Warum es sinnvoll sein kann, einen unerwarteten Knalleffekt vor einen erwarteten zu legen

Wie ich gestern schon angekündigte, hat die Exkursion des Tages mich auf die Idee zu einem neuen Blogartikel gebracht, zu dem mir nur keine vernünftige Überschrift eingefallen ist. Deswegen bitte ich, das komische etwas da oben zu entschuldigen. Ich brauche einfach mehr Worte um zu erklären, was ich meine.

Der Ausflug führte meine Familie und mich, mal wieder, in einen Freizeitpark. Ja, ich gebe zu, meine Kinder und ich sind da ein wenig süchtig nach und meine Frau spielt das Spiel liebenswerter Weise mit. Gestern waren wir in Belgien, im Bobbejaanland. Dort steht eine Anlage, die auf den schönen Namen „Typhoon“ hört. Es handelt sich um einen Eurofighter der Firma Gerstlauer Amusement Rides und das Charakteristikum dieser Bahnen, ihr Alleinstellungsmerkmal, ist die erste Abfahrt.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Bahnen wird hier keine Schräge durchfahren, sondern der Wagen wird senkrecht in die Höhe befördert und durchfährt danach einen steilen Drop, der im Spitzenwert einen Winkel von (in diesem Fall) 97° aufweist. Danach setzt sich die Fahrt dann mit anderen Elementen fort, die man auch von anderen Bahnen kennt.

Hier könnt ihr „Typhoon“ im Video bewundern:

Direkt an die erste Abfahrt schließt sich ein Looping an und das war der Ausgangspunkt eines Gespräches zwischen meiner älteren Tochter und mir. Sie ist nämlich in ihrem Leben noch keinen Looping gefahren und wollte das auch an diesem Tag nicht ändern. Dabei war sie total auf den Looping fixiert und sah weder das Element davor, noch sah sie die sich anschließenden Schrauben.

Ich sagte ihr noch, dass sie vom Looping kaum etwas mitbekommen würde, weil der Körper noch damit beschäftigt sei, die Abfahrt zu verarbeiten, aber das änderte ihre Meinung nicht. Der Looping war ein Problem.

Reden wir aber jetzt nicht von Problemen, reden wir von Romanen. Reden wir vielleicht sogar von Romanen, die ein gewisses Standardrepertoire an Szenen abspulen. Ich vergleiche diese Szenen, die man je nach Gattung des Romans in so ziemlich jedem Genre finden kann, einmal mit den Standardelementen einer Achterbahn.

Wir haben die klassische Auffahrt, es wird Spannung aufgebaut. Im Roman passiert dasselbe. Wir lernen vielleicht die Figuren kennen, erhaschen einen ersten vagen Blick auf das, was sie verbindet und was sie trennt.

Wenn wir dann ganz oben angekommen sind, nimmt die Handlung Fahrt auf und wir arbeiten uns durch die Standardsequenzen durch, die beispielhaft so lauten könnten:

  • eine Beziehung geht im sprichwörtlichen Sinne den Bach herunter (Abfahrt)
  • die Situation wird durch etwas fremdes auf den Kopf gestellt (Looping)
  • die Handlung nimmt verschiedene Wendungen vor (Richtungswechsel)
  • dabei folgt der ersten großen Umwälzungen eine Abfolge von kleineren Twists (Schrauben)
  • je nachdem, wie rasant die Handlung ist, wird zwischendurch ein wenig abgebremst, um etwa Subplots einarbeiten zu können (Blockbremsen)
  • Happy oder Unhappy End (je nachdem, wie fest die Schlussbremsen greifen)

Die Schwierigkeit ist nun, diese Elemente so aneinander zu reihen, dass trotz ihrer hinlänglichen Bekanntheit immer wieder eine neue, eine überraschende Geschichte dabei herauskommt. Und da kann es sinnvoll sein, einen unerwarteten Knalleffekt vor einen erwarteten zu setzen (um die Überschrift wieder aufzugreifen).

Denn was macht „Typhoon“? Für jemanden, der die Bahn noch nie gefahren ist, ist das erste Element in seiner Heftigkeit eine Überraschung, die man auch von außen so nicht erwartet. Das aufgenommene Tempo sorgt für einen Druck, der den sich unmittelbar anschließenden Looping beinahe vergessen lässt. Man bekommt zwar mit, dass man kurz auf den Kopf gestellt wurde, aber das ist nicht die eigentliche Sensation.

Für einen Roman bedeutet das, dass man ruhig einmal damit spielen kann und sollte, vor die Knalleffekte, die der Leser oder die Leserin anhand des Genres erwarten würden, mal etwas Unerwartetes zu setzen – wobei ich natürlich gleich einräumen muss, dass es im Einzelfall gar nicht so leicht ist, dieses Unerwartete zu finden. Sonst würde es ja jeder machen 😉 .

In einem Krimi könnte dies zum Beispiel eine Szene sein, die vor dem obligatorischen Mordfall liegt, in welcher unsere Hauptperson ein privates Drama durchlebt. Vielleicht musste sich der Kommissar oder die Kommissarin einmal entscheiden, ob er das Leben einer Geisel oder das Leben eines Kollegen rettet.

So eine Szene vor der Handlung reißt den Leser sofort mit und und jetzt kommt das, was das Leben des Kommissars auf den Kopf stellt: Er hat sich für die Geisel entschieden, diese geheiratet und nun, zwei Jahre später, stellt er fest, dass er/sie begonnen hat, ihn zu betrügen. Wäre das nicht ein schönes Gefühlsdilemma, in dem alle miteinander stecken? Und wenn ihr euch dann noch entscheidet, dass aus Herrn Kommissar eben kein zynischer Alkoholiker wird, dann habt ihr den Leser direkt zu Beginn dreifach überrascht.

(Wenn ihr aus diesem rudimentären Gerüst eine Story machen wollt, wäre ich für eine Erwähnung bei den Danksagungen, ähm, dankbar 😉 )

Nach diesen Überraschungen könnt ihr dann getrost mit Elementen weitermachen, die erwartbar sind. Der Chef ist ein Arsch, der neue Fall zum Haare ausraufen und die neue Kollegin eine heiße Anwärterin darauf, den Job der ehemaligen Geisel als Lebensabschnittsgefährtin auszufüllen.

Wenn ihr das packend schreibt und nicht irgendwann unterwegs einschlaft, nehmt ihr den Schwung des Anfangs mit. Ihr nehmt die Erwartungen des Lesers mit, sowohl die erfüllten als auch die unerfüllten. Und mit ein wenig Glück, merkt der Leser gar nicht, dass ihr irgendwann doch wieder zu den Standardelementen zurückgekehrt seid, weil er immer noch von diesem einen Element am Anfang euphorisiert und überrascht ist.

Ich halte mir den Gedanken jedenfalls warm und werde es bei Gelegenheit genau so einmal ausprobieren. Mit einem Beispiel, das ich euch jetzt nicht verraten habe, gemein, wie ich bin.

Jetzt quält mich nur noch eine Frage (ein wenig): Bin ich eigentlich der Einzige, der beim Achterbahnfahren auf so komische Ideen kommt!?

8 Gedanken zu “Warum es sinnvoll sein kann, einen unerwarteten Knalleffekt vor einen erwarteten zu legen

  1. Schöner Artikel, meinen herzlichen Dank. Und ich fand die Überschritft trefflich und wusste sofort, was Du meinst 🙂 Und nein, ich denke, wer sich mit dem Schreiben mehr oder weniger ständig auseinandersetzt, bewusst oder unbewusst, dem kommen nicht nur bei Achterbahnen die komischsten Gedanken …
    Wünsche einen guten Wochenstart!

    Gefällt 1 Person

    • Danke für die Worte zur Überschrift. Ich mag es eigentlich nicht, wenn die so ewig lang werden, aber es lässt sich nicht immer vermeiden.

      Und ja, das mit den komischsten Gedanken kann ich bestätigen. Ich hoffe, du hattest auch einen angenehmen Start in die Woche, meiner war ganz okay.

      Gefällt 1 Person

  2. Ein sehr spannender Gedankengang! Der Vergleich mit der Achterbahn war auf jeden Fall sehr anschaulich und wird sich sicherlich in mein Gehirn einbrennen. Abweichungen vom Standard sind immer gut – aber wie du schon angemerkt hast, nicht immer einfach umzusetzen. Danke für deinen Denkanstoß!

    Gefällt 2 Personen

  3. Garantiert nicht auf einer Achterbahn! So etwas vertrage ich nicht, da wäre der Höhepunkt schon vor dem Einsteigen erreicht – nämlich grüne Farbe im Gesicht und Knie, die nachgeben.

    Zu deiner Idee: Sicher mal was andres, aber Vorsicht ist geboten. Dieser Knalleffekt vor dem Knalleffekt darf den eigentlichen Knalleffekt nicht überschatten, sonst wird der Leser zu sehr abgelenkt. Willst du eine Achterbahn mit Looping fahren, freust du dich nicht darüber, dass du ihn vor lauter Verarbeiten des letzten Effekts nicht mitbekommst. Der erste (unerwartete) Knalleffekt darf also nie stärker sein als das, was folgt.
    Meiner Meinung nach …

    Gefällt 2 Personen

    • Okay, ein Höhepunkt vor dem Aufschlagen des Buches wäre zwar mal was ganz Neues, aber irgendwie kann ich mir das nur schwer in der Realität vorstellen 😉 .

      Natürlich ist bei meiner Idee Vorsicht geboten. Das kann man weder immer machen, noch sollten es alle machen. Denn immerhin, so verstehe ich dich, knüpfen viele Menschen halt Erwartungen an das, was sie da lesen. Ein gutes Beispiel ist für mich immer der „Tatort“, der noch für jede Innovation von vielen altgedienten Zuschauern geradezu auf die Nuss bekommen hat, weil es halt vom bekannten Schema abweicht.

      Dennoch glaube ich weiter an mein Konzept (und es steht ja auch nirgendwo, dass wir einander überzeugen müssen. Wäre ja langweilig 🙂 ). Ich denke, es gibt für alles eine Zielgruppe. Um im Beispiel zu bleiben: Ich fand Loopings immer schon recht langweilig, aber bei Bahnen mit Überschlag gehört er halt irgendwie dazu. Er wird für mich jedoch nie die Hauptattraktion einer Bahn sein.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.