Reblog: Der Social-Media-Knigge (und ein paar Gedanken dazu)

Heute möchte ich euch einen sehr lesenswerten Artikel meiner geschätzten Autorenkollegin und BartSis Babsi a.k.a. TheBlueSiren ans Herz legen. Dies tue ich aber, trotz der Überschrift, nicht als ganz normalen Reblog, wie ich ihn über WordPress auf Knopfdruck haben könnte, sondern in Form eines ergänzenden Artikels. Weil ich denke, dass Ergänzungen nötig sind.

Also: Ein Social-Media-Knigge. Wieso das?

Nun, wer oder was ein Knigge ist, das dürften wir alle wissen, auch wenn die meisten von uns (ich eingeschlossen) niemals einen Blick hineingeworfen haben. Es geht darum, die Verhaltensweisen zwischen Menschen auf ein für alle Beteiligten angenehmen Niveau zu bringen. Und ja, wenn ich mir, zum Beispiel, bei Tisch in der Nase popel, dann kann ich davon ausgehen, dass 99% meiner Tischnachbarn das eher eklig finden.

Das Problem ist, dass wir einander sehr selten sehen, wenn wir in den sozialen Medien unterwegs sind. Da haben wir Facebook, wir haben Twitter, wir haben Pinterest, Snapchat, Instagram, YouTube, vielleicht noch XING oder LinkedIn. Die Älteren unter uns haben vielleicht noch MySpace oder StudiVZ. Und die ganz besonders aufgeschlossenen treiben sich auf Plattformen wie Tinder herum.

Ganz egal, wo wir uns im Netz bewegen, wir bewegen uns in unserem eigenen Kosmos. Andere lassen wir über unsere Äußerungen und unsere Informationen, die wir von uns preisgeben, daran teilhaben. Manchmal sogar gegen deren Willen, ganz einfach, weil sie sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhalten.

Okay, bevor ich mich noch ganz ins Unkonkrete rede, komme ich zu Babsis Artikel zurück.

Babsi hatte einen konkreten Anlass, aus dem sie diesen Artikel geschrieben hat. Ich werde diesen hier nicht benennen, weil ich zum einen nicht involviert war, und weil ich zum anderen auch keine Lust habe, mich involvieren zu lassen.

Aber das, was sie da schreibt, das sind Phänomene und Antworten darauf, die ich schon kenne, seit ich mich Anno 1996 oder ’97 das erste Mal in eine Mailingliste gewagt habe. Damals gab es nämlich schon dieselben Verhaltensweisen und auch dieselben – teilweise – Missverständnisse. Ja, ich behaupte, dass auch Missverständnisse dabei sind. Denn nur die wenigsten Menschen gehen bewusst hin und verstoßen gegen die Regeln des einträchtigen Miteinanders. Und die, die es tun, die sollte man nicht füttern. Das berühmte „Don’t feed the Trolls“ halt.

Als Kernsatz möchte ich den auch bei Babsi fett gedruckten Satz Für ein liebevolleres Miteinander! aufgreifen.

Denn was oft vergessen wird: Gleiches mit Gleichem zu vergelten macht denjenigen, der reagiert, nicht unbedingt besser als den, auf den er reagiert.

Wieder auf mein Beispiel bezogen wäre es etwa keine geeignete Reaktion, dem Nasenpopler das eigene Wasserglas ins Gesicht zu schütten – und es ihm danach auf dem Kopf zu zertrümmern.

Leider musste ich gerade in den letzten Wochen und Tagen feststellen, dass sich diese Einsicht nicht bei allen Beteiligten an den Vorkommnissen, die es gegeben hat, und auf die sich auch Babsi bezieht, durchgesetzt hat. Und das finde ich, ganz ohne erhobenen Zeigefinger oder mir nicht zustehender Moralkeule, sehr, sehr schade.

Ich gehe nämlich davon aus, dass wir, die Autorinnen und Autoren im Netz, vom Grundsatz her erst einmal alle das Gleiche wollen. Wir wollen schreiben, Wege zum Erfolg ausloten, gemeinsam mit anderen diese Wege erkunden und dann irgendwann den Erfolg erringen. Ich gehöre zu denen, die glauben, dass man das wirklich besser gemeinsam tun kann. Jedes Gegeneinander schadet uns. Und wenn man ganz, ganz schwarz sieht, dann nicht nur den direkt Beteiligten, sondern auch allen anderen.

Wieder mein Beispiel: Links und rechts der Tafel sitzen Autoren, vor Kopf Vertreter von Verlagen, des Feuilletons, Literaturagenten. Und die sehen nun mit an, wie sich die Autoren gegenseitig nicht zu benehmen wissen, wie sie sich an die Gurgel gehen und wie sie einander das Geschirr um die Ohren hauen. Soll es uns da verwundern, dass manch einer vor Kopf aufsteht und sich sagt, dass er mit „so welchen“ eigentlich nichts zu tun haben will und dass „die“ gerne wiederkommen können, wenn sie gelernt haben, sich zu benehmen?

Mag sein, dass ich das zu global sehe, mag auch sein, dass ich es zu schwarz sehe. Aber genau deswegen schreibe ich es hier separat und nicht als klassischen Reblog, weil ich es nicht so aussehen lassen möchte, als ob Babsi die gleichen Gedankengänge hat, wie sie sich mir nun aufdrängen.

Ich finde den Knigge fürs Social-Media gut. Und ich kann nur jeden bitten, ihn sich durchzulesen und dann genau zu überlegen, inwiefern er oder sie sich daran halten mag. Oder sich zu überlegen, wieso es für ihn oder sie nicht infrage kommt.

Ob es schade ist, dass so ein Knigge geschrieben werden musste? Keine Ahnung. Vielleicht leben wir einfach in einer Zeit, in der man es gewohnt ist, sich schnell die Frequently Asked Questions durchzulesen und dann alles zu wissen, was man wissen muss. Auch in dieser Hinsicht funktioniert Babsis Knigge sehr gut.

Auf jeden Fall kann ich jeden ihrer Punkte nur unterschreiben, packe mir da, wo es nötig ist, auch an die eigene Nase und gehe dann frisch und mutig wieder an mein Werk. Denn auch dieser Blog ist in in seinen Kommentaren ein Soziales Medium. Und ich glaube nicht, dass einer von euch mich beim Popeln erwischen möchte.

Ih-Bäh!

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4 Gedanken zu “Reblog: Der Social-Media-Knigge (und ein paar Gedanken dazu)

  1. Ich beobachte ebenfalls diesen Verlust – wie ich dachte – natürlicher Anstands-Sperren im Austausch, sowohl schriftlich als auch mündlich. Woher kommt diese Explosion an Aggressionen und Freude, zu verletzen? Ist dieses Verhalten einfach hoffähig geworden? Sind womöglich auch die natürlichen Aggressionen wie Ausdruck berechtigter Verärgerung zu lange und stark gedeckelt worden, sodass der Effekt wie einem Schnellkochtopf unter Überdruck entsteht (Bereits vor Jahren habe ich schulseits davor gewarnt und für Übungen zur Transformation statt Unterdrückung und Ignoranz negativer Gefühle geworben)? Ist es hochgezüchtetes Konkurrenzverhalten, der aussterbende Respekt vor dem Leben, der sich täglich über Nachrichten in unser Hirn schraubt und/oder die gezielte Polarisierung aller Gruppen? Vielleicht eine Mischung aus allem. Was auch immer, das geht so nicht. Auf diese Weise ist kein sinnstiftender Austausch zu erreichen. Deshalb finde ich diese Hinweise sehr wichtig. ich hoffe, dass diese bei einigen für eine selbstkritische Eigenbeobachtung/-Überprüfung sorgen.
    Es ist doch wirklich so viel angenehmer und sinnvoller, sich gegenseitig zu unterstützen. Für mich ist das ein gesundes inneres Bedürfnis. Deshalb teile ich gerne Beiträge und verweise auf Blogs, die mir gefallen. Witziger Weise geschehen in meinem letzten Beitrag – ein Hinweis auf dich, Michael Behr. Da wäre vielleicht ein link besser gewesen, aber das beherrsche ich noch nicht.
    Ich kann nur dazu raten, einmal versuchsweise so zu agieren es fühlt sich gut an.
    Ach ja – ist man sich nicht sicher, ob etwas spöttisch oder abwertend gemeint ist, hilft nachfragen. Das Fehlen von Betonung und Gesichtsausdruck des „Gegenübers“ führt oft zu Missverständnissen.

    Gefällt 1 Person

    • Hallo 🙂 !

      Ja, wenn du einen Link gesetzt hättest, hätte ich das mitbekommen. So danke ich dir für den Hinweis! Einen Link kannst du in einem WordPress-Beitrag (dein Blog hat doch WordPress als Unterbau, oder?) setzen, indem du die Passage, die den Link beherbergen soll, markierst, dann STRG+K drückst und den Link, wie er in der Adresszeile des Browsers steht, einkopierst. Das aber nur am Rande.

      Ich weiß nicht, ob das Verhalten hoffähig geworden ist. Die einfachste Erklärung wäre immer, es auf die Veränderungen in puncto Gesellschaft, Erziehung und auch persönlicher Entwicklung zu schieben.

      Die Generation, für die das Internet etwas Alltägliches darstellt, ist inzwischen so rund um die 30. Für sie war es etwas ganz Normales, dass man kommuniziert, ohne wirklich zu kommunizieren. Also in Form von Texten, Chats, Mails. Und das schafft ganz neue Parameter von Unterhaltung. Es war immer schon leichter, per Text jemanden zusammen zu stauchen, als es im persönlichen Kontakt zu tun.

      Da würde ich, vielleicht, den Auslöser suchen. Und dann verselbständigt sich so etwas, wird auch von anderen übernommen. Und wenn man Pech hat, wird es dann als gesellschaftsfähig angesehen.

      Aber letztlich sind das alles wirklich nur Erklärungsversuche. Denn nachfragen lohnt sich nicht, denn zumindest die ganz harten Fälle sind meistens die, die sich keiner Schuld bewusst sind oder sein wollen.

      Wirklich schwierig und ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, es wirklich zu verstehen.

      Gefällt 1 Person

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