Interessante „Begegnung“ wider dem Klischee (leichte Triggerwarnung!)

Ich war der Doofie, der heute im Büro die Stellung halten musste. Und Schuld daran war in gewisser Weise mein Verlag, denn dadurch, dass der erste Lektoratstermin nicht hatte stattfinden können, konnte ich zwar meinen Urlaubsantrag zurücknehmen, aber das änderte nichts daran, dass ich den Kollegen schon zugesichert hatte, heute die Wache zu übernehmen. Sei’s drum.

Auf jeden Fall war das der Grund dafür, dass ich auch an diesem Tag mit dem ÖPNV nach Duisburg und wieder zurück fahren durfte. Und bei dieser Rückfahrt habe ich eine interessante Begegnung gehabt.

Nun war es eigentlich keine richtige Begegnung, wenn man dieses Wort im engen Sinne auslegt. Denn ich habe mit der Person, von der ich spreche, kein Wort gesprochen und ich bin mir nicht sicher, ob sie mich überhaupt wahrgenommen hat. Ich habe auch nicht aktiv darauf hingearbeitet, weil ich nichts davon halte, Menschen einfach so anzusprechen.

Es handelte sich um eine junge Frau, wahrscheinlich so Anfang zwanzig. Sie war komplett in Weiß gekleidet, die blonden Haare zu einem kecken Zopf gebunden. Dezente Schminke an Fingernägeln und im Gesicht unterstrich ihren Typ, ohne zu aufgesetzt zu wirken. Sie unterhielt sich ganz normal mit ihrem Freund, der ein wenig flippiger aussah, aber auch durchaus im gesellschaftlich akzeptierten Rahmen.

Und auf ihren beiden Unterarmen waren deutliche, frische Narben. Fein säuberlich nebeneinander gesetzt. Pro Arm schätzungsweise dreißig Stück, eher mehr. Alle in einem Abstand von wenigen Millimetern nebeneinander. Ganz eindeutig Spuren von selbstverletzendem Verhalten.

Jetzt gehöre ich zu den Menschen, die in dieser Hinsicht keine Vorurteile haben. Ich verurteile niemanden dafür, was er tut, um den psychischen Druck, der zumeist dahinter steckt, auszugleichen oder abzubauen. Meine Güte, ich habe ja selbst genug Erfahrungen mit diesem Druck.

Aber mich hat dennoch beeindruckt, wie selbstverständlich sie diese Narben offen zeigte. Und zwar nicht in provokativer Absicht oder weil sie damit schockieren wollte. Nein, sie schien diese Narben als Teil ihrer Selbst anzusehen, als etwas ganz Normales.

Und ich habe über Klischees nachgedacht. Die meisten Autoren würden so einen Charakter, wenn sie ihn in ihre Geschichte einbauen würden, wohl so zeichnen:

  • schwarze Kleidung
  • schwarz gefärbte Haare
  • verschämter Blick
  • verstecken der Wunden
  • insgesamt eher spooky

Und dazu im Gegensatz diese junge Frau, komplett in weiß, mit hellblonden Haaren, selbstbewusst.

Natürlich hätte es mich interessiert, ob sie immer schon so gewesen ist, oder ob sie sich erst entwickelt hat. Wie ihre Geschichte lautet. In meinem Kopf formte sich sogar eine kleine Geschichte.

Wir stiegen am selben Bahnhof aus, dort trennten sich unsere Wege. Und ich war wieder mal um eine Erkenntnis reicher: Manchmal verfängt man sich trotz besseren Wissens in Klischeedenken. Vielleicht sogar gerade wegen des besseren Wissens.

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12 Gedanken zu “Interessante „Begegnung“ wider dem Klischee (leichte Triggerwarnung!)

  1. Eileen Blander schreibt:

    Durchaus eine interessante Beobachtung, möchte ich meinen. Ich bin sicher, du und deine Leser (zumindest ich) werden das nächste Mal vielleicht einen genaueren Blick darauf werfen, wie man Figuren darstellt und zweimal überlegen, ob an es so lassen möchte oder es lieber anders macht.

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    • Ich weiß aus persönlichen Begegnungen, dass es für viele Betroffene ganz schwer ist, sich mit diesen Narben, die viele ja als persönliche Schwäche sehen, zu zeigen. Das machte diese Beobachtung für mich so seltsam und, ja, irgendwie auch wertvoll.

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  2. Ja, wir sollten von Zeit zu Zeit unsere Gedankenschubladen ausmisten und grundsätzlich weniger bewerten. Meine drei Jungs sind idealistische Menschenfreunde, sozial und perfektionistisch. Einer mit rasiertem Schädel und auch ein paar Narben, einer mit Bart und langen Haaren und einer mit „Frisur“. Ich bezweifle, dass man sie nach bloßem Anschauen gleich beurteilen würde.

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  3. Lieber Michael,

    Das ist wirklich eine interessante Begegnung. Die Diskrepanz zwischen der Realität und der Vorstellung finde ich faszinierend. Gerade weißer Kleidung schwingt immer noch etwas „Unschuld“/“Reinheit“ mit. Dazu dann die Narben, die nicht dazu passen mögen. Unerwartet ist für mich mehr als die Kleidung aber das Nicht-Verstecken der Narben.

    Liebe Grüße,
    Kiira

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    • Es ist die Kombination aus beidem, aus dieser „Unschuld“ und dem Nicht-Verstecken. Eben weil dieses SVV von vielen Betroffenen als etwas enorm schuldbehaftetes gesehen wird. Da steckt auf jeden Fall ein enormes Selbstbewusstsein dahinter, vor dem ich meinen Hut ziehe!

      Liebe Grüße
      Michael

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  4. Interessante Überlegungen zu dieser Begegnung. Wir können sehr viel lernen von Figuren, die das Leben schreibt.

    Ob ich die schwarze Kleidung für einen Charakter mit solchen Narben gewählt hätte? Ich glaube fast nicht, aber das hat mit meinem eigenen Hintergrund zu tun. Als Metal Chick trage ich selbst zu 80 Prozent schwarz, kenne die Szene und weiß, was für ein schlimmes Klischee die Gothica mit den Narben ist. Aber ja, wahrscheinlich dürfte das so in den Köpfen vieler stecken.

    Ich selbst habe auch eine Freundin mit solchen Narben. Zwar habe ich mich nie mit ihr über diese Narben unterhalten oder sie gefragt, warum sie diese so offen zeigt. Aber ich meine trotzdem zu wissen, warum: Wer solche Narben zeigt, der hat die Phase der Selbstverletzung nicht nur überwunden, sondern als Teil der eigenen Vergangenheit akzeptiert. Der schämt sich nicht dafür, sondern sagt: Ich bin stark!

    Durchaus inspirierend, wir Autoren sollten uns was davon abschneiden 😉

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    • Nun ja, Nora, da haben wir ja beinahe denselben Hintergrund. Auch wenn ich nie zu denen gehört habe, die sich das Gesicht weiß geschminkt haben, habe ich mich über lange Zeit hinweg als Teil der Gothicszene gesehen, bevor ich dann mehr in Richtung EBM/Electro abgebogen bin.

      Natürlich ist die Gothic-Lolita mit den Narben ein Klischee. Aber du wirst mir zustimmen, dass sich bei jedem beliebigen Clubabend, bei jedem Konzert mindestens zwei oder drei Exemplare genau dieses Klischees finden lassen. Das macht es ja so einfach, sich dieses zu bedienen – und es hat ja auch seinen Grund, dass es überhaupt entstanden ist.

      Schwarz ist aber ja auch die Farbe der Trauer und bei vielen, auch bei Menschen, die ich kenne, Ausdruck ihrer Traurigkeit, die ja auch ein Grund für das SVV ist.

      Akzeptanz ist da schwierig, leider.

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  5. Alice schreibt:

    Hallo liebe Schreiber
    ich mag eine Erklärung liefern, als ich noch schnitt, zeigte ich die Narben und Wunden nie. Erst recht nie die Nähte und sonstige Dinge. Nun sind alle Narben weiß und mehr oder minder breit. Man sieht kaum heile Haut. Doch ich zeige sie. Sie gehören zu mir. Ich sehe sie kaum. Wer meine Narben am Köper ablehnt und schockiert ist, wird niemals mit meiner kaputten Seele sich anfreunden können. Somit treffe ich selten Menschen, die mich erst mögen und dann fallen lassen, wenn sie die Abgründe in mir ertasten.
    und ja es stimmt. Narben werden versteckt, solange das Thema aktuell ist. Für mich ist SVV Vergangenheit und darum nicht mehr wichtig. Meine Narben gehören zu mir, wie meine Haare oder Augen. Ich stehe dazu.
    Und ja ich trage schwarz, höre Metal und liebe die Schwarze Romantik UND trotzdem bin ich lebensfroh, lache gerne und habe oft Gesichtskirmes. Es leben die Klischees.
    Herzlichst Alice

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