Was wir Autoren vom „schlechtesten Regisseur aller Zeiten“ lernen können

Ich hatte darüber schon auf Facebook geschrieben: Als ich gestern morgen die Nachricht erhielt, dass der Schauspieler Martin Landau gestorben war, war für mich sehr schnell klar, dass ich, quasi ihm zu Ehren, den Film ansehen würde, für den er 1994 einen mehr als verdienten Oscar erhalten hatte.

Der Film

In dem Film „Ed Wood“, der das Leben des jungen, dynamischen und notorisch erfolglosen Autors, Produzenten und Regisseurs Edward D. Wood jr. schildert, spielte Landau die Rolle des Bela Lugosi. Lugosi, der bei vielen heutigen Filmfans beinahe vergessen ist, wurde 1931 quasi über Nacht populär, als er in Universal Pictures Tonfilm-Adaption von Bram Stokers „Dracula“ die Titelrolle spielte.

Damit hatte der ungarisch-stämmige Schauspieler seinen Zenit in Hollywood erreicht, aber praktisch auch schon wieder überschritten. Er schlug im gleichen Jahr die Rolle aus, die aus Boris Karloff einen Superstar machte (Frankenstein) und musste sich im Folgenden mit Produktionen über Wasser halten, die entweder so gut wie kein Budget hatten, oder die inhaltlich eher schlecht als recht waren.

Tatsache ist, dass Lugosis Stern in den 50er Jahren, in denen „Ed Wood“ spielt, nicht nur am Verblassen war, sondern im Prinzip schon untergegangen war. Lugosi war alt, er war drogensüchtig und er war praktisch vollkommen mittellos.

Und etwa zu diesem Zeitpunkt kreuzten sich seine Wege mit denen von Ed Wood, einem glühenden Verehrer.

Landau spielt diese Rolle mit der nötigen Schwere. Man sieht seinem Bela an, dass er eigentlich noch in der glorreichen Vergangenheit leben möchte, aber dass er tief in seinem Herzen weiß, wie beschissen (Pardon) und aussichtslos seine Lage ist. Er ahnt auch, wie in einigen Szenen des Streifens gut vermittelt wird, wie tief gesunken er ist und dass er selber daran Schuld trägt. In der vielleicht bewegendsten seiner Szenen steht er in einem aufgestauten Tümpel, in dem er gleich mit einer Gummikrake kämpfen soll, und erzählt dem Filmteam, dass er es abgelehnt hat, „Frankenstein“ zu spielen. All die Last eines Lebens, das durch eine einzige Fehlentscheidung einen heftigen Absturz erlebt hat, wird hier fühlbar.

Ich müsste nachschauen, welche Schauspieler für den Oscar als Nebendarsteller in jenem Jahr noch nominiert waren, aber ich bin sehr sicher, dass die Wahl, die getroffen wurde, die richtige ist. In einem insgesamt sehr starken Ensemble, angeführt von Hauptdarsteller Johnny Depp, ragt Landau heraus und stiehlt jede Szene, in der er auftritt.

Ganz unabhängig von der Frage, ob man als Autor von der Ansicht dieses Films profitieren kann oder nicht, rate ich dringend dazu, ihn sich einmal zu Gemüte zu führen!

Das Buch

Der Stoff, auf dem dieser Film basiert, ist das gleichnamige Buch von Rudolph Grey, einer in Zitaten erzählten Biographie, über die ich tatsächlich in den Urzeiten dieses Blogs, also vor fast zwei Jahren, schon einmal geschrieben habe.

Ich möchte aus dem damaligen Text eine kurze Passage übernehmen, weil sie das zum Ausdruck bringt, was in der Quintessenz die Faszination des Buches ausmacht:

Die Geschichte von Ed Wood ist eine Geschichte des Scheiterns und von Gescheiterten. Und Rudolph Grey lässt sie alle in seinem Roman, der eigentlich nichts weiter ist als eine Zitatesammlung von Wegbegleitern Woods, zu Wort kommen. Am Ende hat man das Gefühl, Eddie in einer seiner immer schäbiger werdenden Wohnungen sitzen sehen zu können, wie er zwei bis drei Zigaretten gleichzeitig raucht, hier mal ein paar Absätze in die Tastatur seiner Schreibmaschine hämmert, sich dort zu einem anderen Projekt ein paar Notizen macht, dann wieder zum Telefon greift, um irgendwem vielleicht eine Idee verkaufen zu können und sich nebenbei noch mit seiner Ehefrau streitet.

Wood war ein Getriebener, der allerdings vor Ideen zur so sprühte. Dass es nicht immer die besten Ideen waren beweisen seine Filme, wie eben „Plan 9“ oder vor allem auch „Bride of the Monster“, ebenso wie die Tatsache, dass er am Ende seines Lebens Pornoromane schrieb, um über die Runden zu kommen.

Einer der traurigsten Absätze, die ich je über einen Schriftsteller gelesen habe, stammt aus diesem Buch:

Kathy Wood:

Er verpfändete seine Schreibmaschine um Geld für Schnaps zu kriegen […] Wenn wir Geld hatten, stand sie auf dem Schreibtisch. Wenn wir Geld brauchten, verpfändeten wir sie. Ich weiß nicht, wann es das letzte Mal war, aber es war … ein schlimmer Tag. Ein sehr trauriger Tag, an dem wir unsere Schreibmaschine verloren.

Die „Moral“ von der Geschichte

In meinem damaligen Text habe ich geschrieben, dass ich nicht wisse, was dieses Buch für mich so unheimlich motivierend macht, dass ich es inzwischen wirklich schon beinahe in seine einzelnen Bestandteile zerlesen habe und manche Passagen daraus auswendig hersagen kann. Ich denke, dass ich in der Zwischenzeit ein wenig klarer sehe.

Um als Autor zu einem Erfolg zu kommen, braucht man in diesen Zeiten folgende Zutaten: Glück, Glück, Talent, Glück, Arbeitswille, Glück, Arbeitswille, Mut, Glück, Zielstrebigkeit, Zielstrebigkeit und noch viel, viel mehr an Zielstrebigkeit!

Eddie Wood hatte von diesen Zutaten, wenn wir mal das Glück substrahieren, jede Menge. Er verbiss sich immer wieder direkt in das nächste Projekt, wenn er ein anderes zum Abschluss gebracht hatte. Das tat er nicht, weil er kein Interesse daran gehabt hätte, gute Arbeit abzuliefern und sein Geschriebenes zu überarbeiten (in einer Filmszene sagt Johnny Depp sinngemäß: »Man kann ein Manuskript gar nicht oft genug überarbeiten«), sondern weil er einfach durch seine Nöte und Zwänge dazu getrieben wurde, immer schon das nächste Projekt zu verfolgen.

Und er hatte eine Kreativität, die man loben muss, auch wenn manche Ideen (na gut, fast alle Ideen), nicht wirklich im Wortsinne gut waren. Aber wenn Wood ins Archiv der großen Filmgesellschaften auf dem Backlot von Hollywood ging und sich dort Filmschnipsel ansah, die sonst niemand haben wollte, schaffte er es, aus drei oder vier Versatzstücken schon fast ein halbes Manuskript in seinem Kopf zu formen.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass Wood, anders als wir, nicht die Chance hatte, einen missglückten Entwurf mal eben abzuspeichern und für später aufzubewahren. Er musste mit dem arbeiten, was er gerade hatte. Nicht nur, weil der nächste Film immer irgendwie fertig, der nächste Pornoroman irgendwie die Miete einbringen musste, sondern auch, weil er es sich wirtschaftlich gar nicht leisten konnte, etwas weg zu werfen. Papier und Farbbänder kosteten schließlich auch eine nicht ganz so kleine Kleinigkeit.

Was wir Autoren aber im Wesentlichen lernen können, ist Folgendes: Es ist keine Schande, wenn man scheitert! Es ist überhaupt kein Problem, wenn ein Projekt mal im Sande verläuft oder wenn es sich nicht entwickelt, wie man gedacht hat. Auch die zwanzigste Absage eines Verlags ist kein Problem. Zum Problem wird es erst, wenn man aufgibt! Erst dann hat man keine Chance mehr, die Sache noch zu einem guten Ende zu bringen.

Ed Wood war jemand, der im Prinzip nur gescheitert ist. Im tiefsten Inneren wusste er, dass Filme wie „Plan 9 from outer space“ oder „Glen or Glenda“ nicht so gut waren, wie sie mit ein wenig besseren Möglichkeiten hätten sein können. Aber er hatte nun einmal keine anderen Möglichkeiten, nicht mehr Geld, nicht mehr Zeit. Das hielt ihn nicht davon ab, Zeit seines Lebens seinem großen Idol Orson Welles („Citizen Kane“) nachzueifern.

Wir haben die Möglichkeiten! Jeder, der das hier liest, hat irgendeine Maschine, mit der er Texte schreiben kann. Und wenn das nicht, dann hat er eine Hand! Fünfhundert Seiten reinweißes Kopierpapier kosten heute 3,50 Euro im Supermarkt.

Und dann schreibt man. Und reicht seine Geschichten herum. Und schreibt weiter. Bis man irgendwann das Erfolgserlebnis hat, entweder „nur“ als Autor (bei einem Verlagsvertrag) oder auch als sein eigener Produzent (als Selfpublisher).

Die Moral von der Geschichte lautet, dass jeder es schaffen kann, Dinge zu erschaffen, an die andere sich erinnern werden. Selbst der von einigen so genannte „schlechteste Regisseur aller Zeiten“.

Nutzen wir diese Chancen, die wir haben. Auf dass wir es nie nötig haben werden, unsere Schreibmaschine, unseren PC oder unser Tintenfass zu versetzen!

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4 Gedanken zu “Was wir Autoren vom „schlechtesten Regisseur aller Zeiten“ lernen können

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