Fakt und Fiktion (18) Schriftsteller-Altenteil

Auch wenn man es sich bei dem heutigen Wetter eher schlecht vorstellen kann, war es vorgestern richtig schön. Die Sonne schien, der Himmel war blau, die Temperaturen kletterten bereits am Morgen auf Werte, wie wir sie ansonsten nur in den Sommermonaten erreichen.

Ich hatte einen Termin bei meinem Hautarzt, der sich sehr über die Erfolge an den Problemzonen an meinen Händen freute, die eingetreten waren, nachdem wir die Medikamente abgesetzt haben, die mehrere tausend Euro teuer waren. Manchmal, so sagte er im Scherz, ist es besser, einfach mal nicht zu behandeln und auf die Kraft der heilenden Hände zu vertrauen.

Aber gut, was will ich mich beklagen, wenn nur die Probleme in den Griff zu kriegen sind.

Auf dem Rückweg zu meinem Arbeitsplatz kam ich an dem Krankenhaus vorbei, das direkt hinter meiner Dienststelle liegt und in dem es mehrere psychiatrische und geriatrische Stationen gibt. Hier hat unter anderem mein Opa eine ganze Weile gelegen, aber auch ich habe schon die Leistungen des Hauses in Anspruch nehmen dürfen.

Als ich das Gebäude passierte, fiel mir eine Gruppe von Menschen auf, die, zumeist in Rollstühlen sitzend, in einem Kreis beieinander waren. Die meisten von ihnen waren alt, aber es waren auch einige jüngere anwesend. Ein oder zwei von ihnen waren klar als Pfleger oder Krankenschwester zu erkennen.

Ein junger Mann hatte eine Gitarre in der Hand und spielte. Es war eine deutsche Version des wunderschönen Liedes „Auld Lang Syne“. Einige der Rollstuhlfahrer hielten Textbögen in der Hand, vereinzelt wurde mitgesungen oder -gesummt. Andere ließen nur den Blick in die Runde oder die Entfernung schweifen und es war nicht ersichtlich, ob sie sich gerade darüber bewusst waren, wo sie sich befanden und was sie taten. Aber ich denke, dass es ihnen auch gut getan haben wird, die Musik zu hören.

Ich konnte mich nicht lange aufhalten und hätte es auch unhöflich gefunden, wenn ich gaffend bei der Gruppe stehen geblieben wäre. Aber dieses Bild hat mich beschäftigt.

Kaum um die Straßenecke herumgegangen stellte ich mir vor, wie es wohl wäre …

Warm scheint die Haut auf mein Gesicht, das hilflos in die Sonne blinzelt. Dann entdeckt Schwester Frieda meine Situation und schützt meine Augen mit der Sonnenbrille, die ich selber wegen meiner klapprigen Hände nicht mehr auf meine Nase bugsieren kann.

Wir sind heute zu früh, scheint mir, denn es ist noch niemand außer uns da. Vielleicht wussten die Krankenhausmitarbeiter auch nicht, dass wir uns heute draußen treffen. Aber bei diesem schönen Wetter wäre es eine Sünde, in dem stickigen Saal zu sitzen.

Ah ja, da kommen sie ja schon, meine werten Kolleginnen und Kollegen. Ganz vorne weg, wie eigentlich immer, die Michaela. Stets zwei Schritte vor dem Pfleger, der sie eigentlich stützen soll. Aber sie war ja immer schon so stürmisch, wenn ich mich richtig erinnere. Das mit dem Erinnern klappt in letzter Zeit nicht mehr so gut.

So geht es auch dem Simon, der sich nicht mehr an seinen richtigen Namen erinnern kann. Deswegen habe ich es auch aufgegeben, ihm immer und immer wieder die Cover seiner alten Bücher zu zeigen, wo der Name drauf steht. Aber ansonsten ist er geistig beweglich wie eh und je, was sich in mancher Diskussion zeigt. Ja, manchmal diskutieren wir. Fast wie früher.

Weitere wohlbekannte und erwartete Gesichter erscheinen nach und nach, alleine, oder in Gruppen. Da ist Kia, unser Nesthäkchen, die bis ins hohe Alter herumgereist ist und uns auch heute noch mit ausgefallenen Tee-Ideen versorgt. Den ewigen Kamillentee kann doch kein Schwein – mit Verlaub – mehr sehen!

Ach, und Margaux treibt gerade mal wieder ihren Pfleger zur Verzweiflung, weil sie sich von ihm gar nichts sagen lässt. Ich kann mich noch erinnern, wie überrascht der arme Kerl war, als er erstens erfuhr, dass Margaux sich selbst als submissiv bezeichnet, und wie frustriert, als sie ihm einbläute, dass das nichts mit ihm zu tun hat und niemals haben wird. Kann einem fast leid tun, der Mann.

Und da sind Katherina, Nike und Nora, die sich schon jetzt und wahrscheinlich auch schon den ganzen Morgen austauschen über Welten voller fantastischer Wesen, Vampire und Märchengestalten. Ich weiß, dass die Ärzte ganz verzweifelt sind, weil sie nicht herausfinden, was davon jetzt romantische Auseinandersetzung ist und an was davon die drei wirklich glauben.

Aber ich, ich weiß es. Denn ich kenne sie. Ich kenne sie alle, die vielen Männer und Frauen. Auch die, die heute nicht bei uns sind. Einige, weil sie bei ihren Familien zu Besuch sind oder, die etwas fitteren unter uns, sogar berufliche Termine haben.

Ein günstiger Wind des Schicksals hat uns hier zusammengeführt, herbeigeweht aus allen Teilen der Welt, teils sogar Ländergrenzen überschreitend.

Inzwischen haben wir, die wir heute zur Stunde zusammengekommen sind, einen Kreis gebildet. Frau Hofmann hat sich auch eingefunden und strahlt mit einem Lächeln jeden von uns an, dass es mich alten Mann richtig aufblühen lässt. Dann greift sie zu den Unterlagen, die sie mitgebracht hat.

»Heute lesen wir, wie letzte Woche angekündigt, einige Passagen aus dem Roman sechsuhrsieben von Frau Kalcher. Ist die heute gar nicht da?«

»Nein«, antworte ich. »Mea hat heute im Verlag zu tun, wo sie hin und wieder noch aushilft.«

»Nun gut, dann werden wir eben das nächste Mal mit ihr darüber sprechen, wie es war, als sie den Roman geschrieben hat.«

Dann räuspert Frau Hofmann sich und beginnt, mit ihrer glockenhellen Stimme zu lesen. Ich schließe die Augen, spüre die Sonnenwärme auf meinem Gesicht und erinnere mich an die Zeit, als ich selber noch geschrieben habe. Bevor die Hände nicht mehr wollten, wie ich will.

Aber ich bin im Kreise von Menschen, denen es so geht wie mir, die nie aufgehört haben, das Schreiben und alles, was damit zu tun hat, zu lieben.

Ja, ich kann sagen, ich bin glücklich!

Der Gedanke ließ mich lächeln, auch wenn ich wusste, dass es so eine Gruppe, so eine Zusammenkunft in der Realität niemals geben würde. Dafür sind wir zu sehr verstreut, auch das unterschiedliche Alter spielt eine Rolle. Und überhaupt: Wem gönnt man schon, bei aller Romantik, den Lebensabend in einem solchen Heim? Da soll doch lieber jeder in seinem vertrauten Umfeld und – vor allem – mit den geliebten Menschen alt werden. Ganz individuell, wie er und sie es möchte.

Deswegen schob ich die Vorstellung auch schnell mit einem Grinsen beiseite, nicht jedoch ohne mir zu sagen, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, sie hier aufzuschreiben.

In der Hoffnung, dass meine werten Kolleginnen und Kollegen, sofern sie dies denn lesen, ebenfalls ein wenig grinsen oder doch wenigstens schmunzeln müssen.

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17 Gedanken zu “Fakt und Fiktion (18) Schriftsteller-Altenteil

  1. Hach, so denkst du über mich, wenn du in dem Kontext an mich denkst? Ich werde bis ins hohe Alter rumreisen und nie genug von Tee haben? Da macht es doch gleich Spaß, an die Zukunft zu denken. Tolle Gedanken, die zwar sehr romantisiert, aber guter Zündstoff für eine Autofanfiction wären, findest du nicht? 😀

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    • Wäre es dir denn lieber gewesen, wenn ich dich in einem anderen Licht gezeichnet hätte? 😉

      Romantisieren finde ich in dem Zusammenhang gar nicht schlimm. Aber eine Autorenfanfiction würde wahrscheinlich bald in ein Hauen und Stechen ausarten. Wer will schon der Intrigant sein, der anderen immer die Verträge wegschnappt? Und ganz ohne Zündstoff geht nicht 😀 .

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  2. Meinen herzlichen Dank für diese Deine Vision – allerliebst. Hat sehr viel Spaß gemacht 🙂 Tja, ich denke auch: Wir werden schreiben bis wir umfallen. Und wenn die Hände nicht mehr mitmachen, gibt’s ja Spracherkennungs-Software 🙂 Und noch ein „und“: Und eine künstlerische Alters-WG plane ich irgendwie schon …
    Also, noch einmal Danke! Liebe Grüße von Deinem, äh, wie war doch gleich mein Name??

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  3. So eine schöne Vision! Das sie kaum etwas mit der Realität zu tun hat, macht für mich nichts … genau dafür ist Literatur ja auch da, um hier und da etwas Unreales zu verwirklichen. Deswegen schreibe ich ja so viel Fantastisches, und wer weiß, ob das nicht noch einmal einen Pfleger in den Wahnsinn treibt 😉

    Ich habe mich in dem liebevoll ausgewählten Kreis deiner Mitschreiberlinge sehr wohl gefühlt. Echt berührend, wie „tief“ sich deine Kollegialität anfühlt. Wir sind aber auch alle geistig irgendwo miteinander verwandt.

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    • Vielen lieben Dank für das große und wirklich tief empfundene Lob! 🙂

      Ich hoffe wirklich, dass wir, wie Simon ja auch schreibt, bis ins hohe Alter in der Lage sein werden, unserem Hobby, unserer Berufung, bei einigen Glücklichen auch dem Beruf, nachgehen zu können.

      Und hey, Nora, du wirst irgendwann sagen können, dabei gewesen zu sein, als das – inzwischen vollkommen normal gewordene – Selfpublishing so richtig abgehoben hat.

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      • Bei mir bin ich ganz sicher, ich werde irgendwie immer weitermachen, und dir und allen in diesem Text wünsche ich es genauso ❤

        Oh ja, haha, da werde ich einiges erzählen dürfen: Mama, wie war das damals so als du deine Rockbands hattest, und Trump an der Macht war, und es mit Selfpublishing erst angefangen hat? *lach*

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  4. Lieber Michael,

    was für eine wunderbare Fiktion! Sie wird mich bis ins hohe Alter begleiten – als Wunschtraum. Wenn schon keine Schriftsteller-WG, dann zumindest ein Autoren-Altersheim. Wo kann ich mich anmelden? Simon? Schon was in Planung?

    Danke auch für die sehr genaue Charakterisierung, ich bin immer glücklich über einen Mitmenschen, der die Unterschiede erfasst …

    Grinsen, schmunzeln? Nein, viel mehr: herzhaftes Lachen.

    Ich würde gerne im Kreise all dieser Menschen alt werden. Am liebsten aber ohne Gedächtnisschwund. Die meisten körperlichen Einschränkungen kann man ja ausgleichen, zumindest die für Autoren wichtigen, wie Simon schon schrieb.

    Ein schöner Text. Danke, dass ich dabei sein durfte!

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    • Liebe Margaux,

      es freut mich sehr, dass dir der Text gefallen hat! Nachdem ich das Vergnügen hatte, dich in Leipzig kennen zu lernen, konnte ich mir die Szene mit dem Pfleger haargenau vorstellen 🙂 .

      Ja, Gedächtnisschwund wäre wirklich eine herbe Strafe, von der wir hoffentlich alle verschont bleiben. Auch diejenigen unter uns, die irgendwann nicht mehr unterscheiden können, was nun ihr Pseudonym war und was ihr Realname – nicht wahr, Simon? 😉

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    • Na, solang ich mich nicht mit einem „Mein Name ist Hase“ melde, is‘ noch alles gut 🙂 Fiktion und Realität verwechseln wir ja ohnehin schon … Wirklich geplant habe ich ne Künstler-GreisInnen-WG noch nicht, aber noch hat die Idee ja auch ein paar Jahre Zeit 🙂 Irgendwo ein Haus kaufen/mieten (mit Aufzug 🙂 ), jede und jeder sein eigenes Zimmer oder eigene Wohnung, sich über Gebrechlichkeiten trösten und Einkaufen organisieren – und lesen und schreiben 🙂

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