Was wäre, wenn Hitler Bilderbücher illustriert hätte?

So, seit ein paar Tagen kaue ich jetzt schon auf diesem Beitrag und insbesondere seiner Überschrift herum. Ich war mir selber nicht sicher, ob sie nicht zu plakativ ist, zu effektheischend, zu reißerisch. Aber ich lande immer wieder bei ihr und deswegen verwende ich sie jetzt.

Zumal sie das Problem sehr schön umreißt.

Ich hatte in meinem gestrigen Reblog eines Beitrags von Nomnivor schon angedeutet, dass anscheinend ein Thema in der Luft liegt. Und wie könnte dieses Thema auch nicht in der Luft liegen, wenn wir nicht in einer Zeit leben würden, in der langsam aber sicher alles auf Wahlkampf hinsteuert mit allen positiven (wenige) wie negativen (mehrere) Effekten, die das so mit sich bringt.

Dass ich selbst begann, mich mit dem Thema zu beschäftigen, geht auf einen Beitrag von Mel zurück, die auf ihrem Blog über einen Roman schrieb, von dem aus es irgendwie unmöglich war, in den Kommentaren nicht auf einen Schriftsteller zu kommen, der inzwischen leider ziemlich leicht in die Schublade „Rassist“ gesteckt werden kann. Und von vielen auch wird.

Ja, man soll es nicht für möglich halten, auch Rassisten sind manchmal in der Lage, mehr als drei Buchstaben mehr oder weniger sinnvoll aneinander zu reihen. Und manchmal schaffen sie es sogar, dass dabei eigentlich etwas für sich betrachtet richtig Gutes herum kommt.

Das Beispiel, das ich unter diesem Posting brachte, ist der Autor Akif Pirinçci, der irgendwann in seinem Leben mal eine falsche Ausfahrt genommen zu haben scheint, und sich inzwischen unter den Hardlinern der Rechtspopulisten eingeordnet hat. Jedenfalls lassen seine öffentlichen Auftritte seit ein paar Jahren darauf schließen.

Pirinçci gehört dabei zu den Autoren, die dazu angetan sind, mich in Gewissensnöte zu bringen. Denn eigentlich mag ich Teile seiner Arbeit. Was viele heute nicht mehr bedenken, wenn sie seinen Namen hören, ist die Tatsache, dass er eine Reihe ziemlich formidabler Katzenkrimis (!) geschrieben hat, die 1989 mit dem Roman „Felidae“ ihren Anfang nahm und sogar noch bis in dieses Jahrtausend hinein Fortsetzungen erfuhr.

Und jetzt habe ich eine an Justitia angelehnte Figur vor Augen, auf deren Waagschalen links die Katzenkrimis liegen und rechts Bücher wie „Deutschland von Sinnen“, das seinen heute eher zweifelhaften Leumund mit begründet hat. Ich bin mir sicher, dass diese Ausgabe der Gerechtigkeitsgöttin ziemlich froh darüber wäre, sich das Elend nicht mit ansehen zu müssen.

Ich stehe nun für mich vor der Frage, ob ich eigentlich Romane von Akif Pirinçci noch gut finden darf, die er geschrieben hat, bevor er sich für den Weg entschieden hat, den er heute beschreitet. Und ich stelle mir die Frage, ob es sinnvoll ist, Bücher und ihren Autor getrennt voneinander zu betrachten.

Es ist eine ebenso schwere wie nicht allgemein zu beantwortende Frage, die mich auch wieder zu meiner Überschrift zurückführt.

Über die Person Adolf Hitlers muss ich, denke ich, nicht viel erzählen (auch wenn ich bei meiner Tochter erleben muss, dass die Geschichte des Dritten Reichs heute in der Schule sträflich vernachlässigt wird. Gerade in Zeiten wie diesen eine fragwürdige Entwicklung). Aber wusstet ihr, dass er sich, bevor er erst Soldat, dann Agitator, Politiker und schließlich, in einem Akt von Dummheit, der in der Geschichte der Demokratie einzigartig bleiben dürfte/sollte, Reichskanzler des Deutschen Reiches wurde, als Kunstmaler in Wien durchzuschlagen versuchte?

Ja, Hitler hielt sich selbst für einen Künstler. Allroundgenie war er ja per Definition seiner Anhänger sowieso. Aber da er es nicht schaffte, als Schöpfer von Postkarten über die Runden zu kommen, gab er das Malen bald dran und versuchte sich in seinen späteren Jahren auf dem Gebiet der Architektur. Auch da mit überschaubarem Talent.

Aber nehmen wir einmal an, nur für einen Moment, dass Hitlers Talent im Malen und Zeichnen groß genug gewesen wäre, dass irgendwann ein Verleger auf die Idee gekommen wäre zu sagen: »Hallo, junger Mann, mögen Sie mir vielleicht dieses Kinderbuch illustrieren?«

Wie würde die Welt danach ausgesehen haben?

Denken wir einen Moment das Szenario weiter. Die Chance, dass sich ein Exemplar dieses Buches irgendwo im Nachlass eurer Eltern oder Großeltern gefunden hätte, wäre groß gewesen. Denn sehr wahrscheinlich wäre ein Buch mit Bildern, gemalt vom „Führer“ höchst persönlich, ebenso eine gern ins Regal gestellte Reliquie wie sein anderes Buch geworden, von dem ich an dieser Stelle mal nicht sprechen möchte.

Und dann stellen wir uns weiter vor, dass dieses Buch eine wirklich tolle Geschichte erzählt. Oder sagen wir, es handelt sich um eine Ausgabe mit Volksmärchen der Brüder Grimm, da ist es einfacher, den Fall durchzuspielen. Der Inhalt ist dabei vollkommen keimfrei, weil A.H., wie er vielleicht seine Zeichnungen signiert hätte, ja nur Auftragsarbeiten abgeliefert hat und keine ideologische Auseinandersetzung.

Nun, dann gäbe es heute eine ziemliche Menge an Bilderbüchern, die mehr oder weniger gute Bilder und dafür sehr guten Text beinhalten würden.

Frage: Wegwerfen, weil auch die Brüder Grimm nicht wettmachen können, wo die Bilder herstammen? Selbst wenn es von der Anfertigung bis zur Entfesselung des „Künstlers“ noch beinahe dreißig Jahre dauern sollte?

Jetzt liegt es mir sehr fern, Akif Pirinçci in eine Reihe mit dem Verursacher des größten Massenmords aller Zeiten zu stellen. Es geht mir nur um das Beispiel: Ein Künstler, der einen sehr guten Job gemacht hat in dem, was er tut, und der ab einem Zeitpunkt X jegliche künstlerische Integrität (mindestens) verloren hat.

Kann ich das, was diese Leute vorher getan haben, noch unbelastet lesen?

Meine Antwort lautet: Nein, kann ich nicht. Nicht unbelastet. Ich werde immer, wenn ich Pirinçcis Romane lese, an das denken müssen, was er heutzutage so von sich gibt. Und das von mir soeben erfundene Bilderbuch würde ins Regal wandern und wahrscheinlich nie angeschaut werden.

Aber: Ich werde auch weiterhin, wenn ich Spaß daran habe, die „Felidae“-Romane lesen, zumal ich sie noch nicht alle gelesen habe. Und dabei werde ich mir denken, wie schade es ist, dass aus dem Autoren so ein, pardon my french, Nullmerker geworden ist. Wenn Pirinçci jetzt noch eine Fortsetzung schriebe, würde ich sie allerdings erst ganz genau anschauen, bevor ich sie lese. Nicht, dass da unter dem seidigen Fell eines Stubentigers etwas ganz anderes lauert.

Und was den Illustratoren angeht, so würde ich mir die Bilder anschauen, den Kopf schütteln und sagen: Ach, wärst du doch dabei geblieben!

Weil es für mich, bis zu einem gewissen Grad jedenfalls, eine Trennung zwischen einem Werk und seinem Urheber gibt. Weil ich finde, dass gerade Romane auf ihren eigenen Beinen stehen.

Wenn sie das nicht täten, wie sollte ich denn mit den Werken mir vollkommen unbekannter Autoren umgehen? Immer erst recherchieren, was für Ideologien diese umtreiben oder -getrieben haben? Das dürfte im Einzelfall schwierig, wenn nicht gar unmöglich sein. Okay, wenn Björn Höcke auf die Idee käme, Romane zu schreiben, wäre die Sache relativ eindeutig. Aber auch das würde ich mir wohl zumindest einmal ansehen. Mit dem morbiden Interesse, das manche Menschen Autounfällen entgegenbringen.

Wobei ich volles Verständnis für jede und jeden habe, der sagt, dass sich dies nicht trennen lässt. Das ist eine Entscheidung, die jeder von uns, vielleicht auch im konkreten Einzelfall, mit sich selber ausmachen muss.

Es fällt mir schwer, ein Fazit für diesen Beitrag zu finden, weil es kein einfaches Fazit geben kann. Deswegen ist es vielleicht das beste, wenn ich ihn ohne einen zusammenfassenden Satz stehen lasse. Denn mehr, als mich zu wiederholen, könnte ich kaum noch tun.

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9 Gedanken zu “Was wäre, wenn Hitler Bilderbücher illustriert hätte?

  1. … und jetzt stell dir mal vor A. H. wäre mit seinen Kinderbuch-Illustrationen erfolgreich und so gut ausgelastet gewesen, dass er nie selbst ein Buch geschrieben hätte und für Politik keine Zeit geblieben wäre. Das hätte doch was. Dann wäre auch der tatsächlich grenzwertige Geschichtsunterricht wieder qualitativ hochwertiger.

    Gefällt 2 Personen

  2. Ganz spannendes Thema, was du da ansprichst! Bezüglich Hitlers Kunsterfahrung empfehle ich diesen Roman: Adolf H.: Zwei Leben
    von Eric-Emmanuel Schmitt und Klaus Laabs
    In einer „was-wäre-wenn“ Variante besteht Hitler die Aufnahmeprüfung zur Kusntakademie und die Geschichte spekuliert, welche Folgen dies weltweit gehabt haben könnte. Der Einstieg ist etwas schwer und die Spekulationen kann man hinterfragen, aber es ist ein spannendes Gedankenexperiment.

    Danke für die Info zu Akif Pirinçci, das hatte ich alles nciht auf dem Schirm, denn bei mir steht der Katzenkrimi auch noch im Regal. Die Frage ist, ob ein Stück Kunst nach seiner Entstehung noch dem Künstler gehört – oder der Betrachter, Leser etc. es sich zu eigen macht. Dazu habe ich auch kein Schlußwort, weil es am Ende von Fall zu Fall neu entschieden werden muss. Vielleicht ist es auch nur schwer ertragbar, dass Menschen, die sich unmenschlich äußern oder handeln, etwas Schönes schaffen können.

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Frau Taumenit und danke für deinen Kommentar!

      Das Buch „Zwei Leben“ kenne ich noch nicht, es wandert aber sofort auf meine To-Do-Liste. Tatsache ist wohl, dass unsere Welt vollkommen anders aussehen würde, als sie es heute tut. Denn so schrecklich die Ereignisse im Zusammenhang mit dem Dritten Reich, dem von ihnen entfesselten Krieg und dem Holocaust auch gewesen sind, so ursächlich sind sie für die komplette Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sehr spannend!

      Für die Kunstakademie-Episode in Hitlers Leben empfehle ich immer das Jugendbuch von Gudrun Pausewang „Adi – Jugend eines Diktators“. Natürlich auch alles andere als authentisch, aber wunderbare Einblicke in die mögliche Denkweise eines „verkannten Genies“.

      Die Frage, die du in Bezug auf Pirinçci formulierst, ist wirklich schwer zu beantworten. Deinem letzten Satz würde ich aber instinktiv zustimmen. Es ist wirklich diese Diskrepanz, die einen immer wieder gedanklich stolpern lässt.

      Gefällt 1 Person

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