Das Schreiben der Anderen: „O Tannenbaum (Codex Aureus 4)“ von Nike Leonhard

Man soll ja antizyklisch handeln in vielen Bereichen seines Lebens. Das hört man jedenfalls immer wieder. Dadurch soll es leichter sein, sich gewissen Dingen zu entziehen, weil man nicht mit anderen um die gleichen Ziele konkurriert und sich dadurch immer wieder in die Quere kommt.

Weihnachten ist ein Paradebeispiel für diese Vorgehensweise. Nachdem mit Sicherheit kein Radiosender dieses Landes darauf verzichtet hat, uns schonend darauf hinzuweisen, dass am Samstag in sechs Monaten Heiligabend sein wird, ist es jetzt eigentlich die beste Zeit des Jahres, um sich schon mal Gedanken wegen der Weihnachtsgeschenke zu machen.

Oder um eine Weihnachtsgeschichte zu lesen. Falls es denn wirklich eine ist. Nun, schauen wir mal.


Ein Buch mit einem Tannenbaum vorne drauf, gelesen im Juni. Warum eigentlich nicht? Schließlich ist es in vielen Romanen so, dass die Figuren Weihnachten, Ostern, Sommersonnenwende, Halloween oder irgendein obskures Ritual aus einer anderen Welt feiern, während wir am Strand liegen und schwitzen.

Dabei ist Velona, der Heldin dieser Geschichte, so gar nicht zum Feiern zumute. Denn Velona ist eine Dryade. Noch dazu eine sehr junge und unerfahrene Dryade. Und so kommt es für sie aus vollkommen heiteren Himmel, dass plötzlich Menschen in ihrem Zuhause auftauchen und Hand an ihren besten Freund, ihren Seelenverwandten legen.

Eine Dryade, für die, die es nicht wissen, ist eine Art Baumgeist, aber keine Fee. Sie geht eine besondere Form der Symbiose mit dem Baum ein, den sie dafür erwählt hat. Sie hegt ihn und beschützt ihn und versucht, ihn immer weiter gedeihen zu lassen. Geht es ihrem Baum schlecht, geht es auch ihr schlecht. Und wenn die Verbindung zu innig wird, kann sie sogar lebensbedrohend werden.

Aus dieser tiefen Bindung heraus schießt Velona auch alle Warnungen ihrer älteren Schwester in den Wind und klammert sich an den Baum, als er von den Menschen mit einem riesigen Metallungetüm aus dem Wald herausgebracht hat, in dem er gestanden hat. Sie landen in einer Art Baumgefängnis für so gut wie tote Bäume, die trotz ihrer Schwäche gefesselt werden. Ein schrecklicher Ort für die Dryade.

Die Welt um sie herum ist ihr vollkommen fremd – und sie ist alleine. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie keine Artgenossin um sich herum, die ihr helfen könnte. Dazu kommt die Schwäche. Mit Hilfe einer Ratte findet Velona etwas zu essen in einem nahestehenden Wald toter Bäume. Die Ratte ist es auch, die ein wenig Licht ins Dunkel dieses grauenhaften Ortes bringen kann.

Die Menschen kommen bei Tag in gefährlichen Monstern, den sogenannten Stinkekisten oder auch Stinksten. Diese Wesen spucken die Menschen aus, die sich einen Baum aussuchen, der gleich darauf samt der Menschen wieder von den Stinksten gefressen werden, bevor sie davon rauschen.

Und schneller, als es ihr lieb ist, gerät auch Velonas Baum ins Zentrum der Geschehnisse …

Mehr muss, nein, mehr möchte ich auch gar nicht von der Geschichte verraten. Denn diese ist wirklich sehr fantasievoll und schön geschrieben – trotzdem es nicht durchweg um ein schönes Thema geht. Der Titel und die kurz angerissene Handlung verdeutlichen, denke ich, schon ganz gut, mit welchem Szenario Velona konfrontiert wird.

Nike Leonhard selbst bezeichnet diesen vierten Band ihres Geschichtenzyklus „Codex Aureus“ als urbane Fantasy. Mir persönlich drängte sich beim Lesen verschiedentlich ein anderes Etikett auf, das man dieser Geschichte anheften könnte: „O Tannenbaum“ ist für mich ein Märchen. Ein streckenweise grimmiges Märchen, aber doch eine Erzählung, die sich auch unter den Klassikern der märchenhaften Erzählkunst nicht fehl am Platze fühlen müsste.

Dafür spricht natürlich zunächst die Hauptperson selbst. Der kleine Waldgeist bringt schon für sich genommen eine Sichtweise auf die Welt in der wir leben mit, die sich stark von der unterscheidet, die wir selber aufwenden können, um uns zurecht zu finden. Dazu kommt noch eine nicht ganz unwichtige Besonderheit: Velona ist, nach den Maßstäben ihres Volkes, noch ein Kind, eine ganz unerfahrene Dryade. Das hat sie mit den Protagonisten vieler Volksmärchen gemein, deren Hauptpersonen auch Kinder oder zumindest Menschen mit einem kindlichen Gemüt sind.

Der Schreibstil passt sich dieser Erzählform an. Die Begegnungen, die Velona mit Tieren und Menschen hat, werden direkt, relativ schnörkellos und auf diese Weise leicht und fließend erzählt. Die Fortschritte, welche die Dryade dabei macht, das Geschehen zu begreifen, sind logisch aneinander gereiht und – sehr wichtig, wie ich finde – so auserzählt, dass man auch dann mitfiebert, wenn aufgrund der eigenen Erfahrungen und des allgemeinen Settings eigentlich schon klar ist, was eigentlich gerade passiert.

Handelt es sich nun bei „O Tannenbaum“ um eine Weihnachtsgeschichte? Ja – und doch wieder nicht. Denn in der Tat geht es hier auch um Themen, die das ganze Jahr über ihre Bedeutung haben. Liebe fällt einem da als erstes Stichwort ein, denn eine bedingungslosere Liebe als die zwischen einer Dryade und ihrem Baum wird man wohl nur schwerlich finden. Aber auch andere Aspekte, die ich jetzt nicht gerne verraten möchte, kann man in dieser Geschichte entdecken.

Beim Lesen schwebte mir die ganze Zeit ein Bild vor den Augen, für das ich den Begriff „Märchen“ noch einmal aufgreifen möchte. Ich stelle mir vor, wie diese etwas andere Weihnachtsgeschichte auf Kinder wirken würde. Und ich kam zu dem Schluss, dass es insbesondere eine Szene gibt, die mich stutzen lässt, ob „O Tannenbaum“ kindgerecht ist. Und nein, ich meine damit nicht das Ende, das im Stile vieler Märchen ein wenig ambivalent daher kommt. Stichwort: Rache.

Wenn hier nur ein klein wenig entschärft würde, entstünde ein wirklich tolles Weihnachtsmärchen, das man auch kleineren Kindern erzählen kann. Vielleicht möchte die Autorin hierüber ja noch einmal nachdenken und eine entsprechende Version als Ergänzung nachschieben. Zeit wäre noch, es ist ja erst Juni.

Als Fazit bleibt mir nur zu sagen, dass ich mich auch mit diesem Teil des Codex Aureus wieder sehr gut unterhalten gefühlt habe. In Anbetracht des geringen Preises, der für diese Geschichte aufgerufen wird, sehe ich keinen Grund, nicht zum Kauf zu raten. Ich bin gespannt, was Nike Leonhard als nächstes einfallen wird!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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12 Gedanken zu “Das Schreiben der Anderen: „O Tannenbaum (Codex Aureus 4)“ von Nike Leonhard

  1. Wieder eine schöne Folge Deiner Reihe (und wieder kein Verriss – wir warten 🙂 ) – herzlichen Dank! Ich habe mir jetzt erstmal Nikes „Spielmannfluch“ vorgenommen, den Du ja auch schon hier vorgestellt hast. Liebe Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    • Tja, die Sache mit dem Verriss …

      Ich glaube, das liegt einfach daran, dass ich mir die Bücher, die ich bespreche, ja in der Regel kaufe. Und da habe ich natürlich ein gewisses Radar dafür, was mir zusagen könnte – und was eben nicht.

      Dabei schreibe ich so gerne Verrisse, ehrlich! 😉

      Gefällt 2 Personen

      • Das glaube ich Dir gerne, auf Verrisse hätte ich auch manchmal Lust. Gerade eben den neusten Fall von Agent Pendergast gelesen (vom Duo Preston & Child) – kennst Du die Serie? Früher mochte ich die sehr gerne (wobei „Das Relikt“ als erstes immer noch am besten ist), aber was die mit „Demon – Sumpf der Toten“ den Lesern zumuten, ist schon grotesk. Das MUSS ein Ghostwriter gewesen sein. Von der grottigen Sprache ( da gibt’s tatsächlich noch „kalten Stahl“ und „markerschütternde Schreie“ en masse) über die völlig hahnebüchene Story bis zum Cliffhanger mit von den Toten auferstehendem Erzfeind – meine Fresse …
        Liebe Restsonntaggrüße!

        Gefällt 2 Personen

      • Ich habe ein paar schöne Verrisse geschrieben, als ich noch meine Homepage/Blog mit Medienbesprechungen gehabt habe. Interessiert aber heutzutage auch keinen Menschen mehr 😉 .

        Von der Serie kenne ich nur „Das Relikt“ und das hat mir gut gefallen. Kalter Stahl und markerschütternde Schreie klingen aber eher nach John Sinclair – wobei ich gar nichts gegen die Leistungen der Herren und Damen Heftromanautoren sagen will. Den Job will ich auch nicht machen.

        Aber … liebe Restsonntagsgrüße? In welchem Paralleluniversum lebst du? Da will ich auch hin! 😀

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  2. Hallo Michael,

    danke für die tolle Rezension!

    Du hast natürlich recht, man kann „O Tannenbaum“ durchaus als Märchen bezeichnen. Aber mit Märchen verbindet man automatisch eine Kindergeschichte (auch wenn die Märchen der Brüder Grimm teilweise alles andere als das sind) und in die Ecke möchte ich nicht.
    Wenn irgendwann mal jemand die Filmrechte kaufen sollte, um das Ganze als Weihnachtsmärchen für die ganze Familie zu verfilmen, ist es etwas anderes. Dann würde ich einer Entschärfung vermutlich zustimmen. 😉
    Aber beim Buch belasse ich die Geschichte, wie sie ist. So passt sie besser zu den anderen. 🙂

    Liebe Grüße
    Nike

    Gefällt 2 Personen

    • Hallo Nike,

      es freut mich, dass dir die Rezi gefällt!

      Ich sehe das mit den Märchen ein wenig anders, denn dem Ursprung nach waren viele von ihnen ja eben keine Kindergeschichten, wie du richtig sagst, und ich denke auch, dass das in vielen Köpfen nicht mehr so stark verknüpft ist, wie es vielleicht vor Jahrzehnten noch war. Da hat es in der Popkultur ja inzwischen doch einiges an Umwälzungen gegeben.

      Aber gut, natürlich ist eine Änderung der Geschichte ganz deins. Mir ging es nur darum, dass die Rache vielleicht ein wenig … sagen wir … weniger endgültig ausfallen könnte 😉 .

      Liebe Grüße
      Michael

      Gefällt 1 Person

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