Ein Hoch auf die Heckenschere! – Eine Analogie

Gestern gab es keinen Sonntagsreport. Ein Grund dafür war, dass mir die Arme weh getan haben. Denn gestern war das Wetter gut genug, um ein wenig Gartenarbeit zu verrichten, für die es nicht den Einsatz von elektronischen und damit lauten Gerätschaften benötigt.

Wir hatten in unserem Garten bis letztes Jahr ein Trampolin und einen Sandkasten für die Kinder stehen. Beides ist inzwischen wegen Desinteresse entfernt worden und gab den Zugriff auf die dahinter liegende Hecke frei. Und der bin ich dann mit der Heckenschere zu Leibe gerückt. Dabei ging es vor allem um die tiefer im Wirrwarr der Holzverästelungen befindlichen dicken Äste, an denen teilweise ganz eigene neue Hecken herangewachsen waren.

Ich bin mit meinen zwei Metern Körpergröße nun wirklich nicht klein, aber teilweise waren die Auswucherungen der Hecke bestimmt sechs Meter hoch, weil eben seit Jahren niemand zum Schneiden heran kam. Und da musste ich mich ganz schön strecken, um den nötigen Zugriff zu bekommen.

Und so ist es auch mit manchen Geschichten. Man schreibt an ihnen, sie wachsen. Man investiert Zeit in sie, sie wachsen weiter. Kreativität regnet auf sie hinab und sie verästeln sich. Die Äste beginnen, ihrerseits neue Triebe auszubilden, an denen sich weitere Handlungsstränge hervor schieben, so dass der Kreislauf von Neuem beginnt.

Während des Schreibens ist es oft so, als ob jemand uns Hindernisse in den Weg gestellt hätte, die uns am Erreichen dieser Triebe hindern. Wir können ihnen nur beim Wachsen zusehen und versuchen, sie vielleicht dadurch zu bekämpfen, dass wir sie nicht hegen und pflegen.

Doch ebenso wie die Natur findet auch die Literatur einen Weg, sich von ganz alleine um diese ungewollten und manchmal auch ungeliebten Nebenpfade und -äste zu kümmern. Das tut sie auf perfide Weise, indem wir Hinweise auf diese Stränge in die Textteile mit aufnehmen, die wir bewahren und behalten wollen.

Und dann kommt der Moment, an dem wir vor der Hecke, vor unserem Roman stehen und feststellen, dass er viel zu sehr ausgeschlagen hat, dass uns das alles zu hoch geworden ist. So hoch, dass der Leser das Wesentliche gar nicht mehr sehen kann.

Dann schlägt die Stunde der Heckenschere. Ich schlage vor, mindestens drei Exemplare zur Hand zu haben: Eine lange mit großer Spannweite, mit der wir tief in die Verästlungen hinein greifen und dort mit maximalem Druck die großen und schweren Hauptäste abschneiden können. Jene, von denen wir wissen, dass wir sie nicht mehr brauchen werden.

Die zweite Schere ist ein wenig kürzer, hat aber nicht weniger Kraft. Sie ist besonders geeignet, um jene Wucherungen zu entfernen, die von den Hauptästen unserer Geschichten abgehen und den Blick darauf erschweren. Es kann sein, dass wir ein wenig von eben diesen Hauptästen mit entfernen müssen, aber das ist in Ordnung. Wir haben ein Instrument mit der notwendigen Präzision.

Und für die kleinen und feinen Schnitte, bei denen manchmal nur ein schmaler Ast entfernt werden muss, haben wir dann noch eine kleine Heckenschere. Eine, die mehr zu sein scheint, als sie wirklich ist. Die gefährlich aussieht, aber im Endeffekt noch viel präziser ist. Das muss sie auch sein, denn mir ihr operieren wir im Endeffekt am Herzen unserer Geschichte, an ihrer Glaubwürdigkeit.

Das Ziel muss sein, dass wir am Ende eine gesunde Hecke, eine gesunde Geschichte haben. Der erste Blick mag bei beidem erschrecken, denn auf einmal sehen wir auf die ungeschminkten und nicht kaschierten Grundgerüste unserer Geschichte. Und es kann sein, dass wir uns fragen, wie diese eigentlich das ganze Konstrukt tragen können, wo sie jetzt von dem ganzen Ballast befreit sind. Von all dem, was vorher so schmuckvoll wirkte.

Dann ist es gut und wichtig, dass wir ganz nach unten gehen, uns anschauen, was eigentlich die Wurzel des Ganzen ist. Dort, wo die Äste der Geschichte im Boden stecken. Und auf einmal erkennen wir, dass die Geschichte nicht nur trägt, sondern dass sie stark ist! Dass sie so stark ist, dass sie nicht nur sich selber, sondern auch den ganzen unnötigen Ballast getragen hat!

Das ist es, was im Garten die Heckenschere für uns tut. Und die Überarbeitung am Schreibtisch.

Gut, dass wir dieses Werkzeug besitzen!

Und jetzt liegen im Garten ganz viele Äste herum, die zum Wegwerfen viel zu schade wären. Also, was machen wir damit? Wir jagen sie durch den Häcksler und benutzen sie als Grundstoff für neue Aussaat. Als Dünger.

Ebenso können wir es mit den Teilen unserer Geschichten halten, die wir abschneiden mussten. Denn dass sie nicht für diese Erzählung gepasst haben, bedeutet doch nicht, dass sie nie und nirgendwo passen, nicht wahr?

Advertisements

6 Gedanken zu “Ein Hoch auf die Heckenschere! – Eine Analogie

  1. Was die abgeschnittenen Stöckchen angeht: Meine Lieblingsidee ist ja, „geschnittene Szenen“ adäquat zu Filmextras auf DVD, als Service entweder im Anhang oder eben im Blog zu präsentieren. Habe ich zwar noch nie gemacht, werde ich aber sicherlich. Deshalb lösche ich meine gestrichene Passagen nie vollständig 🙂

    Gefällt 3 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s