„Der Morgen danach“: Die Tücken des Lektorats

Es ist schon wieder eine Weile her, dass ich euch etwas davon berichtet habe, wie es mit dem Lektorat von „Der Morgen danach“ aussieht. Das hat aber auch seine Gründe, denn wir sind effektiv noch nicht wirklich weitergekommen. Wobei das Wort „Effektivität“ hier nur die reine Seitenzahl meint, nicht aber das Ergebnis der Bemühungen.

Ich hatte ja vor geraumer Zeit meine Überarbeitung des ersten Abschnitts zurück an meine Lektorin geschickt und dann darauf gewartet, dass ich Nachschub bekomme. Ich hatte davon erzählt. Tatsächlich bekam ich aber eine E-Mail, in der sie mir schreibt, dass sie sich insbesondere mit dem Anfang noch einmal auseinandersetzen will, da dieser, besonders bei Geschichten in der Ich-Perspektive, immer ein Knackpunkt ist.

Und was soll ich sagen: Ich finde es gut, dass sie sich diese Zeit nimmt! Denn das zeigt mir, dass sie sich wirklich für das Projekt einbringt. Natürlich hat das auch etwas damit zu tun, dass sie als Geschäftsführerin des Verlags darauf schauen muss, dass sie sich möglichst keine Gurke ins Verlagsprogramm holt. Aber dennoch gibt es noch einen Unterschied zwischen Engagement und Engagement.

Mir fehlen umfassende Erfahrungen mit einem privat vereinbarten und bezahlten Lektorat. Deswegen kann ich hier nur auf der Basis von Probelektoraten, Leistungsbeschreibungen auf Anbieterseite und Erfahrungsberichten Dritter argumentieren. Aber ich glaube schon, dass es einen Unterschied macht, ob jemand einen Text so lange im Lektorat in die Mangel nimmt, bis alle Beteiligten davon überzeugt sind, oder ob eine Dienstleistung erbracht wird und dem Autor dann ganz alleine benommen ist, was er davon umsetzt und was nicht.

Der von mir schon im letzten Bericht aus dem Lektorat angesprochene Aspekt des miteinander Ringens, Brainstormens und Überlegens ist wahrscheinlich ein anderer, weil man nicht zuletzt auch mit den eigenen Ressourcen (Geld, Arbeit, Zeit) für dieses Projekt einstehen muss.

Damit möchte ich nicht sagen, dass freie Lektoren schlecht wären. Dass mir das bitte niemand in den falschen Hals bekommt! Das, was ich nun bei meinem Verlag bekomme, können diese auch leisten. Und die allermeisten bestimmt auch sehr gut. Es ist am Ende wohl nur eine Frage des Preises, den ich bereit bin, zu bezahlen. Denn in der Regel ist ein, höchstens noch ein zweiter Lektoratsdurchgang in den Preistabellen der freien Lektoren vorgesehen. Alles danach kostet neu zu verhandelnde Extrazahlungen.

Es kann natürlich auch sein, dass die meisten Autoren so eine Betreuung nicht brauchen, weil ihnen zwei Durchgänge locker ausreichen. Vielleicht habe ich auch nur ein besonders schwer zu verdauendes Stück Textanfang geliefert. Ich weiß es nicht. Da muss ich die Rückmeldung abwarten, wie sie konkret ausfallen wird.

Übrigens könnte ich mir gut vorstellen, dass es in großen Verlagen noch einmal anders ist. Ich stelle mir Lektoren vor, die von ihren Autoren schnelle und auf den Punkt gebrachte Änderungen verlangen. Zeit ist Geld, es sind noch zwanzig andere Novitäten für dieses Quartal von der Lektorin zu betreuen und so wird das alles nix. Also keine Widerrede!

Vorurteile?

Nun, irgendwann werde ich es, vielleicht, wissen. Und es euch erzählen. Aber jetzt warte ich erst einmal auf die Dinge, die „Der Morgen danach“ noch so passieren werden, bis irgendwann alle Beteiligten um den reellen oder virtuellen Tisch sitzen und glücklich nicken.

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10 Gedanken zu “„Der Morgen danach“: Die Tücken des Lektorats

  1. Ich freue mich so, dass du eine Lektorin erwischt hast, die so engagiert ist <3. Jedes Buch hat es verdient, so viel Zuwendung zu erhalten.
    Und ich würde am Liebsten mein Lektoratsteam zu einem Kaffeekränzchen mit deiner Lektorin schicken, die drei hätten einander viel zu erzählen und sind sich in Engagement und Aufwand sehr ähnlich.
    Das sind die Goldschätzchen unter den Verlagslektor*innen. (Man stelle sich hier ganz viele glitzernde Smileys vor)

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    • Vielen Dank! Ich stelle mir die Smileys vor und sende sie mal still und heimlich nach Refrath zu Jeannette rüber 🙂 .

      Aber wir beide haben ja auch schon „geschäftlich“ zu tun gehabt (wie das klingt …) und deswegen weiß ich, dass du in Sachen Engagement dein Licht auch nicht unter den Scheffel stellen musst.

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  2. Sebastian Schneider schreibt:

    Mir fehtl zwar die Erfahrung, aber zumindest theoretisch ist vorstellbar, dass sich ein kleiner Verlag mit einem überschaubaren Programm mehr Zeit fürs Lektorat nimmt als ein großer, weil jeder Titel zählt. Das beste, was Dir passieren kann. Wünsche weiterhin viele anregende Überarbeitungen und konstruktiven Austausch mit der Lektorin.

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    • Dankeschön!

      Wahrscheinlich gibt es, wie meistens im Leben, solche und solche. Ich betone das nur noch einmal, weil ich keinesfalls den Eindruck erwecken will, ich würde die eine oder die andere Gruppe für „besser“ oder „schlechter“ per Definition halten.

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  3. Schöner Einblick, herzlichen Dank. Falls Du Zeit findest, würde mich eine ausführliche Antwort auf die Frage freuen, warum gerade bei der Ich-Perspektive der Anfang eines Textes der Knackpunkt sei? Das würd mich interessieren.
    Was große Verlage angeht: Da ist’s mittlerweile auch so, dass das Lektorat oft ausgelagert ist. Und diese freien Lektren arbeiten eben mehr oder weniger engagiert, das heißt, engagiert sind sie eigentlich alle, haben nur vielleicht weniger Zeit, Energie et cetera. Meine Bücher bei Ueberreuter wurden (von zwei Ausnahmen abgesehen, wo es eine Menge zu überarbeiten gab) ruckzuck, aber absolut genial lektoriert – nur dass ich praktisch für jeden Roman eine(n) andere(n) Lekor(in) hatte, was wiederum nervig war. Der Krimi bei emons (freier Lektor) wurde ebenfalls rasch, aber fantastisch detailliert geprüft (derMann hat sogar die angegebenen Fährverbindungen nach Norderney nachgeschlagen)! Aufgrund räumlicher Nähe konnten wir uns sogar mal treffen: Der Ablauf war also; Manuskriptabgabe, Lektorat, Treffen und Besprechen der Textprobleme, Verbessern derselben, nochmal schicken, nochmal diese Passagen prüfen lassen vom Lektor und fertig. Der Rest an Fehlern (und da gibt es dennoch tatsächlich welche) wurde dann auf den Druckfahnen zu eleminieren versucht…
    Liebe Grüße und einen schönen Abend (Dienstag???)!

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    • Nee, nix Dienstag. Mittwoch! :-p

      Vielen Dank für deine Einblicke in deine bisherigen Lektoratserfahrungen. Ich denke, das wird auch eher so der „klassische“ Ablauf sein und das, was bei mir stattfindet, ist eine Ausnahme. Die es eben nur wegen der Verknüpfung der Interessen gibt. Apropos: Zugverbindungen habe ich auch nachgeschlagen, jawohl! Und sogar den Fuhrpark geprüft! 😉

      Was die Ich-Perspektive angeht: Ich kann natürlich nicht in Jeannettes Kopf hinein schauen, aber ich sehe das Ganze so, dass gerade in der Ich-Perspektive die Gefahr für einen Autor lauert, entweder sofort viel zu viel oder viel zu wenig von einer Figur preis zu geben.

      Dabei ist das „zu viel“ das naheliegendere Problem. Das sind dann diese Romane, in denen zuerst einmal über Seiten hinweg über die Befindlichkeiten, den Grund für die Befindlichkeiten, die Ursachen der Gründe und die Herleitung der Ursachen schwadroniert wird. Man verliert sich als Autor im „entdecke die Möglichkeiten“ seiner Figur und ödet den Leser so offensiv an, dass er den Roman zuklappt.

      Im Gegenzug kann es auch sein, dass man sich als Autor so sehr mit der Figur identifiziert, dass man zu wenig von ihr erzählt. Dann hat man zwar einen Charakter in der Egoperspektive, doch der bleibt ein Abziehbild wie die Helden mancher Ego-Shooter (und nicht jeder von denen wird zu Ikonen wie Duke Nukem oder Gordon Freeman).

      Dazu kommt noch, dass mein Roman mit einer Actionsequenz startet, was wieder ganz eigene Anforderungen an das Balancieren zwischen diesen beiden extremen Polen stellt. Ganz ohne eine von beiden geht es nicht, es muss nur gut austariert sein.

      Verstehst du, was ich meine?

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      • Doch, nach Betrachtung meines Kalenders war der Dienstag schon richtig (schrieb den Kommentar ja schließlich bereits gestern) 🙂
        Interessant, Deine Gedanken zur Ich-Perspektive. Die genannten Startprobleme gibts ja prinzipiell immer (entweder Infodumping oder Abziehbild), aber Du könntest schon gut recht haben, dass ein Ich mehr zum „Schwätzen“ verleitet als ein Er. Spannend, muss ich mal drüber nachdenken. Jedenfalls meinen herzlichen Dank. Noch einen schönen Abend (welchen auch immer)!

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