Entspannst du noch, oder prokrastinierst du schon?

Ich bekomme immer mal wieder die Rückmeldung, dass ich durch meine Erzählungen hier im Blog als jemand wahrgenommen werde, der unheimlich viel und hart an seinen Dingen arbeitet, die er erreichen möchte. Mir ist das immer unheimlich unangenehm, denn so sehe ich mich – leider – überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil nehme ich mich selbst als einen Menschen wahr, der unheimlich viel seiner Zeit mehr oder weniger nutzlos vertrödelt, in der er doch so viele wichtige Dinge erledigen könnte.

Nehmen wir nur die Aktivitäten rund um „Darkride“ und „Der Beobachter und der Turm“. Zu beiden habe ich fertige Exposés und Leseproben. Beide könnte ich längst in der Weltgeschichte herumreichen und darauf hoffen, dass sie irgendwo Anklang finden. Alleine, ich tue es nicht. Weil ich irgendwie das Gefühl habe, nie den richtigen Zeitpunkt zu erwischen.

Der Punkt ist, dass ich, wenn ich von der Arbeit komme, oftmals einfach nicht mehr so viel geregelt bekomme. Ich sitze dann häufig zwar an meinem Rechner, aber ich vertreibe mir die Zeit im Netz, lese sehr viel und speichere viel an Informationen ab. Es ist also durchaus sogar irgendwie sinnvoll, was ich mache.

Nun kam für mich aber die Frage auf, ob das, was ich da tue, eigentlich noch Entspannung nach getanem Tageswerk ist, oder ob ich schon ernsthaft prokrastiniere.

Entspannung

Gemäß Wiktionary ist Entspannung die „Befreiung bzw. Beendigung von Anspannung“. Ich müsste mir also die Frage stellen, ob ich denn Anspannungen ausgesetzt bin, die mich davon abhalten, produktiver zu sein, als ich mich wahrnehme.

Mein Arbeitsplatz ist für mich nicht ganz frei von, sagen wir mal, inneren Konflikten. Das mag den einen oder anderen Kollegen überraschen, falls er das hier lesen sollte, aber es gibt Gründe dafür. Gründe, die ich nicht weiter ausbreiten möchte, weil sie an dieser Stelle auch nichts zur Sache tun.

Körperlich habe ich natürlich, als Schreibtischtäter und Bürohengst, keinerlei Anspannung, die längere Entspannungsphasen rechtfertigen würde. Aber, wie ich irgendwann schon einmal irgendwo bemerkte, es ist auch nicht immer leicht, vom einen Schreibtisch aufzustehen und sich nahtlos an einen anderen zu setzen. Und dabei dann auch noch produktiv sein zu wollen.

Es würde also einiges dafür sprechen, dass ich einfach, zumindest im Moment, ausgedehnte Entspannungsphasen brauche.

Prokrastination

Ich muss gestehen, dass mir bis gerade, als ich den Eintrag bei Wikipedia gelesen habe, nicht wirklich bewusst darüber war, dass Prokrastination als eine ernsthafte und durchaus komplexe Arbeitsstörung angesehen wird, die ganz kurz davor ist, sogar als eigene Erkrankung in den ICD-Code aufgenommen zu werden.

Prokrastination ist, kurz gesagt, das extreme Aufschieben von Arbeiten und kommt häufig bei selbstgesteuerten oder auch bei besonders arbeitsintensiv empfundenen Aufgaben vor. Eigentlich immer geht damit auch ein enormer Leidensdruck einher, weil die Betroffenen selber merken, wie sie Gelegenheit um Gelegenheit verstreichen lassen, eine Aufgabe zu erledigen und diese einfach nicht, oder erst nach einem eventuell gesetzten Termin, fertig wird.

Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch, wie ähnlich sich Symptome der Prokrastination und der Depression sind. Ein Bereich, von dem ich ja auch ein Liedchen zwitschern kann.

Nun, sagen wir es so: Ich kenne von mir durchaus, dass ich Aufgaben, die für mich schwierig sind, „gerne“ so lange liegen lasse, bis es gar nicht anders geht. Ich möchte dafür ein Beispiel bringen:

Aufgrund gewisser Vorkommnisse war und ist es für mich schwierig, Telefonate zu führen, um Menschen und insbesondere Angehörige zu meinem Geburtstag einzuladen. Ganz ehrlich, ich bin froh gewesen, als so gut wie jeder irgendwann eine E-Mail-Adresse hatte. Wenn ich diese Anrufe tätigen musste, wurde ich schon Tage vorher nervös. Ich habe Ende Juli Geburtstag und fing an, nervös zu werden, wenn die Tour de France gestartet wird. Das ist immer so Anfang Juli. Ihr könnt also den Zeitraum ungefähr abschätzen.

Wenn dann die Woche gekommen war, in der ich definitiv anrufen musste, dauerte es meistens noch so zwei bis drei Tage, bis ich mich wirklich durchringen konnte. Ich schlich den ganzen Tag lang um das Telefon herum und fand immer wieder Gründe, genau jetzt nicht den Hörer zu nehmen und meinen Job zu machen. Mal saßen die Leute bestimmt beim Abendbrot, dann wollte ich nicht ins abendliche Fernsehprogramm fallen. Und früher waren sie bestimmt noch nicht zu Hause.

Und die ganze Zeit über ging es mir dreckig damit, bis ich irgendwann meine paar Anrufe zusammen hatte.

Beim Schreiben ist es nicht ganz so extrem. Wäre ja auch schlimm, wenn es so wäre, nicht wahr? Aber in Grundzügen ist es ähnlich: Ich weiß, dass ich Aufgaben habe, die ich erledigen möchte (so wie ich ja auch Menschen zu meinem Geburtstag einladen wollte). Es gibt Zeitfenster, in denen ich diese Aufgaben erledigen könnte. Ich lasse die Zeitfenster verstreichen und fühle mich hinterher faul und unproduktiv. Und ja, da entsteht ein gewisser Leidensdruck. Kein besonders großer, aber ein kleiner.

Prokrastination ist außerdem noch davon geprägt, dass man rationelle Gründe dafür sucht, dass man dieses Verhalten an den Tag legt, also Dinge nicht erledigt, die eigentlich anstehen. In meinem Fall wäre ein solcher Grund, dass ich mir, zusätzlich zu der Arbeit, die ich ab kommenden Montag (Lektorat) wieder mit „Der Morgen danach“ haben werde, nicht noch mehr Baustellen aufmachen möchte.

Das ist sogar ein einleuchtender Grund – oder könnte es sein, wenn vorher nicht die eine oder andere unproduktive Woche verstrichen wäre, in der ich dennoch etwas hätte erledigen können.

Und dann ist da noch der Punkt, dass man statt der Aufgabe, die eigentlich ansteht, etwas anderes macht, das als angenehmer empfunden wird. Bei mir ist das unter anderem, fürchte ich, das Schreiben von Blog-Artikeln …

Also – entspanne ich noch, oder prokrastiniere ich schon?

Ich glaube, ich muss für mich scharf aufpassen, wie ich die kommenden Arbeiten erledige. Auch wenn es sicher keinen Sinn macht, mich jetzt selbst gewaltig unter Druck zu setzen, sind doch Ansätze erkennbar, dass ich ein kleines bisschen zur Prokrastination neige.

Die Fachwelt weiß noch nicht genau, wie man dem am sinnvollsten begegnen soll. Das liegt vor allem daran, dass die Prokrastination als etwas angesehen wird, das häufig huckepack mit anderen Schwierigkeiten oder Problematiken in das System Mensch hineingetragen wird. So wird es wohl auch bei mir sein.

Mit diesem Artikel ging es mir nicht darum, mich zu outen. Eigentlich wollte ich auch gar keine große Selbstdiagnose machen. Das passierte eher so nebenbei. Es ging mir darum, die Unterschiede aufzuzeigen aber auch zu erläutern, wie nahe Entspannung und Prokrastination beieinander liegen können.

Entscheidend dürfte am Ende die eine Frage sein: Fühle ich mich gut damit, am Ende eines Tages nichts getan zu haben, oder könnte ich mir selber in den Hintern beißen, weil wieder ein Tag verplempert wurde.

Im Moment beiße ich mich häufiger, als mir selber lieb ist.

Ich hoffe, dass es bei euch anders ist oder habt ihr auch schon Zahnabdrücke am Gesäß?

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14 Gedanken zu “Entspannst du noch, oder prokrastinierst du schon?

  1. Alice schreibt:

    Huhu, gerade auf den Blog gestoßen, sehr interessant. Einerseits, weil ich auch ein Buch schreibe, andererseits, weil ich Freizeitbekloppt, mit IDC bin. Hust. Nun ja. Das Aufschieben kenne ich nur zu gut. Ist ein Leid, dass viele Kreative haben. Als Kreativ-Mensche funktioniert man leider am Besten unter Druck. Ich kenne wenige Gestalter, die wohl effizient und zielgerichtet arbeiten. Es endet dann doch immer im Chaos und vielen durchgemachten Nächten. Ich habe sechs Jahre so studiert und mich damit abgefunden. Wie sagte Mark Twain: Gäbe es die letzte Minute nicht, würde nie etwas fertig werden.“ Leider sagt er nicht, wie hoch der Leidensdruck dabei ist. Wie habe ich mich gehasst, statt einem Grundriss zu zeichnen, bei Facebook festzukleben. Oh ja. Reine Folter. Wie sehr sagte ich mir immer, hättest du mal und nie wieder machst du das so. Von wegen. … Die Kunst ist eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Leider. Herzlichst Alice

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    • Hallo Alice und herzlich Willkommen bei mir :-).

      „Freizeitbekloppt“ ist auch ein sehr netter Ausdruck. Den kannte ich noch nicht.

      Tatsächlich habe ich, seit ich angefangen habe, mich mit anderen Autoren zu vernetzen, eine ganze Menge Autoren (bei anderen Künstlern weiß ich es nicht so genau) kennen gelernt, die es verdammt gut drauf haben, zielgerichtet zu arbeiten, ohne dabei unter Druck zu geraten. Oder sie schaffen es so gut wie ich, diesen Eindruck zu erwecken 😉 .

      Allerdings habe ich nie etwas im künstlerischen Bereich studiert. Da mag es anders sein. Und mit Deadlines werde ich erst jetzt, mit der Romanveröffentlichung, wirkliche Erfahrungen machen.

      Hass ist ein verdammt starkes Gefühl. So schlimm ist es bei mir, zum Glück, nicht. Es ist mehr dieses Gefühl von Unfähigkeit, das ja auch bei Depressionen immer mal wieder eine Rolle spielt.

      Viele Grüße
      Michael

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      • Alice schreibt:

        Herzlichen Dank,
        nun ja, ich bin ja Eine von den Menschen , die zu oft eine Psychiatrie von Innen sahen und sehr komische Dinge gemacht haben, Da helfen manchmal süße Worte für einen Schrecken, somit habe ich Kopfmacken und bin Freizeitverrückt. Mein Leben ist ein Horrorfilm gewesen, das muss ja nicht so heißen. Echt Kreative, die zielgerichtet sind? Das ist mir wahrlich neu. Nun ja ich wurde auch immer passend fertig, aber nur mit mindestens drei Liter Kaffee, keine Übertreibung. Ich trinke eine Kanne zum Frühstück alleine aus. Nun Hass ist auch ein hartes Gefühl, was auf meine Kopfmacke hindeutet. Ich hasste mich oft und viel. Außerdem war ich ja deswegen oft in der Klemme. Und ja ich hasse meine Unfähigkeit.
        Nun ich lebe nun anders, ohne Druck und darauf bedacht zu lachen und gerne zu leben. Das ist mir mehr wert, als alles andere. Gerne jeden Morgen aufzustehen, ist einfach unbezahlbar.

        Danke für deine Antwort, damit habe ich nicht gerechnet, bin ich doch Bloggerin in einem etwas, nun ja, unbekannten Umfeld. Verrückte bleiben dann doch unter sich.
        Herzlichst Alice

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      • Hallo Alice,

        eine Antwort ist meiner Meinung nach selbstverständlich – selbst wenn ich schon mal länger dafür brauche 😉 .

        Doch, zielgerichtete Kreative gibt es. Ich denke, es kommt wirklich darauf an, ob man für sich selbst „arbeitet“, oder ob man an etwas arbeiten muss. Das macht dann sicher noch einmal einen Unterschied. Aber wenn du dir anschaust, wie viele Selfpublisher ihre Karriere angehen und planen, das geht gar nicht ohne Zieldefinition und -einhaltung.

        Freut mich, dass du heute anders lebst. Ich weiß, dass das nicht so einfach ist und muss manchmal (noch!?) hart darum kämpfen.

        LG
        Michael

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      • Alice schreibt:

        Moin,
        naja eine Antwort bekommt man ja nicht immer. Mhhhhh ja klar, ich habe ja auch zielgerichtet gearbeitet, mit Zeitplan und allem drum und dran. Die Sache ist nur, dass die Muse einem nicht geplant trifft. Ich glaube deswegen, bei aller Planung, muss man aus dem System ausbrechen, spontan spazieren gehen, die Katze ärgern oder Papierflieger basteln. Ich habe die bestne Ideen beim Zähneputzen oder im Morast der Tausend Quellen von PB bekommen. Vielleicht ist das mit aufschieben gemeint. Man arbeitet nichts ab, aber leistet dabei große Arbeit.

        Nun ja danke, ich habe lange meinen Platz gesucht, ansatzweise habe ich ihn gefunden.
        LG Alice

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  2. Lieber Michael,

    Vielen Dank für die interessanten Begriffsdefinitionen gepaart mit eigenen Erlebnissen. Hier und da kann ich mich gut wiederfinden.

    Prokrastination
    Telefonate zögere ich auch gerne heraus. An sich telefoniere ich wirklich gerne, aber wenn ein Telefonat dazu da ist, etwas zu klären (beim Amt anrufen und was nachfragen, Vermieter anrufen,…), dann druckse auch ich ums Telefon herum und dann fallen mir auch tausend Gründe ein, gerade nicht anzurufen. „Jetzt will ich erst mal etwas essen“, „Jetzt ist derjenige bestimmt erst gerade von der Arbeit nach Hause gekommen“, „Der ist jetzt bestimmt in der Mittagspause“, „Es ist schon kurz vor Feierabend, der will doch auch kein Telefonat mehr …“.
    Ich lebe mit To-Do-Listen. Wenn die am Abend nicht vollkommen durchgestrichen ist, fühle ich mich manchmal auch faul und ärgere mich darüber, dass ich die Zeit nicht genutzt habe. Ich habe mittlerweile aber eine Strategie gefunden, mich weniger unnütz zu fühlen und auch mehr Punkte durchzustreichen: Ich schreibe wirklich nur noch das auf, was gemacht werden „muss“. In den letzten Jahren habe ich immer versucht, das Muss in ein Möchte umzuwandeln, um den Druck zu nehmen, aber das hat nur den Druck verlagert. Jetzt nehme ich mir das Deadline-Feeling von Muss zu Nutze und schreibe nur noch die Muss-Sachen auf. Das sind wirklich wenige, wenn überhaupt mal was drauf steht. Die kriege ich dann auch immer abgehakt. Manchmal entstehen kleine „kann“-Listen. Wenn die eine oder zwei Wochen herumliegen, ohne abgehakt zu werden, schmeiß ich sie in den Müll. Sind dann ja nicht so wichtig gewesen. 🙂

    So, wie du deinen Artikel schreibst, sollte ich für mich vielleicht auch ein wenig aufpassen.

    Entspannung
    In welchen Situationen kannst du dich vollkommen entspannen und das evtl Nichts-Tun genießen? Ich entspanne mich gedanklich, wenn ich mit vielen Leuten umgeben bin, die ich mag. Oder beim Sport. Beim Lesen. In der Sonne liegen. Im Wald spazieren gehen. Die frische Luft nach einem Regenguss einatmen… .

    Liebe Grüße,
    Kiira

    Gefällt 1 Person

    • Hey Kiira,

      oh Gott, echt so viele Listen? Das würde mich persönlich wiederum eher wahnsinnig machen, weil ich schon mit dem Schreiben der Liste nicht hinterher käme. Ich habe das schon ein paar Mal probiert, wenn ich auf der Arbeit die verschiedenen Dinge aus den Augen verliere. Problematisch ist ja, dass beim selbstbestimmten Arbeiten, egal ob Job oder Schreiben, kein „Muss“ so richtig existiert.

      So richtig zum Wahnsinn treiben mich To-Do-Listen bei der Reisevorbereitung. Die werden dann mindestens fünfmal durchkontrolliert, ob ich wirklich alles gepackt, alles getan und alles veranlasst habe.

      Entspannung … Entspannung wäre für mich, etwas zu tun und nicht hinterher darüber nachzudenken, was ich statt dessen genauso gut hätte machen können. Ist im Moment schwierig. Sehr schwierig, fürchte ich.

      Liebe Grüße
      Michael

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