Meldung und Meinung: Amazon eröffnet eine Buchhandlung und ein Journalist findet es ganz, ganz schlimm

Na, da hat sich aber mal jemand richtig aufgeregt, bevor er seinen Artikel geschrieben hat. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ist gestern ein Artikel erschienen, der netterweise heute auch online für all jene nachgelesen werden kann, die zwar gerne die FASZ lesen würden, für die der Sonntag aber schlicht zu kurz ist, um das auch wirklich tun zu können. So geht es mir zum Beispiel. Ich finde die Zeitung wirklich großartig, aber ich weiß einfach nicht, wann ich das alles lesen soll.

Da tut es dem eigenen Gewissen gut, wenn man dann auch mal einen Artikel sieht, der nicht so großartig ist. Und das ist im vorliegenden Fall leider geschehen.

Was also ist passiert? In simplen und schmucklosen Fakten kann man es wohl wie folgt darstellen:

  • Amazon hat in New York eine Buchhandlung eröffnet
  • Die Buchhandlung ist so mittelgroß und in einem Einkaufszentrum untergebracht
  • In der Buchhandlung ist das Sortiment ähnlich zu Amazons eigenen Empfehlungskriterien auf der Website aufgebaut
  • Bücher gibt es in dieser Buchhandlung zum aktuellen (Amazon-)Tagespreis
  • Was nicht vorrätig ist, wird über direkte Verknüpfung zum Onlineshop bestellt

So, ich gebe jedem von euch jetzt, sagen wir, dreißig Sekunden Bedenkzeit, um selbst herauszufinden, was an diesen Punkten denn so ganz, ganz schlimm ist, wie es der Journalist in seinem Artikel zum Ausdruck bringt.

[Nette Fahrstuhlmusik]

So, da wären wir wieder. Und, seid ihr fündig geworden? Schauen wir uns die Punkte doch im Einzelnen noch einmal an.

Amazon hat also eine Buchhandlung eröffnet. Daran erkenne ich erst einmal nichts Verwerfliches. Es ist noch nicht einmal Amazons erste Buchhandlung. Auch die Größe finde ich jetzt nicht weiter tragisch, auch nicht die im Artikel genannte Innenausstattung. Auch in deutschen Einkaufszentren findet man mittelgroße Buchhandlungen. Ich nenne da einfach mal den Namen Thalia.

Dass Amazon das Konzept seiner Website mit Herausstellung eigener Bestseller und Ähnlichem in den Laden überträgt, finde ich zum einen nicht so besonders (man denke an die Bestseller-Listen, die in unseren Buchhandlungen ausgehangen werden), zum anderen kann dies auch eine Chance darstellen für unbekanntere Autoren. Wenn sich nämlich ein Selfpublisher gut genug verkauft, dann steht er auf einmal prominent im Laden – mit dem Buchcover voraus, wie der Artikel noch erwähnt.

Dass es die Bücher zum jeweiligen und günstigen Tagespreis gibt – ja, mein lieber Herr Journalist, das ist nun einmal die Art, wie die Amis ihre Bücher verkaufen. Eine Buchpreisbindung gibt es da nicht. Das kann man gut oder auch schlecht finden, aber nicht Amazon vorwerfen. Übrigens spielen auch unsere einheimischen Buchhändler das Spiel mit. Wenn ich hier ein englischsprachiges Buch kaufe, dann zahle ich in der Bahnhofsbuchhandlung auch einen anderen Preis als in der Mayerschen dreihundert Meter weiter.

Und dass sofort bestellt wird, was nicht vorrätig ist … muss ich da wirklich etwas zu sagen!? Das ist doch nun bitte wirklich Standard heute, egal in welcher Branche, egal in welchem Laden. Thalia bestellt beim Grossisten. Weltbild bei sich selbst. Und Amazon eben – bei Amazon. Mit Lieferung nach Hause. Macht meine Apotheke übrigens auch, um ein Beispiel aus einer ganz anderen Branche zu bringen.

Ganz ehrlich, um die Sache hier abzukürzen. Ich weiß nicht, was mir dieser Artikel sagen soll, außer dass der Verfasser, wieso auch immer, einen Brass auf Amazon hat. Ja, man muss nicht alles gut finden, was dieser milliardenschwere Konzern treibt. Aber diese Sorte stationärer Buchhandlungen machen nichts kaputt, was nicht sowieso schon kaputt ist! Ich behaupte, dass deswegen nicht ein Kunde weniger bei gut sortierten Buchhändlern kauft, weil sich die Zielgruppen einfach nicht überschneiden. Das eine sind die Onlinekäufer, das andere die Vor-Ort-Käufer.

Manchmal wünschte ich mir wirklich, ich könnte geschichtlich Mäuschen spielen und mir ansehen, wie der Aufschrei im Einzelhandel war, als auf einmal Unternehmen wie Quelle, Otto und Neckermann, die eigentlich ja „nur“ Katalogware verkauften, Geschäfte in den Innenstädten eröffneten.

Die Debatte, inwieweit die Multis den alteingesessenen Händler vor Ort platt machen, ist also nicht neu. Und es geht eher darum, Strategien zu finden, um dem entgegen zu treten. So, wie es viele engagierte Buchhandlungen heute schon tun. Mit Ideen, mit persönlicherer Ansprache, mit Service.

Denn der „Kampf“, wenn er denn geführt werden muss, wird zwischen der Entscheidung online oder lokal getroffen. Und nicht zwischen den Alternativen Amazon Bookstore oder Thalia oder Anjas Antiquariat, die in einer Einkaufsstraße einträchtig nebeneinander liegen.

Oder wie seht ihr das? Mache ich es mir hier zu einfach oder es dem Journalisten zu schwer? Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Kommentare zu diesem Artikel, den ich bisher noch gar nicht verlinkt habe, weil ich erst meine Argumente aufzählen wollte.

Aber jetzt: hier!