenn man den neusten Roman gerne platzieren möchte.

Ich bin in Bezug auf meinen Verlag schon einmal darauf eingegangen, dass ich durchaus eine Erlaubnis zum Bloggen erhalten habe. Und davon mache ich ja auch eifrig Gebrauch. Aber es gibt einen Rahmen, den man mir nicht extra mitteilen musste, damit ich ihn kenne. Oder stellt ihr euch mitten in die Fußgängerzone und sagt allen, die es nicht hören wollen, ob und welche Probleme ihr mit eurem Arbeitgeber habt? Ich hoffe nicht, weil das heißt, dass ihr noch einen Arbeitgeber habt …

Außenverhältnis und Innenverhältnis scheinen mir zentrale Schlagwörter zu sein. Nicht alles gehört vor alle Augen und nicht alles gehört vor alle Ohren.

Was bedeutet das jetzt konkret für mich und diesen Blog? Grob gesagt: Im Großen und Ganzen gar nichts! Ich werde weitermachen wie bisher, weil ich denke, dass ich bis jetzt ganz gut damit gefahren bin. Aber ich muss mir bewusst sein, dass ich nicht nur eine Rolle habe, sondern dass ich mehrere habe.

Deswegen habe ich auch, ein absolutes Novum in der Geschichte von „Mein Traum vom eigenen Buch“, heute einen Artikel auf „privat“ gestellt. Es handelt sich um die erst vorgestern veröffentlichte Rezension von „Bringt sie zum Schweigen“.

Mir ist klar geworden, dass man mir, egal wie sehr ich versucht habe, das charmant wegzuplaudern, den Interessenskonflikt niemals konkret wird nehmen können, der latent vorhanden ist, wenn ich einen Roman eines Verlagskollegen bespreche. Dazu kommt noch, dass ich bei der Amazon-Rezension meinen Vorspruch, wie üblich, weggelassen habe, weil er dort nicht hingehörte.

Wenn also jemand, der mich nicht so gut kennt wie meine Stammleser, auf diese Rezension stößt, dann könnte derjenige mit Fug und Recht glauben, dass ich hier eine Gefälligkeitsrezension geschrieben habe, die ich nur deswegen nicht mit vollen fünf Punkten durchgewunken habe, damit es nicht auffällt. Es könnte sogar negativ auf den gesamten Verlag zurückfallen, wenn dieser Eindruck entsteht.

Dass das weder im Sinn meiner Bloggerpersona noch meiner Autorenpersona ist, sollte einleuchten. Jedenfalls leuchtet es mir ein und ist daher ein ausreichender Beweggrund für diesen Schritt.

Und stellt euch erst einmal vor, was intern vielleicht losgewesen wäre, wenn ich den Roman dann doch für schlecht befunden hätte! Ein gruseliger Gedanke, den ich lieber gar nicht erst bis zum Ende durchspiele.

Was bleibt also, als ein wenig Schreibphilosophie? Vielleicht die Erkenntnis, dass es nicht schlecht ist, sich hin und wieder Gedanken über den eigenen Status, die eigenen Rollen und das, was daran hängt, zu machen. Gerade online vergisst man das viel zu oft, so scheint mir.

Ich hoffe, ihr könnt verstehen, was ich meine. Ansonsten wäre ich dann jetzt bereit für die Männer mit dem Hab-mich-lieb-Jäckchen 😉 .

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7 Gedanken zu “Das eigene Rollenverständnis begreifen

  1. Ne, von mir aus kann das Jäckchen ruhig hängen bleiben 🙂
    Obwohl ich mir nie so viele sorgende Gedanken machen würde, kann ich eben diese Gedanken gut nachvollziehen. Dass wir „viele“ sind, das entspricht exakt meinem Weltbild (immerhin bin ich ja hier die Kunstfigur Simon Segur 🙂 ). Manche Sachen wären mir aber wurscht: Wenn jemand glauben würde, die Rezi wäre nur eine Gefälligkeit – na und? Aus ihr geht auf jeden Fall argumentativ hervor was und warum Dir gefiel und was nicht. Wiederum sehr trefflich fand ich Deine Beschreibung der Rolle als Autor und die Verantwortung, die damit einhergeht. Ich habe beispielsweise viele Kinder- und Jugendbücher gemacht – und fand es wahnsinnig anstrengend, den entsprechenden Klischees um dicke, dünne, intelligente, dumme, ausländische, reiche, arme etc Kinder auszuweichen. Andererseits braucht ja jeder Chatakter auch eine Macke – und ich habe bis jetzt noch keinen Kritiker erlebt, der einem Autor vorwarf, dass der glauben würde: Alle Kommissare sind Alkoholiker 🙂
    Schöner Text – meinen Dank!

    Gefällt 1 Person

    • Tja, ich bin nun einmal der sorgenvolle Typ. Wobei ich da schon echt Fortschritte in die richtige Richtung mache!

      Gerade im Jugendbuchbereich kann ich mir das Problem sehr schwer vorstellen. Deswegen habe ich auch Hochachtung vor allen, die das gut hinbekommen. Wobei es ja früher anscheinend auch keinen gestört hat. Die Jugendschriftsteller „meiner“ Jugend sind ja erst später diesbezüglich in Verruf geraten, egal ob sie nun Oliver Hassencamp oder Stefan Wolf hießen.

      Gefällt 1 Person

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