»Ist es normal, Wörter zu zählen?«

Es ist schon eine kleine Weile her, als mich eine Suchanfrage, die jemanden auf meinen Blog geführt hat, heftigst zum Schmunzeln gebracht hat. Die Frage lautete sinngemäß: »Ist es normal, Wörter zu zählen?«

Nun, gehen wir mal davon aus, dass wir hier davon sprechen, dass jemand Wörter in einer entstehenden Geschichte zählt (oder zählen lässt). Wenn es sich um pathologisches Zählen handeln sollte, so wie manche Menschen ihre Schritte zählen, würde ich den Besuch eines spezialisierten Arztes anraten.

Aber für das Zählen von Wörtern gibt es eine ganze Reihe von Gründen, die mir einfallen:

  1. Man nimmt an einem Wettbewerb bei, bei dem eine Geschichte nur eine bestimmte Zahl von Wörtern umfassen darf,
  2. man hat sich zum Ziel gesetzt, einen richtigen Roman™ zu schreiben, der dafür mindestens xy Wörter haben „muss“,
  3. weil man einfach ein Statistikfreak ist.

Für mich war jahrelang der dritte Grund gerade gut genug. Wer sich ein wenig durch meine Beiträge auf diesem Blog wühlt, wird immer wieder Belege dafür bekommen, dass ich Wörter gezählt habe, weil ich Spaß daran hatte, meine Entwürfe zu vergleichen. Ich verglich sie der Länge nach, als ob es dafür irgendetwas zu gewinnen gäbe.

Meine erste Instanz waren dabei die im Internet kursierenden Statistiken bezüglich der Romane von Stephen King. Ich kann mich noch gut erinnern, dass da die Zählung bei 25.000 Wörtern für die erste größere Kurzgeschichte los ging. Der erste richtige Roman™ kam dann bei irgendwas um die 50.000 Wörtern („Amok“). Und irgendwann kamen dann Gefilde, die ich selber als „richtig“ definierte. Und das war dann meist erst bei Zahlen mit sechs Stellen der Fall.

Später dann, nachdem ich erst einmal selber genug richtige Romane™ geschrieben hatte, nahm ich auch diese zu Vergleichszwecken heran. Es entwickelte sich so eine Art Wettlauf gegen mich selbst und irgendwann ging es beinahe nur noch um höher, schneller oder weiter.

Dennoch würde ich sagen, dass das alles noch legitime Gründe sind, auch in den Auswirkungen.

Aber irgendwann wurde ich von meinem Zählwahn kuriert und ich kann auch genau sagen, wann das war. Das war der Zeitpunkt, zu dem ich ernsthaft in die Überarbeitung meiner Romane (ihr wisst schon) einstieg. Denn Überarbeitung hat im ersten Schritt ganz viel mit Streichen zu tun. Während des ersten Entwurfs schreibt man sich alles vom Herzen, von der Seele und vielleicht auch aus der Birne, was da drin ist. Dabei kommt eine Menge Stoff zustande.

Aber dann geht man einen Schritt zurück und sieht oft, dass man, um nur ein besonders plakatives Beispiel zu nennen, auf zwanzig Seiten dreimal beschrieben hat, wie eigentlich ein Haus von außen aussieht. Selbst wenn diese Beschreibung konsistent immer gleich ist (was sie in den seltensten Fällen sein wird), sind doch zwei Beschreibungen definitiv zu viel am Platz.

Wenn man nun hingeht und die Beschreibungen kürzt, ändert sich natürlich auch sofort der Wordcount. Und so kann es passieren, wird es passieren, dass der Roman, den man mühselig auf immer und immer mehr Wörter gepusht hat, hinten heraus so viele von ihnen wieder verliert, dass er im eigenen Ranking hinter andere Romane zurückfällt.

Gut, jetzt kann man sagen, dass das ja nichts daran ändert, dann man die Zahlen der ersten Entwürfe miteinander vergleichen kann. Klar, kann man. Interessiert nur hinterher keinen mehr. Nicht bei einem Roman, nicht bei einer Kurzgeschichte. Entscheidend ist das Endergebnis.

Das ist eine Erfahrung, die ich machen musste, die mich in Bezug auf den Zählwahn auch verändert hat. Heute zähle ich meine Wörter eigentlich nur noch dort, wo ich es muss. Nämlich bei Ausschreibungen. Anderenorts kommt es nämlich kaum auf sie an. Das war keine ganz einfache Erfahrung für mich, hat mir Wörterzählen und „viele Wörter schreiben“ doch schon seit der Schule Spaß gemacht. Aber es hat auch etwas Befreiendes an sich.

Um also dem unbekannten Fragesteller ganz konkret zu antworten: Ja, Wörter zu zählen ist normal. Es kann Spaß machen, es ist in mancherlei Konstellation auch gar nicht zu umgehen oder zu vermeiden. Aber man muss sich vor Augen halten, dass es an manchen Stellen letztlich keine Aussagekraft besitzt. Wenn dir der Spaß an der Freude reicht, dann mach dein Ding. Aber sei nicht enttäuscht, wenn dein Rekordmanuskript im Laufe der Zeit federn lassen wird.

Und fürs Protokoll: Dieser Text hat exakt 700 Wörter.

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14 Gedanken zu “»Ist es normal, Wörter zu zählen?«

  1. Toller Bericht, darauf bin ich noch gar nicht gekommen Wörter zu zählen. Eigentlich eine gute Idee, denn mich würde es auch mal interessieren, wie viele Wörter so ein Artikel hat. Viele Grüße von Ralph

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    • Dankeschön, Ralph, und willkommen auf dem Blog 🙂 .

      Ja, manchmal überkommt es mich auch heute noch, auf die Zahlen zu schauen. Ich denke, das bekommt man auch nie wirklich aus dem Schädel. Es verliert nur an Wichtigkeit.

      In Bezug auf den Blog wäre es wahrscheinlich wieder anders, wenn ich den bei der VG Wort oder dergleichen angemeldet hätte. Ich glaube, da muss man bestimmte Artikellängen erreichen, damit vergütet werden kann.

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  2. Sonja schreibt:

    Als ich beim NaNoWriMo mitgemacht habe, habe ich auch gezählt. Gut, da wollte ich möglichst nur das gesteckte Endziel erreichen, um „die Trophäe“ zu kassieren. Aber da war das sehr hilfreich, weil ich mir die Arbeit gut einteilen konnte.

    Gefällt 1 Person

    • Der NaNoWriMo ist noch ein Sonderfall, den ich bewusst rausgehalten habe, weil da ja eigentlich alles rund um diese ominösen 50.000 Worte kreist. Kreise ich ja in diesem Zusammenhang auch immer 🙂 .

      Die Anfrage kam damals vollkommen ohne zeitlichen Bezug zum NaNo. Deswegen fand ich sie so interessant.

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  3. Lieber Michael,

    Ich erinnere mich noch gut an die Beiträge, wo du freudestrahlend die Zahlen verglichen hast, und auf der anderen Seite du enttäuscht nicht mit deiner eigenen Statistik Schritt halten konntest. Eine sehr schöne Zusammenfassung.

    PS.: Sind es 700 Wörter mit dem letzten Satz oder ohne? 😉

    Grüßi,
    Kiira

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Kiira,

      wie schön, dich zu lesen! Ich hoffe, auf deiner Seite des Internets ist alles gut?

      Es sind 700 Wörter inklusive des letzten Satzes und ich musste dafür fast nicht tricksen 😉 .

      Liebe Grüße
      Michael

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      • Lieber Michael,

        Du bist göttlich. Das habe ich gehofft und die Tatsache verleiht dem Text eine richtig angenehme Prise Humor! 😁

        Danke für deine lieben Worte! Auf meiner Seite des Internets ist viel los, weshalb ich Kraft, Energie, Lust und Laune dort verwende(n muss). Mein Alltag versucht, mich zu überfordern und ich versuche dagegen. 😂👐Meine Organisationsstrategien versagen zur Zeit nämlich leider. Das ist zusätzlich auch sehr frustrierend … .

        Liebe Grüße,
        Kiira

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      • Liebe Kiira,

        du kennst mich inzwischen auch schon recht gut, kann das sein 😉 .

        Ich kann mir vorstellen, dass bei dir viel los ist. Aber ich hoffe, dass es in der Hauptsache die guten Dinge sind. Auch wenn das Organisieren schwer fällt. Ansonsten versuche, dich zwischendurch ein wenig zu entschleunigen und zu sortieren. Dazu muss man sich manchmal zwingen, aber es hilft ungemein, um den Frust zu bezwingen.

        Du hast das drauf, das weiß ich! 🙂

        Liebe Grüße
        Michael

        Gefällt 1 Person

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